Agent provocateur“? Vom „Deutschen Orden“ zu Otto von Bismarck

 

Bei der tatsächlichen Umsetzung des ideellen Programms merkte ich jedoch, dass ich selektiv vorgehen und auch bei der Gestaltung einige kleine Konzessionen machen musste. Für welches Kreuz aus der Reihe der vielen Kreuzvariationen, die fast alle im Heiligen Land entstanden waren, sollte ich mich letztendlich entscheiden, ohne mich endgültig festzulegen? Sollte ich eindeutig auf das „Deutschordenskreuz“ setzen, wie ich es auf dem Umhang Tannhäusers gesehen hatte? Wie es der langen militärischen Tradition entsprach, bis hin zu den Hoheitszeichen Preußens und der Wehrmacht? Sollte ich mich gar für den ältesten Orden entscheiden, für das Kreuz der „Templer“, obwohl es ein „welscher“ Orden war? Als „Opfer von Macht und Gewalt standen sie mir nahe. Nicht anders als die Katharer, freie Christen, die nur ihren Glauben leben wollten, hatte man auch sie verfolgt, denunziert, in perfiden Intrigen und in Schauprozessen – wie er selbst mir noch drohen sollte – dann als Satanisten und Sodomiten diffamiert, um sie schließlich aus Gründen der Staatsraison aus der Welt zu tilgen, zerrieben zwischen König und Papst. Als Kämpfer und Rebellen unter dem Kreuz, zu Ketzern abgestempelt und verfemt, frühe Vorläufer der Rosenkreuzer und Illuminaten, mussten auch sie auf den Scheiterhaufen brennen, nur damit die Macht und Ehre ihrer Gegner anwachsen konnten. Oder sollte ich mich für das achteckige „weiße Kreuz der Malteser und Johanniter“ auf schwarzem Hintergrund entscheiden, das aus dem Templerkreuz hervorgegangen war? Welche Kardinaltugenden der einzelnen Orden lagen mir am nächsten? Und was war davon noch zeitgemäß nach acht verflogenen Jahrhunderten? Unsicher und noch etwas schwankend vermied ich eine eindeutige Festlegung, um dann einen gestalterischen Kompromiss anzustreben, der eklektisch individuell, aber auch originell zu werden versprach. Von dem „schwarzen Prankenkreuz auf weißen Hintergrund“, das etwa im Stadtwappen der Deutschordensresidenz Mergentheim, meinem späteren Refugium, von zwei hervor leuchtenden roten Rosen und zwei Sternen umrahmt wird, übernahm ich nur die Form. Um den Kontrast zu sichern, entschied ich mich jedoch für ein „weißes Kreuz“, das sich bedeutend besser von dem Rot und dem Schwarz meines Flaggenkostüms abhob. Die Rosen im Goldgelb deutete ich mit blauen Farbtupfern an, als Hinweis auf die noch unerreichte blaue Rose der Romantik. Das mächtige „Tatzenkreuz“ wurde dann zentral auf der Brust fixiert, nah am Herz, als „Herzkreuz“; andere kleinere „Tatzenkreuze“, die allesamt an das weit bekannte „Eiserne Kreuz“ erinnerten und somit auch an die Schlachten, die gerade in den beiden Weltkriegen auf europäischen Feldern ausgetragen wurden – und nicht nur dort – umsäumten den unteren Rand des Gewandes. Im Schwarz und Rot kamen sie sehr gut zur Geltung, verschwanden aber im Goldgelb nahezu ganz.

Doch dies alles reichte mir noch nicht. Übermütig ging ich noch einen Schritt weiter und brachte in der Mitte des Brustkreuzes einen „dekorativen Ring“ an, wie er sich im „Keltenkreuz“ findet. Erst dann gab ich mich mit dem Gesamterscheinungsbild zufrieden, ein Konstrukt, das weitgehend intuitiv aus dem im Vorfeld Memorierten im Gehirn ausgebrütet worden war. Das Ganze war eine „eklektische Synthese“, ein „Symbolkonglomerat“ von Kreuzen und Farben, gut geeignet historische Interpreten und Freunde der Heraldik lange zu beschäftigen. Der selbst gefertigte „Herzschild“, den ich später auf der Maskerade mit der linken Hand schirmend vor mir hertragen sollte, eine Ägide, mit der ich in Notzeiten auch meine Freunde hätte, beschützten können, strich ich hell; dann übermalte ich das strahlende Weiß mit einem mächtigen roten Kreuz, das man auch heute noch als Wappen der Stadt Freiburg im Breisgau bewundern kann – und das praktisch identisch ist mit dem Hoheitszeichen Englands, als kleine Reminiszenz an die Heimat meiner väterlichen Vorfahren und an König Richard Löwenherz, der sich im Kampf gegen die Ungläubigen mit einem solchen Schild gewappnet hatte. Verrückte Welt? Vielleicht!

Für diejenigen, die für Abstraktion und die Symbolik der drei Farben, des Kreuzes und der Rosen keinen rechten Sinn haben sollten, speziell für konventionelle Köpfe unter den Zaungästen, die mich vielleicht mit einem Komödianten oder Hofnarren verwechseln könnten, mit einem Gaukler und Possenreißer, der nur seinen Schabernack treibt, um gelangweilte Gestalten zu amüsieren, hatte ich, als Deutungshilfe sowie zum besseren Verständnis einen bekannten Ausspruch auf dem Rücken angebracht, der dem Zitatenarsenal des Reichsgründers und Reichskanzlers Otto von Bismarck entnommen war. Mit schwarzer Tusche hatte ich eine unmissverständliche Botschaft festgehalten, die meine damalige weltanschauliche Marschrichtung vorgab. Es waren die auch sonst gern zitierten, gelegentlich missbrauchten Worte des Eisernen Kanzlers:

Wir Deutsche  fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt.

In dieser Sentenz des konservativen Politikers und Reichskanzlers Bismarck, den ich seinerzeit weniger als Apostel der Freiheit, sondern mehr als sozial orientierten Staatsmann und klugen Diplomaten schätzte, war jene geistige Haltung voll enthalten, die ich nach außen hin provokativ transportieren wollte. Ernsthaft signalisiert werden sollte die Botschaft: Hier tritt einer auf, der sich nicht nur öffentlich zum Deutschtum bekennt, sondern der auch noch zu einem anderen souveränen Staat steht, allerdings zu einem demokratischen; der darüber hinausgehend, indem er offen ein Kreuz auf der Brust trägt, gegen die atheistische Staatsdoktrin opponiert; der als Kreuzritter dem militanten, kämpferischen Christentum verbunden, an Gott glaubend, sich nur dem göttlichen Recht, dem Naturrecht und dem Menschenrecht unterwirft – in ablehnender Absetzung des vom Menschen gesetzten positiven Rechts, das gerade in totalitären Systemen nicht mehr ist als menschenverachtende, willkürliche Setzung.

Eine Menge Holz in dieser ernsthaften Verrücktheit! Das war ein ethisch begründetes, weltanschauliches Bekenntnis, das allem widerstrebte, was im gesamten Staat als Norm propagiert wurde. Zugleich stellte das entschiedene Bekenntnis zu Deutschtum und Christentum einen Affront der besonderen Art dar. Aus meiner Sicht war es primär eine gegen die allgemeine politische Apathie und Lethargie gerichtete, nationalistisch-christliche „Aktion“ mit Kalkül, die aufrütteln, herausfordern und mobilisieren sollte, ganz im Sinne der deutschen Patrioten der Befreiungskriege und des Vormärz. Der intendierte Akt sollte mehr sein als nur eine idealistische Verrücktheit, die mit darauf verwies, dass die Kraft der Ideale, Furcht und Feigheit zu übertrumpfen vermag. Poesie inspirierte und leitete mich – als Kampfdichtung, die militante Aktionen nach sich zog. Der von mir gern gelesene Heinrich Hoffmann von Fallersleben, auch Robert Prutz, Georg Weerth, ja selbst Georg Herwegh, „die Eiserne Lerche“, ein Dichter, der im Arbeiter und Bauernstaat der Deutschen noch bewundert wurde: Sie alle hatten nicht anders gefühlt. Und natürlich ganz besonders die Freiheitsdichter Lenau und sein Rivale in der Lyrik Heinrich Heine. Mein gerade aufblühendes Selbstbewusstsein und die insgesamt liberale wie tolerante Atmosphäre meiner Geburtsstadt machten solche Aktionen denkbar und möglich, „Provokationen“, die von bieder ausgerichteten Geistern nicht ganz nachvollzogen werden konnten. Geistiger Aufruhr, symbolische Revolte, Aufstände des Geistes, des Anstands und der Würde, wie es sie anderswo im Land oder in totalitären Systemen sicher auch gegeben haben wird, waren kleine, doch mutige Manifestationen der „Freiheit“ innerhalb eines großen Gefängnisses, dessen Mauern durch Angst, Terror und Misstrauen zusammengehalten wurden.

Und dabei hatte ich lediglich einen Halbsatz zitiert, um gezielt wachzurütteln. Hatte ich mit dem Zitat überzogen? War es übertrieben? Bismarck, der in vielem, was er als politisch Verantwortlicher tat, ein weitsichtiger Geist war, hatte dem vor nationalem Selbstbewusstsein strotzenden Wort, die Deutschen fürchteten nur Gott, noch einen wichtigen Satz nachgeschoben, eine Ergänzung, der die scheinbar nationalistisch überhebliche Botschaft ganz wesentlich entschärfte, indem er 1888 vor dem Reichstag klarstellend betonte:

Und diese Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen lässt.“

Diese vielsagende Vervollständigung nimmt das nationale Ego deutlich zurück und unterwirft es dem göttlichen Recht, dem Naturrecht und Menschrecht: Friede aus Gottesfurcht und Pflicht. Nationale Selbstbehauptung und die Erhaltung des Status quo über nationale Stärke und gesundes Selbstbewusstsein sind letztendlich Mittel der Friedenssicherung.

Weltanschaulich wie politisch lag dies voll auf meiner Linie. Nur widersprach der Nachsatz meiner aufrührerischen Absicht. Ein „Agent provocateur“, muss provozieren, wenn er denn – über den Akt hinaus – auch den bestehenden Status quo verändern will. Weil Letzteres in meiner Absicht lag, unterdrückte ich den pazifistischen Nachsatz. Für mich zählte seinerzeit nur die nationalkonservativ christliche Provokation, die gleichzeitig eine eindeutige Antwort auf die Positionen der selbst erklärten Progressiven war; der Linksintellektuellen und Marxisten, die ich nicht gelten lassen wollte, obwohl ich ein entschiedener Freigeist war.

Die Marxisten aus meinem Umfeld in Temeschburg und aus der sogenannten „Aktionsgruppe“ ohne eigentliche Aktion, die fast alle mit dem Segen der Kommunisten und als Mitglieder der RKP „mit dem Strom schwammen“, getragen von antifaschistischen Parolen und dem Ungeist der Zeit, wollten seinerzeit nicht wahrhaben – das wird heute leider gerne vergessen – dass ein national konservativ ausgerichteter Deutscher, wie ich einer war, mit dem Rücken zur Wand stand, täglich bedroht vom totalitären System der Kommunisten ausradiert zu werden.

Jung und konservativ – und doch liberal? Christlich, doch antiklerikal? Eigentlich war ich ein liberaler Patriot wie einst Kurt Georg Kiesinger, der spätere Kanzler der Bundesrepublik, der als junger Mann auch einmal ein pathetisches Gedicht gegen den als nationale Demütigung empfundenen Versailler Vertrag geschrieben hatte. Ein Siebzehnjähriger fühlt und denkt anders als ein Siebzigjähriger: Er lebt den Protest und er handelt danach – vor allem in einer Diktatur. Und dabei riskiert er todesmutig den eigenen Untergang. Dies alles erschien anderen vielleicht verworren, verrückt und schwer nachvollziehbar. Aus meiner Sicht jedoch war mein Tun von innerer Wahrhaftigkeit gedeckt und förderte das Selbstbewusstsein, das wir alle im politisch-nationalen Überleben so bitter nötig hatten.

Mein Rückzug hinter das Kreuz und das Einsetzen des Kreuzes als Kampfsymbol ließ mich weitaus konservativer erscheinen, als ich damals eigentlich war. Die fanatisierten Eroberer von Jerusalem, christliche Asketen, Befürworter der Inquisition oder extreme Theoretiker des Christentums standen mir unendlich ferner als die Repräsentanten des Humanismus, die Reformatoren des Christentums, Freidenker und Freimaurer wie Lessing, Goethe, Haydn und Mozart, die das „Kreuz“ in einem anderen Licht sahen. Wenig pietätvoll nutzte ich es etwas machiavellisch als ein Mittel zum Zweck, doch in bester Absicht, aus einer Individualraison heraus, die nicht von dem Machttheoretiker aus Florenz, sondern vom Leben selbst diktiert worden war.

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