Maskerade

 

So gewappnet und geschnürt trat ich zweimal unters Volk: einmal in der Stadt, im kultivierten Temeschburg zwischen „sensiblen Geistern“ und bald darauf im Dorf unter „Bauernlümmeln“. Das erste Mal noch – wie beim carne vale in Venedig, als einer unter den Vielen, als Maske und Masken, als „persona“ unter Personen, kaschiert in einer bunten Welt des Mummenschanzes – doch mit offenem Visier – als Ritter unterm „Kreuz“, der bereit war, in diesem Zeichen den Kampf aufzunehmen. Das zweite Mal in Sackelhausen jedoch als einzig Kostümierter in breiter Flur, ohne Schild und Helm, dafür aber auf einem „echten Gaul“ aus der LPG, exponiert und unmissverständlich. Hoch auf stolzen Rossen, die schwellende Brust noch nicht durchschossen, fühlte ich mich als märchenhafter Heros im ungleichen Kampf gegen den Lindwurm. Ein Trotzbild der früheren Kindheit wurde wach im „gespielten Reiter“. Aber ich wusste wohl, dass mir kein wirklicher Panzer zur Verfügung stand, um Armbrustgeschosse oder giftige Pfeile abzuwehren. Die leichte Vorahnung, verwundbar zu sein wie Achilles, der Achäer, oder wie der Siegfried der Nibelungensage, war ebenso präsent wie die Befürchtung, im ungleichen Kampf gegen das obskure Unbekannte zum „Ritter der tristen Gestalt“ verkommen zu können – zum „tragischen Drachentöter“, der nach dem Sieg ermattet dahin sinkt, während die untätigen Feiglinge die Zunge des Ungeheuers herausschneiden, um dann die Prinzessin zu freien. In Mythen und Mären aus Vorzeiten war viel Essenzielles antizipiert, was die gesamte Existenz bestimmte. Die Tragik war geblieben. Gleichzeitig hatte ich aber etwas von jener Nachtigall, die von Freiheit singt, wenn andere schlafen und die – wie von Friedrich von Sallet in Vers gebannt – dafür vielleicht erschlagen wird. Mein Gestus verfehlte die erstrebte Wirkung nicht. Die „Montur“ fiel tatsächlich auf. Mitten unter den kitschig bis fein herausgeputzten Karnevalsgestalten, unter den ewig gleich aussehenden Cowboys und Indianern, den exotisch gelangweilten Scheichs und Bajaderen, stach das Flaggengewand mit den ungewöhnlichen Farben ins Auge – alles selbst gefertigt, Schild, Helm und Speer. Das Ganze wirkte wie ein Relikt aus ferner Zeit anachronistisch in die fortschrittliche Epoche des Sozialismus hinein. Dem Publikum den Rücken zugewandt konnte ich dann hören, wie zwei, drei Personen herumrätselten, wer sich hinter der sonderbaren Kostümierung verstecke und als was der Protagonist hinter dem noch nicht gelüfteten Visier eigentlich auftrete. Spekulationen schossen ins Kraut: „Was soll das sein, ein Ritter?“ Die richtige Zuordnung ließ nicht lange auf sich warten. Jemand aus dem Kreis meiner Lehrer erkannte mich doch – und etwas aufgeschreckt bis irritiert erkannten dann andere die politische Brisanz der intendierten Provokation dahinter. Als verantwortliche Lehrer und als Organisatoren der Veranstaltung waren sie mit betroffen – politisch unkorrektes Verhalten der Schüler konnte ihnen zur Last gelegt werden, was nicht nur peinlich war, sondern auch laufbahnschädigend. Die Lenauschule – ein Hort der Heräsie und des Liberalismus? Wie weit gingen die Freiheiten wirklich in dieser Schlangengrube, wo offensichtlich antisozialistische Nattern gehätschelt und genährt wurden? Konterrevolutionäre Kräfte, Unruhestifter und Zersetzer? Kurz zur Seite schielend gewahrte ich wie eine der mir gut bekannten Damen aus der Lehrerschaft theatralisch ins Staunen geriet:

„O! Mein Gott! Ein Kreuzritter!?“ …

„Schaut euch das nur an, … das mächtige Kreuz … und diese Farben?“

Dann fiel eine weitere Stimme ein:

„Was lese ich da?

Wir Deutschen fürchten nur Gott, sonst nichts auf der Welt?“ –

„Spinnt der Kerl vollkommen?“ meldete sich die Entrüstete zurück. Fühlte sich da vielleicht jemand doppelt provoziert?

Ohne das Haupt zu wenden, wusste ich, wer da schimpfte; und ich wusste auch, weshalb man an dem Ausspruch Anstoß nahm. Hatte ich es doch so gewollt!? Nur hatte ich es keinesfalls auf eine bestimmte Person abgesehen, auch nicht auf das „Volk der Rumänen“, nur auf das ideologisierte System, das meine „nationale Identität“ einschränkte. Die Irritationen registrierte ich mit einer gewissen Satisfaktion. Das Konzept ging auf. Die ideelle Bombe hatte also eingeschlagen, wenn auch nur in der Peripherie. Zumindest war ich in dem großen Haufen der Masken nicht völlig übersehen worden. Was ich damals in die Öffentlichkeit transportierte, auf die Gefahr hin, die deutsche Gemeinschaft in der Lenauschule genauso unbeabsichtigt zu kompromittieren wie den Monsignore in Sackelhausen, war aus meiner Sichtweise legitim und auch moralisch gerechtfertigt. Wo gehobelt wurde, da fielen auch Späne. Und „Kollateralschäden“, das lehrte die lange Geschichte aller Kriege, waren unvermeidlich, wenn gekämpft wurde. Der Kampf forderte Opfer – eigene und fremde. Doch ein Nichtagieren, das das Duckmäusertum kultivierte, forderte auf lange Sicht noch viel mehr Opfer – denn es führte in die Diktatur. Nach eigenem Selbstverständnis war mein Protest der Protest eines Demokraten. Auch waren es keine verbotenen Symbole, kein gespiegeltes Sonnenrad und keine SS-Runen, die ich zur Schau getragen hatte – nicht einmal die anders aufstachelnde Farbkombination „Schwarz – Weiß – Rot“ als Reminiszenz an ein untergegangenes Reich.

Für „Schwarz – Rot – Gold“ trat ich ein, für die Farben der Badischen Revolution von 1849, für die Farben des ersten deutschen Parlaments in der Paulskirche und für die Farben der „Bundesrepublik Deutschland“, die ich als meine eigentliche Heimat ansah und für eine auf Würde und Freiheit begründete Verfassung. Selbst mit dem gekürzten Bismarckzitat, das die Wirkung des Kreuzes noch verstärken sollte, unterwarf ich mich einer höheren Ordnung, die der atheistische Staat nicht anerkannte: dem göttlichen Recht und somit dem Naturrecht.

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