Pontius Pilatus: Wenn sie sie schlagen wollen, dann sollen sie sie schlagen! Auszug 20, aus: Carl Gibson Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur.

Pontius Pilatus: Wenn sie sie schlagen wollen, dann sollen sie sie schlagen!

Was ich damals weder wissen, noch ahnen konnte, bestand in der gewichtigen Tatsache, dass der Befehl, solche Schauprozesse abzuhalten, von ganz oben kam. Diktator Ceauşescu selbst, der täglich zu bestimmen trachtete, was die nationalen Interessen Rumäniens tangierte, hatte nach der Ausweitung des Goma-Protestes ein solches Vorgehen angeordnet. Ein historisches Protokoll aus jenen Tagen belegt, dass Ceauşescu, der sich nach der Minikulturevolution von 1974 nach seinem Zusammentreffen mit Mao Tse-tung wieder zum orthodoxen Stalinisten gewandelt hatte, und seine Mitregentin Elena Ceauşescu von Gomas Solidarisierungsinitiative mit der Charta 77-Bewegung überrumpelt worden waren. Der Aufschrei der Entrechteten war aus ihrer Sicht ein eklatanter Missbrauch von Freiheit.

Die Gattin des Präsidenten, der mehr und mehr Machtgelüste nachgesagt wurden, bis hin zur denkbaren Entmachtung des Diktators selbst, reagierte deshalb entrüstet. Auf Goma gemünzt, den Ceauşescu für einen Schurken hielt und einen Esel, schimpfte die erste Frau im Staat: „Freiheit ist Freiheit, aber um das Volk zum Narren zu halten und seine Anstrengungen, für diese darf es keine Art der Freiheit geben.“ Wie luzid und genial. Wie hatte es Karl Jaspers formuliert, als er, in einer Rechtfertigung des Widerstandsrechts die Freiheit zur Unterdrückung brandmarkte?

„Es darf keine Freiheit geben, zur Zerstörung der Freiheit“.

Damit hatte er als Philosoph vor den Augen der Welt die Illegitimität des Nationalsozialismus verdeutlicht. Elena, nicht die schöne aus Troja, sondern die sauertöpfische Diktatorin aus Bukarest, hatte sich ihren Reim zurechtgeschustert. Und ihr Gatte, der Schuster von Beruf, doch nicht aus Berufung, hatte ihr seinerzeit sogleich beigepflichtet, als er zum radikalen Vorgehen gegen Goma und alle seine Sympathisanten, also auch gegen mich, mit den Worten aufrief:

„Sie müssen getroffen werden, im eigentlichen Sinne des Wortes, ohne Mitleid. Das als generelle Maßnahme, Genossen, die überall dort umgesetzt wird, wo wir solche Menschen haben. (…) Mit dem hier, mit Goma, nicht viel Federlesen machen. Telefonleitung kappen, so wie er zum Botschafter Kontakt aufnehmen will, öffentlich verhaften – aufgrund von Spionage und dem Gericht vorführen. Ohne jede Diskussion auch jene, die so vorgehen. Mit jenen, die auf der Liste sind, soll man reden, mit der Hilfe der dafür zuständigen Securitate und der Parteikommission im jeweiligen Kreis, damit man sieht, ob es so ist oder nicht. (…) Und auch wenn es so ist, wie man hier sagt, dass sie ihn angerufen hätten, dann soll das Kollektiv ihrer Unternehmen darüber diskutieren, sie verurteilen, je nachdem was die Arbeiter entscheiden. Wenn sie sie schlagen wollen, dann sollen sie sie schlagen. Wir sollten es tatsächlich den Menschen überlassen zu urteilen, und dort, wo es zutrifft, darf dann keiner im Unternehmen verbleiben.“

Aussperrung, Ausgrenzung, Verfolgung durch die Securitate – das waren die Lösungen des Tyrannen. Nachdem die Minenarbeiterunruhen im Schiltal nur mit äußerst repressiven Maßnahmen hatten unterdrückt werden können, sah der Diktator ein, dass nur Gewalt nach innen das Mittel sein konnte, um oppositionelle Regungen zu ersticken: Sie müssen getroffen werden … wenn sie sie schlagen wollen, dann sollen sie sie schlagen! Das sind eindeutige Vorgaben eines Gewaltherrschers, eines selbstherrlichen Despoten, der im Westen noch lange als liberaler Abweichler vom kommunistischen Kurs wahrgenommen wurde. Mit dieser wertvollen Anregung des Landesführers, die mich als einer der Sympathisanten der Menschenrechtsbewegung der Rache des Mobs auslieferte, war mein künftiges Schicksal als Arbeiter in dem Betrieb 1. Juni in Temeschburg praktisch vorgezeichnet. Nach der Kritik und der Aburteilung drohte als Mindeststrafe die Entlassung – und mit ihr das Ende der schulischen Ausbildung am Abendgymnasium.

Im Frühling 1977, als die gnadenlosen Direktiven erteilt wurden, rechnete Ceauşescu noch damit, dass seine Anweisungen genau umgesetzt würden. Und er vertraute auch darauf, dass die patriotischen Arbeiter die offensichtlichen Feinde der sozialistischen Gesellschaft und des Vaterlandes nach altem Brauch und lange praktizierter Lynch-Justiz am erstbesten Baum aufknüpfen würden, nachdem sie ihnen die Leviten gelesen hatten. Pontius Pilatus hatte einen Verfolgten und Stigmatisierten zur Geißelung freigegeben und zur Aufopferung im Versuch, ein reines Gewissen zu wahren. Ceauşescu hetzte die Hunde auf seine Landsleute und hoffte dabei, dass sie alle Spuren tilgen würden, die auf die Diskrepanz von Schein und Sein verwiesen. Hitler war so vorgegangen, als er Himmler mit der Drecksarbeit beauftragte – und andere Gewaltherrscher vor ihm ebenso. Doch da irrte Ceauşescu gewaltig. Die Zeiten des Großen Terrors waren inzwischen vorbei – zumindest im okzidentalen Temeschburg, wo die Rebellion seit dem Ungarnaufstand von 1956 Tradition hatte.

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