Im selbst gewählten Reigen – oder: von passiver zu aktiver Dissidenz. Auszug 22, aus: Carl Gibson Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur.

Im selbst gewählten Reigen – oder: von passiver zu aktiver Dissidenz

 

Ich glaube, ich würde die Freiheit in allen Zeiten geliebt haben; in der Zeit aber, in der wir leben, fühle ich mich geneigt, sie anzubeten. Alexis de Tocqueville

Als ich anfing, Temeschburg genauer zu entdecken und auszuloten und damit begann, mit unterschiedlichen Kunstschaffenden und Oppositionellen zu kommunizieren, ohne recht zu wissen, mit wem ich eigentlich redete, hatte sich faktisch immer noch nichts geändert. Der geistige Gehalt von Kunst konnte einem Kreativen immer noch zum Verhängnis werden. Im Temeschburg des Jahres 1977, kaum wenige Jahre nach dem Bekenntnis der Staatsführung zu mehr Liberalismus und Demokratie im Zuge der Prager Ereignisse von 1968, fühlte man sich erneut in die Zeit eines finsteren Despotismus zurückversetzt, in Tage der Willkür, die einst einen freisinnigen Schiller aus der Karlsschule verjagt und einen freiheitsliebenden Dichter Schubart hinter die Mauern des Hohenasperg verbannt hatten. Wie jene Vorbilder zweihundert Jahre vor mir fühlten, so etwa fühlte auch ich.

Obwohl ich damals keine näheren Details über das literarische und geistige Wirken einzelner Künstler erfahren konnte, die parallel zu mir existierten und unter mehr oder weniger ausgeprägten obskuren Bedingungen ihre Werke schufen, beeindruckte mich die idealistische Haltung einzelner Individuen ungeachtet ihrer weltanschaulichen Zugehörigkeit; ihr Gestus, sich einem übermächtigen Feind entgegen zu stellen und für Werte und Ideen einzutreten, auch wenn es nicht immer die meinen waren. Bald sollte ich aber selbst die Erfahrungen machen, wie sehr man in der scheinbar aussichtslosen Auseinandersetzung mit der Übermacht wachsen kann, selbst über sich hinaus.

Einige Zeit der Orientierung ging ins Land, bis ich dann kurz vor der Resignation doch noch den geeigneten Hafen fand, wo ich vorübergehend vor Anker gehen konnte. Während die Linken aus dem Umfeld der Aktionsgruppe ohne Aktion, die ich eigentlich nie richtig kennen lernte, da zu viele weltanschauliche Klüfte dazwischen standen, mir keine oppositionelle Perspektive bieten konnten, fand ich eine erste politische Heimat im genau entgegengesetzten Lager, bei den Konservativen, bei christlich und national denkenden Humanisten alter Schule, die ihr Weltbild aus der Antike herleiteten, die den alten Tugenden und der klassischen Kunst verbunden waren. Sie sahen sich selbst, ohne dies je hervorzuheben, als Opfer der kommunistischen Diktatur und der Doktrin des angewandten Stalinismus. Aufgrund ihrer Herkunft, ihres gesellschaftlichen Wirkens und ihrer langjährigen konsequenten Haltung waren sie diskriminiert und stigmatisiert worden, ohne dass ihre menschliche Größe und ihre innere Wahrhaftigkeit darunter gelitten hätte.

Sie nahmen mich in ihre Mitte auf wie einen verlorenen Sohn und boten mir, dem Ruhelosen, zumindest geistiges Asyl in einem sich nun formenden Zirkel, der in seinem Wesen frei war und ohne jede Vereinnahmung auskam. Wir, kaum eine Handvoll Menschen, bildeten einen kleinen, doch feinen musischen Kreis, eine freigeistig-künstlerische Vereinigung, in der nicht nur über Literatur und Kunst, sondern auch recht lebhaft über Politik und Zeitgeschichte diskutiert wurde.

Carl Gibson Symphonie der Freiheit

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