Grenzphänomene. Auszug 18, aus: Carl Gibson Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur.

Grenzphänomene.

 

Als ich dann als störrischer Esel doch noch die eine oder andere Ohrfeige zu spüren bekam, wurde ich noch verstockter. Die Hiebe brannten und schmerzen. Im Ohr zischte ein lauter werdender Teekessel. Stalins Schattenbild hatte die Ohrschädigung ausgelöst; Peles Watschen weiteten sie jetzt aus. War das schon Folter? Oder gehörte das Prügeln im Verhör noch zum guten Ton sozialistischer Umgangsformen?

Werden sie mich totschlagen? Fragte ich mich irgendwann, blieb aber trotzdem stur. Ein Einlenken hätte alle bisherigen Bemühungen zunichte gemacht. Der Basilisk war da nicht allzu feinfühlig. Doch was wurde in dem Kreuzverhör bezweckt? Sollte hier ausgetestet werden, wo die Grenzen des Ausharrens lagen, wo mein innerer Widerstand endete? Wo der Wille brechen würde und wo das Individuum psychisch am Ende sei? Oder wollte man gar Aussagen plump manipulieren? Letzteres irritierte mich nachhaltig. Eben diese Methoden machten es mir erneut bewusst, dass ich in keinem Rechtsstaat lebte, sondern in einem totalitären System, in welchem so genannte Belastungsbeweise gegen Unschuldige fabriziert wurden; und dass Anklagegründe durch üble psychologische Tricks erreicht werden konnten.

Entsprach das der viel beschworenen sozialistischen Ethik? Die Zeit des Stalinismus und der Inquisition, wo ein vermeintlicher Volksfeind für ein deplatziertes Wimpernzucken zum Tode verurteilt werden konnte, waren also noch nicht endgültig vorbei?! Dem entsprechend musste ich davon ausgehen, dass irgendwann oder gerade jetzt schon andere aus meinem Umfeld durchgeprügelt wurden, um Aussagen gegen mich heraus zu pressen. Das war eine besonders schlimme Erfahrung. Mir wurde klar, was schon Galilei schnell bewusst geworden war, als die Schergen der Inquisition ihm die Folterwerkzeuge präsentierten: Axt, Schwert, Haken, Zangen, Rad und anderes mehr, was unerträgliche Schmerzen verursachte und gefolterte Menschen zur Verzweiflung brachte. Bruno und Savonarola hatten einst widerstanden. Galilei, der nur ein Wissenschaftler war und kein fanatisierter Christ, kein Märtyrer, kein Held, hatte es nicht.

Folter ist immer dann erfolgreich, wenn sie systematisch und über längere Zeit Anwendung findet; in der Neuzeit wie im Zeitalter der Inquisition – die Cautio criminalis aus dem Jahr 1631 verwies darauf – und die Zeugnisse der Opfer des Stalinismus, unter ihnen auch tiefgläubige Ordensschwestern, die willkürlich verhaftet worden waren. Die Philosophie von Guantanamo beruht darauf. Eigentlich hätte ich Galilei folgen und sofort resignieren müssen. Doch das fanatisierte Märtyrerbewusstsein der Christen im Löwenkäfig konnte auf mich überspringen. Vielleicht aus Trotz, vielleicht aus dem Gefühl heraus, die Gerechtigkeit und das Menschenrecht auf meiner Seite zu haben, bündelte ich meine Abwehrkräfte und versuchte ungeachtet spontaner Pein stark zu bleiben. So überstand ich erfolgreich die Prügelprozedur und ließ mich durch nichts verleiten, Efrimowitsch, so nannten sie Goma, oder andere Unschuldige irgendwie zu belasten. Gleichzeitig merkte ich aber auch, wie mit den schwindenden somatischen Kräften auch das seelische Durchhaltevermögen schwand und ich langsam unter den Einfluss eines übermächtigen Selbsterhaltungstriebes geriet, der den Körper handeln ließ, ohne dass der eigene Wille und das eigene Gewissen entscheidend beteiligt waren.

Ein sonderbares Phänomen rollte in mir ab, dem ich in einer einmaligen Wesensschau zusah, wie ein endogen Depressiver auf den Kern der Melancholie blickt. Unter Druck und extremer Anspannung erfuhr ich jene Grenzsituation, in welcher die Tortur erfolgreich wird; jene psychisch ohnmächtige, ausweglose Lage, in welcher der Gefolterte all das gesteht, was von ihm verlangt wird.

Unter Druck reagiert das Gehirn anders – in extremen Höhen und Tiefen, in der Druckkammer, aber auch unter Folter. In jener Enge und unter Schmerzen erlebte ich ein parapsychologisches Phänomen, das der Nahtoderfahrung vergleichbar ist; ein Rätsel menschlichen Seins und noch unerforschter Welten. Es war eine schlimme Erfahrung, aus der das erwächst, was in der Cautio criminalis beschrieben ist: unter Folter gesteht jeder alles.

Doch diesmal hatte ich wieder etwas Glück. Ein verborgener Deus ex Machina griff ein und spielte Schicksal – das Verhör wurde wenige Augenblicke vor meinem psychischen Zusammensacken abgebrochen, kurz bevor ich unterzuckert, übermüdet und kraftlos zitternd der Willenlosigkeit und Apathie verfallen wäre. In einer solchen Notsituation unterzeichnet das Verhöropfer alles – selbst sein eigenes Todesurteil, nur um einige Augenblicke aus dem Druck entlassen zu werden und durchatmen zu dürfen.

Er paktiert nicht mehr mit dem Teufel, sondern er ist genötigt, zu unterschreiben, auch ohne Lohn, weil der Überlebendrang es diktiert. Es war wie bei den Hexenbefragungen, die bis zum Exzess durchgeführt worden waren. Ein Wunder, dass viele gefolterte Frauen danach trotzdem noch die Kraft aufbrachten, öffentlich zu widerrufen. Der Zufall wollte es, dass es auch mir gelang, mich aus der Konstellation von Terror und Druck herauszuwinden und die Situation ohne erkennbaren Schaden für andere und mich zu überstehen. Doch mehr durch Zufall als durch eigene Leistung. Gleichzeitig wurde mir aber auch bewusst, dass ein weiteres Ankämpfen gegen diktatorische Machtverhältnisse recht schnell zum endgültigen Scheitern führen kann.

Was hatten wir Opponenten dem Machtapparat mehr entgegenzusetzen als unseren fragilen Körper, eine unverfälschte Psyche und einen starken Willen, der, wie Soma und Seele, so lange intakt war, bis er mit Foltertechniken gebrochen wurde. Ein zerschmettertes Gehirn denkt nicht mehr.

Irgendwann gingen die Tage des Schreckens, in welchen mein familiäres Umfeld nicht wissen konnte, wo ich verblieben war, zu Ende. Mürbe gemacht und ausgequetscht wie eine unreife Zitrone, die keinen Saft spendet, durfte ich die Schlangengrube wieder verlassen, nachdem man mir als letzten Gruß noch ein Bouquet von Einschüchterungen und Drohungen mit auf den Heimweg mitgegeben hatte. Zurechtgestutzt, entmutigt und enttäuscht zog ich mich daraufhin für einige Zeit in eine Art innere Emigration zurück und versuchte, psychisch zu regenerieren. Dabei vertiefte ich mich in Lektüre und nahm auch das Schreiben wieder auf; nicht rezeptionsorientiert, nur so für mich. Doch diese Phase des Bravseins hielt nicht allzu lange an. Der Alltag brachte immer neue Abwechslungen. Und schon nach wenigen Wochen war der Spuk vergessen.

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