Die Mittel der Inquisition – oder: die Grenzen des Menschen unter Folter. Auszug 17, aus: Carl Gibson Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur.

Die Mittel der Inquisition – oder: die Grenzen des Menschen unter Folter

In der Stadt an der Bega, so heißt der Fluss, der Temeschburg durchquert, während die etwas größere Temesch, nach der Stadt und Kreis benannt wurden, heute weiter entfernt verläuft, wurde ich nach gewohnter Manier eingebuchtet; provisorisch zunächst für einige Tage und ohne jeglichen Haftbefehl. Es ging wieder hinab in den Keller in eine Untersuchungshaftzelle, wo ich die kommenden Nächte zu verbringen hatte, zeitweise in Gesellschaft von vier bis fünf weiteren Eingesperrten, die noch nicht gestanden hatten, sowie von gezielt eingeschleusten Zuträgern und Petzern.

An dem Aufnahmeritus hatte sich nichts geändert bis auf das Klavierspielen, auf das diesmal verzichtet wurde. Offenbar sind die Fingerabdrücke nach wenigen Monaten immer noch die gleichen. Am nächsten Morgen sollte ich dann, ohne Rücksicht auf mein körperliches und seelisches Befinden, von den mir inzwischen gut bekannten Untersuchungsoffizieren Pele und Köppe einer minutiösen Befragung unterzogen werden. Wieder saßen wir uns in einem jener sterilen Räume im ersten Stock des Geheimdienstgebäudes gegenüber, erneut Auge in Auge wie der ängstliche Adler vor der drohenden Schlange.

Im Innerohr erwachte der Bolero. Bedrohlich zunehmender und lauter werdend wie der Puls, den ich in der Aorta fühlte. Die ganzheitliche Konfrontation mit den Bestien stand bevor mit ähnlichen Ängsten und seelischen Nöten, wie ich sie bereits erlebt hatte. Die Cautio criminalis des Jesuiten Friedrich von Spee kam mir in den Sinn und die fast deckungsgleichen Worte jener Verfolgten nach Galilei, denen die Tortur angedroht worden waren. Wie würde ich mich verhalten, wenn sie die Daumenschrauben ansetzten oder noch perfidere Mittel, die kaum jemand kannte? Mein der Post anvertrautes Schreiben an den abtrünnigen Schriftsteller Goma, der, angesteckt von der Tauwetterperiode, für kurze Zeit sogar der Kommunistischen Partei beigetreten war, lag gut sichtbar auf dem Schreibtisch. Es war bereits ein Teil meiner voluminöser werdenden Akte – und es gab zugleich das anstehende Thema vor. Doch weshalb lag mein Solidarisierungsbrief hier geöffnet auf dem Schreibtisch und nicht in Gomas Schublade in Bukarest? War das nicht ein deutlicher Hinweis darauf, wie das auch in der rumänischen Verfassung garantierte Briefgeheimnis in Wirklichkeit gehandhabt wurde? Die Securitate, der Staat im Staat mit eigenen Gesetzen, kümmerte sich nicht darum. Das Verhör nahm seinen gewohnten Gang, ganz nach dem Schema des Gestapo-Lehrbuchs und des NKWD. Zunächst kam, sozusagen als Einstimmung auf alles Folgende, eine introduktive Ouvertüre mit Paukenschlag, ein turbulenter Auftakt nach dem Auftakt, der das Kulturniveau der anstehenden Befragung definierte: das sattsam bekannte vorwurfsvolle Geschrei aus der Kehle des Bösen, garniert mit einer ganzen Palette an ausgefeilten Unverschämtheiten und Beleidigungen.

Pele, der Basilisk, tobte künstlich erregt darauf los, während sich der behäbige Gute ganz nach seiner Art vornehm zurückhielt. Nach dem ersten Schwall der gängigen Beschimpfungen, die lautstark wie immer, auf mich niedergingen und mich psychisch in die Lage versetzen sollten, eingeschüchtert das auszusagen, was man hören wollte, wurde ich nach Veranlassungen, Motiven und Beweggründen gefragt, Gomas Protestschreiben an die KSZE-Folgekonferenz unterzeichnen zu wollen. Wie üblich verwies ich auf meine Ausreiseabsichten. Doch dann wurde tiefer gebohrt, nach dem Muster, was denn ungenügend und unbefriedigend sei in diesem sozialistischen Staat, der gerade seine Minderheiten geradezu vorbildlich behandle und sie wie willkommene Gäste richtig verwöhne.

Die Besserstellung von Minderheiten, auch bei Verhören, war natürlich ein Mythos, dem bestenfalls eine winzige Spur von Wahrheit anhaftete. Auch späterhin hatte ich nie ganz den Eindruck, wir Deutschen würden mit Samthandschuhen angefasst. Bei genuinen Rumänen schienen die Brutalitäten aber tatsächlich noch zuzunehmen bis hin zur obskuren Exekution – wie im später bekannt gewordenen Fall des Dichters Gheorghe Ursu, der sterben musste, weil die Securitate seinen Mörder, einen straffällig gewordenen, ehemaligen Sicherheitsdienstmitarbeiter, ermutigte, den Mitgefangenen Ursu in der Zelle zu martern und zu Tode zu quälen. Ein Fall von vielen, eine Spitze des Eisbergs totalitärer Verbrechen!

Diesmal konzentrierte ich mich in meiner Apologie auf das in meinem alltäglichen Mikrokosmos selbst Erlebte und verwies auf die verbauten Perspektiven, auf die Erfahrungen mit dem willkürlichen Schulsystem, auf das Abgeschnittensein von der Bildung und der Möglichkeit zu studieren, da ich nie in den Genuss einer Parteiempfehlung für bestimmte Studiengänge kommen würde. Vaclav Havel, der Intellektuelle, hatte nie studieren dürfen, weil seine bürgerliche Herkunft und seine liberalen Überzeugungen dagegensprachen. Wäre es mir anders ergangen, wenn ich kompromisslos geblieben wäre? Wohl kaum! Ferner beklagte ich die Einseitigkeit der Medien, in welchen gerade in den letzten Jahren die liberalen Tendenzen der Tauwetterperiode zurückgedrängt worden waren; die unzureichende geistige Infrastruktur, vor allem aber das Nichtvorhandensein von fremdsprachigen Büchern und wissenschaftlicher Literatur.

„Was fehlt dir denn ganz konkret?“ erkundigte sich der dickliche Ungar fast einfühlsam verständnisvoll.

„Zum Beispiel die Werke Friedrich Nietzsches!“ provozierte ich spontan.

„Wie wäre es denn mit Mein Kampf? Willst du den etwa auch noch?“ – zischte der Schlangenmann voller Häme. Das scheinbar gutartige Reptil mit philanthropischen Zügen war immer noch für die Zuckerbrot-Taktik zuständig, während der Basilisk stets der Knute den Vorzug gab. Die Peitsche hatte sich über Jahrtausende bewährt – quer durch alle Kulturen. Gelegentlich signalisierte Köppe konziliantes Entgegenkommen in einigen Punkten.

Wenn sich ihm die Chance bot, das wusste ich aus Gesprächen mit Leidensfährten aus dem Bekanntenkreis, versuchte Pele während des Verhörs auch andere Deutsche in die Faschismusecke zu drängen, ohne genau zu differenzieren. Der Faschismusvorwurf war immer gut. Er wirkte wie ein Breitbandantibiotikum und war auf viele anwendbar. Auf Dissidenten, auf ketzerische Historiker, auf katholische und orthodoxe Priester, auf irrdentistische Ungarn, auf serbische Titopartisanen und auf andere Gruppen, ganz im Sinne empirischer Erfahrungen, die schon stalinistische Verhörexperten durchexerziert hatten. Der Faschismusvorwurf war genau so effizient wie der Anarchie- und Nihilismusvorwurf, weil er schwammig und unüberprüfbar war. Was in den Augen dekadenter Inquisitoren des Frühmittelalters Ketzerei und antichristliche Gesinnung bedeutete, hieß hier nunmehr und immer noch Faschismus und konterrevolutionäres Bewusstsein.

Ceauşescu selbst, der dem Machterhalt alles opferte, litt unter der fixen Idee, dass hinter jeder Aktion mit deutschen, ungarischen oder anderen nichtrumänischen Beteiligten revisionistische, faschistische und imperialistische Kräfte standen, die rumänische Staatsbürger wie Goma für ihre Zwecke instrumentalisierten. Aus vielen Oppositionellen wurden somit rasch potentielle Staatsfeinde, Konterrevolutionäre, Revisionisten und Faschisten, jeder auf eine andere Art. Eine angedichtete Nähe zu Hitler, dessen geistige Nachfahren aus der Sicht der Kommunisten und der indoktrinierten Securitate-Mitarbeiter in der Bundesrepublik lebten, im Land der Revisionisten, war noch besser. Und dazu lieferte ich nun mit dem Philosophen des Irrationalismus, der zufällig ein Buch für freie Geister geschrieben hatte, ein Stichwort und indirekt auch eine goldene Brücke zum theoretisch-hypothetischen Weiterstricken der Vorwürfe.

Neben Lenau, mit dem er geistesverwandt war, war Nietzsche der philosophische Schriftsteller schlechthin, der mich durch die Jahre beschäftigte und faszinierte, eben weil er ein Kind der Aufklärung war und kein festgelegter Systemphilosoph, ein Denker, der das freie Wort schätze und mit Voltaire und Zola ausrufen konnte: Ecrasez l’infame. Der Heuchelei in allen ihren Formen hatte er den Kampf angesagt, nicht anders als Goma und so, wie ich es selbst für mich erstrebte: der Wahrheit und der inneren Wahrhaftigkeit verpflichtet!

Ungeachtet zahlreicher Widersprüche und Paradoxien in seinem Denken, die jedoch nur auftreten, wenn man ihn systematisch zu erfassen sucht, empfand ich ihn als den geistig flexibelsten und freiesten unter den neuzeitlichen Denkern. Darüber hinaus lag er mir als Sprachakrobat. Seine provozierende Sprache klang frisch und unverfälscht und war scharf wie sein Denken.

Als Kind war ich zum ersten Mal auf Nietzsche aufmerksam geworden, als unser Dorfpfarrer in seinen Predigten Nietzsches angeblichen Atheismus kritisch ins Visier nahm und von der Kanzel aus lebhaft gegen ihn wetterte. Jahre später stieß ich dann in Zarathustra auf einige Leitsätze, die für mich zukunftsweisend sein sollten; vor allem auf die regulative Idee, der Mensch müsse sich ein Ziel setzen – und diese Zielsetzung führe hinauf zu neuen, höheren Werten. Nietzsche dachte anthropozentrisch und existentiell und wirkte aus diesem Ansatz heraus. Für marxistische Interpreten hingegen, die Nietzsche im Geiste der Lukacs-Thesen im Schnellphilosophiekurs kennen gelernt und wohl nie ein Primärwerk des Philosophen gelesen hatten, schon gar nicht in der Ursprache, war er lediglich der Vordenker des Faschismus, der apostrophierte Wegbereiter und geistige Vorvater des Nationalsozialismus. Die leicht missverständlichen Denkkategorien Nietzsches, der Wille zur Macht und der Übermensch, boten die Steigbügel zu dieser Sichtweise. Der Aspekt, dass der Atheist Nietzsche, den viele auch heute noch für den größten Christentumskritiker aller Zeiten halten, auch für Katholiken das rote Tuch überhaupt ist, kümmerte die Kommunisten nicht.

Zu jenem Zeitpunkt wusste ich allerdings noch nicht, dass der Basilisk vor meinen Augen als Untersuchungsrichter bereits andere Oppositionelle, die mir zum Teil persönlich bekannt waren, verhört hatte und dabei im Rahmen von anschließenden Hausdurchsuchungen auch auf ein Exemplar von Mein Kampf gestoßen war – mit der Folge, dass einigen Dichtern aus der Aktionsgruppe Banat der an sich absurde Vorwurf gemacht wurde, sie hätten faschistische Schriften in Umlauf gebracht. Das Thema Nietzsche – Hitler wurde diesmal nicht weiter vertieft. Stattdessen nahm das Verhör, das sich über einige Tage hinziehen sollte, eine andere Wendung. Ohne sich weiter mit meinen Anliegen zu beschäftigen, versuchte der Hagere, der ein fanatischer, von Ehrgeiz getriebener Pedant war und dessen Karriereleiter über konsequentes Hinaufprügeln bis zur Spitze des Temeschburger Geheimdienstes führen sollte, aus meinen Aussagen Beweise zu konstruieren, die den Bukarester Querkopf belasten konnten. Hier in Temeschburg sollte die von Bukarest vorgegebene Strategie zum Erfolg geführt werden, indem über verfängliche Aussagen und Zweideutigkeiten Gomas Akte weitere belastende Blätter beigefügt wurden, damit man im Falle einer anstehenden Gerichtsverhandlung nicht mit leeren Dossiers dastand.

In einer bohrenden Art, in die Tricks und Fallstricke so geschickt hinein gewoben wurden, dass sich jeder irgendwann einmal verfangen, widersprechen oder selbst belasten musste, wurde skrupellos versucht, mich zu negativen Aussagen gegen Goma zu bewegen. Wieder sollte ich ihm Absichten, Pläne und sonstige Sachen unterstellen, die rein fiktiv konstruiert waren und nur der Vorstellungswelt eines Geheimdienstlergehirns entstammen konnten. Auch sollte ich nach alter stalinistischer Vorgehensweise, einen Menschen belasten, dem ich noch nie begegnet war. Nur gut, dass dies nicht möglich war, ohne mich selbst zu belasten. Also sträubte ich mich schon aus Selbstschutzgründen und weigerte mich beharrlich, Unwahrheiten zu Protokoll zu geben.

Carl Gibson, 1980/81 in Rottweil zum Zeitpunkt der ILO-Klage

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