Der Alte – Aristokrat, Philanthrop und Mentor.Auszug 24, aus: Carl Gibson Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur. vor einer Stunde

Der Alte – Aristokrat, Philanthrop und Mentor

Der zweite Kopf unseres Musenkreises war der ganz anders geartete Professor Fenelon Sacerdoţeanu, ein Allgemeinarzt aus Costeşti in Vâlcea am Olt. Er war der ruhende Gegenpol zu Felix – und in vielem auch der charakterlich-existentielle Gegenentwurf zu ihm. Denn überall dort, wo Felix das Unruhige und Unvollendete verkörperte, stand die geordnete und in sich ruhende Substanz des Lebensweisen dagegen. Obwohl er bereits der Generation meiner Großväter angehörte, wirkte er frisch und geistig lebendig. Auch hatte er etwas von Mark Aurel, von Seneca und von Montaigne im Turm. Seele und Wesenheit schienen unerschütterlich – und er wirkte wie ein Seefahrer, der nach langer Odyssee den stillen Hafen gefunden hat. Weshalb das so war und weshalb er mir von Anfang an ein intuitiv erfühltes Vorbild war, darauf antwortete sein leidensreiches Leben.

Er entstammte einer alten und vornehmen Bojarenfamilie, die sich als Wohltäter den vielfachen Respekt und die Anerkennung der Menschen in der Region gesichert hatte. Bevor die überaus geehrte Familie Sacerdoţeanu in Ungnade verfiel und der Vergeltung revanchistischer Klassenkämpfer ausgeliefert wurde, nutzten die Sacerdoţeanus viel von den Erträgen ihrer ausgedehnten Ländereien in ganz Oltenien, um Gutes zu tun, das Los der Menschen vor Ort verbessernd. Sie bauten das in idyllischer Landschaft gelegene Costeşti aus, sie errichteten Kirchen, bauten Mineralbäder, legten Parks und Gärten an, stifteten alles der Gemeinde und sorgten dafür, dass die begabtesten Bauernkinder aus der Gegend auf gute Schulen geschickt und dort zu tüchtigen Führungskräften ausgebildet wurden, ohne sie später an sich zu binden. Dutzende Akademiker verdankten diesen Altruisten ihre Laufbahn. Gedankt wurde ihnen ihre christliche Nächstenliebe und ihr allgemein humanistisch-zivilisatorisches Wirken mit dem alten Weltenlohn, mit Verfolgung und Vergeltung, indem die Besitztümer nach der kommunistischen Machtergreifung eingezogen und die Einzelpersönlichkeiten der Familie für lange Jahre ins Gefängnis geworfen wurden – für das eine Vergehen, eine ungesunde Herkunft aufzuweisen. Diese so genannte ungesunde Abstammung und ihre spezielle Form, die ungesunde nationale Herkunft, die mich selbst noch indirekt betraf, reichten aus, um Abertausende dem Schafott zu überantworten. Beide Begriffe fielen oft in unseren Diskussionen. Doch die meisten Details der Ausführungen, denen ich damals als Heranwachsender nicht voll folgen konnte, sind dahin.

Wahrscheinlich ist Professor Fenelon Sacerdoţeanu als Repräsentant der Alten Ordnung, als authentischer Bojar, als Oberst und als königlicher Arzt zusammen mit dem Bruder, einem Militärstaatsanwalt, unmittelbar nach der kommunistischen Machtübernahme verhaftet, verurteilt und für lange Zeit eingesperrt worden. Die großen Besitztümer der Familie mit den Bädern im Ort fielen nach 1950 der Nationalisierung zum Opfer. Eine Internierung in diesen Jahren ist ebenso wahrscheinlich. Möglicherweise verbrachte er sogar mehr als zehn Jahre in schwerster Kerkerhaft, denn erst 1962 oder 1963 kam er wieder frei – und nahm seinen Wohnsitz, weit weg von Costeşti, im toleranten Temeschburg im Banat, wo uns das Leben zusammenführen sollte.

Obwohl zu Vogelfreien erklärt, wurden die Brüder Sacerdoţeanu – wie ich heute über Zeitzeugenaussagen im Internet herausfand – nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis nicht fallengelassen. Wohl wissend, was sie der Familie verdanken, nahmen die Menschen ihres Heimatortes sie mit großer Herzlichkeit auf und würdigten ihre Verdienste – bis auf wenige Neureiche nach dem Umsturz von 1989, die ihre Namen einfach übergingen. Soviel zu Ehre, Ruhm und Nachruhm.

Die Glanzzeit unseres Alten lag vor 1945. Während der Monarchie wirkte er lange Jahre im Umfeld von König Karl als Leibarzt der Geliebten Elena Lupescu und lehrte an der Universität von Bukarest. Als dann 1941 die Rumänische Armee auf Befehl Antonescus den Pruth überschritt und an der Seite der Deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion marschierte, nahm Doktor Sacerdoţeanu als Oberst an dem Feldzug teil. Vieles von den Erfahrungen des Russlandeinsatzes der Rumänischen Armee hatte Professor Fenelon, den wir im indirekten Gespräch oft nur den Doktor oder liebevoll den Alten nannten, in einem Manuskript in rumänischer Sprache niedergelegt. Aus diesen Schilderungen las er regelmäßig vor. Es waren fast tagebuchähnliche Beschreibungen des Vorstoßes aus der Sicht eines viel geforderten Arztes, eines späten Doktor Schiwago, ein Werk, mit heroischem Pathos verfasst, nicht selten im hohen, würdigenden Stil des Genus grande. Schon der Titel klang entsprechend: Rumänien – sich über die eigenen Grenzen ergießend.

In der Regel trug der Doktor, der mehr durch seine Persönlichkeit als durch Titelautorität wirkte, ein Kapitel vor, das er akribisch korrekt ausgearbeitet und fein säuberlich mit blauer Tinte in einem Schreibblock mit stabilen Deckeln niedergeschrieben hatte. Wir anderen, Felix, Erwin, Edgar und ich, hörten ihm, im Halbkreis sitzend, diszipliniert zu und erfuhren aus seinen minutiösen Beschreibungen zum ersten Mal etwas von der Steppe Nogai, vom Asowschen Meer und von den täglichen Herausforderungen, die die unzulänglich ausgerüstete und schlecht ausgebildete rumänische Armee auf ihrem Weg zur Krimhalbinsel zu bewältigen hatte – kurz, wir wurden mit Fakten und Interpretationen konfrontiert, die sonst in keinem Lehrbuch oder Nachschlagewerk zu finden gewesen wären, da um 1977 die offizielle Historiographie bereits gründliche Arbeit geleistet und die Geschichte der Rumänen seit den Dakern gründlich umgeschrieben hatte.

Was der Alte vortrug, atmete den Geist des europäischen Humanismus seit der Antike. Es ist mir nicht gelungen herauszufinden, ob der bekannte rumänische Historiograph Aurelian Sacerdoţeanu, Sohn des Pfarrers gleichen Namens, Autor mehrerer hundert Sachpublikationen im Bereich der Mediävistik, – und auch aus Costeşti stammend – ein Bruder oder sonst ein naher Verwandter unseres geistigen Mentors war. Bis 1953 leitete der Vorzeigehistoriker und Schüler Nicolae Iorgas das Nationalarchiv in Bukarest. Dann schweigt sein Curriculum längere Zeit. Vermutlich wurde auch er von Stalinisten verhaftet und aus der Wissenschaft entfernt.

Die 6. Armee, in der auch abertausende Volksdeutsche als rumänische Staatsbürger kämpften, bevor sie 1943 zum Teil und weitgehend unfreiwillig zur Waffen-SS eingezogen wurden, entrichtete einen sehr hohen Blutzoll. Obwohl schlecht ausgerüstet und kaum motorisiert, erreichten die Rumänen tapfer kämpfend Odessa im Süden und Stalingrad in der Mitte Russlands und erwarben sich damit den Respekt der deutschen Truppe und der Heeresleitung unter General Manstein.

Wir erfuhren darüber hinaus einiges über das Zusammenwirken der Rumänen mit der Wehrmacht, über eigene nationale Ambitionen des Antonescu-Regimes, über weltanschauliche Überlegungen, über menschliches Verhalten in Extremsituationen, nichts aber über Ausschreitungen, Pogrome und sonstige Gräueltaten, die in der Regel von nachrückenden Sicherheitstrupps verübt worden waren.

Nach der Lesung diskutierten wir über einzelne Aspekte der dargelegten Materie. Der Professor, ein elitärer und von Humanität durchdrungener Geist, war gleichzeitig ein überzeugter Großrumäne. Als gesunder Patriot vertrat er die Auffassung, das von der Sowjetunion im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs und mit dem Plazet Hitlers besetzte Bessarabien sei als alter Teil der Moldau integraler Bestandteil Rumäniens, völkisch wie territorial. Dieses auch heute noch überwiegend von Rumänen bevölkerte Bessarabien sei dann unter politischem Druck von der Sowjetunion willkürlich und völkerrechtswidrig annektiert worden. Deshalb erschien dem Alten, dessen Haltung manchmal an die Zugehörigkeit zur Kriegerkaste gemahnte, der Feldzug gegen die Sowjetunion moralisch gerechtfertigt und legitim. Sich selbst sah er als Befreier dieser Gebiete; und im Befreiungsakt erkannte er eine historische Mission der Rumänen. Der sowjetische Bolschewistenstaat – und in diesem Punkt war er ein Kind seiner Zeit –  war für ihn, den wahrhaftigen und aufrechten Rumänen, nicht nur der natürliche Feind seines Vaterlandes, der historisch gewachsene übermächtige Imperialistenstaat vor der Haustür im Osten, sondern auch der weltanschauliche Feind. Christenmensch und gottlose Sowjetkommunisten standen sich unversöhnlich gegenüber. Insofern wurde der Befreiungsfeldzug und zugleich selbstrettende Präventivschlag auch für die national denkenden und christlich fühlenden Rumänen zum Kreuzzug gegen das atheistische Heidentum, gegen Hammer und Sichel – und nicht mehr wie seit Jahrhunderten gegen den Halbmond. Dabei hatten erst vor einem halben Jahrhundert Rumänen und Russen Seite an Seite gegen die Türkenherrschaft gekämpft und die Osmanen bis zum Bosporus zurückgeschlagen. Mit der Bewährung schließlich an deutscher Seite wurden auch die Erwartungen an eine Rückerstattung der abgetrennten nordsiebenbürgischen Gebiete aufrechterhalten.

Marschall Antonescu, der das Bündnis mit Hitler nach eigener Überzeugung im nationalen Interesse herbeigeführt hatte, war für die gleichen Auffassungen von den Kommunisten nach deren Machtergreifung abgeurteilt und bald darauf hingerichtet worden, während heute der Präventivschlag gegen den Bolschewismus und gegen den Sowjetimperialismus erneut Anklang findet mit der Tendenz, den als Kriegsverbrecher verurteilten Antonescu vollständig zu rehabilitieren. Kein Wunder, dass der Alte mit seiner patriotischen Haltung im kommunistischen Nachkriegsrumänien, das ideologisch voll auf die offizielle Doktrin der Sowjetunion eingeschwenkt war, aneckte und provozierte. Was den Sacerdoţeanus als Träger und Repräsentanten der Alten Ordnung in kommunistischen Schauprozessen oder Geheimverhandlungen im Detail vorgeworfen wurde, sollte künftig gründlich erforscht werden – ihre vielen Wohltaten sprechen a priori gegen eine Schuld.

Die damalige Entscheidung Rumäniens, 1940 der Achse beizutreten und den Kreuzzug gegen den Bolschewismus an der Seite des Deutschen Reiches anzutreten, war eine äußerst schwierige – denn zwischen der Allianz mit einem roten oder einem braunen Diktator wählen zu müssen, kam der Wahl zwischen Pest und Cholera gleich. Zudem hatte Hitler, nachdem er sich mit Stalin auf die Aufteilung Polens geeinigt hatte, auch noch die Abtretung von Nordsiebenbürgen an Ungarn und von Bessarabien an die Sowjetunion gutgeheißen und akzeptiert und damit die Rumänen schwer gedemütigt.

Die Abdankung König Karls II, in dessen Umfeld sich unser Doktor als Leibarzt der Geliebten des Monarchen über Jahre bewegt hatte, ging auf den schmachvollen Prestigeverlust zurück und führte innenpolitisch zum Aufkommen der rechtsradikalen Eisernen Garde, einer extrem faschistischen Organisation, die nur noch durch den eher moderaten, aber mit diktatorischen Vollmachten regierenden Marschall Antonescu von der Machtergreifung abgehalten werden konnte.

Die Siegeszüge der Wehrmacht, die gerade dabei war, ganz Europa zu besetzen, dürften sich auch noch positiv auf ein Bündnis mit dem Deutschen Reich ausgewirkt haben. Primär waren es jedoch vorwiegend nationale Interessen, die auf eine Selbsterhaltung zwischen den Mühlsteinen der Großmächte Deutschland im Westen und der Sowjetunion im Osten hinzielten. Das gleiche nationale Interesse war es auch, das König Michael am 23. August 1944 veranlasste, mit Deutschland zu brechen, Antonescu, den loyalsten Verbündeten Hitlers, verhaften zu lassen, um dann auf Stalins Gnade zu hoffen.

Einige dieser Positionen waren mir damals neu. Denn bis dahin hatte ich mich nur mit dem völkerrechtlichen Unrecht beschäftigt, das mit der Zerschlagung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie im Rahmen des verhängnisvollen Versailler Vertrags einhergegangen war. Weite Teile Europas waren durch ihn verändert und destabilisiert worden, nicht zuletzt die winzige Scholle, auf der wir lebten, das Banat.

Die veränderte Geschichtsinterpretation des Alten, seine Deutungen einzelner Aspekte verbunden mit zahlreichen Detailschilderungen aus dem Kriegsverlauf erweiterten und vertieften mein historisches Wissen, meine sprachliche Ausdrucksmöglichkeit und die intellektuelle Argumentation in der mir immer noch nicht ganz vertrauten rumänischen Sprache. Indirekt erkannte ich aber auch, dass der Weg der Selbstbehauptung, den ich als Nachfahre zäher, dickköpfiger, doch konsequenter Siedler mit gesundem Patriotismus beschritt, im Prinzip ähnlich von unserer nationalen Minderheit durchgemacht wurde – und auf einer noch höheren Ebene von den Völkern der Rumänen, der Polen, Tschechen, Serben, die sich allesamt gegen die makropolitische Konstellation behaupten mussten: Mikrokosmos und Makrokosmos selbst im Politischen!

Wenn der Alte, der die Siebzig schon überschritten hatte, aber immer noch als starke, gefestigte Persönlichkeit auftrat, bei den politisch-historischen Gesprächen anwesend war, unterhielten wir uns in Rumänisch. Fehlte er in der Runde, sprachen wir deutsch. Oft kamen wir jedoch nur zusammen, um aktuelle politische Themen zu diskutieren, die unseren konkreten Alltag und das Zusammenleben im Sozialismus betrafen.

Die internationale Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, kurz KSZE, hatte mit dem von den westlichen Staaten durchgesetzten dritten Korb neue Weichenstellung ermöglicht – auch für uns. Dieser dritte Korb sah vor, dass alle Staaten die Respektierung der elementaren und universellen Menschenrechte gewährleisteten. Die Regierung Rumäniens unter Ceauşescu hatte diese Erklärung ratifiziert und sich demnach verpflichtet, sich an Wort und Geist der Abmachung zu halten und den Text der Erklärung im eigenen Land zu veröffentlichen. Das Veröffentlichen wurde noch eingehalten, das Respektieren der Bestimmungen hingegen weniger.

Wir hatten uns das kleine Büchlein, das nur in ganz geringer Auflage gedruckt worden war und kaum ausgelegt wurde, nach sozialistischer Art über Beziehungen besorgt und hüteten es seither wie einen Schatz. Neben der Verfassung des Staates und dem bürgerlichen wie strafrechtlichen Gesetzbuch bildete es für uns die Grundlage unserer oppositionellen Arbeit, die mehr und mehr die Züge geordneter Dissidenz annahm. Schließlich galt es, selbst auszuloten, wie weit man in der Konfrontation mit dem Staatsapparat gehen konnte und wie in bestimmten Situationen und vor allem im Verhör formaljuristisch argumentiert werden musste. Doch davon wussten die Leute auf den Lehrstühlen, die später behaupten sollten, so etwas wie geordnete Dissidenz und Opposition hätte es nie in Rumänien gegeben, nichts, nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst fern von Lumpenproletariern und wohlbehütet im Quartier des Frühlings ausgewachsen waren.

Dissidenz in fremder Sprache? Ein schwieriges Unterfangen, vor allem für mich mit kaum drei Jahren rumänischer Sprachpraxis. Mir fehlte noch die sprachliche Basis für eine differenziertere Ausdrucksweise, was auch dazu führte, dass ich nicht allen Inhalten bis ins letzte Detail folgen konnte.

Georg Weber am Klavier
Zentrale der KP in Temeschburg

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