Das Tribunal der Arbeiter. Auszug 21, aus: Carl Gibson Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur.

Das Tribunal der Arbeiter

Es war ein schöner Tag im Juni, als das Tribunal der Arbeiter einberufen wurde. Partei und Securitate hielten sich zurück. Das Atelier füllte sich mit Arbeitern. Anwesend waren fast nur Männer – und dies in einem Betrieb, der sechstausend Frauen beschäftigte. Das machte psychologisch Sinn. Vielleicht hatten mir die Gespräche doch ein paar Sympathien eingebracht? Dann nahm alles seinen stereotypen Lauf.

In einem langen proces verbal, einer Art Anklageschrift, wurden meine Verfehlungen aufgelistet. Es war ein Sündenregister, das zwei Jahrzehnte früher noch zum Blutgerüst geführt hätte, unter das Rasiermesser der Nation, zu Guillotine und Schafott. Doch es kam anders. Die Idee, eine abschreckende Inszenierung zu veranstalten, die potentielle Rebellen zurückschrecken sollte, erwies sich weder als besonders klug noch als politisch weitsichtig. Es war vielmehr ein Schuss in den Ofen, ein Bumerang, der unerwartet die Richtung änderte und, statt das Opfer zur Strecke zu bringen, am Schädel der Ideologen einschlug. Die Zeiten hatten sich inzwischen deutlich verändert. Unter den Arbeitern im Land rumorte es seit längerem unaufhörlich. Die großen Streiks und Protestaktionen im Schiltal, die nur mit besonderer Mühe erst vor Monaten niedergeschlagen werden konnten, waren ein Hinweis darauf, dass die Arbeiterschaft weder ganz verblödet, noch unendlich manipulierbar war. Vieles stimmte nicht mehr im Arbeitsleben. Die Akkordbedingungen ebenso wenig wie die Bezahlung und die Renten. Darüber hinaus gab es unzählige Arbeitslose, die in keiner Statistik auftauchten, die aber auch ihre Familien zu ernähren hatten. Das war der Nährboden, der später zur Gründung freier Gewerkschaften führen sollte, in Bukarest zunächst und dann in Danzig.

Aus dem schlecht vorbereiteten Schauprozess erwuchs ein Fiasko. Die anwesenden Direktoren, betrieblichen Parteisekretäre, Funktionäre und die Repräsentanten der Geheimpolizei mussten mit ansehen, wie das dilettantisch inszenierte Schmierentheater bereits nach einer Viertelstunde in sich zusammenbrach. Die Betriebsleiterin, deren Gnade ich meine Anwesenheit in der Fabrik verdankte und die ich nie persönlich zu Gesicht bekommen hatte, fehlte bei dieser Veranstaltung. Schließlich fiel etwas von dem Schatten des subversiven Elements, für dessen Präsenz im Betrieb sie eigentlich verantwortlich war, auch auf sie zurück. Vielleicht weilte sie gerade im Ausland.

Nach der einführenden öffentlichen Bloßstellung, die ein Vizedirektor, der mir ebenfalls noch nie begegnet war, vortragen durfte und anfänglicher Kritik bestimmter Marionetten aus dem Betrieb, die mir gleichfalls unbekannt waren, ergriffen einzelne Arbeiter aus der Werkstatt das Wort, redeten, argumentierten hin und her, so und anders, tadelten und lobten – doch irgendwann wagten sie es auch, die Stoßrichtung zu ändern und bald darauf: zu widersprechen. Die offizielle Sichtweise hatte sie nicht überzeugt. Dementsprechend schnell fanden sie zu eigenen Meinungen, Auffassungen, Anschauungen. Plötzlich ging die Saat der Partei, die über ihren Führer zu Kritik und Selbstkritik aufgerufen hatte, tatsächlich auf. Was das proletarische Auditorium dann zu hören bekam, passte nicht mehr allzu gut zur ideologischen Marschrichtung des neuen Menschen in der vielseitig entwickelten Gesellschaft. Die Realität holte die Propagandisten ein.

Die Solidarität mit dem Näheren war stärker – und wieder waren es ausschließlich Rumänen, die in die Diskussion eingriffen. Die Deutschen aus der Stadt und aus dem Umland sahen brav zu und folgten dem Meister, einem weiteren Deutschen, der mich tadeln musste, um seine Position zu wahren. Daraufhin machten weitere Arbeiter auf sich aufmerksam, die mich immerhin seit einigen Monaten konkret erlebt hatten – so wie ich war und meldeten sich ebenso zu Wort. Auch sie gingen gleich in die Offensive und trugen Argumentationen vor, die, langsam über meinen Fall hinausgehend, ins allgemein Gesellschaftliche tendierten. Sie sprachen Missstände an, eigene Angelegenheiten, die sie bedrückten; sie bekundeten ihren Unmut über uneingelöste Versprechungen und plädierten so mehrfach recht eindeutig für Positionen, die meinen im Vorfeld im Betrieb erhobenen und diskutierten Forderungen sehr nahekamen. Mit besonderer Genugtuung durfte ich nach eine Weile mit ansehen, wie bei der erneuten Aufforderung aus der Reihe der Parteivertreter, mein Arbeitsverhalten direkt zu kritisieren, ein rebellierendes Murmeln und Raunen durch die Menge ging, das die Veranstaltung langsam zum Kippen brachte – ganz in der Art, wie das spätere Aufbegehren der Massen auf dem Bukarester Heldenplatz, welches zum unmittelbaren Sturz des Diktators führen sollte. „Wir müssen jetzt zum Schluss kommen“, hörte ich einen aus der Gruppe der Geheimdienstler dem Vizedirektor zuflüstern. Der nickte zustimmend und blinzelte seinen Helfern zu. Dann machte er eine kurze ruckartige Handbewegung, die eine Zäsur markierte. Fertig. Aus. Die demonstrative Aburteilung im Schauprozess, die im Grunde nur eine verunglückte Posse und eine schlechte Parodie war, musste kurz nach dem eskalierenden Kritikausbruch forciert abgebrochen werden, bevor alles autodynamisch weiter gegangen und unkontrolliert entglitten wäre. Mich schoben sie aus dem Atelier zum Ausgang hin, denn ich sollte den Betrieb unmittelbar nach der Veranstaltung verlassen, für immer, ohne mit den Zurückgelassenen reden zu können.

Gerne hätte ich den leisen Triumph ausgekostet – und die Arbeiter hätten sicher noch Fragen gehabt … Doch der Genuss blieb mir versagt. Die Sicherheitsleute drängten mich durch die Pforte und schubsten mich dann, ohne auf die Stechuhr Rücksicht zu nehmen, unsanft zum großen Fabriktor hinaus – tatsächlich für immer! Am liebsten hätten sie mir in den Hintern getreten oder ganz nach ihrer gewohnten Art zugeschlagen, wenn die mir nachstarrenden Blicke der Arbeitskollegen mich nicht beschützt hätten. Schlagen in aller Öffentlichkeit – das ziemte sich doch nicht in einer sozialistischen Produktionseinheit, wo die Gefahr bestand, dass dutzende Frauen aus den Fenstern der höheren Stockwerke zusahen. Geschlagen wurden nur Prostituierte und sonstige Verbrecher – am liebsten hinter verschlossenen Türen.

Als ich Minuten später das Betriebsgelände verlassen hatte, überkam mich das Gefühl, dies sei ein endgültiger Abschied. Die Vorahnung sollte bestätigt werden. Mein Arbeiterdasein brach abrupt ab noch bevor es wirklich begonnen hatte. Nach dieser Blamage, die sensibleren Zeitgenossen zu erkennen gab, das die Zeit intellektueller Liberalisierung endgültig vorbei war und das Land doch noch in einer eigenen Kulturevolution maoistischer Art versinken werde, stand für mich nicht genau fest, wie es weitergehen sollte. Niemand informierte mich – ich hing in der Luft wie ein mit Helium gefüllter Ballon, den man höheren Sphären anvertraut. Wohin ging die Reise? Mir stand noch der gesetzlich definierte Urlaub zu. Hatte da nicht Theophil, der Hobbystaatsrechtler, immer wieder sein Sprüchlein zum Besten gegeben: In Rumennnien hat jeddder Arrrbeiter ein Recht auf Urrrlaub? Und ich war doch nicht entlassen? Oder? Außerdem brachen die Schulferien an. Eine gute Chance, irgendwo zu entspannen. Am besten ganz weit weg vom Alltag der Stadt und entfernt von den lauernden Blicken der Geheimpolizei! Irgendwo im Hochgebirge oder am Meer? Die Berge – das war Isolation, Abkehr, Resignation! Die See aber, das war unendliche Freiheit, Wechsel und Austausch, internationale Atmosphäre und Menschen. Meine Wahl fiel auf die Küste.

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