Am Pranger – oder: wie ein Schauprozess ins Wasser fiel. Auszug 19, aus: Carl Gibson Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur.

Am Pranger – oder: wie ein Schauprozess ins Wasser fiel

Meine Tätigkeit in der Trikotwarenfabrik 1. Juni in Temeschburg war zu keinem Zeitpunkt mit der Absicht verknüpft gewesen, einen der dort erlernbaren Berufe anzustreben, um später als Arbeiter in einer der Unternehmen vor Ort mein Dasein zu fristen. Es war vielmehr ein transitorischer Zustand, der nur dazu diente, die schulische Tätigkeit aufrecht zu erhalten, denn ein reguläres Arbeitsverhältnis war die Voraussetzung dazu.

Die Stelle in der Werkstatt hatte ich den guten Beziehungen meines Vaters zur Betriebsdirektorin zu verdanken, deren private Gartenanlagen er, wie im Sozialismus und auch sonst wo üblich, so nebenbei mitbetreute. Das war typischer Nepotismus wie zur Zeit des Borgia-Clans im Vatikan, nur mit sozialistischem Vorzeichen. Eigentliche Arbeit wurde mir nicht wirklich abverlangt. Nur anwesend sollte ich sein und so tun als ob ich arbeiten würde. Manch ein Arbeiter hatte das Als-Ob-Modell verinnerlicht und eine Lebensform daraus gezimmert. Man gab vor zu arbeiten, weil der Staat so tat, als ob er seine Werktätigen bezahlte. Wofür arbeiten, wenn doch nichts dabei herausspringt, sagten sich viele, ohne rechte Lust an der Gesellschaft des Lichts weiterbauen zu wollen. Die ausgehenden Lichter auf der Straße hielten die Menschen von Träumen fern.

In der Fabrik war mir ausreichend Zeit beschieden, anderen, die noch etwas motivierter ihren Tätigkeiten nachgingen, zuzusehen und mit einigen von den etwa drei Dutzend Beschäftigten in der Werkstatt des Betriebs ausgiebig zu diskutieren. Gelegentlich streifte ich auch durch die großräumigen Betriebshallen, wo hunderte Webstühle aufgebaut waren und unterhielt mich dort mit den zum Teil noch recht jungen Weberinnen aus dem Landesinneren. Das Themenspektrum der Gespräche war so breit gefächert wie meine Kommunikationspartner unterschiedlich waren. Der Tenor meinerseits war, nichts anders als in der Schule, gesellschaftskritisch provokant, gelegentlich gar destruktiv. Im Sog der Berichterstattungen von Radio Freies Europa, denen ich mehr vertraute als den mir öffentlich zugänglichen Medien, hatte mich eine Art Negativismus erfasst, der mir nahezu alles, was mit den innenpolitischen Entwicklungen im Land zusammenhing, skeptisch und pessimistisch erscheinen ließ, auch ohne die weltanschaulichen Untermauerungen von Schopenhauer und Nietzsche, deren Werke ich damals eifrig las. Mental war ich polarisiert und kaum in der Lage, bestimmte Realitäten objektiv zu sehen. Alles, was von der rechthaberischen Partei- und Staatsführung ausging, erschien mir suspekt und verlogen, während das, was von außen stammte, auch wenn es, objektiv betrachte, sogar von Polemik, Häme und Hetze geprägt war, mir glaubwürdig und gültig vorkam.

Der selbstherrliche Staat, der mich bisher vielfach enttäuscht hatte und fortfuhr, mir alle positiven Ansätze und Illusionen zu rauben, hatte in meinen Augen jeden Kredit verspielt. Meine Blicke richteten sich nur noch nach Westen. In Rumänien selbst erschien mir jede Perspektive verbaut, weil ohne Heuchelei und Katzbuckelei nichts zu erreichen war. So fixiert und festgelegt, setzte ich am Abend im Unterricht, wenn sich die Gelegenheit bot, die polemische Auseinandersetzung fort, wohl wissend, das alles beobachtet, protokolliert und an den Sicherheitsdienst weiter geleitet wurde, von wem auch immer. Als notorischer Querulant spekulierte ich darauf, dass man sich eines Tages dieses Brunnenvergifters und offensichtlichen Nestbeschmutzers durch Abschiebung in den Westen entledigen werde – und hoffte, dies werde bald geschehen, denn eine Einberufung zum Militär wollte ich auf keinen Fall riskieren. Wehrdienst – das bedeutete Untergang, klangloses, anonymes Verschwinden aus dem Leben, die Trivialisierung der Existenz überhaupt! Zumindest nach meinem Empfinden.

Mir waren Fälle bekannt, selbst aus unserem beschaulichen Sackelhausen, wo junge Leute im Sarg aus dem Militärdienst verabschiedet worden waren. Ähnliches sollte um jeden Preis vermieden werden, selbst auf die Gefahr hin, als Dissident im Gefängnis zu landen. Dahinter stand die Überzeugung, der Staat, den ich zunehmend nur noch als repressiven Apparat wahrnahm, werde meine offensichtliche Liquidierung im Gefängnis eher vermeiden als einen möglichen Unfall beim Militär, da ich aufgrund vielfältiger Kontakte in den Westen bis hin zu den Vereinten Nationen ausreichend bekannt und damit bis zu einem gewissen Grad unangreifbar zu sein glaubte. Das war eine halbe Illusion. Die Zwischenfälle und provozierten Unglückssituationen während des regulären Militärdienstes hingegen konnten plausibler als Unfall deklariert werden, ohne dass es Möglichkeiten einer Überprüfung gegeben hätte. Das Individuum in der sozialistischen Diktatur war immer und überall der staatlichen Willkür ausgeliefert; darüber hinaus ohnmächtig und ohne juristische oder sonstige Möglichkeiten, gegen die Organe des Staates, seinen Sicherheitsdienst oder seine Pseudogerichte vorzugehen. Es war nicht anders als in den Machtsystemen des Nationalsozialismus oder des Sowjetkommunismus seit Stalin.

Im Betrieb war einiges von dem, was ich damals unternahm, sicher nicht richtig. Eines Tages, als mir die Langeweile arg zu schaffen machte und die Stunden überhaupt nicht mehr vergehen wollten, näherte ich mich einem Arbeiter, der gerade konzentriert an der Drehbank seinem Werk nachging, um ihn etwas zu foppen. Das heiße Fett quoll aus seinen langen, pechschwarzen Haaren und über die schwarzbraun verbrannte Haut rollten Schweißperlen hinab und saugten sich in seinem blauen Overall fest, den er auf dem nackten Körper trug.

„Jiwo“, redete ich ihn phlegmatisch an, „weißt du, wer Schopenhauer war?“

Jiwo hob den Blick und schaute mich durchdringend an. Mit der Verächtlichkeit, die Diogenes seinerzeit an den Tag legte, als er den damals mächtigsten Mann der Welt, Alexander von Mazedonien, aufforderte, er möge ihm aus der Sonne gehen, erwiderte er nur knapp: „Das schert mich einen Scheißdreck!“

Da war ich platt und konsterniert oder, wie man dort zusagen pflegte: perplex. Meine Überheblichkeit und die Lust, alles gering zu schätzen, was ungeistig war, hatten einen echten Dämpfer erhalten. Nicht jeder teilte meine Werte oder meine Weltauffassung. Das war eine Lektion, die saß und die sich tief in mein Gedächtnis einätzte.

Während meiner einjährigen Beschäftigungszeit in der Trikotwarenfabrik wurde ich mehrfach und von verschiedenen Seiten aus ermahnt, die politischen Diskussionen mit anderen Mitarbeitern einzustellen, verbunden mit der Warnung, ein weiteres Agitieren könne und werde Konsequenzen haben. Zunächst ignorierte ich die wohlgemeinten Einschüchterungsversuche und fuhr fort, die Menschen aufzuklären.

Das ging so lange gut, bis jener berühmte Tropfen das Fass zum Überlaufen brachte. Als ich die Warnung der Securitate, nicht weiter öffentlich über die den Solidarisierungsappell Gomas zu debattieren, in den Wind schlug und weiterhin mit Arbeitern über zivilen Ungehorsam und Bürgerprotest plauderte, griff der Bluthund der Staatsmacht ein. Die erste wirkliche Menschenrechtsbewegung im Land durfte nicht weiter ein Thema sein. Sie sollte aus der Welt geschafft werden, indem sie totgeschwiegen wurde, um so ein erneutes Aufflackern des nahezu erstickten Aufbäumens zu verhindern. Nicht zuletzt hatte der gerade erst verrauschte Minenarbeiterstreik im Schiltal verdeutlicht, wie schnell spontaner Aufruhr zu einem Flächenbrand politischer Dimension führen kann.

Betriebsleitung, Partei und Securitate beschlossen auf höherer Ebene, mich unverzüglich aus dem Betrieb zu entfernen. Doch vorerst sollten mir, wie ich so nebenbei in letzter Minute erfuhr, öffentlich die Leviten gelesen werden. Es hieß, bald werde ich mich vor der gesamten Arbeiterschaft des Betriebs für mein agitatorisches Treiben rechtfertigen müssen. Der Pranger werde bereits errichtet. Unter hinter dem Pranger ein Galgen?

Was kam da wieder auf mich zu? Eine Show? Billige Lynchjustiz wie im Wilden Westen? Eine Auslieferung an den aufgehetzten Mob? Da ich es nicht wissen konnte, versuchte ich gelassen zu bleiben, so gelassen wie ein Pferdedieb, der weiß, dass er beim nächsten Morgenrot aufgeknüpft wird.

Um das vermutlich aufkommende Gerede zu zerstreuen, fassten Mitglieder der Betriebsleitung und einige Repräsentanten des regionalen Staatsicherheitsdienstes den Entschluss, nach erprobtem stalinistischen Muster eine Art Volkstribunal einzuberufen, im Rahmen dessen die Arbeiter selbst in demokratischer Entscheidung meine Entfernung aus dem Betrieb fordern und durchsetzen sollten – ganz wie zur Zeit des grande terreur in Paris, als die früheren Ideale der Revolution sich in ihr Gegenteil verkehrten und sich gegen ihre Väter richteten; und ähnlich dem Volksgerichtshof der Nationalsozialisten unter Freisler oder der bolschewistischen Schauprozesse, wie man sie zur Genüge aus der Geschichte der Sowjetunion, Chinas und anderer Diktaturen kennt.

Zunächst sollte ich, der Feind des Volkes und der Arbeiterklasse, umfassend kritisiert, moralisch verurteilt und anschließend, ganz im Einklang mit den Prinzipien einer sozialistischen Ethik, unwürdig aus der sozialistischen Produktionseinheit gejagt werden. Das Ganze, aus welchem mancher Voyeur bereits ein kleines Widerstandsepos konstruiert hätte, um in beispielloser Selbstmythisierung den eigenen Oppositionsbeitrag zu dokumentieren, entwickelte sich zu einer größeren Groteske dramatischer Art, auf deren Detailschilderung fast verzichtet werden kann.

Ein halbes Dutzend Sicherheitsleute sowie Vertreter der lokalen kommunistischen Partei und ebenso viele Führungskräfte des Unternehmens traten an, um einen jugendlichen Rebellen öffentlich an den Pranger zu stellen – nicht viel anders als im Mittelalter zur Zeit der Hexenverfolgungen, nur vor ein Inquisitionstribunal der Arbeiter, die allerdings keine Fragen zu stellen, sondern nur vergebene Verurteilungen auszusprechen hatten. Zaungäste dieser demaskierenden Maskerade waren auch einige Deutschstämmige aus Temeschburg und ein paar Landsleute aus den Banater Ortschaften Jahrmarkt und Blumental. Sie alle waren im Bilde und wussten, welche Posse auf dem Plan stand. Zu meiner Überraschung fehlten die Erzprotagonisten aus dem Terrarium, Pele und Köppe, die doch eigentlich für meine Verfehlungen zuständig waren. Waren sie etwa erkrankt? Oder gab es Dringlicheres zu erledigen als dieses Varieté?

Zweck der Veranstaltung war natürlich die Machtdemonstration des handlungsfähigen Staates verbunden mit der massiven Einschüchterung seiner Bürger. Potentielle Ketzer unter den Proletariern sollten begreifen, dass es immer noch die Partei- und Staatsführung war, die vorgab, wie man als Individuum einer sozialistischen Gesellschaft zu leben und zu arbeiten hatte, wo Kritik angesagt war oder nur Autokritik. Die Partei, die Partei, hatte noch immer Recht – und wer an ihrer Weisheit zweifelte, wurde totgeschlagen. So offenbarte sich der Wille zur Macht der Kommunisten bis tief in die Gegenwart von Berlin bis Wladiwostok.

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