Schönheit und Vergänglichkeit, Auszug 10, aus: Carl Gibson Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur.

 

Schönheit und Vergänglichkeit

 

Am nächsten Morgen nahm ich mir etwas Zeit und frühstückte gemächlich in einem Straßencafé. Es gab Café au lait mit einem Buttercroissant, ganz so, wie ich es aus Frankreich kannte. Nach diesem klassischen Morgenauftakt, der eher Appetit erzeugt, als den Hunger zu stillen, begab ich mich in die City von Genf und durchstreifte vergnügt ihre Gassen.

Genf war nicht viel größer als Freiburg, mein späterer Studienort, nur vornehmer strukturiert und auf das Weltgeschehen ausgerichtet – eine Metropole in Kleinformat. Nachdem ich einiges von den Sehenswürdigkeiten der Innenstadt gesehen hatte, wollte ich wieder weg von der Zivilisation, von der lauten Hektik der Stadt mit ihren geschäftigen Menschen. Als Herr meiner Zeit und meiner Entscheidungen zog es mich zurück in die Natur, ins Grüne, in eine jener dort häufig anzutreffenden, kleinen Parkanlagen, um für ein halbes Stündchen zu rasten.

Ein Farbenmeer breitete sich vor mir aus und manche mir fremde Blume als Kontrast zum satten Grün des Rasens im Hintergrund, und dahinter, alles überlagernd, eine geordnete Welt von Rosen. Von den vielen Tausend Hybriden, die weltweit existierten, manche in England, im Land meiner Vorväter kultiviert, waren einige auch hier vertreten – weiße und rote Rosen, die mich an die Rosen im Elternhaus und an den Rosengarten in Temeschburg erinnerten. Mit der Erinnerung schlichen sich auch alte Stimmungen ein, Reminiszenzen der Wehmut und der Sehnsucht, die mir bewusst machten, dass ich eigentlich ein Exilierter war, ein Odysseus auf Wanderschaft, fern der Heimat und längst nicht auf Rosen gebettet; dafür aber in einer fremden Stadt – ubi bene, ibi patria? War das so? Die Stadt war schön. Doch daheim war ich nicht, auch nicht als Weltbürger, als Kosmopolit.

In die Betrachtung der Rosen vertieft, aus denen Leben und Liebe, Schönheit und Reinheit sprechen, verfiel ich für Augenblicke der Abstraktion, sah über den Reiz der Farben hinweg, über die Pracht der Vielfalt, über den Wechsel der Gestalt und über die Verlockungen des Duftes, der sich über den Pflanzen verbreitete und eine eigene Atmosphäre schuf. Sehen konnte ich nur die eine Rose. Und in ihr – wie einst Platon – die Idee des Schönen, die ich kaum losgelöst von Natur und Poesie erfassen wollte. In der Rose, die auch Stacheln hatte, war alle Schönheit in sublimster Form vereint. Musik aus der Erinnerung erklang in meinem Ohr – eine alte Weise, wehmütig gesungen wie aus der Kehle eines Troubadours … A rose will bloom …und dann folgte ein neue Melodie aus dem gerade erst gedrehten Spielfilm Die Rose, deren lebensphilosophischer Text mich tief berührt hatte. Der Ohrwurm nahm mich gefangen und führte auf die Pfade romantischer Dichtung zu Lenau hin und zu den Sonetten Platens, wo viel über Schönheit und Sterben nachsinniert wird: Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, Ist dem Tode schon anheim gegeben, Wird für keinen Dienst auf Erden taugen, Und doch wird er vor dem Tode beben, Wer die Schönheit angeschaut mit Augen! Der Feingeist August Graf von Platen, von Heine verspottet und als Homoerotiker denunziert und stigmatisiert, hatte die Verse wohl in Italien gedichtet, möglicherweise in den Gärten der Medici? Zweitausend Jahre nach Platons Gedankengängen. Unter Michelangelos Plastiken und Leonardos Gemälde vielleicht, an der Quelle des Schönen? Hier in Genf wirkten sie fort und riefen auch in meinem Bewusstsein vieles von dem wach, was das wahre Menschsein ausmacht. Neben der Ethik ist es vor allem der weite Bereich des Ästhetischen in allen Formen der Kunst. Die Rose vor meinem geistigen Auge verwies darauf. Als ich so selbstvergessen dahin schlenderte, wie das lyrische Ich in einem Goetheschen Blümleingedicht, ohne Sinn und Zweck, schossen mir die unterschiedlichsten Gedanken durch die Gehirnwindungen. Weshalb verharrst du nicht im Schönen, im Reich der Künste, fragte ich mich. Was zieht dich sensiblen Geist in die Niederungen der Politik?

War sie ein Irrweg oder eine Notwendigkeit, eine Pflicht? Und durfte ich mich ihr aus egoistischen Antrieben einfach entziehen? Wo begannen Bürgerpflicht und Weltbürgerpflicht? Und wo endete die Verantwortung für Umwelt und Welt? In der Nähe eines Springbrunnens entdeckte ich eine freie Bank, ging darauf zu und setzte mich nieder. Wieder kam die Poesie zurück. Der Kopf war voll davon – wie bei den frühen Dadaisten, bei Tzara mit seinem – tête pleine de poésie – und bei den eruptiven Expressionisten der Jahrhundertwende, wie bei Aragon, Picasso, Cocteau – und bei Paul Eluard, der ein Gedicht auf die Freiheit gemacht hatte, ein berühmtes Gedicht! In der Gefängniszelle war es mir immer wieder durch den Kopf geschossen … Liberté … J’ecris ton nom …

Die ganze Welt war eigentlich eine Welt der Poesie. Gleiche Beobachtungen führen nicht nur zu ähnlichen logischen Schlüssen, sondern auch zu tiefen Empfindungen bis hinein ins Symbolische, ja selbst ins Archetypische und Mythische; zum Heiligen und wieder zurück in die Welt des Profanen. Alles war ein Geben und ein Nehmen, ein Spenden und ein Schenken aus der Überfülle heraus. Das Auf und Ab der Fontänen führte fast zwanghaft zu Conrad Ferdinand Meyer, zu jenem hochdepressiven Ästheten aus der Familie der Melancholiker, der dem Geist der Renaissance so nah auf der Spur war wie sein schweizerischer Landsmann Jakob Burckhardt; dann unweigerlich zu dem reisenden Poeten Rilke. Beide, Meyer und Rilke, hatten den Brunnen besungen und mein Element – das Wasser, das strömt und schwindet, aus dem alles emporsteigt und vergeht. Das Geben und Spenden ihrer Brunnen, Quellen und Fontänen drang rauschend in mein Ohr und deutete auf den ewigen Kreislauf des Wassers hin als ein ergreifendes Sinnbild des Werdens und Vergehens alles Zeitlichen.

Um mich – ein Meer der Farben; der Locus amoenus des Ufers noch einmal als freudige Wiederkunft des Gleichen. Nietzsche saß vielleicht auch einmal hier auf seiner Wanderschaft durch die Schweiz, neben Meyer und Burckhardt und Rilke, bevor es sie alle nach Florenz zog in andere Gärten und zu anderen Fontänen? Die Farbenwelt der Impressionisten und Expressionisten vermischte sich. Das Grün in allen Nuancen, vom milden Lindgrün bis ins fetter grünende Olivgrün der mediterranen Welt, durchdrang sich mit dem vielfältigen Blau des Wassers, das Licht einfing und anderes Licht preisgab in allen Variationen des Regenbogens. Das Wechselspiel faszinierte als ewige Wiederkehr, aber auch als ein Fingerzeig der Gottheit auf die Vergänglichkeit aller Dinge, die jedem Neuwerden vorausgeht. Die verborgene Künstlerseele erbebte. Dabei steigerte sich die sanfte Wehmut unmerklich zu ernster Melancholie. Resignative Gedanken schlichen sich ein in die Welt der Schönheit, der immer auch die Vergänglichkeit innewohnt. Dass alles Schöne muss vergehen/ und auch das Herrlichste verwehen, die Klage stets auf Erden klingt, klagte Lenau im Motto seiner freien Albigenserdichtungen, die vom Niedergang der blühenden Provence künden. Gerne folgte ich ihm. Wer sich in eine Stimmung begibt, wird ihr Opfer und verfällt ihr. Doch mein Anflug von Trauer hatte diesmal auch andere Gründe.

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
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