Politiker-Los – Ministerpräsident? Präsident? Senator! Auszug 6, aus: Carl Gibson Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur.

Politiker-Los – Ministerpräsident? Präsident? Senator!

Ferner war ein früherer Parteifreund Ganeas präsent, Radu Câmpeanu. Der im Exil ergraute, immer noch gutaussehende Politiker trat mit sicherem, ja staatsmännischem Habitus auf, was darauf hindeutete, dass er sich seiner Stellung in der zersplitterten und zerstritten Exillandschaft der Rumänen im Westen bewusst war. Er entsprach in großen Zügen dem klassischen Politiker-Typus wie ihn ein Max Weber definiert hatte – denn er verfügte über Charisma und Augenmaß.

„Wenn sich die Dinge in Rumänien normal entwickelt hätten, dann wäre ich heute vielleicht der legitime Ministerpräsident meines Vaterlandes“, sagte er mir so ganz nebenbei in einem Begleitgespräch.

Rumänien hatte kaum zwanzig Jahre Erfahrung mit der Demokratie. Etwas von dieser Zeit hatte Câmpeanu noch aktiv miterlebt – unter der Ägide des damaligen Ministerpräsidenten Brătianu, der gleichzeitig Chef der Liberalen war. Câmpeanu war seinerzeit Vorsitzender des Jugendverbandes der freiheitlichen Partei und hatte gute Chancen aufzusteigen. Doch dann folgten innerhalb von nur sieben bis acht Jahren vier Diktaturen, drei rechte und eine linke, die für die Zeit eines halben Jahrhunderts das Ende der bürgerlichen Parteien, der Demokratie und der Freiheit in allen Formen einläuteten.

Mit Brătianu, Maniu und allen anderen Repräsentanten der bürgerlichen Elite, die nach 1945 in stalinistischen Gefängnissen systematisch ausgerottet wurde, geriet auch Câmpeanu in das Räderwerk der Vernichtungsmaschine. Er verbüßte um die zehn Jahre in Gefängnissen und konnte sich erst Anfang der siebziger Jahre nach Paris absetzen. Câmpeanu strahlte Zuversicht aus und glaubte daran, dass die politischen Verhältnisse sich in ferner Zukunft ändern könnten. Er war bereit, politische Verantwortung zu übernehmen, falls die Zeiten es erfordern sollten. Die Chance, auf die er lange gewartet hatte, bot sich noch – allerdings kam sie erst spät, 1989, nach dem Sturz des Diktators. Heute wissen wir, dass Câmpeanu sich treu geblieben war und konsequent weiter agierte, als der Staus quo zu wanken begann. Gleich nach dem Sturz Ceauşescus wurde er seiner selbst auferlegten Rolle gerecht und kehrte als Chef der neu gegründeten Nationalliberalen Partei Rumäniens in das Bukarester Parlament zurück. Im Gegensatz zu vielen Intellektuellen im westlichen Exil, die keine Rückkehr in ihr Vaterland anstrebten, gehörte Câmpeanu zu den wenigen Mutigen, die bereit waren, konkret vor Ort zu agieren, um die Altkommunisten aus der Gefolgschaft Ceauşescus von der Macht abzulösen. Bei der ersten freien Wahl nach dem Sturz des Diktators trat er als Spitzenkandidat des bürgerlichen Lagers gegen Ion Iliescu an und somit gegen einen so genannten Wendehals stalinistischer Provenienz, der es geschafft hatte, aus dem Schatten Ceauşescus herauszutreten.

Câmpeanu kam, sah und verlor – aber er schlug sich beachtlich und erhielt 1,5 Millionen Stimmen, was einem Prozentsatz von etwas mehr als zehn Prozent der Gesamtstimmen entsprach. Da er als westlich ausgerichteter Liberaler auch die Stimmen vieler Ungarn im Land erhielt, war einer Diskreditierungskampagne Tür und Tor geöffnet. Der weitere Kandidat des antikommunistischen Lagers, der von London aus agierende Geschäftsmann und Exilpolitiker Ion Raţiu, erreichte im Namen der von ihm angeführten Christlich Demokratischen Bauernpartei nur 4,3 Prozent der Stimmen.

Doch Wahlsiegerin wurde die so genannte Front der Nationalen Rettung unter dem wendigen Altstalinisten Ion Iliescu – und somit eine immer noch weitgehend undemokratische Nachfolgepartei der Kommunisten, die sich vorwiegend aus scheinbar geläuterten ehemaligen Würdenträgern und Funktionären des Ceauşescu-Apparates zusammensetzte.

Iliescu selbst, der nunmehr Rumäniens Geschicke für weitere sieben Jahre in den Händen halten und die Demokratisierung des Landes aufhalten sollte, war zwar als innerparteilicher Dissident schon früher auf Distanz zu Ceauşescu gegangen und war deshalb entsprechend geschnitten worden. Doch vom Stalinismus losgesagt oder befreit hatte er sich kaum. Da er, der Apparatschik stalinistischer Nomenklatur von Ana Paukers Gnaden, zeitweise nach Temeschburg verbannt worden war, als führendes Parteiorgan natürlich, kam ich gelegentlich mit Mitgliedern seines Clans in Berührung, die als ausgelassene, ja narrenfreie Jugendliche meine dortige Heimstätte, die alte Bastei, bevölkerten.

Radu Câmpeanu wurde hauptsächlich von Nichtrumänen aus dem Lager der nationalen Minderheiten im Land gewählt, von jenen, die Iliescu ihre Stimme grundsätzlich verweigerten. Bei den Rumänen selbst fand der leicht zu diffamierende Kandidat aus dem Westen keinen rechten Anklang. Angeblich wurde ihm vorgeworfen, er hätte in der Zeit vor der Revolution, in den bitteren Jahren des Hungerns und der Not ohne ausreichend Trinkwasser und elektrische Energie, keine Sojasalami essen müssen. Paris, das klang in den Ohren ausgehungerter Rumänen mehr nach seligmachendem Mekka. Und Câmpeanu weilte in Paris – unter welchen Bedingungen er dort lebte, das interessierte keinen wirklich.

Außerdem war die Zeit der Wahlvorbereitung und des Wahlkampfs viel zu kurz, um einer abgestumpften Bevölkerung nach 45 Jahren Kommunismus politische Botschaften und Standpunkte zu vermitteln. Darüber hinaus waren die Rumänen, nach einem halben Jahrhundert in Unfreiheit, von der neu gewonnenen Freiheit so berauscht, dass sie mit dem hohen Wert kaum etwas anzufangen wussten. Sie hatten sich an die Unterdrückung der Kommunisten gewöhnt, an das Leben im Käfig, ganz so wie sie sich an die mehrhundertjährige Türkenherrschaft gewöhnt hatten. Der Umgang mit der neu gewonnenen Freiheit war deshalb genauso problematisch wie der Umgang mit selbständigem Denken, der freien Entscheidung in demokratischer Wahl nach Jahrzehnten geistiger Unfreiheit und permanenter Gängelung durch den Staat in allen Lebensbereichen. Das Syndrom vieler Bürger der DDR, nach der Wiedervereinigung nicht mit der freien Entscheidung klar zu kommen, bestimmte die Menschen überall im kommunistischen Machtbereich nach dem Umbruch bis hin nach Wladiwostok.

Wen sollten die Rumänen wählen? Den Kandidaten der Front zu Nationalen Rettung, der eine nicht durchschaute Farce auf den Bildschirmen inszeniert hatte und der einen nationalen Aufstand, der immerhin etwa tausend Tote gefordert hatte, für sich geschickt zu nutzen wusste? Den Retter, der der Freiheit mit den Knüppeln hergekarrter Minenarbeiter auf die Sprünge verhalf? Oder den Vaterlandsverräter, der sein Land feige verlassen hatte, um von Westen aus, anderen Interessen zu dienen? Einen Besserwisser, der die Bindung zum Vaterland längst schon verloren hatte?

Ungeachtet der Niederlage resignierte Câmpeanu nicht. Er blieb in seinem Land und machte weiter. In der künftigen Zentrale der Macht, wo, anders als in Polen und in der Tschechoslowakei, keiner der früheren Oppositionellen und Dissidenten eine gestaltende Wirkungsmöglichkeit erhalten sollte, avancierte er zwar nicht bis zum Regierungschef; doch er brachte es immerhin bis zum Senator – was nicht ganz so beeindruckend ist wie es klingt, da Ceauşescus langjährige Lobhudler, allen voran Adrian Păunescu und Vadim Tudor, auch als Senatoren im Parlament sitzen; Tudor gar als Chef der rechtsradikalen Großrumänienpartei. Die wenigen Intellektuellen im Land wie der Dichter Mircea Dinescu oder die Dichterin Ana Blandiana, denen während den Tagen der Revolution, die von einigen als ein von langer Hand geplanter Putsch der Funktionäre angesehen wird, eine unfreiwillige Feigenblattfunktion zukam, wurden rasch in den Hintergrund gedrängt. Während Walesa, Havel, Goncz und Landsbergis zu Staats- oder Regierungschefs avancierten, blieben die rumänischen Dissidenten und Oppositionellen politisch bedeutungslos.

Doch von diesen noch nicht absehbaren Entwicklungen, die noch fast ein Jahrzehnt ausblieben, ahnte ich im Genf des Jahres 1981 noch nichts. Weitere Exilpersönlichkeiten waren teils eingeflogen, teils mit Bahn und Auto angereist; unter ihnen der Pharmaunternehmer Michel Korné aus dem Pariser Vorort St. Cloud, der dem rumänischen Bürgertum entstammte und, ähnlich wie Raţiu in London, einen Teil seines Geldes in oppositionspolitische Leidenschaften investierte; mein Brieffreund, der ehemalige Architekt Drăgoescu aus Bukarest, der jetzt zurückgezogen in Biel lebte und Ikonen malte; ein Rechtsdozent aus Paris, ein elitärer Liberaler aus der Sippe des früheren Ministerpräsidenten Brătianu, den ich später auch als freundlichen Gastgeber in Paris schätzen lernte, und schließlich ein promovierter Chemiker als Repräsentant der demokratisch orientierten Rumänen in Deutschland aus der Frankfurter Gegend, der zufällig auch auf den archaischen Namen Ion reagierte.

Es war Ion Solacolu, ein Publizist aus der Frankfurter Gegend, ein vornehmer Charakter und Menschenfreund, der in Deutschland mit viel Engagement und Eigeninitiative den Demokratischen Kreis der Rumänen in der Bundesrepublik koordinierte und die politische Exilzeitschrift Dialog auf eigene Kosten heraus gab. Ion Solacolu war in all den Jahren des Exils ein unermüdlich engagierter, konzilianter Philanthrop; ein einfühlsamer Mann des Austauschs und der Versöhnung, der sich für das Gespräch zwischen Rumänen, Deutschen und Juden einsetzte. Über Jahre hinweg unterstützte ich ihn bei der Ausführung seiner Mission als Autor und als Zeitzeuge im Rahmen mehrerer Interviews zur geistigen Situation im Land und im Exil, die er in seinem Blatt veröffentlichte. Parallel dazu edierte er in den Literaturbeilagen seiner Zeitschrift Dialog zahlreiche unveröffentlichte Manuskripte von Ion Caraion und später auch von Paul Goma, Werke, die zum Teil erstmals in der Sprache gedruckt wurden, in welcher sie verfasst worden waren; ferner Beiträge von deutschen Autoren und Übersetzern, die in Rumänien zur Welt gekommen waren. Unter anderem Beiträge von Wolf von Aichelburg, Dieter Schlesak und auch ein paar Essays und Gedichte aus meiner Feder. Auch Ion Solacolu, dem die postkommunistischen Rumänen sein demokratisches Engagement wohl nie gedankt haben, dessen publizistisches Wirken inzwischen aber gewürdigt wird – nicht zuletzt in dem Band Rumänische Schriftsteller im Exil 1945 – 1989, den Eva Behring, eine auf dieses Gebiet spezialisierte Wissenschaftlerin aus der ehemaligen DDR, jetzt frei verfassen konnte, war ein entschiedener Befürworter der anzustrebenden Klage. Ihm war mehr als anderen bewusst, dass der Weg der freien Gewerkschaftsthematik in die internationale Öffentlichkeit in Rumänien bedrohte Leben retten konnte.

In diesem illustren Kreis wichtiger und noch wichtigerer Personen, die altersmäßig teils der Generation meiner Großväter zugerechnet werden konnten, war ich mit meinen zweiundzwanzig Jahren zwar der Jüngste, gleichzeitig aber ein essentielles Bindeglied in der Kette, das einiges zusammenhielt. Etwas unbescheiden genoss ich diesen Aspekt, der mir für die noch anstehenden Aufgaben Flügel verlieh und mich entsprechend motivierte. Damals merkte ich aber auch, wie die eigene Individualität zugunsten einer höheren Zielsetzung zurücktrat. Darüber hinaus war ich, rein ethnisch betrachtet, der einzige Nichtrumäne in der Runde, was dem Ganzen eine etwas kuriose, ja exotische Note verlieh. Aber schließlich hatte ich gelernt, nahezu zwanzig Jahre als Exot zu überleben.

In der Sache selbst, das zeigte die ausführliche Erörterung der Materie später mit Monsieur Robert von der Confederation, bestand weitgehend Konsens. Alle anwesenden Zeitzeugen sagten ihre weitere Mitwirkung zu, selbst Wladimir, der Sozialdemokrat, der gern alles ganz anders organisiert hätte, in der Hoffnung, die völkerrechtliche Klage der UNO werde das kommunistische Regime in Bukarest für seine Willkür voll zur Rechenschaft ziehen. Wenn es, wie schon bald öffentlich in der Presse angekündigt, dazu kommen sollte, dann war das eine große Sache, bedeutend auch für die nationale Identität und geistige Integrität der Rumänen als Nation. Menschen- und Bürgerrechtsverletzungen, wie sie bisher in Bukarest praktiziert worden waren, sollten unter den Augen der UNO künftig nicht mehr möglich sein. Das war ein Signal an die Regierungen anderer Ostblockstaaten und an die Adresse Moskaus. Ein Triumph der Moral deutete sich an, fern von ideologischen Rivalitäten im Kalten Krieg – und ich war mittendrin, immer noch als Handelnder und Gestalter. Dass die angestrebte Aktion noch mehr bewirken konnte, dass sie ein Machtsystem mit destabilisieren und letztendlich zum Zusammenbruch des gesamten Ostblocks beitragen könnte, daran wagte kaum jemand zu denken.

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