Hitlers Paradigma – Antisemitismus und Hetze, Auszug 12, aus: Carl Gibson Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur.

Hitlers Paradigma – Antisemitismus und Hetze

Etwas konsterniert hatte ich die Texte entgegengenommen und einige oberflächliche Blicke darauf geworfen. Ihr Geist, das war gleich zu erkennen, entsprach etwa den Biertischparolen, die ich so ganz nebenbei in den Diskussionen vernommen hatte. Sprachlos, ohne in der Lage zu sein, irgendeinen Kommentar abzugeben, hatte ich mich dann zurückgezogen. Es war ein Affront – und irgendwo fühlte ich mich brüskiert und missbraucht. So etwas hatte ich nicht erwartet, nicht hier in Genf, an der Schlagader der Freiheit!

Nun saß ich auf einer grün gestrichenen Holzbank und hielt das offensichtliche Machwerk in zittrigen Händen. Was sollte ich damit anfangen? Während des Frühstücks im Cafe hatte ich es nochmals durchgeblättert und weitere Passagen gelesen. Jetzt sah ich noch genauer hin, las erneut und reflektierte… Es war ein offensichtliches Pamphlet gegen Juden, konstruiert und boshaft, das irgendwo im Russland des späten 19. Jahrhunderts von obskuren Gestalten zusammenkompiliert worden war, um den aufkommenden Liberalismus beim Zaren zu diskreditieren. Die Schmähschrift gegen die Freiheit war so verfasst, als hätte der anonyme Autor eine Geheimsitzung führender Rabbiner belauscht. Erregung überkam mich, als ich in den sonderbaren Protokollen, von deren Existenz ich schon früher gerüchteweise gehört hatte, weiterlas. Es war offensichtlich ein Werk gezielter Hetze, das ich in den Fingern hielt. Erstaunt und irritiert zugleich sah ich alles wieder durch, las dies, las jenes, ohne rechte Lust und ohne rechten Zugang. Eine abstruse These jagte die andere, fern von jeder Logik und jeder inneren Schlüssigkeit. Die Zeilen richteten sich eindeutig an einfache Menschen mit einem naiven, unkritischen Bewusstsein, an vorrevolutionäre Parteigänger im zaristischen Russland, die für Weltverschwörungstheorien so zugänglich waren, wie sie an die Macht des Leibhaftigen glaubten. Es war eine Doktrin, gedacht für empfängliche Ohren. Geglaubt werden sollte nur das, was dort zu lesen war, doch nicht durchdacht. Weshalb sollte nun auch ich den perversen Gedanken krankhafter Gehirne folgen, die für sehr schlichte Gemüter gestrickt waren? Die Fiktionen mit den zahlreichen Unterstellungen dienten eindeutig der Verführung. Das war die reinste Verleumdung vom Mitmenschen! Und das alles noch an diesem heilen Ort, hier in der neutralen Schweiz, im Herzen der offenen Weltstadt Genf, wo der eine oder andere orthodoxe Chassidim ahnungslos an mir vorüber ging? In der Schweiz fühlten sich die Juden noch sicher. Doch waren sie es wirklich?

Die Schmähschrift, die ich gerade erst aus den Händen biedermännischer Brandstifter erhalten hatte, sprach dagegen. Andere Erschütterungen der Seele kamen auf, jenseits jeder Ästhetik. Hetze, ganz egal gegen wen auch immer gerichtet, ist an sich immer krankhaft und falsch. Denn sie sät nur Hass und schafft nur Feindschaft. Trotzdem zwang ich mich dazu, das Pamphlet nicht gleich wegzuwerfen, sondern noch einiges davon intensiver zu studieren, um klarer zu sehen.

Wer einst kritisch in Mein Kampf las, konnte klar erkennen, wem er als Wähler in der Person Hitlers zur politischen Macht verhalf. Also vergewaltigte ich mich selbst und las ich mit Verwunderung, noch mehr mit Abscheu und mit den Bauchschmerzen, die mir später noch andere Hetzliteratur aus unscheinbarem Umfeld verursachen sollte. Einiges erschien mir enigmatisch konfus und verworren wie die Prophezeiungen des Nostradamus, anderes wirkte nur aufgesetzt plump und schlechthin dumm. Wer wollte diese abstrusen Androhungen von Terror und andere ähnliche Behauptungen für bare Münze nehmen? Wer wollte ihnen Glauben schenken? Leute, die nur zusätzliche Argumente für eigene Rassentheorien suchten, Leute wie Hitler?

Er, der Menschheitsverbrecher, hatte es tatsächlich getan! Langsam wurde mir bewusst, was ich vor den Augen hatte: einen Klassiker des Antisemitismus! Ein konstruiertes Pamphlet, das direkt zum Antisemiten Hitler führte. Hitler hatte dieses Machwerk nicht nur gekannt, sondern sogar verschlungen, bevor er die dort exponierten Thesen in Mein Kampf auf seine Weise umsetzte.

Hitler hielt die Protokolle der Weisen von Zion für authentisch. Er glaubte an eine jüdische Weltverschwörung und an die Essenz der Hetzschrift, alles Übel der Welt komme von den Juden. Der bekannte preußische Historiker Heinrich von Treitschke hatte es bereits auf den Punkt gebracht: Die Juden sind unser Unglück! Und Goebbels und andere Nationalsozialisten hatten es im Geist des Führers global ausgeweitet: Die Juden sind an allem schuld!

Der gesamte abendländische Antisemitismus, vom Gottesmördervorwurf, über den Brunnenvergiftervorwurf bis hin zum weltanschaulichen Vernichtungskrieg im Osten und zur Shoa, erschien mir in diesen wenigen Worten zusammengefasst. Die alten Parolen der Nationalsozialisten stiegen in mir auf – Hetztiraden, die der Führer selbst und zwei seiner loyalsten Paladine, Goebbels und Himmler, immer wieder in die Welt gesetzt hatten als Zündstoff für einen Weltenbrand, der auf Deutschland und die Deutschen in aller Welt zurückfallen sollte – auch auf mich.

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