Erzengel Michael und die Protokolle der Weisen von Zion, Auszug 11, aus: Carl Gibson Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur.

Erzengel Michael und die Protokolle der Weisen von Zion

 

Nicht alles, was ich am Vorabend hören musste, hatte mich begeistert. Eine Exilgesellschaft ist pluralistisch und bunt. Sie wird von verschiedensten Individuen getragen, die charakterlich sehr unterschiedlich sein können. Dementsprechend divergieren auch ihre politischen Ansichten, Meinungen und Überzeugungen. In der Runde hatte ich manches Gescheite vernommen; aber auch viel Rückwärtsgewandtes, Zynisches, ja selbst Antisemitisches war zu meinen Ohren gedrungen. Dabei merkte ich wieder, wie schwer es eigentlich war, Menschen für eine bestimmte Idee zu begeistern und hinter eine Sache zu scharen. Jeder bringt sich mit ein in eine solche Runde, so wie er ist. La Bruyère wusste davon und La Rochefoucauld.

Es war viel über die jüngste Geschichte gesprochen worden, über König Michael, der sich zeitweise hier im Genfer Exil selbst als Börsenmakler über Wasser halten musste, und über Staatschef Antonescu, der seinerzeit autokratisch, ja diktatorisch regiert hatte; der, um Hitler zu gefallen, die vier Jahre währende Allianz der rumänischen Truppen mit der Wehrmacht herbeigeführt hatte. Inzwischen ist er zur Hälfte rehabilitiert worden – und König Michael lebt auch wieder in Bukarest, als Privatmann. Einige aus der Runde verehrten Marschall Antonescu über den Weltkrieg hinaus und sahen in ihm schon damals einen wahrhaftigen Patrioten, einen Befreier des Vaterlandes, der aus dem Antrieb handelte, Rumänien in einem Präventivschlag gegen den Sowjetimperialismus zu schützen.

Am Vorabend war auch über den Umsturz nach der Entlassung Antonescus durch den König gesprochen worden; über den so genannten königlichen Putsch; über Ereignisse, die heute schon wieder heroisiert werden. Auch über den damit zusammenhängenden Abfall Rumäniens vom Deutschen Reich; über die Machtergreifung der Kommunisten und Stalinisten – somit über historische Begebenheiten von besonderer Tragweite, die ich in meiner Jugend weitgehend nur aus der willkürlich verfälschten Perspektive marxistischer Geschichtsinterpretation kannte. Nach den wechselvollen Eindrücken am Vorabend fühlte ich mich nun kaum in der Lage, die Materie kritisch zu bewerten. Gleichzeitig stiegen destruktive Gedanken in mir hoch. Von bestimmten Positionen einzelner Gesprächsteilnehmer relativ enttäuscht fragte ich mich, ob die am Vortag erlebten Menschen überhaupt zuverlässig und integer waren; oder ob sie nicht gar obskuren Tätigkeiten nachgingen.

Einige der bürgerlich wirkenden Teilnehmer erschienen mir weltanschaulich ultrakonservativ und stark rechtslastig. Gelegentlich hatte ich den Eindruck gewonnen, gerade die Biedermänner aus dem Kreis stünden der faschistisch ausgerichteten Eisernen Garde von Câpitan Codreanu immer noch geistig nahe. Die schon tot geglaubte Legion des Erzengels Michael war also noch am Leben und quicklebendig? Die Faschistenorganisation, ein ultraradikaler, religiös motivierter und rassistischer Zusammenschluss, dem Ku-Klux-Klan nicht unähnlich und ihr militanter Arm, die Eiserne Garde, fühlten sich wohl immer noch berufen, den Griff zur Weltherrschaft durch angebliche Zionisten verhindern zu müssen? Ein Mitgefangener, der die faschistische Diktatur in Rumänien nach der Abdankung König Karls noch selbst erlebte, hatte mir einiges aus jener Zeit geschildert. Mit schwacher Stimme hatte er mir die Hymne ins Ohr gesungen, die Codreanu gewidmet war, dem Capitan und die seinerzeit von Pfadfindern und Schülern gesungen werden musste.

Auch Ion Caraion, der expressionistische Dichter und Essayist, der seit einiger Zeit ein Steinwurf weiter, in Lausanne lebte, hatte mir von den Braunen berichtet und davon, wie er als Linksintellektueller von diesen Leuten gejagt und als Sympathisant der Kommunisten auf eine Todesliste gesetzt worden war. Und jetzt? Einer der Teilnehmer, ein dürres Männchen mit Hakennase, öltriefendem schwarzem Haar und einem schmalen Oberlippenbärtchen, eine Gestalt mit einer Physiognomie, die an einen sizilianischen Gangster erinnerte, war am Vorabend an mich heran getreten und hatte mir geheimnistuerisch ein paar schlecht gebundene Photokopien in die Hand gedrückt, die er für einen Schatz, ja für eine Offenbarung hielt. „Liebling“, hatte mir der Schmierige vertrauensvoll zugeflüstert in einer Art, wie ein Verschwörer zum anderen spricht, wenn er ihm ein großes Geheimnis anvertraut: „Hier habe ich etwas ganz Besonderes für dich! Die Protokolle der Weisen von Zion! In französischer Sprache, sub rosa, versteht sich. Es gibt kaum Übersetzungen davon! Auch sind nur wenige Exemplare davon im Umlauf! Studiere diese Schrift mit ganzer Aufmerksamkeit, damit auch dir bewusst wird, wer in der Welt das eigentliche Sagen hat.“

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