Die Fontänen von Genf – oder: Im Zweifel für die Freiheit!  Auszug 9, aus: Carl Gibson Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur.

Die Fontänen von Genf – oder: Im Zweifel für die Freiheit!

Am Spätnachmittag, nachdem der Bericht vorerst beendet war, nutzte ich dann die verbliebenen zeitlichen Freiräume, um Genf zu erwandern. Schließlich wollte ich mehr von der Stadt sehen, die mich so sehr an Bukarest erinnerte, von der schönen Stadt am See, wo zwei so unterschiedliche Charaktere wie Jean-Jacques Rousseau und Francois-Marie Arouet, weltbekannt geworden als Voltaire, jeweils auf ihre Weise die geistige Schlacht für die Freiheit geschlagen hatten. Ungeachtet des scharfen Kontrastes schätzte ich beide – und beide Idealisten schenkten mir viel. Calvin, der strenge Determinist, der die gleiche Freiheit nur begrenzt, ja in Fesseln gelegt hatte, indem er dem Menschen die Vorzüge absprach, einen freien Willen zu besitzen, für Freiheit einzutreten und sie umzusetzen, interessierte mich weniger. Irgendwo in der Altstadt hatten ihm seine Anhänger ein Denkmal gesetzt. Doch in meinen Augen war der puritanische Reformator eher ein Despot, ein radikalisierter Savonarola, der den Menschen nur als Werkzeug Gottes sah, im Prinzip nicht viel anders als die Atheisten der Neuzeit nach der Oktoberrevolution, als die ideologisierten Marxisten im Ostblock mit ihrer ebenfalls deterministischen Vorstellung, der Mensch sei eigentlich unfrei; er agiere und reagiere nicht anders als über den konditionierten Reflex – gleich einem Hund, dem man den abgenagten Knochen zuwirft oder wie ein Tanzbär, dem mit glühenden Eisen die einzelnen Dressurbefehle eingeätzt wurden, um sie später auf Kommando wieder abzurufen: der Mensch als Tanzbär mit einem Ring in der Nase, an welchem ein dogmatischer Ideologe zieht! Welch eine Vorstellung!

Zunächst konzentrierte ich mich auf das moderne Genf, bevor ich mich den Strukturen der Altstadt mit ihrer wechselvollen Geschichte zuwandte. Auch das neue Genf vor mir hatte seinen Reiz. Vieles, was aus dem fahrenden Auto an mir vorüber gehuscht war, konnte ich jetzt genauer betrachten und vertiefen. Am Palais des Nations spürte ich große Lust, erneut hinein zu gehen und an die Tür des Hochkommissars für Flüchtlinge zu klopfen. Möglicherweise konnte er doch mehr für die zurückgebliebenen Verfolgten bewirken als die Hilfsorganisation amnesty international, die mich in London ziemlich enttäuscht hatte? Doch nach einigen Überlegungen verdrängte ich den Gedanken wieder, da mir ein klares Konzept für weitere Bemühungen fehlte und promenierte weiter zum Seeufer hin. Hier irgendwo, nicht weit von der Uferpromenade, war Sissi erdolcht worden, die melancholische Kaiserin von Österreich, die oft und gern hierher gereist war, bevor sich ihr Schicksal vollendete. Während ich in die Weite des stillen Sees hinaussah, blieb mein Blick an dem künstlichen Wasserstrahl hängen, der die gesamte Kulisse bestimmte, an dem mächtigen Jet d’ Eau am Pier, der, einem Geysir gleich, gewaltig in das Blau des Himmel schoss – ein Sinnbild für etwas, was zu höheren Sphären strebt, für die Hoffnung vielleicht oder die Freiheit …Ein schönes Schauspiel!

Am Ufer angekommen vergaß ich die Menschen um mich herum und gab mich, die Augen immer noch in die Ferne gerichtet, der stillen Betrachtung hin. Vom Genius des Ortes ergriffen, sah ich eine Weile auf den See hinaus, in dessen ruhenden Fluten sich die Sonne spiegelte. Ein Meer von Silber breitete sich aus, eine Welt von Licht. Wie ein Landschaftsmaler in harmonischer Natur, saß ich inmitten eines Stilllebens – nunc stans, großer Mittag auch für mich.

Die Sonne stand hoch im Zenit! Was war mit mir? Stieg mein Stern noch oder fiel er bereits? Eine Art mystische Entrückung kam auf und eine sonderbare Sehnsucht nach einem Aufgehen im Ewigen. Die weißen Fähren und die vielen kleinen festgemachten Boote im Hafen verwiesen auf die Unendlichkeit eines fernen Ozeans, wohin das Wasser seine Zuflucht nahm. Hinter mir türmten sich, schweigsam in Schatten gehüllt, die Alpen auf. Die Rhone kam durch ein breites Tal herab, walzte sich ihre Bahn und floss unmerklich an mir vorbei durch den See, quer durch das Juragebirge, bis hinab in ein ausgedehntes, seichtes Delta am Mittelmeer. Das Dahinfließen dieses drittgrößten europäischen Stromes, an dessen Gletscherquelle ich später einmal stehen sollte, faszinierte mich noch mehr als die unergründliche Tiefe des Alpensees. Schließlich war ich doch ein Fisch, ein Freund der Elemente, der schon mehrfach dem Lauf dieses Stromes bis zur Mündung gefolgt war, bis in die Provence und nach Arles hin, in die alte Römerstadt, wo Vincent malte, und darüber hinaus bis zum stillen Ergießen in der sumpfigen Camargue. Ja, ich war ein Fisch im Wasser, der die Geborgenheit der Tiefe suchte und gleichzeitig die Unruhe des Gegen-den-Strom-Schwimmens!

Konnte man als Fisch auch mit dem Strom schwimmen? Auch in der Donau? Um dann irgendwann im fernen Rumänien ein anders Delta zu erleben – und, nach langer Reise, im großen Ozean der unendlichen Freiheit aufzugehen? Sonderbare Gedanken, an den bevorstehenden Aufgaben entzündet, zwischen Vergangenheit und Zukunft oszillierend, mischten sich in die Reflexion und beendeten die abschweifende Träumerei. Die Harmonien im Innenohr verklangen.

Den Abend verbrachte ich mit Ion und anderen im Genfer Exil lebenden Rumänen im Haus eines politisch Interessierten, der zum Essen geladen hatte. Zunächst wurde getafelt. Ganz der schweizerischen Küche entsprechend, die ich bereits in Zürich schätzen gelernt hatte, solide mit mehreren Gängen, auf beachtlichem Niveau. Der französische Einfluss war nicht zu verkennen. Es gab Jakobsmuscheln mit Chablis, Filetspitzen á la Stroganoff mit einem Tropfen aus Chateauneuf du Pape und überbackenen Ziegenkäse als Dessert. Anschließend gingen wir bei Cognac und Zigarren zu Gesprächen über.

In der Männerrunde wurde viel diskutiert – mit romanischer Leidenschaft. Man sprach zunächst recht allgemein über politische und makropolitische Entwicklungen und über die Möglichkeiten, wieder demokratische Strukturen in den Staaten des Ostblocks durchzusetzen. Die Solidarnosc-Bewegung hatte neue Hoffnungen geweckt. Der Grundton blieb trotzdem skeptisch, denn aus Rumänien kamen keine erfreulichen Nachrichten. Und auch die humanitären Bestrebungen der Charta 77 unter Vaclav Havel, dem späteren Präsidenten Tschechiens, und anderen ehemaligen Dissidenten wie Cestimir Suchy, dem Fensterputzer, waren im Sand verlaufen. Was aus der vor unseren Augen abrollenden revolutionären Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc in Polen unter Arbeiterführer Lech Walesa noch werden sollte, war ebenso ungewiss. Doch die baldige Verhängung des Kriegsrechts erwartete keiner.

Während die von uns gebildete Abordnung der Freien Gewerkschaft rumänischer Werktätiger im Westen inzwischen alle Hebel in Bewegung setzte, um über die ILO das Regime Ceauşescus formaljuristisch wie moralisch zur Rechenschaft zu ziehen und zur Raison zu rufen, war General Jaruzelski in Polen bereits im Begriff, die Verhängung des Kriegsrecht vorzubereiten und die Arbeiterbewegung, der inzwischen zehn Millionen Polen angehörten, zu verbieten und damit endgültig abzuwürgen. Parallel zu den Klageaktivitäten hatte ich als designierter SLOMR-Sprecher ein Solidarisierungsschreiben an die Solidarität unter Walesa aufgesetzt, in dem ich den rebellierenden Werktätigen Polens ihm Namen unserer inzwischen unterdrückten freien Gewerkschaftsbewegung mehr Erfolg wünschte, als uns beschieden war und diesen Brief der Post anvertraut. Den Rückschein des Einschreibens durfte ich leider nie in den Händen halten. Vermutlich ging er in den Notstandsmaßnahmen unter, in den Wirren des Kriegsrechts, das einige Monate darauf von den Militärs über Polen verhängt werden sollte.

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