Das SLOMR-Unterstützungskomitee, Auszug 5, aus: Carl Gibson Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur.

Das SLOMR-Unterstützungskomitee

           

Nach dem Gespräch bei der ILO war vereinbart worden, möglichst viele Repräsentanten des rumänischen Exils am Runden Tisch zu versammeln. Als Tagungsort bot Monsieur Robert die Geschäftsräume der Confederation in Genf an. Da die Zeit drängte, sollte das Treffen bereits eine Woche später stattfinden. Und tatsächlich. Schon wenige Tage darauf waren die exilierten Oppositionellen, deren Aussagen und Bezeugungen der gesamten Angelegenheit eine breitere demokratische Legitimation geben sollte, bei der CMT versammelt. Die meisten aus dem bunten Haufen mehr oder weniger freiwillig im Westen lebender Intellektueller aller Couleur kamen aus Paris, wo viele ihrer Heimat beraubten Rumänen ihr geistiges Zuhause gefunden hatten. Exilierte Geister von Weltformat hatten dabei die Vorarbeit geleistet. Neben dem Dramatiker Ionesco lebten der radikalskeptische Philosoph Émile Cioran und der Mythenexperte Mircea Eliade in Paris. Die Drei waren Studienkollegen in Bukarest und kannten sich bereits in der Vorkriegszeit. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie und der Antonescu-Diktatur hatten sie aus unterschiedlichen Gründen das Land verlassen und mit ihrer Geste eine ganze Flut weniger bekannter Intellektueller in das europäische Geisteszentrum gelotst.

Einige aus der Reihe der politisch aktiven Köpfe der Rumänen saßen nun an einem Tisch und bildeten für kurze Zeit das Unterstützungskomitee der inzwischen unterdrückten Gewerkschaft SLOMR, ein demokratisches Forum, das der angestrengten Klage noch mehr Substanz geben sollte. Allesamt hatten sie ihre individuellen Erfahrungen mit dem totalitären System ihres Heimatlandes gemacht – und was sie zu berichten wussten, hatte Gewicht. Schon die Tatsache, dass es gelungen war, diese aufgrund früherer politischer Überzeugungen auch im Exil noch heillos zerstrittenen Einzelkämpfer in einer Runde zu vereinen, um für eine höhere Sache einzutreten, war ein Erfolg. Wie es schien, konnten sie über ihren Schatten springen, wenn die Zeiten es erforderten. Und sie waren auch fähig, den eigenen Ehrgeiz zugunsten der Sache des Vaterlandes und der Menschenrechte zurückzustellen. Das war nicht immer so gewesen.

Vor Ort vertreten waren frühere leitende Repräsentanten der großen bürgerlichen Parteien aus den demokratischen Jahren 1919 – 1938, deren Führer während der Zeit des Stalinismus im berüchtigten Gefängnis von Sighet allesamt den Tod fanden. Die Folterstätte ist heute ein Mahnmal, ein Ort der Begegnung, der Forschung und der Vergangenheitsbewältigung. Während der kurzen Begegnung in Genf ergab sich kaum die Möglichkeit, die Einzelpersönlichkeiten näher kennen zu lernen und mich mit ihren komplexen Biographien und jeweiligen Leidensgeschichten vertraut zu machen. Doch mir genügte das, was Ganea mir kurz an persönlichen Meilensteinen skizziert hatte. Die meisten der Teilnehmer hatten als politisch Verfolgte die Gefängnisse Rumäniens von innen erlebt.

Da war zunächst der Historiker aus Leidenschaft Cicerone Ioniţoiu, ein ehemaliges Mitglied der Bauernpartei. Er hatte angeblich noch mit ihrem legendären Führer, dem aufgeklärten Staatsmann Iuliu Maniu, zusammengearbeitet. Die direkte Intervention von Frankreichs Präsident Valery Giscard d’ Estaing bei Staatschef Ceauşescu hatte ihm die Ausreise nach Frankreich ermöglicht, nachdem er lange Jahre seines Lebens in kommunistischen Gefängnissen zugebracht hatte. Ein von ihm verfasstes, mehrbändiges Mammutwerk unter dem Titel Gräber ohne Kreuz unternimmt den Versuch, viele tausend Namen von Personen aufzulisten, die in den Jahren des Stalinismus in rumänischen Vernichtungslagern und während der Deportation ihr Leben einbüßten. Einige seiner Fleißarbeiten sind heute über das Internet frei zugänglich. Er galt als ausgewiesener Wissenschaftler und guter Kenner der politischen Situation im Land. Das Faktische verlieh seinen Aussagen entsprechendes Gewicht, auch wenn seine exaltierte und eigenwillige Persönlichkeit mich gelegentlich stutzig machte.

Eher penetrant auffällig präsentierte sich ein anderer durchgeistigter Kopf, ein ideologiebetonter Sozialdemokrat, der nur von sich und den eigenen Thesen überzeugt zu sein schien, gleich dem Radikalskeptiker Cioran, der an allem zweifelt und nur das zweifelnde Selbst gelten lässt. Sein Rufname war Wladimir – und sein Hobby schien die sozialdemokratische Vereinsmeierei zu sein, ein anachronistisches Getue, welches das demokratische Wirken anderer Rumänen im Westen eher behinderte als förderte. Ihm verdanke ich den Kontakt zu dem Publizisten Ion Raţiu aus London, in dessen Blatt ich über SLOMR berichtete. Ion Raţiu trat in der ersten freien Wahl nach der Revolution gegen den Altstalinisten Ion Iliescu an – und verlor.

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