Carl Gibson: Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur. Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen – Online-Fassung, Stand 2008, – Prolog: Bei der UNO in Genf, Weiße Rosen, Auszug 1.

Carl Gibson: Symphonie der Freiheit Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur. Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen – Online-Fassung, Stand 2008,

 

Vorbemerkung: Nachdem eine zweite Auflage dieses Auflärungswerks zur rumänischen und europäischen Geschichte bisher aus Zeitgründen nicht angegangen werden konnte und das seit Jahren vergriffene Werk, aus dem die Nobelpreisträgerin Herta Müller in zynischer Weise abgeschrieben hat, für viele Leser nicht erreichbar ist – Spekulanten fordern seit Jahren für ein Exemplar über 300 Euro – habe ich mich entschlossen, das Werk vollständig online zu veröffentlichen, damit die historischen Fakten die Menschen weltweit und auch die Forschung erreichen.

Also lege ich mein Zeugnis für meine Freunde und Leser vor.

Carl Gibson

Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen

Widmung:

 Meinen Töchtern Melanie und Julia

Prolog: Bei der UNO in Genf

            Frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht. Präambel der Schweizer Verfassung

Weiße Rosen

Es war im März 1981, kurz nach meinem zweiundzwanzigsten Geburtstag, als ich in Genf ankam. An den Bahnhof der Stadt kann ich mich heute nur noch vage erinnern. Als Wanderer zwischen den Welten, als interkultureller Emissär, habe ich in all den Jahren manche Bahnhöfe erlebt, gewaltige und kleine, historische und profane, architektonisch herausgeputzte und verkommene, freundlich heitere und trostlos trübsinnige, so viele, dass mein Gedächtnis sie nicht mehr genau auseinander halten kann. Ein Bahnhof hat oft mehr von Abschied als von Willkommen und ist manchmal verknüpft mit Fahrten und unfreiwilligen Transporten ins Ungewisse, mit Trauer und Melancholie. Aber ein Bahnhof kann auch eine Stätte der Begegnung sein, ein bewegter Ort menschlicher Zusammenkünfte und ein guter Platz, um nachsinnend dem bunten Treiben zu folgen. Menschen strömen dort auf und ab, und Züge fahren hin und her. An Bahnhöfen ist alles im Fluss, selbst das Denken.

Bevor ich auf den brieflich vereinbarten Treffpunkt zusteuerte, wo mein Gastgeber bestimmt schon meiner harrte, ging ich wie gewöhnlich in den ersten Blumenladen der Vorhalle, um einen Strauß zu besorgen. So hatte ich es bisher immer gehalten, wenn ich Besuche abstattete und wusste, dass eine Dame das Haus führt. Blumen öffnen das Herz und machen Menschen empfänglich.

„Was darf es sein, mein Herr?“ fragte die junge Fleuristin.

„Rosen“ erwiderte ich wie einer, der weiß, was er will. „Fünf weiße Rosen, bitte!“ Die Frau sah mich etwas erstaunt an. Weiße Rosen wurden wohl nicht oft verlangt. Dann brachte sie mir fünf kräftige Rosen, eierschalenweiß mit einer leichten Tendenz ins Grünliche. Als ich sie entgegennahm, verspürte ich etwas von dem süßlichen Duft, den sie verströmten. Ja, diese Rosen dufteten noch. Sie sahen makellos aus und wirkten so frisch, als wären sie kaum erst geschnitten worden. Noch einmal sog ich genüsslich den milden Duft ein, bezahlte, bedankte mich und ging dann zum Treffpunkt am Hauptausgang.

Ein Gentleman im vornehmen Wintermantel wartete dort leicht nervös herumtänzelnd. War das Ion? Ion Ganea, der Liberale aus Bukarest? Wahrscheinlich! Der Herr war von mittlerer Statur, hatte schwarzgraue Haare und ein markant romanisches Gesicht mit ernstem Ausdruck. Die eingefallenen Wangen hatten etwas Asketisches und verwiesen auf geistige Prioritäten im Leben. Inzwischen hatte mich Ion erspäht und eilte mir entgegen. Dann umarmte er mich spontan auf französische Art und mit einer Herzlichkeit, die nur Menschen zusteht, die man seit längerer Zeit gut kennt. Kannten wir uns den wirklich? Unser Gedankenaustausch über Menschenrechtsfragen und bürgerliche Opposition im totalitären Rumänien bestand seit Monaten. Wir hatten mehrfach lange miteinander telefoniert, waren uns aber noch nie begegnet. Nach einigen belanglosen Begrüßungsfloskeln chauffierte er mich die Stadt hinunter. Die Dämmerung wich bereits dem Dunkel der Nacht, als Ion die City passierte. Mir bot sich ein gewaltiges Panorama: Glaspaläste, repräsentative Bauten, Brunnen, Fontänen, von Parks umgebene Villen der Superreichen. Alles war in strahlendes Licht getaucht und verlieh dem Ganzen etwas märchenhaft Romantisches. Der erste Eindruck war gewaltig. Die scheinbare Irrealität der Illumination faszinierte mich wie die poetisch entrückte Märchenwelt eines Algabal und lenkte mich für Momente von der Realität ab.

„Plagen dich noch Alpträume in der Nacht?“ erkundigte sich Ion aufrichtig besorgt, sicher annehmend, jeder ehemalige politische Häftling schleppe noch die Hölle mit sich herum, die er erlebt hatte. Leicht verwundert verneinte ich. Jener Alpdruck kam erst später auf.

Nach einer Viertelstunde erreichten wir Ions Domizil, ein wohnliches Appartement in einem kleineren Mietshaus, das er sich mit seiner liebenswerten Gattin teilte. Gleich sollte ich sie kennen lernen. Freundlich strahlend und mit jener natürlichen Warmherzigkeit, die vielen Rumänen eigen ist, hieß sie mich willkommen. Noch scheu und leicht verkrampft überreichte ich ihr mein Präsent.

„Rosen? Weiße Rosen?“ wunderte sich die Dame und grinste verschmitzt als wenn ich rote gebracht hätte.

„Ja, Rosen! Madame!“ gab ich akzentuiert zurück, um Momente später, nachdem das Eis gebrochen war, noch einmal auszuholen: „Rosen sind besondere Blumen, Madame! Deshalb habe ich ein spezielles Verhältnis gerade zu Rosen! Sie müssen wissen, Madame, dass ich unter Rosen aufgewachsen bin und dass Rosen verschiedener Art mich durch die Jugend begleitet haben, in Freud und Leid! Viel Ideelles ist in ihnen, viel Passion und viel vom Schönen dieser Welt!“

„Es sind die Blumen und Boten der Liebe, junger Mann!“

„Im weitesten Sinne, Madame. Bei uns in Deutschland assoziiert man noch ganz andere Dinge mit Rosen, besonders mit weißen Rosen … Sie erfüllen nicht nur die Herzen, auf Leidenschaft, auf Trauer und Entsagung verweisend. In manchem Bewusstsein verkörpern sie den Anstand und sie stehen für den aufrechten Gang … und seltener gar für ein reines Gewissen!“

Wir vertieften die Materie nicht weiter. Die Gastgeberin suchte nach einer Kristallvase, füllte sie mit Wasser, schnitt die langen Stiele kürzer und stellte die Rosen in das erfrischende Nass. Ihren Platz fand die Vase auf einer furnierten Kommode aus Eiche unweit der Tafel.

Als wir später beim Abendessen zusammensaßen und bei Jurakäse und einem Gutedel aus der Region etwas von den kulinarischen Köstlichkeiten genossen, die die Schweiz zu bieten hat, fiel mein Blick auf das mitgebrachte Bouquet, aus dessen Hintergrund ein lackiertes Holzkreuz unaufdringlich hervor strahlte. Kreuz und Rose durchdrangen sich harmonisch und verschmolzen zu einer symbolischen Einheit, die mir in der Nacht noch zu denken gab und die Erinnerungen wachrief, gemischte Erinnerungen, die tief in die Vergangenheit zurück reichten, in die Welt markanter Farben und Symbole. Nach dem Abendessen wurde mir ein komfortables Gästezimmer zugewiesen, wo ich auch während der nächsten Tage die freien Stunden verbringen konnte. Weil sie selbst keine Kinder hatten, wurde ich von Ganeas aufgenommen und umhegt wie ein Sohn. Ihre Gastfreundschaft war vollendet. Und eine Portion Savoir-vivre war stets dabei – als Hinweis auf die kleinen Freuden des Lebens, die es lebenswert machen. Bei späteren Besuchen, die bis zum Abschluss der Klagevorbereitungen noch erforderlich werden sollten, erlebte ich immer wieder die gleiche, natürlich unmittelbare Gastfreundschaft dieser Menschen.

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Book, Carl Gibson, Buch, Publikation. Author Carl Gibson and tagged , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.