Carl Gibson: „Der Hund und das Fläschchen“ – Oder: Eine engagierte Baudelaire-Vorlesung „zur Theorie der Kurzgeschichte“ an einer kommunistischen Hochschule … mit einer prophetischen Vision, die leider eingetreten ist! Frühe Herta Müller-Rezeption – satirisch, humoresk

Frühe Herta Müller-Rezeption – satirisch, humoresk:

„Der Hund und das Fläschchen“ –

Oder:

Eine engagierte Baudelaire-Vorlesung „zur Theorie der Kurzgeschichte“ an einer kommunistischen Hochschule … mit einer prophetischen Vision[1], die leider eingetreten ist!

Ein Suchender ist oft unterwegs. Er hält Augen und Ohren weit offen. Und solange er jung ist, sieht er vieles im verklärenden Licht der Begeisterung. Ich entsprach etwa diesem Typus, als ich eines Tages den Vorlesungssaal der Banater Universität betrat. Angekündigt war eine Vorlesung zur Theorie und Praxis der Kurzgeschichte mit geistesgeschichtlichen Implikation und einer Kritik der bürgerlichen Philosophie, die von Germanisten, Romanisten, angehenden Philosophen, die dort Marxisten- Leninisten heißen, und weiteren Interessierten anderer Fakultäten gehört werden konnte.

Ich mischte mich unter die jungen Leute der noch jüngeren Universität, deren Beschreibung schon in den Anfangspassagen des Candide antizipiert war, und tat so, als würde ich dazu gehören, beseelt von dem Wunsch, hinein zu schnuppern in die Welt des Geistes und der großen Literatur.

Während die kleine, zierliche Lektorin ihre Unterlagen auf dem Pult ausbreitete und den Eindruck erweckte, sie würde sofort loslegen, suchte ich mir einen dezenten Platz im Hintergrund, um mich unauffällig davon stehlen zu können, falls die Materie zu langweilig werden würde. Auch die Studenten nahmen zögernd ihre Plätze ein.
Ich sah viele unbekannte, aber auch einige bekannte Gesichter, Philologen beider Richtungen und einige Bübchen, die als Auszubildende der Securitate keine schlechte Figur gemacht hätten.
Die Germanisten, das waren jene, in deren Elternhaus überwiegend deutsch gesprochen wurde, hochdeutsch oder donauschwäbisch; die Romanisten, das waren Rumänen aus der Stadt und der Region, überwiegend aus bürgerlichen Familien.
Die deutschen Germanisten beherrschten das Rumänische bis zu einem gewissen Grad und die rumänischen Romanisten sprachen auch etwas deutsch. Über dem Ganzen, das etwas von der Faszination des geringsten Widerstands hatte, schwebte ein Hauch von komparatistischer Linguistik und interkulturellem Zusammenklang.
Die Dame am Pult erinnerte mit ihren runden Haarschnitt und den schwarzen eng anliegenden Kostüm irgendwie an Mireille Mathieu. Etwas Französisches lag in der Luft, als sie ihre schwarz geschminkten Lider anhob und loslegte. Ich saß da voller Spannung wie im Kino und war ganz Ohr.

„Die Kurzgeschichte – das ist die Zukunft!“ rief sie mit Pathos aus.
„Wer sie beherrscht, kann in der Literatur alles erreichen – bis hin zu dem Nobelpreis. Das sage ich natürlich nur für die deutschen Germanisten, die ihre Kreationen später einmal in der Bundesrepublik veröffentlichen werden, wo man einen Sinn für Literaturpreise hat und für gute Literatur! Uns Rumänen mögen die Leute in Stockholm wohl nicht besonders“, fügte sie einschränkend hinzu.

„Nicht einmal unsere Exilanten – wie den Verrückten Ionesco, dessen Absurditäten vielleicht den Preis verdient hätten. Doch ich schweife ab…konzentrieren wir uns auf die unser Thema, auf die short story in ihrer gegenwärtigen Erscheinung. Ich habe euch gebeten, Baudelaires Poèmes en prose zu lesen, im Original natürlich, damit etwas von der Poesie der Sprache mit herüber schwappt wie das Parfüm aus dem Flakon. Ich hoffe, ihr habt die Deutschen unter euch, die noch Russisch lernen mussten, mit euren Französischkenntnissen angemessen unterstützt. Schließlich muss uns allen bewusst werden, was in der Sprache an poetischem Gehalt noch mitschwingt und auf was verzichtet werden kann…

„Poèmes en prose“ – überschreibt Baudelaire seine Kreationen. Ich will mich heute nur auf eines dieser Poeme konzentrieren und weitgehend ex negativo darlegen, was eine moderne Kurzgeschichte ausmacht und wie man sie schriftstellerisch gestaltet.

Zunächst zur Poesie und zum Poetischen.

Die Poiesis kommt von Homer und Hesiod auf uns zu – Vor die Trefflichkeit setzten den Schweiß die unsterblichen Götter – man, versteht mich, und von Aristoteles, der – mit Aischylos und Sophokles – noch an die Katharsis glaubte; und sie reicht bis zu dem Hirten auf der Weide, dessen Sprache das Volkslied ist, bis tief in unseren mioritischen Raum hinein.

In der modernen Kurzgeschichte aber können wir auf beides verzichten. Auf den Schweiß und auf das Mimesis-Prinzip. Wir brauchen das Poetische nicht mehr, weil es dem schönen Schein entspricht, der die Wirklichkeit verfälscht.
Poesie ist passé. Sie passt nicht mehr in die neue Zeit. Sie ist abgelebt, abgegriffen, antiquiert.

Mir müssen zu einer Destruktion des Poetischen gelangen und mit ihm zur Vernichtung des schönen Scheins und der gesamten Ästhetik.
Wo bei Baudelaire noch ein poetischer Vers steht, selbst in Prosa, müssen wir zu einer trockenen Aussage gelangen, die so trocken ist wie eine mathematische Sentenz. Logisch muss sie nicht sein. Auch nicht unbedingt realistisch. Auch nicht auf Anhieb nachvollziehbar.
Aber trocken, und vor allem kurz.
Macht einen Bogen um alle Syllogismen.
Der normale Leser ist sowieso nicht besonders klug.
Er liebt das Einfache; den Aussagesatz, wie man ihn ihm im Elementarschulunterricht beigebracht hat.
Ohne Epitetha ornantia. Ohne schmückende Beiwörter.
Ohne Metapher. Ohne Allegorie und ohne Symbol.

Das Einfache ist das Wahre – das wusste schon Goethe.
Und Goethe wusste auch, dass man Dichtung und Wahrheit mischen kann und darf, erfolgreich sogar; und dass man die Wahrheit auch verwischen kann, selbst in der einfachen Sentenz.

Die Einfachheit – das ist das Existentielle, nicht nur für bürgerliche Denker. Aber, ich merke schon, ich gleite ab ins Symphilosophieren…

Bleiben wir bei Baudelaire – er hat immerhin einiges begriffen.
Seine Poeme in Prosa sind bereits kurz – ganz nach dem Motto:
In der Kürze liegt die Würze!
Kurz… darauf darf man bei uns hier nicht reimen, ohne ins Allzumenschliche abzugleiten… und auf das menschlichste aller Geräusche zu kommen.
Bei uns ist so etwas tabu.

Doch in Österreich, wo die Frivolität die Scham ersetzt hat, schreibt man Bücher darüber – und Chansons.
Die Alten philosophierten darüber wie jener sinnierende Clochard, der, vielleicht an Diogenes orientiert, verkündete – ich sage es hier im Vertrauen, das Leben sei ein Furz in der Laterne.

Diese Quintessenz abendländischer Philosophie ist preisverdächtig.
War nicht Diogenes auf dem Markt unterwegs mit seiner Laterne, als er nach Menschen suchte – und nur Unflat fand?

Vielleicht schreibt einer aus eurer Mitte eine Abhandlung darüber – oder eine Kurzgeschichte, nicht viel länger als Becketts „Atem“, oder besser noch kürzer. Seinen Atem ersetzt ihr am besten gleich – ich muss es mir verkneifen, kurz mit einem Ffff…z, der schnell kommt, verrauscht, verfliegt.
Das wäre dann bestimmt ein neuer Rekord in der Weltliteratur, dessen Dauer man nicht mehr in Sekunden messen, sondern dessen Klang man in Dezibel bestimmen würde.

Reimt munter auf kurz – und ihr findet eine Lösung, die Beckett dauerhaft in den Schatten stellt, die dann allerdings nicht mehr zwischen zwei Buchdeckeln gepresst und als Buch heraus gegeben werden muss.

Im Westen schätzt man dünne Büchlein und zieht sie dicken Wälzern vor. Schreibt zwanzig davon, statt eins.

So erfreut ihr lesefaule Rezensenten und träge Juroren.
Selbst die Marktstrategen der Verlage, denn die Kürze kann sehr lukrativ sein; sie steigert die Margen.
Außerdem ist die Kürze ein gutes Mittel dazu, den Menschen das konventionelle Lesen ganz abzugewöhnen.

Aber hütet euch davor, humoresk zu schreiben, wenn ihr keinen natürlichen Humor habt. Das kann ins Auge gehen – und das merken dann selbst die dümmsten Leser.

Bei uns hier verweist es darauf, dass auch die Wahrheit kurz ist und dem Nichts entgegenstrebt, das abendländische Decadents noch über das Sein stellen. Warum ist denn überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts, fragt doch tatsächlich jener Wortklauber aus dem Schwarzwald, den einige für einen Philosophen halten, in dem andere aus unseren Reihen, wenn auch im Exil, nur einen Vergewaltiger der Sprache sehen.
Ich empfehle dazu die Aphorismen eines unserer Denker, dessen Namen ich hier allerdings nicht öffentlich nennen will.
Man versteht mich. Phänomenologen, Ontologen, Strukturanthropologen, Strukturalisten, die sich selbst schon in der literaturwissenschaftlichen Methodik breit gemacht haben, und andere Spätgeburten bürgerlicher Philosophie, wollen nicht verstehen, dass unsere – wenn schon nicht positive Welt – doch eine Welt des Positivismus ist, in der nur der dialektische Materialismus das Sagen hat.
Doch zurück zur Form des Kurzen.

Wenn die zahlreichen Autoren der Weltliteratur, ein Cervantes, ein Tolstoi oder Dostojewski, ein Flaubert oder ein Thomas Mann das beherzigt hätten, würden die Menschen heute mehr lesen!
Wer kann von sich behaupten Musils Mann ohne Eigenschaften zu Ende gelesen zu haben?
Der Kurzform gehört die Zukunft!
Baudelaire ahnte es bereits. Und er fühlte auch, dass alles romantisch Versponnene zurückgedrängt und überwunden werden muss.
Das leistet die Kurzgeschichte.
Cogito – ergo sum. Ich denke, also bin ich!
Clarus et distinctus – Klar und deutlich. Clarté und Kürze!

Sind das nicht kurze, prägnante Sentenzen, die Durchblick suggerieren und doch mehr verschleiern als sie aussagen?
Descartes hätte eigentlich Kurzgeschichten schreiben sollen, keine Traktate; er war auf dem besten Weg zur richtigen Methode, zum „bien juger“!

Was er versäumt hat, müssen wir jetzt nachholen.
Die Maxime der Neuzeit ist das Schrumpfen des Textes wie einst das Schrumpfen der Komposition.
Hatte nicht schon Joseph II, der ein aufgeklärter und vorausschauender Herrscher seiner Zeit war, dem übermütigen Mozart geraten, etwas von der Überfülle der Noten zurückzunehmen?
Ein weitsichtiger Mann mit klarem Urteil!
Heute sagen wir nicht mehr zu viele Noten, sondern – aus der Notwendigkeit der Zeit heraus – zu viele Worte!

Mancher deutsche Professor wird mir Recht geben…Im klerikalen Würzburg, wo die Germanistik besonders fortschrittlich sein soll, werden bereits Seminare über Romananfänge abgehalten – wohl aus der Erkenntnis heraus, dass der gesamte Roman schon im Anfang antizipiert ist.

Außerdem gibt es dort Lehrveranstaltungen über Johann Peter Hebel, der ein Meister der „kurzen“ Geschichte war und besonders von Kindern heiß geliebt wird. Er ist das deutsch-schweizerische Gegenstück zu Guy de Maupassant, der auch ein Meister des Kurzen war.
Wer kurz schreibt, erspart sich die unselige Philosophie und muß nach Jahren nicht von sich behaupten, „A la recherche du temps perdu“ zu sein wie Proust, der in seiner langatmigen, unendlichen Geschichte die dekadente Bürgerwelt noch spiegeln wollte.

Kurz ist auch das Leben – darf da eine Geschichte lang sein?
Das wussten schon unsere Vorfahren, die noch über die Kürze des Menschenlebens philosophierten, bevor sie über unsere Daker herfielen…

Apropos Vorfahren. Das will ich euch nicht vorenthalten. Neuste Ausgrabungen unweit von hier bei Sarmisegetusa scheinen die These zu erhärten, das Europa von unserem Boden aus kultiviert wurde. Nicht von Etruskern, Kelten oder Goten – sondern von Geten und Dakern ging die Zivilisation aus.

Vielleicht müssen die Anfänge der Anthropologie umgeschrieben werden, bestimmt aber die Geschichte des Abendlandes, die nicht in Hellas wurzelt und in Rom, sondern in Sarmisegetusa.

Aber ich schweife wieder ab.
Zurück zur Kürze der literarischen Form.
Wir müssen alles an ihr eindichten, schrumpfen und mumifizieren selbst den Gehalt und die potentielle Idee dahinter.
Wie einen Schrumpfkopf; auch auf die Gefahr hin, dass die Essenz zur Fratze wird.
Wir transportieren keine Weltanschauung, wir haben sie.
Doch nicht die biedere Weltsicht Hebels, den manchen schon mit Hegel verwechselt haben, die morbide Haltung Maupassants, Flauberts oder Baudelaires, die allesamt bourgeoise Decadents, Pessimisten und Nihilisten waren; wir sind fortschrittliche Marxisten, die Hegel weiterdenken nicht Hebel – das ist unser großes Apriori.

Danken wir es der weisen Parteiführung, deren Führungsrolle wir unbedingt anerkennen und nie bezweifeln wollen, auch wenn alles um uns herum in Trümmern fällt, dass alles so ist, wie es ist, dass wir hier frei studieren und frei agieren können.

Und weil es so ist, müssen wir unsere Haltung nicht ständig hinaus posaunen. Beschränken wir uns auf das Lob der Partei, das gelegentlich auch Mal länger ausfallen darf, und auf die Karikierung derer, die wir im Geist des Fortschritts weltanschaulich bekämpfen müssen.

Baudelaire macht es uns vor. Er verachtet die Welt. Doch er war – ich betonte es bereits – ein Decadent – auch als Künstler.
Denn er macht einen fundamentalen Fehler, indem er noch an der Ästhetik festhält.
Lautréamont geht da schon weiter, doch nicht Baudelaire.
Auch der Dreck ist bei ihm noch schön.

Doch wir müssen – selbst hundert Jahre nach dem Naturalismus – den Dreck richtig schmutzig machen, damit das innerste des Menschen zu Tage tritt. Der Mensch darf nicht länger im schönen Schein verharren.

Das, was die phänomenologischen Decadents Urgrund, Wesen, Seele oder sonst wie nennen, jenes Etwas, das bei Pawlow gar nicht vorkommt, es muss durch die Literatur an Tageslicht befördert werden, durch euch.

Ein anderer verrückter Bourgeois hat einmal von der Sehnsucht nach Fäkalität gesprochen.
War es Dali?
Das kommt dem ganz nahe, was ich meine.

Unser Volk trägt dieses Archaische in sich, das Archaische, nicht das Anarchische. Den Mythos – und die Tiefe des Mythos.
Der sich wiederum sprachlich artikuliert. Hören wir auf seine Sprache – dort, wo sie am unmittelbarsten auftritt und am reinsten.
Hören wir auf den erzürnten Bürger, wenn er uns irgendwohin schickt…

Die Rumänen verstehen mich – das ist unsere Sehnsucht nach dem Ursprung!

Baudelaire hält am schönen Kunstwerk fest; am schönen Schein. An der Idee des Schönen; am Duft und am Duft der Rose.
Selbst das Böse und das Schreckliche ist bei ihm noch schön wie in der Romantik bei Byron und Lamartine.
Das alles müssen wir zerstören, wenn wir zur Wahrheit unserer Tage durchdringen wollen.
Darin besteht unsere künstlerische Freiheit.

Große Freiheit impliziert das Recht auf Zerstörung.

Lösen wir uns endgültig von allen ästhetischen Kategorien.

Wir brauchen sie nicht mehr. Selbst die Ästhetik des Schrecklichen ist überflüssig.
Die „Fleurs du mal“, Baudelaires Blumen des Bösen, erscheinen immer noch im allzu schönen Schein.
Den wollen wir nicht mehr.
Auch nicht das faszinierend Schreckliche eines Lautréamont – wir brauchen überhaupt keine Ästhetik wie wir keinen Schein brauchen – und keine Moral. In diesem Punkt können wir sogar Nietzsche beipflichten. Die Raubtierwelt unserer Tage ist trocken und kurz.
Nicht anders als ein…

Baudelaire war – wie die meisten hommes des lettres der Franzosen – ein poeta doctus, der mit einer vornehmen Sprache operierte und Sprache kultivierte. Auch das ist vorbei.

Wir kultivieren nun den sermo humilis, weil wir aus dem Volk kommen und so schreiben, dass uns das Volk versteht, immer noch gut versteht.

Dem Volk aufs Maul schauen – und sprechen wie es spricht.

Luther, ein großer Deutscher und Vorreiter der marxistischen Emanzipation, hat es uns vorgemacht.
Eifern wir ihm nach.
Unsere proletarische Welt braucht keine Bildung; selbst der Westen braucht sie nicht mehr.
Alles Vornehme ist Geschichte. Mischt euch unter die Tätowierten, hört wie sie reden und führt ihre Sprache in eure Fiktion ein.
Das schafft Effekte und beeindruckt selbst den deutschen Professor, der die Welt vom Turm aus mit dem Fernrohr betrachtet.

Reißt die Elfenbeintürme nieder – und löst das schöne Kunstwerk auch vom Gehalt.
Baudelaire hat einst seine Welt geschockt.
Folgt seinem Vorbild!
Und schockt die Eure, systematisch und konsequent.
Geht über den Satanisten hinaus; und nehmt es vor allem mit den Spießern auf, die noch schlimmer sind als die vornehm heuchelnden Bourgeois.
Bekämpft ihre Werte und schreibt über alles, was sich nicht ziemt, was sie aufbringt, was sie ärgert – wühlt sie auf, stochert in ihren Tabus; schreibt über Inzucht und Inzest und vernichtet ihre Symbole.

Doch nur ihre, nicht unsere.
Denn das könnte missverstanden werden:
Lieber proletkultistisch als ambivalent.
Man versteht mich?
Ich sage nur Orwell, 1984.
Erkennt den wahren Feind, in eurer Mitte, um euch, in eurer Familie.

Stellt auch sie in Frage. Besinnt euch der ungesunden Herkunft, der falschen Identität, der falschen Heimat und der Determiniertheit durch die Schuld der Geschichte. Wendet euch ab, befreit euch und destruiert alles, was ihnen heilig ist, was sie verehren, woran sie glauben.

Baudelaire, der Morphium-Berauschte, schreckte vor nichts zurück.
Folgt ihm in der Blasphemie und nehmt auch das Kreuz ins Fadenkreuz.

Selbst Nietzsche, der Große unter den spätbürgerlichen Decadents, der Profaschist, fordert das Zerbrechen der alten Werte zu Gunsten der neuen.

Seid jetzt ihr der Hammer, mit dem fortan philosophiert wird – und die Sichel!

Macht euch frei von den Ketten der Tradition und sprengt alle Gesetze, die euch hemmen.
Doch nicht im Geist der Renaissance, sondern in jenem der Anarchie – denn nur aus der grauer Asche kann ein neuer Phönix steigen – oder ein Basilisk.

Das Schöne ist ebenso ein Relikt der Vergangenheit wie das Wahre und Gute. Nietzsche hat uns unfreiwillig einen Wink gegeben. Fällt erst einmal die Bastion des Schönen Scheins, das Apollinische, das System der Ästhetik, dann steigen wir nicht, wie es Nietzsche glaubt, in den dionysischen Reigen ein, sondern in eine gezielte Vernichtung aller ethischen und moralischen Kategorien.

Vernichtet die Kunst der bürgerlichen Welt und die Werte des Scheins und ihr findet den Dietrich, um alle anderen bürgerlichen Werte zu knacken und ad absurdum zu führen.

Wenn die alten Tugenden gefallen sind und alle Zöpfe angeschnitten wurden, längst antiquierte Kategorien wie Aufrichtigkeit, Fleiß, Loyalität, Ehre und ähnliche Dinge, dann fällt irgendwann auch die Festung der verlogenen bürgerlichen Welt!

Jetzt zählen nur noch die Umwertung aller Werte unter marxistischem Vorzeichen, das Dogma der Auflösung und unsere Lehre vom Zerfall.

Was Kunst ist, das bestimmen fortan wir selbst – per definitionem.

Wenn Reaktionen ausbleiben, dann schreibt euch gegenseitig Rezensionen und lobt euch so lange, bis auch andere euch loben!

Und wenn alle Stricke reißen und jede positive Rezeption versagt bleibt, appelliert an einen deutschen Akademiker, der fortschrittlich genug ist, um das Nichts als Sein zu denken, der die Loslösung von allen ästhetischen und sprachlich stilistischen Kategorien gut heißt und uns zu einem Preis verhilft.

Dann stehen uns alle Türen offen – bis hin zum Nobelpreis!

Den ihr dann auch hoffentlich anzunehmen bereit seit – nicht für euch selbst, sondern für die große Idee dahinter.

Was sagt Baudelaire zu dem Hund?

Wenn ich dir dieses edle Parfüm vor die Nase halte, dann wirst du es verachten!

Ein Stück Scheiße jedoch bringt dich zur Verzückung!

Wir müssen diese erkenntnisreiche Botschaft produktiv umsetzen und der Welt endlich bewusst machen, dass alles Ästhetische Täuschung ist – und Dreck;

und das unsere Geschichte als große Alternative zu allem Bisherigen, trocken und kurz, als die eigentliche Wahrheit des Lebens die Menschen in Verzückung bringt.

Baudelaire stand kurz vor der Resignation weil er nicht begreifen wollte, dass die Welt so ist, wie sie ist.
Wir müssen sie nach unseren Vorstellungen vollenden.
Brecht würde uns Recht geben.
Und Brecht, den wir hier verehren, hatte diese Möglichkeiten geahnt, als er das kapitalistische Amerika verließ, um im gerechten Arbeiter- und Bauernstaat zu leben.
Er hätte Baudelaire sicher durchschaut, wenn er ihn wirklich gekannt hätte.

Und auch er hätte Kurzgeschichten geschrieben wie „Der Hund und das Fläschchen“.

Die kritischen Studenten des Staatsvolks und der mitwohnenden Nationalitäten, die Creme der Bildungselite des sozialistischen Landes, saßen da wie die nordkoreanischen Kinder in der Schulbank und hörten die luziden Worte, die für manche von ihnen Programm wurden.

Ich hatte genug gehört. Denkstoff für viele Tage. Aber bastelte ich nicht gerade an einem historischen Roman herum, der mehr sein wollte, als die Summe vieler kurzer Geschichten?
Ich stand auf und ging.

[1] Eine Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Herta Müller erschien mir seinerzeit beim Verfassen dieser Humoreske in den 80ger Jahren als die „absurdeste aller denkbaren Möglichkeiten“ – deshalb wurde dieser Hohn-Aspekt eingebaut.
Die Humoreske selbst versteht sich als frühe Herta Müller-Rezeption nach der Auseinandersetzung mit ihrem Debütwerk „Niederungen“.
Der – bisher noch nicht veröffentlichte – Beitrag entspricht der Fassung aus dem Jahr 2006, also immerhin noch vor meiner, erst 2008 öffentlich werdenden Kritik an Herta Müller in “Symphonie der Freiheit”– und drei Jahre vor dem kontroversen Nobelpreis für Literatur (2009).

Nach der jahrelangen Aufklärung und dem inzwischen in Buchform nachgewiesenen Plagiat Herta Müllers ist mir diese hier vorherrschende – noch weitestgehend unbelastete – Gestimmtheit nicht mehr möglich.

Auszug aus: Carl Gibson,
Zeitkritik

Werke von Carl Gibson:
http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gibson_(Autor)

Soeben erschienen:

Carl Gibson: Plagiat als Methode - Herta Müllers "konkreative" Carl Gibson-Rezeption, 2014

Carl Gibson: Plagiat als Methode – Herta Müllers “konkreative” Carl Gibson-Rezeption, 2014

Carl Gibson:
Plagiat als Methode – Herta Müllers „konkreative“ Carl Gibson-Rezeption

Wo beginnt das literarische Plagiat? Zur Instrumentalisierung des Dissidenten-Testimoniums „Symphonie der Freiheit“ –

Selbst-Apologie mit kritischen Argumenten, Daten und Fakten zur Kommunismus-Aufarbeitung

sowie mit kommentierten Securitate-Dokumenten zum politischen Widerstand in Rumänien während der Ceaușescu-Diktatur.

Rezeption – Inspiration – Plagiat!?

Herausgegeben vom Institut zur Aufklärung und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Europa, Bad Mergentheim. Seit dem 18. Juli auf dem Buchmarkt.
399 Seiten.

Copyright © Carl Gibson 2014

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