Stauferstadt Bad Wimpfen am Neckar und Lenaus Albigenser-Gedicht “Das Vogelnest”

Stauferstadt Bad Wimpfen am Neckar

Blick auf St. Peter von Bad Wimpfen aus

Eingang zur Kirche St. Peter, romanische Fassade

Die Türme

St. Peter, Seitenansicht

St. Peter, Detail

http://de.wikipedia.org/wiki/Stiftskirche_St._Peter_(Bad_Wimpfen)

Sandsteinfiguren

St. Peter, Detail

Blick auf das ehemalige Stift

In der Stadtmitte

Fachwerkhaus

Vom Krieg verschont?

Alte Bausubstanz im neuen Glanz

Fachwerkfassaden

Evangelische Kirche

Golgatha-Gruppe – Christus am Kreuz

Die Passion geht weiter

Der Blaue Turm – er überragt alles

Die Autos verweisen auf die Dimension des Bauwerks

Turm, Detail – in freier Luft zur schönen Aussicht

Altes Gebäude

Noch ein hiastorischer Turm im Ostteil der Stadt

Schwibbogen

Der Neckar unterhalb von Bad Wimpfen

Die Auslotung eines literarischen Motivs führte mich zum ersten Mal in die Stauferstadt über den Neckar:

Ein in Stein gehauenes „Vogelnest“

im Kreuzgang des Klosters im Tal vor Bad Wimpfen.

Der Dichter Nikolaus Lenau, an dessen Monographie ich in den achtziger Jahren arbeitete, hatte das in Stein gehauene „Vogelnest“ in seinen „freien Albigenser-Dichtungen“poetisch verewigt,

ein Werk eines unbekannten Bildhauers, das schon Kunst war und als Kunst die Jahrhunderte überdauert hatte –

Lenaus Thema im Gedicht:

Die Zerstörung des Erdenglücks aus einem hybrishaften Ressentiment heraus und die nachträgliche, reuevolle Kompensation der schlimmen Tat über die Erschaffung eines Kunstwerks.

Der Romantiker Lenau war um 1840 von Weinsberg aus – und wohl begleitet von Gastgeber Justinus Kerner in das Kloster vor den Toren Wimpfens gereist, um Einkehr zu halten, um sich in den Geist der alten Zeit zu vertiefen, der anders gefühlt und anders gebaut hatte.

1985 stand ich an derselben Stelle als Teil einer Gruppe, die durch den Kreuzgang geführt wurde – und tatsächlich:

Das Vogelnest war noch da.

Der Klosterführer vergaß dann auch nicht, auf Lenaus poetische Schilderung hinzuweisen.

Ohne auf die Hintergründe der Albigenser- bzw. Katharer-Ausrottungeinzugehen, zitierte er einige Verse daraus, um dann unkritisch weiter zu machen.

„Das Gedicht geht noch weiter“,

entfuhr es mir halblaut, doch verzichtete ich darauf, die Materie weiter öffentlich vertiefen zu wollen.

Der vernichtende Kreuzzug des Papstes gegen die die sogenannten Ketzer in der Provence ( im 13. Jahrhundert) war schon lange her.

Nur die Kunst hielt die Erinnerung daran wach, über die Kunst,

die Erinnerung an Genozid und Massenmord an Unschuldigen,

an ein besonderes Verbrechen der Kirche im Namen von Jesus Christus.

Zur gleichen Zeit, als die auch heute noch stolze und imposante Stauferpfalz Wimpfen aus dem Boden gestampft wurde, wurden Festungen, Burgen, Städte, Dörfer in der blühenden Provence niedergemacht und vom Erdboden vertilgt – im Zeichen des Kreuzes und gegen die Freiheit des Christenmenschen.

Unzählige freie Christen fanden damals den Tod.

Insofern verweist das blühende Wimpfen auf eine der größten Tragödien des Christentums in der fernen Provence.

Nikolaus Lenau

Das Vogelnest

An eine Kirche kam ich einst zu wallen,

Mit Klosterzellen, längstverlaßnen Hallen;

Ich trat hinein und fühlte schier Bedauern

Und wie geheime Scheu vor den Erbauern,

Daß mir in ihrem Haus der Glaube fehlte,

Der sie so fromm zum schönen Werk beseelte.

Wo waren sie? – ich trat auf ihre Grüfte;

Gemähtes Gras auf allen Hügeln lag,

Zum Abend neigte sich der Sommertag,

Die Luft war lieblich von dem Heugedüfte.

Ein zitternd Spiel ergriff das Laub der Linde,

Ganz ruhig lag das Heu im Abendwinde,

Da war kein leichtes Schwanken mehr und Beben,

Still drunter das gemähte Menschenleben.

Der Kirchhof ist vom Kreuzgang eingeschlossen,

Wo Efeuranken an den Fenstern sprossen;

Die schlanken Pfeiler sind so fest gestellt,

Die Bögen leicht und kühn emporgeschnellt,

Hoch, luftig ragt der fromme Bau noch spät,

Die Mönche einst in keuscher Himmelskühle

Bewahrend vor der dumpfen Erdenschwüle;

Der Geist, der so gebaut, ist längst verweht.

An spitzgebognen Fenstern ist zu schauen

Laubwerk und manche Blum in Stein gehauen;

Vor allen Bildern zierlich, wahr und lebend

Ein steinern Vogelnest am Aste schwebend.

Der Jungen Schnäblein heischend aufgerissen,

Die Mutter sie zu atzen hold beflissen,

Sie wärmend mit den aufgespreizten Schwingen;

Die Kleinen werden fliegen bald und singen.

Ich stand gefesselt von des Meisters Macht

Und sann gerührt, was er sich wohl gedacht.

Hat er im Bild die Kirche still verehrt.

Wie sie getreu die Kinder schützt und nährt?

Wollt er vielleicht die Mönche traulich necken

Mit einem Bild der Liebe, Sehnsucht wecken? –

Da kam ein Hauch vom Bildner mir gesendet:

Sein klagendes Gewissen hats vollendet.

Es hat ein Mönch gelebt in jenen Tagen,

Wo glauben hieß, den Zweifelnden erschlagen;

Er aber war noch einer von den alten,

Von jenen frommen, rührenden Gestalten.

Rein, wie die Luft nach letztem Wetterstreiche,

Keusch, wie das Auge ruht auf einer Leiche,

Und alle segnend, allen mild und gut,

Wie Frühlingswärme auf den Saaten ruht,

So war sein Herz, so lebten seine Sitten,

Er kränkte niemand und verletzte keinen,

Und flossen Tränen ihm, so sinds die seinen,

Die nächtlich von der bleichen Wange glitten.

In Schreck und Mitleid zitterte sein Herz,

Frohlockten die Kreuzpilger mit der Kunde,

Wie überall die Ketzer gehn zu Grunde,

Wie jetzt die Welt so voll von Haß und Schmerz.

Ein Ungeist kam, daß er die Welt verderbe,

Die Menschheit tränkend mit dem Kelch der Leiden,

Den er gefüllt so kraftgedrang und herbe,

So rasend in den tiefsten Eingeweiden,

So reich an Qual, eh eine Stund entrückt,

Als hätt er ein Jahrhundert ausgedrückt

Und alle Bitterkeiten ohne Rest

Auf seiner blutgen Kelter ausgepreßt.

Die Kreuzgeschmückten brachen und zerstörten

So manche Burg; der Freiheit kühne Fechter

Zu Tausenden verbrannten, und sie hörten

Im Tode noch der Feinde Lustgelächter.

Den Mönch erfaßt ein schauderndes Erstaunen

Bei solchen Taten, mörderischen Launen.

Ein banges Grübeln quält ihn zu ergründen:

“Ist, was ich seh, des Frevels ganze Völle?

O Mensch, wo steht die Grenze deiner Sünden?

Kommt, wer sie sucht, bis in das Herz der Hölle?”

Die Sünde tobt in jauchzenden Gewittern,

Und vor sich selbst muß dieser Fromme zittern;

Der Name Mensch, aus welchem kein Erlösen,

Scheint ihm ein tiefer Abgrund alles Bösen,

Er lauscht in seine Brust, ob nicht verstohlen

Hier gleiche Ungeheuer Atem holen?

Mit alten Tagen geht er zu Gerichte,

Und vorwurfsvoll erschreckt ihn die Geschichte,

Wie er ein Knabe einst den Wald durchzogen

Und sah ein Vöglein heim ins Nest geflogen.

An hohen Zweigen hing die Frühlingsbrut,

Das grüne Laub hielt sie in dunkler Hut;

Doch strich der Wind, den grünen Schleier hebend,

Der Knabe sah das Nest am Wipfel schwebend.

Da hob er einen Stein und warf empor,

Zerstört hinfiel die Brut, und ihn ergriff,

Daß er es heut noch hört, der Klagepfiff,

Womit im Wald die Mutter sich verlor.

Wars nicht derselbe Drang, nur noch im kleinen,

Der dort ein Nest, hier Burgen wirft mit Steinen?

Der düstre Groll, der gern den Bau vernichtet,

Wo sich ein Glück auf Erden eingerichtet?

So klagt der Mönch und kann sichs nicht vergeben,

Daß er den Vöglein brach ihr junges Leben.

Und das Zerstörte wieder aufzubauen,

Hat er das Nest im Felsen ausgehauen.

Oft sah man ihn zu seinem Bilde kehren,

Um seine stille Wehmut dran zu nähren.

Es gibt den “Geist der Zeit”, den “Zeitgeist”, aber auch den Ungeist einer Zeit.

Der Ungeist ihrer Zeit führte die Kreuzritter seinerzeit ins Heilige Land

und der gleiche Ungeist veranlasste den Papst,

Kreuzritter gegen die Katharer in die Provence zu schicken,

um dort zu morden und blühendes Leben auszulöschen.

Einer freien Christenkirche, einem frühen Protestantismus gegen blinde Orthodoxie und Dogmatik,

wurde so der Garaus gemacht.

Lenau hat es auf den Punkt gebracht:

Es geschah

in jenen Tagen,

Wo glauben hieß, den Zweifelnden erschlagen”.

Das Ressentiment,

die Unreflektiertheit,

der Fanantismus,

der Sache Gottes blind dienen zu wollen,

ließ den Papst,

den Unfehlbaren,

fehlbar werden.

Der Spätromatiker Nikolaus Lenau, der auch dem Reformator Savonarola ein poetisches Denkmal setzte, lebte in einer auflärenden und revolutionären Zeit, wo Despotismus und Absolutismus fast schon überwunden waren.

Im 20. Jahrhunder jedoch kehrte der Fanatismus zurück –

als

Totalitarismus,

als Kommunismus,

Stalinismus,

Faschismus,

Nationalsozialismus,

Maoismus,

materialistisch-marxistisch-leninistisch ideologisiert und definiert,

ohne Gott,

aber auch im Namen Gottes,

fundamentalistisch,

als religiöser Fanatismus.

Die Resultate des totalitär-religiösen Größenwahns:

Genozid,

Massenmord,

Terror.

Menscheit, politische und religöse Führer sind nicht klüger geworden!

Und die Kunst?

Sie mahnt wie die Geschichte.

“Sein klagendes Gewissen hats vollendet.”

Mehr über

Nikolaus Lenau

unter

http://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaus_Lenau

Interpretationen zur Dichtung Lenaus in meinem Werk:

Carl Gibson, Lenau. Leben – Werk – Wirkung.

Heidelberg 1989, 321 Seiten.

Dieses viel zitierte Standardwerk der Lenau-Forschung ist –

laut World Cat Identities und neben einer Studie des Freud Schülers Isidor Sadger über das Liebesleben Nikolaus Lenaus –

das weltweit am meisten verbreitete Werk über den Spätromantiker und Klassiker der Weltliteratur Nikolaus Lenau .

Der leider viel zu früh verstorbene Germanist und Nietzsche-Forscher Prof. Dr. Theo Meyer erkannte in diesem Werk

“einen Markstein der Lenau-Forschung.

Es ist überhaupt die prägnanteste Lenau-Monographie. es dürfte zum Besten gehören, was über Lenau überhaupt geschrieben worden ist.”

Das Werk, das mir, dem Autor bisher noch kein Einkommen generiert hat, wurde in acht Teilauflagen gedruckt. Die Leinen-Ausgabe ist seit vielen Jahren vergriffen. Ein Restbestand der kartonierten Ausgabe liegt – ungeachtet anderer Meldungen im Internetbuchhandel – noch vor und kann beim Winter Verlag, Heidelberg bezogen werden.

Trotzdem  ist  eine grundlegend überarbeite Neu-Edition dieser Monographie ist angesagt,

da die Werke und Briefe Lenaus inzwischen in einer historisch-kritischen Ausgabe vorliegen.

Fotos :Carl Gibson

©Carl Gibson

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