Zur Kandidatur von Joachim Gauck – Kritisches aus der Perspektive eines ehemaligen antikommunistischen Bürgerrechtlers

Fragen und Überlegungen – Die etwas andere Sicht der Kandidaten-Diskussion in Berlin.

 

Reist Joachim Gauck mit einem “Dissidentenbonus”?

 

Schmückt er sich gar mit “mit fremden Federn”? 

 

Und fährt Gauck die Ernte ein, die antikommunistische Widerständler und Oppositionelle in der ehemaligen DDR im aktiven Kampf gegen SED und Stasi auf den Weg brachten?

 

 

 

 

 

Symbolik vor Schloss Bellevue in Berlin.

Der Konsens der Mainstream-Medien überrascht. Kaum ein kritisches Wort, keine Nachfrage – totale Harmonie? Nach der Negativ-Kampagne gegen Christian Wulff ist auf einmal totale Positivität angesagt.

DER SPIEGEL, DIEZEIT und andere singen im großen Chor das Eiapopeia vom Himmel der Ja- und Amen-Sager – , so als wollte man die erfolgte Zurücksetzung Gaucks als angehender Bundespräsidentschaftskandidat wieder gutmachen.

Das war nicht immer so – machmal blieb die Wahrheit auf der Strecke, gerade weil Zeitzeugen und Bürgerrechtlern ein Maulkorb verpasst wurde. Ihre Wahrheit war unbequem – man wollte sie nicht hören, einfach deshalb, weil man schon eine eigene Wahrheit hatte.

Als Kommunismus-Aufklärer Joachim Gauck, aufgestellt von der SPD,  zum erstem Mal für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte, wurden mir Informationen zugesteckt, auch er hätte keine “weiße Weste”, auch er hätte seinerzeit in der DDR mit dem kommunistischen System kollaboriert.

Die Hinweise hatten die Qualität substanzloser Behauptungen, die zersetzend wirken sollten –

und sie kamen höchst wahrscheinlich aus den Reihen ehemaliger IMs der Staatssicherheit der DDR.

Diskreditierung, Zersetzung, Verleumdung – das sind vielfach erprobte Mittel totalitärer Geheimdienste, den guten Ruf und das Image einer moralisch integren Persönlichkeit zu beschädigen, ja zu zerstören.

Wenn die Gerüchteküche kocht,

wenn die Journaille schnüffelt,

dann kommt immer etwas zum Vorschein, was den besten Kandidaten für ein hohes Amt belastet,

 ihn ins Zwielicht oder in Verruf bringt, noch bevor die Gegenprobe erbracht werden kann.

Auch ein Hexenjäger und Großinquisitor kann zur Zielscheibe werden, wenn die Inquisition es so will.

 

Sie wollten in Freiheit leben – und mussten sterben. Opferkreuze an der Spree hinter dem Reichtagsgebäude.

 

Joachim Gaucks deklarierten und geheimen Gegner wie Feinde sitzen im Lager DIE LINKE, 

dem Sammelbecken für ehemalige SED und Stasi-Kader und deren Sympathisanten.

Das weiß man – und das wusste auch Machtpolitikerin Angela Merkel, die wohl aus solchen und anderen Gründen gegen Gauck als Bundespräsident war und nur zähneknirschend – quasi mit der Pistole auf der Brust – der Kandidatur zustimmte. 

Ein ehemaliger Bürgerrechtler an der Spitze der deutschen Nation?

Das klingt gut!

Das klingt nach Neuanfang, zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung!

Schloss Bellevue in Berlin, der Amtssitz des Bundespräsidenten.

Bürgerrechtler – das sind Leute ohne Fehl und Tadel,

Idealisten, Altruisten,

Menschen, die aus dem Volk kommen, für eine Sache eintreten,

für Gerechtigkeit und Freiheit,

für Prinzipien überhaupt,

moralisch hoch stehende Personen ohne Eigeninteressen,

die dann auch nach getaner Arbeit wieder im Volk verschwinden,

ohne höherenEhrungen zu erwarten.

 

War Joachim Gauck einer dieser Bürgerrechtler,

einer jener Aufrechten aus der anonymen Maasse des Volkes,

einer, der sein Haupt erhob,

sein Wort kundtat

und seine Haut riskierte?

Einer, der für seine Überzeugungen eintrat,

Widerstand leistete und ins Gefängnis ging?

Nach der Schlacht und dem gewonnen Krieg treten immer wieder Helden auf, aus dem Untergrund,

Namen, von denen man vorher kaum etwas vernommen hatte,

manche infiltierte Gesellen und  geschickte “Wendehälse”,

die die Fronten wechseln und die Farben.

Einige Oppositionelle aus der ehemaligen DDR stehen nun auf und sagen:

Nein!

 

Sie meinen, Gauck war nicht an vorderster Front,

er sei kein Vorzeige-Bürgerrechtler,

er sei erst sehr spät auf den fahrenden Zug des Widerstands aufgesprungen!

 

Was spricht daraus – der Neid der Übergangenen, der vergessenen Zeitzeugen?

Aus dem antikommunisteischen Widerstand der Ceausescu-Dikatur kommend,

fragte ich mich das mehrfach, obwohl ich mich – engagiert in die Abwahl von Christian Wullf – vielfach für Gauck als den besseren Kandidaten einsetzt hatte.

Joachim Gauck ist der Kandidat der Deutschen,

einer Mehrheit,

die es nicht ganz genau wissen will,

obwohl er kein Vorzeige-Bürgerrechtler ist.

Gauck hat andere Meriten – über die Macht des Wortes und der Aufklärung hinaus.

Er symbolisiert eine Idee – und er wird wahrgenommen.

 

 Das Kanzleramt in Berlin –

in einem Hinterzimmer formten Angela Merkel als Kanzlerin und ihr Vize Guido Westerwelle ihren Kandidaten für das hohe Amt auf Schloss Bellevue und setzten in ihn Bundestag mit eigener Mehrheit durch.

Der neokonservative Antikommunist Joachim Gauck hatte als Kandidat der SPD das Nachsehen.

Ehre, wem Ehre gebührt!

Blicken wir nach Polen.

Die Polen nahmen ihren in der Solidarnosc-Opposition populär gewordenen Arbeiterführer Lech Walesa und machten ihn zu ihrem Präsidenten,

obwohl er kein Intellektueller avant la lettre war,

sondern eher ein bauenschlauer, geistig moderater Mann aus dem Volk.

Lech Walesa hatte in schwerer Zeit und in den Tagen des Kriegsrechts in Polen das Volk in seinem Kampf gegen den Kommunismus repräsentiert.

Das genügte, um ihn zum ersten Mann in Staat zu machen.

Lech Walesa wirkte über die Grenzen Polens hinaus über Jahre als Symbolfigur,

als moralisch integrer Katholik und Antikommunist,

als würdiger repräsentant Polens.

Blicken wir nach Tschechien.

Die Tschechen hoben Vaclav Havel  ins höchste Amt im Staat,

einen antkommunstischen Bürgerrechtler der ersten Stunde im Ostblock,

der den Tschechen die Würde als Nation wieder gab,

einen überaus Geachteten,

vor dem sich  fast die gesamte Welt verneigte, als er kürzlich aus dem Leben schied.

Hat Joachim Gauck dieses Format?

Darf man ihn überhaupt an Walesa und Havel messen?

Bestimmt nicht!

Wie Christian Wulff nicht die Vita des Joachim Gauck hatte,

nur die konventionelle Biographie eines Berufspolitikers,

so hat Joachim Gauck nicht den Lebenslauf der aktiven Oppositionellen Lech Walesa und Vaclav Havel.

Jetzt tauchen einige ehemalige Bürgerrechtler aus der DDR auf und halten Gauck vor,

kein echter Bürgerrechtler gewesen zu sein,

eher ein Spätentwickler.

Der Wendehals-Vorwurf schwingt still mit.

http://www.tagesspiegel.de/politik/der-kuenftige-bundespraesident-war-joachim-gauck-ein-buergerrechtler-/6252756.html

http://www.tagesspiegel.de/politik/ehemaliger-weggefaehrte-ueber-gauck-das-etikett-buergerrechtler-hat-er-zu-unrecht/6261414.html

http://www.tagesspiegel.de/politik/debatte-ueber-gauck-unterschiedliches-verstaendnis-von-freiheit/6304724.html

http://www.tagesspiegel.de/politik/buergerrechtler-hans-jochen-tschiche-gauck-ist-die-falsche-person/6242562.html


 

Das Brandenburger Tor – lange Symbol der Deutschen Teilung.

Der Fall Joachim Gauck als ehemaliger Bürgerechtler der DDR gleicht dem Fall Herta Müller, Nobelpreisträgerin für Literatur im Jahr 2009 – 

beide wurden als Oppositionelle und Dissidenten in der BRD “wahrgenommen”,

obwohl sie eigentlich wenig oder garnichts mit tatsächlichem Widerstand zu tun hatten.

Die echten aktiven Widerständler gegen die Kommunisten landeten allesamt im Gefängnis.

Walesa ebenso wie Havel.

Dort waren weder Herta Müller während der Zeit Ceausescus, noch Joachim Gauck. 

Als ehemaliger Bürgerrechtler und politischer Häftling muss ich das erneut erwähnen, nachdem ich zur Materie bereits hunderte Kommentare abgegben habe.

Gauck war nicht im Gefängnis.

Andere DDR-Pastoren aus dem christlichen Widerstand gegen das SED-Regime und gegen die kommunistische Diktatur waren es auch nicht.

Doch haben sie deshalb mit dem System kollaboriert?

Ließ man sie gewähren?

Herta Müllers ließ sich von Kommunisten fördern – das ist vergessen, auch deshalb, weil die deutsche Presse dieses Detail nie verfolgt hat und die Minderheitenmeinung abwürgte, etwa meine Darstellungen in DIE ZEIT Online oder in der FAZ Online.

Nun stellt sich die gewichtige Frage, ob man in die Persepektive der Insider schlüpft und die Detailfragen der aktiven Bürgerrechtler aufgreift, auch in der Presse,

oder ob man sich mit dem begnügt, was der honorige Bürger Joachim Gauck darstellt.

Gauck ist eine politisch kontroversierte Gestalt, und  er wird es auch bleiben, auch wenn er gemessen an Christian Wulff, der bessere Präsident sein könnte.

Doch nach bisherigen Erkenntnissen hat Gauck – im Gegensatz etwa zu Herta Müller – nicht mit dem totalitären kommunistischen System paktiert.

Die Stasi IMs vergaßen bisher, konkrete Beweis vorzulegen bzw. ihre Unterstellungen zu faktisch untermauern.

Die Deutschen nehmen nun den besten Mann, den sie zur Stunde kriegen können und machen ihn zu ihrem moralischen Aushängeschild –

wie einst Theodor Heuss, der als NS-Unbelasteter einen Neuanfang Westdeutschlands markierte

oder Gustav Heinemann, der aus dem antinationalsozialistischen Widerstand kam.

 

Bundespräsident ohne Tadel – Theodor Heuss. Er war nicht in der NSDAP. Doch auch ihm machte man den Vorwurf, dem “Ermächtigungsgesetz” zugestimmt zu haben. (Standbild in Brackenheim)

Eben weil man es nicht so genau wissen will, ist Joachim Gauck der Wunschkandidat der meisten Deutschen, die nicht wissen wollen, was Fakt ist, sondern erstreben, was sein soll.

Mehr Schein als Sein?

Das ist die Frage!

Man will in Deitschland endlich ein Symbol, zu dem man wieder stolz hochblicken kann!

(Wulff erregte in den beiden letzten Monaten vor dem Rücktritt bestenfalls noch Mitleid.)

Die regulative Idee, die Wunschvorstellung – das Symbol, das ist gerade Gauck …

in Absetzung von Christian Wulff, der seine moralische Integrität selbstverschuldet eingebüst hat.

Die Kandidatin aus dem kommunistischen Sammelbecken DIE LINKE – Frau Klarsfeld:

Eine Farce!

Das ist die Frau, die den deutschen Bundeskanzler Kiesinger öffentlich ohrfeigte!

Sie – Präsidentin der Bundesrepublik Deutschland?

Unvorstellbar!

Der Gestus ist unverzeichlich, ungeachtet der Intention einer Anklage – schließlich heiligt der Zweck nicht alle Mittel!

Die Fratze des ressentimentbestimmten  Kommunismus alter Couleur hat sich wieder gezeigt, hasserfüllt und boshaft.

 

Hier verlief der Todesstreifen  – die innerdeutsche Grenze.

Möge Joachim Gauck seinen Weg als Bundespräsident gehen, auch wenn sich einige aufrechte Bürgerrechtler,die jede Heuchelei ablehnen, übergangen fühlen.

Die Mehrheit des Volkes will die Idealvorstellung, das prägnante Symbol mit Identifikationskraft.

 

Das leistet Gauck – und noch viel mehr.

Er steht für Freiheit, Gerechtigkeit und Versöhnung nach innen –

und er wertet den Osten Deutschlands mit seinen über Jahrzehnte in kommunistischer Unfreiheit geschundenen Menschen enorm auf.

 

 

Die Mauer – heute ein Kunstwerk?

An der Bernauer Straße, wo Gauck heute zu spazieren pflegt, steht noch mehr davon. Die Jugend, das mahnt Gauck berechtigt an, hat die jüngste Deutsche Geschichte längst aus dem Blick verloren. Einige glauben gar, die Amerikaner hätten die Berliner Mauer gebaut und den Grenzzaun quer durch Deutschland errichtet.

 

Bild (mit Gorbatschow) in der U-Bahnstation erinnert an die Tage des Kommunismus kurz vor dem Fall.

 

 Im Kalten Krieg – US- Präsident J. F. Kennedy, mit regierendem Bürgermeister von Berlin Willy Brandt und Kanzler Konrad Adenauer in West-Berlin. ( Bild: U-Bahn-Station Brandenburger Tor).

9. März 2012:

Die Kritik an Joachim Gauck aus dem Lager ehemaliger Brügerrechtler der DDR hält an –

dazu schrieb ich auf Facebook:

“Soll jener “Bürgerrechtler”, der im Kampf gegen die Kommunisten der DDR am meisten gelitten hat, nun Bundespräsident Deutschlands werden? Wenn ja, dann wäre Gauck nicht der erste auf der Kandidaten-Liste!

Doch die Politik setzt andere Kriterien an – Bekanntheitsgrad, breite Akzeptanz, Image, Mythos – erst dann folgen “moralische Integrität”, Fakten etc.

– Seit 1945 leben wir in einer “Zeit der Wendehälse” und der „Chamäleons“, hier und dort. Wer sich am besten verkauft, der macht das Rennen.

Diejenigen Politischen aus Bautzen haben sicher mehr gelitten als der Pastor aus Rostock – doch geehrt werden sie dafür noch lange nicht. Joachim Gauck muss als Integrationsfigur gesehen werden, nicht als „antikommunistischer Dissident“ avant la lettre, denn das war er nicht.

Mehr zum Thema „Freiheit und Bürgerrechte in Osteuropa“ in meinem Werk: „Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceausescu-Diktatur“, 2008, geschrieben aus der Perspektive eines oppositionellen Zeitzeugen in der wohl repressivsten Diktatur im Osten Europas. ”

 

Fazit:

Nachdem Herta Müller den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, gab sie zu, keine Dissidentin gewesen zu sein. Den noblen Preis konnte man ihr nicht mehr nehmen, obwohl dieser ohne den “Dissidenten-Bonus” wohl nie zustande gekommen wäre.

Herta Müller wurde von den Medien zur Dissidentin stilisiert und sie wurde als Dissidentin wahrgenommen, während der Aufschrei der echten Opfer der Ceausescu-Diktatur überhört oder in Maistream-Medien einfach abgewürgt wurde.

Ein bitterer Beigeschmack blieb und bleibt zurück, gerade weil eine Haltung triumphierte und geehrt wurde, die moralisch nicht einwandfrei war.

Joachim Gauck sollte noch vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten eine Klarstellung vornehmen und eindeutig anerkennen, kein aktiver Bürgerrechtler gewesen zu sein.

Ferner sollten die Medien ihn nicht länger primär als “Bürgerrechtler” in Szene setzen.

Ein Symbol, das nicht auf der vollen Wahrheit basiert, steht auf tönernen Füßen. Seine Signalwirkung wird sich in das Gegenteil verkehren, wenn moralische und politische Autorität permanent untergraben werden.

Deshalb sollte Joachim Gauck Klartext reden und alle Missverständnisse aus der Welt räumen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 

Fotos: Carl Gibson

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