Nikolaus Lenau: “Die drei Zigeuner” – Musik in Versen

Bunt gekleidete Roma auf einem Markt in Mediasch, Siebenbürgen.

Nikolaus Lenau:

Die drei Zigeuner

Drei Zigeuner fand ich einmal
Liegen an einer Weide,
Als mein Fuhrwerk mit müder Qual
Schlich durch die sandige Heide.

Hielt der eine für sich allein
In den Händen die Fiedel
Spielte, umglüht vom Abendschein
Sich ein feuriges Liedel

Hielt der Zweite die Pfeif’ im Mund,
Blickte nach seinem Rauche,
Froh, als ob er vom Erdenrund
Nichts zum Glücke mehr brauche.

Und der Dritte behaglich schlief,
Und sein Cimbal am Baum hing,
Über die Saiten der Windhauch lief
Über sein Herz ein Traum ging.

An den Kleidern trugen die Drei
Löcher und bunte Flicken,
Aber sie boten trotzig frei
Spott den Erdengeschicken.

Dreifach haben sie mir gezeigt,
Wenn das Leben uns nachtet
Wie man’s verraucht, verschläft und vergeigt
Und es dreimal verachtet.

Nach den Zigeunern lang noch schau´n
Mußt’ ich im Weiterfahren,
nach den Gesichtern dunkelbraun,
nach den schwarzlockigen Haaren.

Traditionelles Zigeuner-Handwerk aus Kupferblech ausgestellt am Straßenrand zwischen Hermannstadt (Sibiu) und Schässburg (Sighisoara).

Nikolaus Lenau, im Jahr 1802 im ungarischen Banat geboren, in Budapest aufgewachsen, kannte die „Zigeuner“ aus eigener Anschauung,

genauer, er wuchs in der noch wilden, naturbelassenen Puszta-Landschaft Ungarns mit Zigeunern auf.

Der später – über den Großvater – geadelte Niembsch von Strehlenau, genannt „Lenau“, oft in aristokratischen Kreisen Wiens verkehrende Dichter bewunderte die Freiheitsliebe Zigeuner ein Leben lang.

Als Guarneri-Geiger schätzte Lenau ihre unmmittelbare Musikalität,

das Musizieren „ohne Noten“,

während er als Mensch und Geist weltanschaulich den Fatalismus der Zigeuner bewunderte.

Lenau, ein Apologet verfolgter Minderheiten, namentlich der Zigeuner, Juden und nordamerikanischen Indianer und früher Streiter für Menschenrechte, hat mehrere Zigeuner-Gedichte verfasst, in welchen das Volk der Zigeuner in der Regel idealisiert wird.

Lenaus Landsmann Franz Liszt hat „Die drei Zigeuner“ kongenial vertont.

Knorriger-Weidenstamm an der Tauber.

In meinen Erinnerungen habe ich dem „Volk der Zigeuner“

( eigentlich sind es über „Roma“ und „Sinti“ hinaus mehrere Dutzend Stämme, darunter auch „Zigeuner“, die „nur“, also auschließlich als „Zigeuner“ bezeichnet werden wollen)

eine längere Abhandlung gewidmet, Selbsterlebtes aus der Perspektive des Kindes bzw. des Jugendlichen, unter:

https://carlgibsongermany.wordpress.com/2011/01/20/exkurs-die-freiheit-der-%E2%80%9Ezigeuner%E2%80%9C-ihr-wesen-ihre-kultur-ihre-musik/

Vlad Tepes in Schässburg, Siebenbürgen, im Westen besser bekannt als “Graf Dracula”.

Zigeuner sollen im Heer von Fürst Vlad Dracul, dem Vater des berühmten Grafen, tapfer gegen die Türken gekämpft haben.

Aus diesem Stoff schuf Ion-Budai Deleanu das Epos “Das Zigeunerlager” ( Tiganiada), eine Dichtung, die den Anfang der rumänischen Literatur markiert.

Die Weide, der Lieblingsbaum der Zigeuner.

Früher lagerten sie gerne am Wasser, im grünen Gras und im Schatten der Bäume.

Heute ist das archaische Leben schwieriger geworden.

Trotz aller Toleranz- und Liberalismusbekundungen fällt es der abendländischen Gesellschaft schwer, die “Werte der Anderen” zu akzeptieren.

Mehr über

Nikolaus Lenau

unter

http://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaus_Lenau

Interpretationen zur Dichtung Lenaus in meinem Werk:

Carl Gibson, Lenau. Leben – Werk – Wirkung.

Heidelberg 1989, 321 Seiten.

Dieses viel zitierte Standardwerk der Lenau-Forschung ist –

laut World Cat Identities und neben einer Studie des Freud Schülers Isidor Sadger über das Liebesleben Nikolaus Lenaus –

das weltweit am meisten verbreitete Werk über den Spätromantiker und Klassiker der Weltliteratur Nikolaus Lenau .

Der leider viel zu früh verstorbene Germanist und Nietzsche-Forscher Prof. Dr. Theo Meyer erkannte in diesem Werk

“einen Markstein der Lenau-Forschung.

Es ist überhaupt die prägnanteste Lenau-Monographie. es dürfte zum Besten gehören, was über Lenau überhaupt geschrieben worden ist.”

Das Werk, das mir, dem Autor bisher noch kein Einkommen generiert hat, wurde in acht Teilauflagen gedruckt. Die Leinen-Ausgabe ist seit vielen Jahren vergriffen. Ein Restbestand der kartonierten Ausgabe liegt – ungeachtet anderer Meldungen im Internetbuchhandel – noch vor und kann beim Winter Verlag, Heidelberg bezogen werden.

Trotzdem  ist  eine grundlegend überarbeitete Neu-Edition dieser Monographie angesagt,

da die Werke und Briefe Lenaus inzwischen in einer historisch-kritischen Ausgabe vorliegen.

Fotos: Carl Gibson

©Carl Gibson

About carlgibsongermany

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