Buch und Moral – Kritisches zur Buchmesse in Frankfurt 2011

Babylonisch hoch: der Messeturm in Frankfurt. Ein guter Indikator; wer nach der “Messe” sucht, findet sie dort.

Das Buch – ein Medium, viel Geld zu verdienen!

Ein Mittel zum Zweck,

eine Ware!

Literatur – Konsum!

Die Experten der Branche entscheiden, wie das funktioniert – Jahr für Jahr:

The same procedure as every year:

Einige stauben ab, andere blicken in die Röhre.

Wer im Geschäft ist, sahnt ab – die anderen haben das Nachsehen.

Die Absahner – das sind die Großen unter den Verlagen mit den bunten Autorennamen.

Die Außenseiter und Außenstehenden:

das sind die vielen Kleinen, Verleger und Autoren,

die nicht zum Zuge kommen, weil sie nicht in der Diskussion sind,

obwohl sie Qualität abliefern.

Was auf der Buchmesse “in” ist, das ist bereits in den Kampagnen im Vorfeld der Eröffnung zu erkennen:

Bücher werden gemacht – so oder so.

Wo ist der größte Haufen?

Wo die größte Medien-Resonanz?

Dort, wo Schoßgebete zum Himmel gestoßen werden,

dort,

 wo sich die Niederungen der Feuchtgebiete ausbreiten!

Umwertung alle Werte?

Geht man nach den Medien, auch der Öffentlich-Rechtlichen, dann ist das so.

Gemessen an dem neuen pornographischen Duktus einer gewissen Dame mit literarischen Sinn sind die Fäkalpassagen in Herta Müllers Werk  Wirrungen von Chorknaben.

C’ est la vie … en rose … en prose!

Wie auch immer.

Die Rumänen ehren Herta Müller mit mehreren Übersetzungen,

obwohl Müller es mit der Darstellung der “rumänischen Geschichte” während der Ceausescu-Diktatur nie so ernst genommen

und die Realität ihres Geburtslandes arg verzerrt präsentiert hat.

Sonst sah ich von der “Nobelpreisträgerin” aus dem Banat kaum etwas.

Wer spricht noch von ihr?

Alles schon wieder Schnee von gestern?

Wie in jedem Jahr hörte ich mich bei Kollegen um:

“Treffe ich Dich auf der Buchmesse”,

die übliche Frage.

“Nein, bestimmt nicht, das werde ich mir wohl nicht antun!”

Die übliche Antwort.

Zu viel Desillusion, Enttäuschung, Frustration –

was zu Demotivation und Schreibhemmung führt.

“Wer soll das alles lesen?”

“Und müssen wir nun auch schreiben wie Marquis de Sade oder George Bataille,

um gelesen zu werden?”

Wie in den letzten Jahren auch, machte ich meinen Rundgang, beginnend mit der Pressestelle, ohne Erwartungen.

Kollegen aus den Redaktionen tippten ihre Berichte ins neueste Notebooks –

die Zeit ist schnell geworden.

Jeder will die Sensation am ehesten verkünden.

Welche Sensation?

Unterleibsliteratur – die neue Sehnsucht nach Fäkalität und Obszönität?

Vielleicht!

Island, das Gastland der Buchmesse, ist angeblich mit ca. 40 Autoren angerückt,

ein Land mit einer Bevölkerung von ca. 320 000 Menschen ( etwa die Hälfte der Bevölkerung Stuttgarts).

Neben Island-Pferden, Feuer und Asche speienden Vulkanen und maroden Banken gibt es auf der Insel Island viele Autoren – mit Humor.

Sie brachten ihre Literatur nach Frankfurt mit und ihre manchmal etwas eigenen Auffassungen von moderner Literatur.

Eine isländische Autorin meinte gar, Literatur müsse unterhalten!

Pech für alles Tragische, Ernste und Reale!

Fiktion ist wieder einmal angesagt, dahinter Realitätsverfälschung?

Der Belletrist darf alles!

Fernsehanstalten sind allpräsent auf der Messe: die Meinungsmacher –

Sie berichten … und verteilen nebenbei Werbegeschenke, um auch auf sich aufmerksam zu machen.

Was war da noch?

Literaturpreise als Mittel der Promotion und Verkaufsförderung?

Die Schweden, die sich schon so oft selbst ehrten, waren Mal wieder an der Reihe –

und sie ehrten sich selbst für große Lyrik mit dem Nobelpreis.

Und die Deutschen?

Sie ehrten mit ihrem “deutschen Buchpreis” einen Newcomer,

einen unbekannten Autor, der – nach Thomas Manns Paradigma “Buddenbrooks” – einen autobiographischen Roman über den Untergang der DDR geschrieben hat,

ohne dabei den “moralischen Zeigefinger” zu erheben!

Großartig!

Die Verbrechen der KPD, SED, der Staatsicherheit der DDR etc. die zahlreichen Opfer der kommunistischen Diktatur –

alles Schnee von gestern,

alles schon vergessen?

Wozu moralisch werten, wenn es den inneren Frieden zu erhalten gilt?

Wozu belastende Vergangenheit aufarbeiten, wenn wir alles verdrängen und vergessen können.

Moral war wenig gefragt auf der Buchmesse Frankfurt Anno Domini 2011.

Kleiner Trost – der “Friedenspreis des deutschen Buchhandels” geht an immerhin an den Algerier

Boualem Sansal –

wohl als Rechtfertigung für die mehr als 30 000 Kampf-Flüge der NATO nach Lybien.

Über den Heuchelei-Vorwurf Sansals an die Adresse der West-Europäer, von dem jetzt nichts zu hören ist, schrieb ich unter:

http://carl-gibson.blogspot.com/2011/03/ein-philosoph-als-kriegstreiber-oder.html

sowie

https://carlgibsongermany.wordpress.com/2011/06/11/semprun-sansal-%E2%80%A6-ein-friedenspreis-und-die-gesellschaftliche-heuchelei-dahinter-%E2%80%93-%E2%80%9Eaufruhrerische-gedanken%E2%80%9C-im-blog-verbreiten/

Ein Feigenblatt das Ganze, um eigenes moralisches Versagen zu verdecken?

Von meinen vier Verlagen sah diesmal  ich nicht viel –

entweder sie waren nicht vor Ort, aus welchen Gründen auch immer

oder er gab sie nicht mehr in der alten Form.

Der ehrliche Autor ist der Dumme;

wenn er sich nicht selbst vermarktet, bleibt er draußen vor der Tür.

Hungrige Autoren konnten sich an den Ständen der Großen durchfressen wie durch das Schlaraffenland, wenn Häppchen mit Sekt gereicht wurden.

Überall dort, wo der Steuerzahler die Aufwendungen bezahlte, wurde königlich getafelt.

Man gönnt sich ja sonst nichts!

Darüber hinaus war es wieder:

The same procedure as every year!

Etwas fiel mir positiv auf bei dieser Massenveranstaltung, die jede Individualität tilgt:

eben die Gleichmacherei durch Überladung!

Der gute alte Politik- und Nahost-Experte Peter Scholl-Latour schlenderte ebenso an mir vorbei wie Medien-Dame Alice Schwarzer fast ganz in Schwarz.

So werden die VIPs gleicher – ein demokratischer Nebeneffekt des Ganzen.

Und noch etwas – weil die Welt so ist, wie sie ist, entstehen Glossen wie diese.

Carl Gibson

P.S. Eine schöne Geste der Messe-Leitung zur Ausweitung der demokratischen Struktur:

“Blogger” können sich inzwischen akkreditieren lassen und sich so bei überschaubaren Kosten unter das “Fachpublikum” mischen.

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
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