Passionswege, Golgotha und Schafott – Ostrakismus und Kreuzigung in der Antike und heute

Ecce Homo- Jesus Christus, der Gekreuzigte, Kerner-Haus, Weinsberg

Ecce Homo- Jesus Christus, der Gekreuzigte, Kerner-Haus, Weinsberg

 

Ethisch-moralische Überlegungen zum Karfreitag –

Passionsgänge und Golgotha-Erlebnisse finden täglich statt, still und individuell –

Zeit zur Einkehr, zur Meditation, zur Kontemplation, zur seelisch-geistigen Läuterung und Erneuerung.

Von archaischer Brutalität und christlicher Nächstenliebe,

von alten und von neuen Tafeln;

von den Guten und Gerechten;

von den Anfängen der Moral und ihrem drohenden Ende.

Tief im Taubergrund in einer Einöde nahe der pittoresken Stadt Wertheim erbauten fromme Mönche vor mehr als eintausend Jahren eine Eremitage, ein Refugium des Rückzugs, um in stiller Einsamkeit Einkehr zu halten und kontemplativ Gott zu gedenken, mystisch versenkt und in „ora et labora“.

Kloster Bronnbach im Taubertal, Aussenansicht

Koster Bronnbach im Taubertal bei Wertheim – Ort der Einkehr, der Begegnung und des Austauschs

Das Kloster Bronnbach steht heute noch, Behausung dreier Mönche aus Polen, Ort des Austauschs, der Muse und der Musik.

In der  Kirche der Klosteranlage mit sehenswertem Kreuzgang und vielen alten Grabsteinen aus verwittertem Sandstein der Region, hängt ein Bild, das mir zufällig auffiel, als während eines Konzerts junger Virtuosen mein gelangweilter Blick durch den Raum schweifte.

Passion, Golgotha, Kreuzigung?

Nein! Es war ein anderes Sujet, das der Maler in Farbe gebannt hatte:

Eine „Steinigung“ – alttestamentarisch grausam, ganz im Gegensatz zur Botschaft eines auf Liebe begründeten Christentums im Gefolge Jesu und des Neuen Testaments. 

Eine Dreier-Konstellation:

Ein Steiniger links, ein Steiniger rechts – das Opfer kniend und mit gesenktem Blick in der Mitte, den Todes-Wurf erwartend.

In den nach oben gerissenen Händen des einen ein kopfgroßer Felsbrocken, gerade recht geschaffen, um niederzusausen und den Kopf des Schuldig – Gewordenen, des Opferlamms, zu zerschmettern.

Die Botschaft des Gemäldes erschütterte mich wie die Vorstellung der Steinigung überhaupt, deren Hauptopfer in der Regel Frauen waren, Ehebrecherinnen und Hetären bis hin zu Maria Magdalena.

Die Gedanken schweiften ab.

Zufällig arbeitete ich gerade an einem Text über “Denunziation und moderne Steinigung” – und jetzt: Diese Fügung!? 

Zwei Werte-Systeme  prallen aufeinander:

Judentum und Christentum,

alte Werte, neue Werte.

Was ist Recht – und was Gerechtigkeit?

Wer weiß es?

Die Guten und Gerechten – sie wussten es damals, und sie wissen es heute.

Sie wissen, was Moral ist,

wo sie anfängt und wo sie endet.

Sie wissen, was Sünde ist – und wer sündig wird.

Sie wissen, wer sich in Schuld verstrickt – und wer zur Steinigung frei gegeben wird.

Sie wissen, wer gehetzt werden darf.

Sie wissen, wer gegeißelt werden muss, wer das Spießrutenlaufen zu erdulden hat – und wer letztendlich nach dem Blutschwitzen auf dem Kalvarienberg mit dem finalen Todesstoß erlöst wird –

am Kreuz,

oder eben mit einem Stein am Kopf!

Wer wirft den ersten Stein?

Die Guten und Gerechten?

Wissen sie, was sie tun?

Oder sollte, wer im Glashaus sitzt, nicht mit Steinen werfen?

 Ist das Christentum heute in Sachen Moral weiter als das Judentum vor 2000 Jahren? 

 

 Kreuzgang Kloster Bronnbach im Tauberttal, Innenhof

(Foto: Monika Nickel)  Kloster Bronnbach, Innenhof – Viel Raum für Musik und Kunstausstellungen

 Kreuzgang Kloster Bronnbach im Taubertal

Foto: Monika Nickel – Kreuzgang im Kloster Bronnbach im Taubertal

 Zur Thematik, nur  weniger ernst:

 

Am Pranger – Selbstapologie kurz vor der Steinigung

 

Selbstverteidigungsrede aus der Zeit,

als ich meine Zeit-Kritik noch auf der linken Plattform „Der Freitag“ formulieren durfte. Irgendwann wurde ich dann gestoppt – aus ideologischen Gründen? Weil  manchem Kommunisten meine „Dissidenz“ missfiel? Eine Antwort blieb aus.

 „Warum bin ich hier?

Warum schreibe ich auf „Freitag“?

 Warum stelle ich so viele Fragen?

Warum provoziere und irritiere ich andere hier und anderswo?

 Warum frage ich überhaupt?

 Am Anfang steht die Frage!

Philosophen, Wissenschaftler werfen Fragen auf, bevor sie Lösungen suchen und finden.

Eine Frage ist oft schon eine Antwort, ob offen oder geschlossen.

Sie appelliert an das Denken, an das kritische Nachhaken, an das selbstständige Erforschen von Ursache und Wirkung.

 Aber  der Reihe nach: Weshalb agiere ich gerade in Berlin – beim Freitag?

Und nichts anderswo, in Hamburg vielleicht oder in Frankfurt?

Vielleicht will ich berühmt werden?

Berlin ist ein guter Ort, um berühmt zu werden!

Und weshalb schreibe ich im Forum des Freitag?

Weil ich an einen Freitag geboren bin!

Weil die Freitags-Geburt einem eine Pflicht auf lebenslange Freiheit auferlegt!

 Weil ich ein Loblied auf den Verleger des Freitag singen will – wie damals in der konzeptionellen Diskussion, als ich – scheinbar unsolidarisch mit dem Redakteur – Partei ergriff für Ausbeutung und Kapital.

Weil viele in der Redaktion alle so nett sind und mich gewähren lassen in der Ausübung von Freiheit.

Weil es mit gefällt, hier zu schreiben!

Und weil es anderen, die sich vielleicht brüskiert oder auch nur übergangen fühlen, nicht gefällt, dass ich da bin.

Hier bin ich auch, weil ich kluge Leute vorfinde, die mich verstehen oder auch missverstehen,

weil hier – bei allem Ernst einzelner Themen – der Humor noch nicht untergegangen ist

und weil die junge, kritische Freitag- Community blüht, lebt und gedeiht!

Auch wenn einige mich dorthin wünschten, wo der Pfeffer wächst, fühle ich mich noch nicht stigmatisiert, ausgegrenzt, gar an den Pranger gestellt.

Selbst sensible Naturen mit weichem Kern können einiges ertragen, wenn sie sich ein „dickes Fell“ zulegen.

Milva singt davon!

Ist es ein Allerleirau, dann  wird man eben zum „bunten Hund“!

Davon singt Reinhard Mey!

Doch lieber ein bunter Hund, der auf den roten Teppich pinkelt oder ein Diogenes im Fass,

als ein angepasster Autor,der in der ZEIT oder in der FAZ das schreibt, was er zu schreiben hat.

 Die Freiheit ist etwas, was täglich neu erstritten, erkämpft werden muss.

Kampf ist Leben – und geistige Menschen ringen im Geistigen!

 Wer in der Antike zur Macht griff, wurde „ostrakisiert“, einem Scherbengericht und unterworfen und dann aus dem Land verwiesen, verbannt.

Nach Jahren in der Einsamkeit des Exils durfte er dann wieder heimkehren, wenn er für die Republik oder den Staat nicht mehr gefährlich war.

So bewahrte man die Demokratie vor dem machthungrigen Usurpator.

 Im Mittelalter stellte man auserkorene Opfer (nicht nur Streitsüchtige!) an den „Pranger“ auf dem Markt, wo sie von allen gesehen und anspuckt werden konnten!

Das war offiziell!

Heute, in der Zeit des Internets, werfen die Anonymen mit ihrem Dreck aus dem Busch, ritterlich getarnt, unter einer Maske oder Zauber-Kappe versteckt wie Siegfried bei der Vergewaltigung der Brunhild, bereit den zur Steinigung und Kreuzigung Bestimmten zu vernichten.

 Worte töten!

Worte demotivieren,

Worte grenzen aus,

sie stigmatisieren – und Worte steinigen!

Wer wirft den ersten Stein in der neuzeitlichen Steinigung?

 Leider ist es so, seit alttestamentarischen Zeiten:

 Wer an den Pranger kommt, landet bald darauf auf dem Scheiterhaufen!

Das Schafott ist überall – überall dort,

wo Einzelne über ihre Mitmenschen richten!

 Wissen sie, was sie tun?

Wer gibt ihnen das Recht, den ersten Stein zu werfen?

Klagen? Ja!

Doch anklagen?

Einfach so?

Wie rein ist die Weste der Steinewerfer?

Und wer darf den „Inquisitor“ spielen?

Wenn es existenziell wird, hört der Spaß auf.

Manches ist eine Frage der Ehre, anderes eine der Moral – ein weites Feld. Deshalb setze ich hier einen Punkt –

audiatur et altera pars!“

 Carl Gibson "am Pranger" in Rothenburg ob der Tauber  - Ironische Reminiszenz an das Mittelalter

Philosoph und Zeitkritiker Carl Gibson am “Pranger” –

Selbstironie in Rothenburg an der Tauber

Fotos: Monika Nickel

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