Von der großen Sehnsucht – Carl Gibsons Satire “Faustinus, der glückliche Esel” online veröffentlicht

Von der großen Sehnsucht – Letzte Erfüllung und Lebensglück

Die letzten Jahre seines oft unruhigen Wanderlebens verbrachte Faustinus in einer wohl geordneten Sinnstruktur, eingebettet zwischen Vergangenheit und Zukunft. Es war ihm bewusst geworden, woher er kam und wohin er ging.

Er hatte seine Wurzeln gefunden und sein Selbst, das fort wirkte im Wesen seiner Kinder. In ihnen würde auch er fortleben als Denkender, Fühlender und Schaffender.

Als tumber Tor war er einst in die Welt gezogen, um frei zu werden und um etwas von dem großen Erdenglück zu erhaschen:

die große Liebe,

den dicken Beutel,

den goldverzierten Stall – und etwas Weisheit noch dazu.

Und nun?

Alles war dahin, bis auf die Erlebnisse und die Erfahrungen, an denen er bis zu seinem Lebensende zehren konnte.

Ein paar gute Freunde waren immer noch da, eine robuste Gesundheit, erträgliche Schmerzen und manchmal auch ein erquickender Schlaf ohne böse Träume. Entsprach das den einstigen Vorstellungen vom Glück?

Letztendlich war der klug gewordene Waldesel auch nicht viel glücklicher oder unglücklicher als andere Tiere. Nur lebte und handelte er bewusster. Das bewirkte Zufriedenheit.

Glück war kurzlebig, zerbrechlich und vergänglich – und immer relativ wie die sich wandelnden Perspektiven. Jeder war letztendlich seines Glückes Schmied – und ein gültiges Rezept zum Glücklichsein gab es nicht.

Jeder sah die Welt anders, jeder erfühlte sie anders – und jede Illusion war anders. Die Weisheit verhalf aber dazu, die Chimäre zu durchschauen, statt ihr ewig nach zu jagen. Gelegentlich ging der Maestro hinaus in die erhebende Natur, erhob sein Haupt zur Sonne und dankte der Gottheit, dass sie ihm gerade dieses Schicksal gegeben hatte – und kein anderes.

Er hatte gelernt, dass gewisse Dinge nicht abänderbar sind auf der Welt; und das andere, die die eigene Existenz betreffen, durch eigene Tatkraft und permanentes Agieren sehr wohl geändert werden können – in beide Richtungen.

Aus dem störrischen Esel von gestern, aus dem Willenstier und Rebell, aus dem Anarchisten aus natürlicher Fügung, war nun endgültig ein stoischer Esel geworden – einer, der schier alles ertragen konnte. Obwohl er vieles eingebüßt und für immer verloren hatte, obwohl der Verlust groß war, der Schmerz und die Trauer, hatte er dafür sich selbst gefunden und sein relatives Glück, das wankelmütig war und trügerisch wie die Perspektiven der Wahrheit.

Alles war letztendlich im Fluss – und nichts war beständiger als der Wandel.

Alles war der Zeit unterworfen und der Vergänglichkeit – und alles Werden war ein Neuwerden. Heraklit, der Finstere, hatte die Dinge schon sehr klar gesehen. Und seit jenen Tagen kam nicht mehr viel Neues vor die Sonne.

Diese Erkenntnis brachte ihm die lange erstrebte Seelenruhe ein, die Zufriedenheit und den inneren Frieden.

Der aufwühlenden Morgenröte folgte ein mild versöhnliches Abendrot.

Wenn er nicht in seinen grünen Garten weilte, sah man ihn manchmal durch den Park schlendern, wenn die Blätter trieben.

Die Agora in der Stadt mied er wie das Forum und den Markt. Denn dort drohten beritzte Scherben oder manchmal gar fliegende Steine, die auf keine Goliaths zielten.

Der ganz große Ruhm hatte sich nicht eingestellt. Denn er redete nicht für alle Ohren. Und scheinbar war auch etwas wissenschaftliche Ehre auf der Strecke geblieben, seitdem er die Hallen der Alma Mater verlasen hatte.

Doch was kümmerten ihn Ruhm und Ehre, wo doch noch die Würde da war und die Freiheit, jene unantastbaren Güter, die in keinen Koffer passten, beständige Werte, die er gerne für alle Tiere der Welt eingefordert hätte.

Sein Rückgrat war trotz aller Lasten gerade geblieben und unbeschädigt wie das aufrecht erhobene Haupt. Nie wieder ließ er den Kopf hängen.

In der Natur eingebettet tiergemäß leben – das war nunmehr sein Bestreben, ganz im Sinne seines immer noch gültigen Leitsatzes aus der Jugendzeit, den er gelegentlich im Staunen an der Welt vor sich hermurmelte:

Ich bin ein Tier – und nichts Tierisches ist mir fremd.

Milde geworden, zog Faustinus sich fast vollkommen in die Abgeschiedenheit seines Gartens zurück und führte dort ein kontemplatives Leben zwischen schöpferischer Einsamkeit und anregender Geselligkeit.

In der heilen Welt Concordias, das der Garten Eden Siebenbergens war, ein Paradies und ein Schlaraffenland, hatte sein bescheidenes Leben den Ausgangspunkt genommen – jetzt hatte er sein Concordia wieder, sein gelobtes Land, das er schauen und betreten durfte.

Im kleinen Glück des Gartens ohne Gartenzwerg spiegelte sich das mögliche Glück der großen Welt – denn hier herrschte er bereits: der ewige Friede.

Friedfertige aller Art waren um ihn. Der Freundschaftskult blieb ihm heilig wie die reine Liebe und das Philosophieren in froher Runde.

Bis ins hohe Eselalter hinein umgab er sich mit Charakteren, die den Künsten zugeneigt waren, der großen Literatur, dem strengen Denken und der göttlichen Musik.

Wenn einer kam, um ihm die Zeit zu stehlen, um ihn von schöpferischen Dingen abzuhalten, dann blieb er trotzdem freundlich. Denn auch er war einst als Lernender in die Welt aufgebrochen.

Er genoss es sehr, wenn alte Freunde um ihn waren, bewährte Gefährten aus Zeiten der Not und Gefahr. Und er freute sich auch, mit verwandten Geistern und Seelenfreunden unter Kirschblüten, Traubenhängen und versponnen Rosen beim Symposion zu lagern.

Selbst mit rotbackigen Eselinnen philosophierte er noch gelegentlich über die Liebe in Gedenken an den romantischen Aufbruch seiner Jugend, denn im Herzen war er ein barocker Dionysiker geblieben,  einer, der immer noch tanzend und singend seinen Geist entfaltete.

Manchmal sprach er auch von der großen Sehnsucht, die alles Seiende durchströmt:

Von der Sehnsucht, zurück zum Ursprung,

von der Sehnsucht nach der Ferne,

von der Sehnsucht nach mystischer Versenkung

und von der Sehnsucht nach Offenbarung.

„Wenn ihr die Seelen der Geschöpfe berührt mit eurem Geist und eurer Kunst, dann werden euch alle Herzen zufliegen“,

 lehrte Faustinus.

Den traurigen Dingen des Alltags, die oft von allen Seiten auf ihn niederprasselten wie Hagelschlag, setzte er die Lebensfreude entgegen und wirkte so als Vorbild. Manchmal, wenn es zu laut und zu bunt wurde in der Runde, dann atmete Faustinus erleichtert auf, wenn seine Gäste wieder gingen.

Gesamtkunstwerke wollte er keine mehr schaffen, eher kurze Aphorismen zur Lebensweisheit; aber an dem einen Geschaffenen wollte er sich auf ewig erfreuen.

Äußerlich lebte er kynisch karg wie andere Esel und brauchte fast nichts mehr an Hab und Gut bis auf das wenige, was den Leib im Leben hielt.

Diogenes war ihm ein Vorbild.

Wenn Faustinus nicht gerade in Büchern las, lange Briefe schrieb; wenn er nicht gerade einem Hymnus auf das Leben dichtete, wenn er nicht komponierte oder nur sphärischen Klängen lauschte; wenn er nicht in Dialoge vertieft mit Freunden und kritischen Köpfen aller Art über Gott und die Welt diskutierte, über Gleichheit und Gerechtigkeit, über Ethik und Pflicht, über Wahrheit und Lüge und über den Schleier der Maya, dann gab er sich den schlichten Naturwissenschaften hin. Dann züchtete er im Schweiße seines Angesichts mit einer nur ihm eigenen Eselsgeduld Reben und Rosen.

Die Ungeduld seines Herzens hatte ihn in jungen Jahren manchen überhasteten Fehlschritt beschert. Nun war Faustinus ruhiger geworden, bedachtsamer und klüger. Das Züchten war sein Schöpfertum im Kleinen, sein Weg, aus Etwas ein Anderes zu machen, ein Edleres und Höheres – das war seine Alchemie des Alters.

Wenn ihm im Herbst ein guter Wein gelang, dann freute er sich, die Glut der Wahrheit mit den Sinnen zu fühlen, auf der Zunge und in den müden Gliedern. Die Suche nach dem Wesen der Wahrheit aber hatte Faustinus aufgegeben wie die Jagd nach lebensfremder Abstraktion.

„Das Wesen der Wahrheit ist die Freiheit“ – hatte ihn der Eremit in der Blockhütte gelehrt.

Das genügte ihm. Denn hinter der Freiheit wartete das Glück.

Und wenn nach jahrelangem Mühen eine seiner neuen Rosen das Licht der Welt erblickte, in neuen Farben und mit neuem Duft, waren dies Genüsse, die er mit Augen und Nüstern aufnahm und die er jeder metaphysischen Hinterwelt vorzog. Das Leben war in der Pflanze gut aufgehoben – und trotzdem hatte es sich emanzipiert!

Es gab ein Seiendes – und eben kein Nichts!

Das Leben war kein Irrtum.

Denn die Musik gab ihm Sinn als göttliche Offenbarung.

Die Liebe war konkret und immer erlebbar.

Und das Glück!

Manche Anschauung konnte dabei in stiller Betrachtung und im regen Austausch mit schöpferischen Geistern weiter vertieft werden. Niemand lernte endgültig aus. Der Entwicklungsprozess von Geist und Seele ging ewig weiter. Kein Gespräch gab es, aus dem er nicht weiser hervorgegangen wäre.

Doch mied Faustinus die ganz großen Ideen, das Reden über die Freiheit und das Glück, weil er sie nicht zerreden wollte.

Die Freiheit hatte ihm viel Glück gebracht, aber auch Unglück. Faustinus wusste jetzt, dass sie genossen werden musste wie eine Arznei, nicht wie eine Droge.

Wunder erwartete er keine mehr. Doch harrte er der Begegnungen mit seinen Mitgeschöpfen, die edel waren, hilfreich und gut.

Einsamkeit, Melancholie und Pessimismus waren verflogen. Die Götter hatten ihn geschlagen und ihm viel genommen – wie einst Hiob, um ihm zu zeigen, was ein sinnvoll gelebtes Leben wirklich ausmacht und was es lebenswert macht.

Eine glühende Aura der Begeisterungsfähigkeit und Positivität umgab ihn – eine Zuversicht, die Faustinus auch verströmte.

Die Sonne sank – und eine Morgenröte folgte. Vielleicht kam irgendwann noch eine neue Liebe und ein großes Glück!”

Ende

(Auszug/ Leseprobe bzw. letztes Kapitel aus: „Faustinus, der glückliche Esel“.)

Carl Gibson präsentiert hier Essenzen seines Philosophierens ( aus Ethik, Staatsphilosophie, Anthropologie und vor allem Lebensphilosophie) in literarisch-poetischer Form.

Alle Humoresken und Satiren des nunmehr vollständig online vorab veröffentlichten Werkes können gelesen werden unter:

http://carl-gibson-satire.blogspot.com

Weitere Erläuterungen zu: „Faustinus, der glückliche Esel“ unter:

http://carl-gibson.blogspot.com/2011/01/totalitarismuskritik-in-carl-gibsons.html

 Esel am Wegrand in Transsylvanien

Esel am Wegrand in Transsylvanien

Eine bestimmte Art besonders störrischer Waldesel soll in “Siebenbergen” bereits im Aussterben begriffen sein, sagt man.

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