Tabubruch oder Blasphemie?

Doch was las ich hier?

Nahezu alle Bereiche der Dorfwelt, die ich als harmonische und glückliche Kindheit im Gedächtnis behalten hatte, erschienen in ihrer Darstellung im negativen Licht, als Belastung: die Herkunft, die nationalen Wurzeln, das Deutschtum, die eigene Familie, Vater, Mutter, Großeltern, alles erschien in ihrer Darstellung unnatürlich und diskrepant wie aus einer irrealen Welt – dargestellt in Verachtung und blasphemischer Verhöhnung, ohne jede Pietät.

Nicht einmal die Religion, die für viele Menschen einen besonderen Wert darstellt, machte dabei eine Ausnahme oder die Seelen der Verstorbenen auf dem Friedhof. Die Seelen feiern heute Kerweih!

Das entspricht einer doppelten Verhöhnung, einem Sakrileg, das die Totenruhe, den Tag der Totenehrung und das Erntedankfest – ohne Rücksicht auf das seelische Empfinden frommer Menschen – der Lächerlichkeit überantwortet.

Lachen ist lustig, doch im Rahmen einer humoresken Situation, wogegen das Lachen über tradierte Werte, hinter denen menschliche Identitäten stehen, eine moralisch verwerfliche Haltung ist. Irgendwo hört das Lachen auf, genau dort, wo die Würde und Intimsphäre anderer tangiert wird. Wer sich selbst gebärdet wie eine Mimose, versteckt lebt und aus dem Verborgenen heraus über die Welt herzieht, sollte diese Sphären achten, aus intellektueller Redlichkeit und humaner Gesinnung heraus.

Doch vermutlich wurden denkerisch-pychologische Implikationen beim Verfassen von Literatur an der Temeschburger Universität in der sehr knappen Studienzeit der Autorin nicht durchgenommen.

Überall, wo ich das Büchlein aufschlug, fand ich oft schlecht gelaunte und auch schlecht geschriebene Texte vor, die, objektiv betrachtet, unter normalen Bedingungen kaum einen Verleger gefunden hätten. Die Zeitschrift Neue Literatur – das wusste ich von anderen Literaten – hatte sich lange geweigert, Herta Müllers Texte zu drucken, da sie qualitativ nicht überzeugten.

Darüber hinaus kannte auch ich das Verlagsmetier aus eigener Erfahrung und hatte selbst hunderte Texte als Lektor beurteilt – über viele Jahre hatte ich manche Schreibende um mich – doch so etwas?

Literatur der Frustration?

Meine Mutter ist ein vermummtes Weib

las ich da.

War das die Revolte einer emanzipierten Frau gegen die Welt von Gestern?

Die Tracht entsprach der Sitte, der konservativ keuschen Lebensauffassung einer Region – und war individuell so gewollt. Weshalb wurde dieser Wille, so auftreten zu wollen, nicht respektiert?

Ein Kopftuchstreit in archaischer Landschaft!

Hatte diese Mutter, die sicher auch einen eigenen Lebensweg beschritten hatte, auch noch das Recht auf Würde?

Und das Pendant dazu – der Vater hatte das Stigma des Säufers!

Gab es vielleicht Gründe, übergeordnete soziale Gründe, weshalb es so war? Hatten ihm vielleicht die Henker aus Berlin das Leben verpfuscht, als sie ihn zur SS einzogen und vielleicht auch schuldig werden ließen?

Noch ein paar Seiten mehr – und ich wusste einiges über Gepflogenheiten am stillsten aller Orte, Geschmacklosigkeiten über die Unterleibskrankheiten der halben Familie; ich hörte vom Bruch des Großvaters, von Venenleiden im Analbereich, naturalistische Details beim Verrichten der Notdurft, Geräusche der Exkremente und andere Unappetitlichkeiten, die jedes Aufkommen einer Freude am Lesen zunichte machten. Und immer wieder Obszönitäten, die aus der Verehrerecke des Grafen Porno zu entstammen schienen.

Wozu dies alles?

Brauchte die Welt diese Art von Literatur – die außerdem nicht neu war, sondern vielfach antizipiert worden war? Ein Blick in die Literaturgeschichte hätte ausgereicht, um dies festzustellen. Dann kamen die vielen Verallgemeinerungen und der undifferenzierte Gebrauch einzelner Begriffe: das Wort schwäbisch – mit dem alle Schwaben getroffen werden, die aus Stuttgart und jene von der Alb, die aus Augsburg und jene aus Oberschwaben, nicht nur die wenigen so genannten Donauschwaben aus dem Banat  – ist das vielleicht Verheerendste aus der Sammlung.

Bedurfte es dieser Schmähungen?

Und dazu noch aus der Feder von Personen, die eine totalitäre Partei anerkannten und stützten, und die, statt gegen eine Diktatur anzukämpfen, ihre Zynismen gegen unschuldige und schon bedrängte Landsleute richteten? 

Und wofür erhielt Herta Müller den Preis der Konrad Adenauer-Stiftung?

Für ihr grundsätzlich antitotalitäres Verhalten!

Ein Hohn!

Also war die von ihr als Führungskraft im Land anerkannte Rumänische Kommunistische Partei, die inzwischen als verbrecherisch eingestuft wurde, keine totalitäre Partei?

Und wir, ihre Opfer aus den Gefängniszellen, waren Phantome, während der selbst konstruierte und selbst behauptete Mythos, verfolgt gewesen zu sein, der Wahrheit entsprach?

Verkehrte Welt!

Ein paar Redeschreiber sahen dies so. Und ein paar ahnungslose Politiker, die eigentlich ihrer christlichen Gesinnung und ihrer deutschen Identität mehr verpflichtet sein sollten, vor allem aber dem Gewissen, murmelten die Behauptungen öffentlich nach!

Ein  Skandal!

Damals, als das kleine Spottbändchen seine destruktive Wirkung zu entfalten begann, indem es alles in den Dreck zog, was anderen hoch und heilig war, befand ich mich persönlich auf einem anderen Dampfer – in der Lösung von der Politik und in zunehmender Hinwendung zu Geist und Kunst, auf dem Weg weg von belletristischen Provokationen und hin in die gestrenge Welt der Wissenschaft. Also versäumte ich es seinerzeit, angemessen auf Literatur zu reagieren, die meine eigene Identität vielfach belastete.

Erst später, als ich mich noch einmal der Vergangenheitsbewältigung stellte und aus interdisziplinärer Sicht vieles aufarbeitete, was die jüngste Zeitgeschichte des Banats ausmacht, wurde ich noch einmal mit den Positionen konfrontiert, die mich nach wie vor aufwühlten und erregten. Die unselige Auseinandersetzung mit schlaflosen Nächten, die an dieser Stelle nicht ausdiskutiert werden kann, hatte allerdings auch etwas Gutes – sie erzwang ein tieferes Nachdenken und führte zu einer Fokussierung der eigenen Position und somit zur Festigung der eigenen Identität. Das Ja, ich weiß, woher ich stamme wurde noch bewusster erlebt.

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