Gehalt und Gestalt – und ein Hauch Polemik

 

Logik, Sprachphilosophie, Ästhetik – das sind über die Jahrtausende gewachsene Bereiche des Denkens und der Kunst an die sich der Schaffende hält, wenn er ein Kunstwerk entstehen lässt, wenn er ein Poeta doctus ist und die Vorarbeit der unzähligen Kunstschaffenden vor ihm und den Gang des Geistes durch die Geschichte anerkennt. Dann bemüht er sich auch um ein angemessenes Verhältnis zwischen Gehalt und Gestalt, indem er sich fragt, ob er überhaupt Ideen hat; ob er neuwertige Ideen hat, ob er relevante Daten und Fakten mitteilen will und wie er das will: in welcher Form und mit welcher Konzeption – alter Wein in neuen Schläuchen?

Wenn ihm das alles zu mühevoll erscheint und zu viel Arbeit macht – dann schreibt er einfach darauf los. Wie ihm der Schnabel gewachsen ist und was ihm gerade so durch den Kopf schießt.

Unreflektiert und frei eben – frei von Bildung, frei von Herkunft, frei von Tradition;

frei von Werten und frei von moralischen Verpflichtungen, ganz nach dem Spruch,

frei von Bildung, frei von Wert, lebt man völlig unbeschwert!

Frei eben. Das frei von ist manchmal einfacher zu handhaben als das frei zu!!!

Sens und Nonsens – auch in der Literatur, statt Kunst auf der Basis von common sense, einen Ausdruck, den man im Deutschen mir gesundem Menschenverstand zu übersetzen pflegt.

Das Ringen mit diesen Themen beschäftigte mich seit 1977, als ich anfing, bewusst literarische Werke zu konzipieren und zu erarbeiten, bis zum heutigen Tag. Damals rezipierte ich weitgehend – mit den Augen des Schaffenden, aber auch mit dem Blick des angehenden Dissidenten, der die Welt, in der er leben musste, mit etwas anderen Augen sah. Und auch die Literatur, die sie spiegeln sollte.

Damals griff ich nach dem Verbotenen und mit Vorliebe nach jenen Autoren, die nicht nur Dichter, sondern auch Denker waren und gerade deshalb lange auf dem Index der Stalinisten standen; mich interessierten von den rumänischen Autoren damals Blaga, ferner Bacovia und Arghezi.

Ungeachtet der weltanschaulichen Distanz zu den meisten Konformisten, die offiziell verlegt werden durften, verfolgte ich um 1977 in Temeschburg als Literaturinteressierter weiterhin literarische Neueditionen und gab mir Mühe, an ihre verschlüsselten Botschaften heran zu kommen, wenn es danach aussah. Marin Sorescu lag mir sehr. Er war als Dichter ein Mann von Welt und nahm kreative Anleihen – über den Tellerrand hinaus – in der Weltliteratur. Und manchmal konnte man sogar etwas von Mircea Dinescu oder Ana Blandiana zwischen den Fingern halten und lesen, ohne dass das, was sie damals veröffentlichten, besonderen Entdeckungen gleichgekommen wäre.

Die Lyrik, die ich teilweise in Zeitschriften aufstöberte, bot da einige Möglichkeiten. Doch was ich über die seltenen Namen hinaus in deutscher wie in rumänischer Sprache vorfand, war oft von großer Lyrik weit entfernt.

In der Regel fahndete nach Botschaften, nach Kritik, nach Auflehnung, nach verneinendem Geist, nach rebellierender Anarchie, nach allem, was nicht brav war und das System in Frage stellte, nach Gedanken, die unsere doch sehr unzulängliche Gesellschaft zu veränderten gedachten.

Doch was ich antraf beschränkte sich auf subjektive Ergüsse apolitischer Art, auf Verse, wo nicht auszumachen war, ob sie in Temeschburg im Banat gezimmert wurden und unter den Bedingungen einer Diktatur oder ob sie sonst wo auf der weiten Welt entstanden waren. Es waren austauschbare Kopfgeburten, Ich-Empfindungen und vielfache Spiegelungen der Ich-Umkreisung. Oft waren es nur ganz lapidare, manchmal auch etwas komplexer konstruierte Sätze, auseinander gezogen und optisch auffällig angeordnet, ohne dass die Anordnung den Sinn verändert hätte. Es waren ein paar hingeworfene Gedanken, ein paar Gefühle, nach deren poetischem Gehalt mit der Lupe gesucht werden musste; selbst im Rumänischen, wo das Poetische der Verse vom Wohlklang der romanische Sprache oft mitgetragen wird. War dies das schwere Ringen um die Form?

Von der strengen Form hatten sich fast alle verabschiedet. Die Gedichte hatten den Anspruch, freie Verse zu sein – nur konnte ihr Gehalt der Richtung nicht folgen. Im Grunde verriet manches Gedicht nur eine Flucht aus der strengen Form, vielleicht, um die eigene Unfähigkeit zu kaschieren. Ein Unterschied zu ähnlichen Gedichten, die von zehntausenden Kreativen in der Bundsrepublik produziert und durch kurzlebige Anthologien verbreitet wurden, bestand kaum, wenn man von wenigen Exotismen absah, die aus dem Umfeld einströmten?

Wo war der eigentliche Kunstfaktor?

Ein freisinniger Lektor konnte zwar behilflich sein, mit einer gewissen Autorität und mit viel Geschick ambivalente Kreationen durchzudrücken; doch ihre objektive Qualität steigern konnte er nicht. Oft blieb es bei leicht niederzuschreiben und austauschbaren Versen, die mehr Rätsel aufgaben, als sie Denkansätze geboten hätten. Meine Suche nach zeitspezifischen Inhalten, die über die subjektive Meinung und den exquisitem Ausdruck hinausgingen, wurde in der Regel enttäuscht und verleidete mir gelegentlich die Beschäftigung mit neuster Literatur. Wie andere Leser auch, erwartete ich etwas von der selbstapostrophierten Avantgarde, von der Elite des Geistes und der Gesellschaft.

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