Freie Dichtung oder Wahrheit? Satire oder Beleidigung und Stigmatisierung?

 

Wenn Literatur zum Mittel wird, dann bleibt die Wahrheit auf der Strecke. Das ist der Machiavellismus der Neuzeit, der aus einem freien Individuum, ein Instrument macht, ein Mittel zum Zweck.

Herta Müller hat mit ihrem ersten Bändchen fiktive Literatur produziert, deren ästhetische und sprachliche Leistung von einzelnen Kritikern als herausstechend empfunden wurden, deren Botschaften jedoch von weiten Kreisen als reine Diffamierung und Identitätsverfälschung angesehen wurden und werden.

Was ist eigentlich sprachlich neu?

Welche Bilder?

Welche Symbole?

Welche Zugangsform – und welcher Ausdruck?

Die Forschung macht einen Bogen darum und die Würdigung der Preisverleiher bleibt allgemein. Ich fand nur regionaltypisches – und somit schlechtes Deutsch vor, mit vielen konfusen Konstruktionen und grammatikalisch falsch gebrauchten Präpositionen, dazu Übertragungen und Übersetzungen aus dem Rumänischen, die für unvertraute Ohren exotisch klangen – an sich aber nichts Innovatives darstellten.

Und was sagen schon Literaturpreise aus?

1982 verfasste ich, damals noch für nomen, den Beitrag Nobelpreise – eine Form der Manipulation. Der Beitrag wurde nach dem Ende von nomen in der Berliner Zeitschrift Vis-a-vis abgedruckt. Darin legte ich dar, nach welchen Kriterien die Nobelpreise für Literatur im letzten Jahrhundert vergeben wurden und verwies dabei auf die tendenziösen wie relativen Auswahlkriterien, die bis heute anhalten. Die kontrovers diskutierte Elfriede Jelinek ist nur ein spätes Beispiel dafür. Oder die Diskussion um Handke und den Heine-Preis.

Für manche ist selbst Herta Müller eine Nobelpreiskandidatin…

In Fall der Autorin aus Nitzkydorf störte mich die später noch ausgeweitete Überhäufung mit Preisen vor allem deshalb, weil ungeachtet der ästhetisch literarischen Kriterien, zu denen man stehen kann wie man will, die Preise für politische Haltungen mit vergeben wurden, die nicht durch die Realität gedeckt waren – für Verfolgung und für Dissidenz.

Andere aus ihrem persönlichen Umfeld, das weiß die Autorin auch, die tatsächlich für die von ihnen produzierte Literatur mit politischen Botschaften im Gefängnis saßen, hätten diese Preis eher verdient.

Denn Herta Müller hat nichts mit Dissidenz zu tun.

Sie hat weder bis zur ihrer Ausreise regimekritische Texte verfasst, noch hat sie an politischen Aktionen gegen das totalitäre Regime, die es vielfach gab, in irgendeiner Form teilgenommen.

Das Mitunterschreiben einer Petition an einen örtlichen Parteisekretär ist nichts besonderes, vor allem deshalb nicht, weil die Führungsrolle der Kommunistischen Partei Rumäniens von allen Unterzeichnern anerkannt wurde.

Es war lediglich ein Appell an den Jäger, die Hunde zurückzupfeifen, damit diese nicht weiter das Federvieh belästigen. Der Rest ist Mythos.

Jene, die in den Gefängnissen saßen – und davon leben viele Zeitzeugen in der Bundesrepublik – können dazu Aussagen machen.

Doch was weiß der deutsche Professor davon, der die Gegenwart aus der Zeitung kennt? Er ist beeindruckt, wenn er eine Knacki-Floskel im Kriminalfilm hört, vorgefiltert durch den Drehbuchautor.

Was weiß der deutsche Professor von Folter? Selbst nach hunderten von Gesprächen mit Zeitzeugen, weiß er immer noch nichts davon – eben weil er sie nicht selbst erfahren hat. Wer die Auswirkungen des Stalinismus und Spätstalinismus nie am eigenen Leib erlebt hat, der wird nie begreifen, dass das von Stalin über Jahrzehnte durch gesetzte Terrorregime genauso menschenverachtend, zynisch und verbrecherisch ist als der Nationalsozialismus. Selbst für meinen langjährigen akademischen Lehrer blieb die Hitler-Diktatur eine Einmaligkeit, die über die Schreckensherrschaft des Despoten aus Moskau hinausging. Das war eine persönliche Überzeugung, die durch kein anderes, auch noch so wahrhaftiges Zeugnis erschüttert werden konnte.

Diese Haltung macht den Unterschied aus zu jenen, die einmal wirklich verfolgt wurden und die die Untersuchungshaftzellen nicht nur vom Hörensagen kennen. Zwischen Wahrheit und Lüge liegt der existentielle Faktor.

Wenn ich mich heute, nach 25 Jahren des relativen Schweigens, nun dagegen stelle, dann in mehrfacher Hinsicht: als über Jahre verfolgter Widerständler, als Dissident und als wissenschaftlicher Autor, als Historiker und als überzeugter Demokrat und Patriot, der sich gegen jede Hetze stellt.

Ist die literarische Öffentlichkeit und somit die gesamte Öffentlichkeit ein Tummelplatz für unbewältigte psychische Konflikte einzelner?

Niederungen ist eine Antwort. Persönlich werte dieses Werk, das einige ältere Freunde Herta Müllers aus der Temeschburger Zeit gerne als harmlose Satire abtun, für eine grobe, viele Menschen beleidigende Entgleisung, die weder etwas mit oppositioneller Gesinnung noch mit konkretem Widerstand in einer Diktatur zu tun hat, natürlich aus der eigenen Betroffenheit heraus.

Der Stachel jener Schrift wendet sich gegen den schon gemartert am Boden liegenden Hoffnungslosen, der schon vor der Verzweiflung steht – und noch von unerwarteter Seite zusätzlich gequält wird. Der Fallende wird noch gestoßen!

Eine Entschuldigung für dieses Werk, dessen Negativwirkung anhält, ist nach meinem Wissensstand nie erfolgt.

Doch auch das Folgewerk, das eine andere Perspektive einzunehmen sucht und andere Gegner fokussiert, ohne tatsächliche Phänomene und Wahrheiten zu erarbeiten, reicht nicht aus, um die verhängnisvolle Wirkung der Hetzsatiren zu neutralisieren. 

Als die Sammlung frivoler Verunglimpfungen die Leser erreichte, war ich noch mittendrin und involviert – wenn auch vom Westen aus – in den Kampf gegen die Diktatur in Bukarest, exponiert und täglich gefährdet.

Damals regierte ich noch geschockter als jetzt – Jahre nach dem Zusammenbruch der Diktatur und des Ostblocks, eben als unmittelbar Betroffener. In der Problematisierung eigener Elternkonflikte hatte die Autorin das gesamte Wertesystem der deutschen Minderheit im Banat verunglimpft und auf den Kopf gestellt – und mit ihm das konservative Nationalempfinden in der Bundesrepublik! Fragen tauchten auf! Berechtigte Fragen!

Wie war es möglich, das eine Publikation, die sich eindeutig gegen das Wertebewusstsein der Deutschen in Rumänien richtete, die ihre Tugenden ins Groteske zog und sie in vielfacher Überspitzung verzerrte, überhaupt in Rumänien erscheinen konnte?

Diente eine solche Schrift, deren Hetzcharakter in einzelnen Geschichten nicht von der Hand zu weisen ist, dem friedlichen Zusammenleben der Menschen in dem Vielvölkerstaat?

Wem nutzte so etwas?

Worin bestand die Motivation, eine Kurzgeschichte wie Das schwäbische Bad  zu schreiben?

War es der Versuch einer unbekannten Autorin, sich in Szene zu setzen, sich ins Gespräch zu bringen, indem die Ehre von vielen Menschen verletzt, der Lächerlichkeit überantwortet wird?

Nach dem Motto eines Saddam Hussein: Viel Feind, viel Ehr! Auch meine Ehre war betroffen!

Oder suhlten sich die Menschen im Banat wirklich im eigenen Dreck wie Wildschweine?

Selbst in Nitzkydorf dürfte es solche Zustände nie gegeben haben; in jenem kleinen Nest unweit von Temeschburg, das in der Kulturgeschichte des Banats noch nicht groß aufgefallen war.

Dort sollen die Einwohner – nach Herta Müllers Aussagen – vor ihrer eigenen Mutter ausgespuckt haben, wenn die Sprache auf ihre Person kam. War das der Preis für die Schlagzeilen und den an sich fragwürdigen Ruhm?

Eine meiner Mitschülerinnen in der elften Klasse stammte aus jenem Ort, den ich selbst nie betreten habe. Sie trug einen germanischen Vornamen und hörte auf den gleichen Nachnahmen. Doch sie ist mir ganz vornehm in Erinnerung – und – obwohl ich ihr nie zu nahe kam – sauber und überaus gepflegt. Nie hatte ich den Eindruck, als wäre sie je einem schwäbischen Bad entstiegen, einer schmutzigen Brühe, die literarisch so plastisch geschildert worden war, als hätte man sie selbst erlebt.

Aus meiner Sicht war mit dieser Geschichte die Ehre aller Schwaben  tangiert, weltweit, nicht nur jene der Donauschwaben.

War das eine authentische Geschichte oder doch nur eine erfundene, als bewusste Provokation gedacht?

War die Ehre von Zehntausenden in exponierter Situation vor dem Exodus ein Spielball, gegen den man nach Laune treten konnte, so wie es gerade beliebte?

Das Banat war auch noch im späten Zwanzigsten Jahrhundert eine Landschaft mit Trockenklo! Wie weite Teile in der Bundesrepublik, in Österreich und in der Schweiz! Mit archaischen Donnerbalken und Plumpsklos, im welchem der Allerwerteste mit den Titelseiten der führerdurchfluteten Titelseiten abgewischt wurde. In den Räumen der Alten stand noch wie anno dazumal gelegentlich ein Nachtgeschirr, ein Pisspott. Die Alten und Gebrechlichen machten Gebrauch davon, da sie nachts nicht mehr den Weg zum abgelegenen Trockenklo wagen konnten, schon gar nicht bei Eis und Schnee. Es gab auch den Spucknapf, wie ihn auch Deng Siao Ping bei Präsidentenbesuchen einsetzte. Das war so der Brauch. Das waren Fakten! Zeitspezifische Tatsachen.

Doch wo lag der Grund dieser Rückständigkeit? In der Tradition; in der Zeit und in der fehlenden kommunalen Infrastruktur, die das Genie der Karpaten noch nicht entworfen hatte; die das rückständig sozialistische System noch nicht hatte errichten können.

In Sackelhausen gab die jüngst erst errichtete Wasserleitung nur rostige Brühe frei. Anderswo war es ähnlich! Doch die Menschen wussten sich sauber zu halten. Sie gingen adrett gekleidet zur Schule und zum Arbeitsplatz und feierten ihre Feste in sauberen Gewändern, ohne vorher in einer Kloake gebadet zu haben.

Wo im Banat stieg eine ganze Großfamilie in das gleiche Badewasser und wo suhlten die Menschen sich in den eigenen Exkrementen wie Ferkel im Stall?

Woher kam dieser Anflug von Masochismus, den andere so toll fanden, so exquisit? Wer regte ihn an, wer löste ihn aus – und wem diente er am meisten?

War es nur eine übersteigerte Parodie oder eine gezielte Provokation?

Die Menschen, die um 1982, als die Sachen zum ersten Mal gedruckt wurden, in einer finsteren und kalten Diktatur ausharrten, darunter viele meiner Jugendfreunde, und auf die befreiende Ausreise in die Bundesrepublik warteten, hatten so etwas nicht verdient; die Opfer des Systems, die aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit in den Kerkern saßen, schon gar nicht.

Was wusste Herta Müller von der tatsächlichen Realität, in der sie lebte? Sie hatte, wie sie offenherzig später in einem Gespräch bekundete, davon gehört, dass es dort unten…, in den Kellern der Securitate Zellen geben soll. Großartig! Bewundernswert!

Ihr damaliger Lebenspartner, der Schriftsteller Richard Wagner, der dort mit William Totok und Gerhard Ortinau eine Woche verbringen durfte, hatte ihr vermutlich davon berichtet.

Dort unten soll es Zellen geben… Wie faszinierend – wir saßen darin!

Immer wieder und über Jahre.

Cui bono?  Das würde Cicero fragen, der anständige Römer, dem Gerechtigkeit – und die Meinung der anderen Seite – noch etwas bedeuteten!

Wem nutzte es wirklich?

Den Scharfmachern unter den Rumänen vielleicht, den Vollstreckern der Assimilation, die alle anderen Völker diffamieren, aufreiben und verjagen wollten? Den Leuten der Sicherheit und der Partei, die sich schelmisch ins Fäustchen lachten! Oder doch nur der Autorin selbst?

Die sich gegen den Vater stellte,

gegen die Mutter,

gegen das Dorf,

gegen die deutsche Minderheit

und schließlich gegen ihr späteres Gastland Bundesrepublik Deutschland?

Für diese Haltung wurde sie mit Preisen belohnt! Und von ahnungslosen Politikern in der Laudatio in den Himmel gehoben, während wir, die Burschen aus den Zellen, als Ewiggestrige abgetan wurden. Bisher habe ich noch bei keiner Lesung dazwischen gerufen! Meine Stimme erhebe ich erst jetzt, nach 25 Jahren, denn für die Wahrheit ist es nie zu spät!

Auch das sind Auswüchse der Demokratie, die erst durch die differenzierte Erforschung und Aufarbeitung der Geschichte korrigiert werden.

Der Bundespräsident dieses Landes ist aufgerufen, die Verfemten und somit weite Teile seines Volkes, deren Schicksal er aus der eigenen Biographie gut nachvollziehen kann, gegen Anfeindungen einzelner Individuen zu schützen, gerade gegen die Verunglimpfungen jener, die auch dem Bild der Bundesrepublik Deutschland in schweren Zeiten keine Ehre erwiesen haben.

Oder galten die Preise nur der Sprache ihrer alptraumartigen Literatur, losgelöst von ihrem Gehalt?

Was wollte die Autorin wirklich? Wollte sie auf diese Weise Aufmerksamkeit erregen? Oder doch nur Dinge aus subjektiver Sicht darstellen, so wie sie sie empfand?

Hatte sie sich vertan?

War sie über das Ziel hinausgeschossen, unbeabsichtigt, einer Autodynamik überlassen?

Und übersah sie dabei die Tragweite ihrer Aussagen?

Jeder einzelne neue Bundesbürger, der aus dem Banat oder aus Siebenbürgen stammt, und in seiner täglichen Selbstbehauptung in der bundesdeutschen Gesellschaft mit der Frage konfrontiert wird: Woher kommst du? wird nach dem Hinweis auf die Region zumindest bei Lesefreudigen mit der Replik rechnen müssen: Aha! Aus dem Land der Donnerbalken, wo die Badekultur der Römer immer noch der Vergessenheit preisgegeben ist! Wo alle das gleiche Badewasser teilen!

Für jeden Einzelnen ist eine solche Stigmatisierung eine empfindliche Kränkung, gegen die er sich nicht wehren kann. Sie erinnert an die oben geschilderten Schmährufe frivoler Zigeunerkinder, die beleidigten, ohne es zu wissen. Die unbewusst einen Rufmord praktizierten und ein Image ruinierten, dass ohne Tadel war.

Eines Tages kam der Sohn eines guten Freundes tränenüberströmt nach Hause und berichtete den konsternierten Eltern von den Beleidigungen seiner Mitschüler, die auf seine guten Zensuren mit Schmährufen reagiert hatten. Rumäne, Rumäne, was ist das? Das fragte er seine Eltern, die sich vorbildlich in den bundesdeutschen Alltag eingelebt hatten. Sie versuchten dann, ihm zu erklären, dass er als Baby in die Bundesrepublik eingereist sei und dass der Landstrich Banat heute zu Rumänen gehöre. Sie versuchten dem Achtjährigen seine Herkunft und seine Identität zu vermitteln – doch er verstand die Materie nicht.

Zurück blieb die Diskrepanz der eigenen Identität und mit ihr der berühmte Pfahl im Fleisch, den viele spüren, die ein Stigma tragen, und das damit verbundene Leiden. Auf solche Konflikte nahm Herta Müller keine Rücksicht.

Wo blieb die Empathie, die Verantwortung, die ein Schriftsteller immer haben muss. Stattdessen schleuderte sie ihre eigenen Probleme in die Welt, ihre Alpträume. Es ist schlimm, wenn persönliche Konflikte, die einen Seelenkundigen beschäftigen sollten, auf Kosten einer Volksgemeinschaft ausgetragen werden.

Ignorierte sie die Wirkung auf sensible Geister? Und verkannte sie den ideellen Flurschaden und die Würde derer, die an ihrem Raum und an ihrer Nation festhielten?

War die Ehre der anderen Menschen nur ein leerer Wahn? Und wo blieb die intellektuelle Redlichkeit? Nie maßte ich mir an, in die Köpfe der Menschen blicken zu können, die drei Häuser weiter wohnten, um ihre Gesinnung oder ihre Taten zu bewerten, von denen ich nicht wusste, wie sie entstanden waren. Sie hatte ein Urteil für eine ganze Volksgemeinschaft und posaunte es hinaus, mit selbstgefälliger Häme, die leicht zur Hetze wird.

Rumänen, die in der Lage waren, die Geschichte zu lesen, lachten sich zum Teil kaputt; zum Teil schüttelten sie die Köpfe, angewidert von der Selbstverachtung, die aus der Geschichte spricht.

Selbstironie ist eine Sache; die Trivialisierung der Anderen, die man schon gar nicht mehr als die eigenen wahrnehmen will, eine andere. Wer mit solchen Demütigungen konfrontiert wird, da spreche ich aus eigener Erfahrung, reagiert – je nach dem Grad der individuellen Betroffenheit – wie auf andere ehrrührige Beleidigungen auch: mit Aufschrei, mit Protest oder mit Enttäuschung und Resignation.

Noch mehr Resignation befällt einen dann, wenn man zusehen muss, wie Hetze belohnt wird – in einem Staat, dessen Verfassung gegen Hetze schützt. Auch das ist ein Phänomen, das die verantwortungsvolle Politik im Land beschäftigen sollte. Unterbleibt dies auch in Zukunft, werden weitere liberalkonservative Wähler aus Enttäuschung zum rechten Flügel der Parteienlandschaft abwandern. Ob einer aus der Reihe der konservativen Spitzenpolitiker der Bundesrepublik Deutschland, deren Parteien die Autorin auszeichnen, jemals etwas von Herta Müller gelesen hat?

Ideologische Hetze war in der Ost-West-Konfrontation keine Seltenheit. Wenn sich die Kalten Krieger gegenüber standen, war die Wortwahl auf Konfrontation ausgerichtet und entsprechend scharf. Immer wenn die Polemik eskalierte, war der Zustand der Hetze erreicht. Es gab auch immer historisch schrille Töne, nationalen Chauvinismus, mit dem alle Minderheiten in allen Teilen der Welt leben mussten. Wir kannten ihn aus eigener Erfahrung.

Pui de HitlerHitlersprossgeh zu Hitler, waren oft gehörte Worte. Wir mussten sie ertragen und damit leben.

Doch dass ein ideologisch motivierter Chauvinismus innerhalb der deutschen Minderheit ausgelöst wurde, hat mich nachhaltig irritiert und zutiefst befremdet. Dazu kann ich – an die Adresse der Politik gereichtet – nur eines sagen:

J’accuse!

Dieser Selbsthass, mit dem ich erst konfrontiert wurde, als ich schon im Westen lebte, war existentieller Dimension und griff, mit verheerenden Folgen vielleicht, in Lebensbereiche anderer Menschen ein, die nach wie vor exponiert lebten. Meine betroffenen Freunde vor Ort und viele andere Menschen, die den Schikanen der Diktatur immer noch ausgeliefert waren, empfanden den Angriff aus der eigenen Volksgruppe – dies sei nochmals betont – wie jenen mythisierten Dolchstoß. Das vermittelten mir die Worte der Menschen vor Ort.

Was machte nun die schriftstellerische Freiheit aus der Wahrheit? Was deckte sich mit der Realität?

Was war letztendlich Dichtung und was war Wahrheit? Wo konnte diese Art Dichtung mit heran gezogen werden, um ein Bild der Realität der damaligen Zeit darzustellen? Als Zeitzeuge durfte ich nicht länger schweigen, nicht als Historiker und nicht als Mensch!

Mein Vater hatte geschwiegen – obwohl er nie etwas zu verbergen hatte. Deshalb durfte es nicht tun. Zumindest Fragen musste ich aufwerfen, Fragen wie diese – im Geiste Heideggers und seiner Schüler, die meine Lehrer waren: Fragen, die auch andere beantworten konnten.

War dies alles frei zustande gekommen?

Oder hatten sie andere, obskure Mäzene vielleicht, instrumentalisiert und auf das Glatteis geschickt, um sie später einmal fallen zu lassen?

Vieles davon könnte aufgeklärt werden, wenn endlich der seinerzeit viel beschworene Klartext an die Stelle der Fiktion treten würde. Wenn die Autorin selbst, die sich in der Anonymität verkriecht, sich mit den anderen, den tatsächlichen Dissidenten an einen Tisch setzen würde zu einem Gespräch, zu einem aufklärenden und vielleicht auch versöhnenden Gespräch, in einer Entschuldigung und im Widerruf.

Wahrheit muss nicht widerrufen werde, aber anhaltende Kränkung muss nicht ferner geduldet werden und schon gar nicht sanktioniert.

Eine objektive, wissenschaftlich überprüfbare Aussage – clarus et distinctus – könnte viel Licht in das Dunkel bringen, das nach wie vor die Wahrheit verhüllt. Freiheit sollte zumindest jetzt Wahrheit ermöglichen. Fiktion und Hermetik verschleiern mehr als sie lüften.

Herta Müller, die voller Skepsis in die Bundesrepublik blickte, hat sich irgendwann mit allen angelegt, ausgehend von einer kleinen Geschichte, die einen Eklat produzierte, den sie vielleicht gar nicht wollte. Doch plötzlich fand sie sich in der Position eines Opfers eines Systems wieder, das sie als Werkzeug vielleicht unfreiwillig gefördert hatte.

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