Cui bono? Subjektive Literaturrezeption – Hetze und Spaltung?

Individuelle Herta Müller-Rezeption nach der Lektüre von “Niederungen”.

 (Diese frühen Betrachtungen, Essays, Reflexionen und Kommentare erklären, weshalb ich die Nominierung Herta Müllers für den Literaturnobelpreis nie hinnnehmen wollte und diese seit 2008 auch öffentlich massiv hinterfragte – aus moralisch- politischen, aber auch  aus ästhethetisch-literarischen Gründen.)

Um 1985, als die Wogen, die sich nach meiner Erwartung längst hätten glätten sollen, plötzlich doch höher schlugen, überwand ich mich wieder und nahm das Bändchen Niederungen  erneut in die Hand und versuchte, genauer zu lesen. Doch ich las mit zunehmendem Widerwillen bei steigendem Blutdruck und Adrenalinausstoß, teils mit Erregung, teils mit Abscheu, doch in permanenter Selbstüberwindung, im Kampf, den Satz zu Ende zu lesen. Der Magen rebellierte und der Darm. Das war selbst praktizierter Negativstress.

 Nur mit Mühe schaffte ich es, eine ganze Kurzgeschichte auf einmal durchzulesen. Die innere Betroffenheit war einfach zu hoch. Und ich las beseelt von dem Wunsch, die Shortstory möge noch kürzer sein.

Aus mir wurde ein “Leser in der Revolte” – und ich bremste mich, um nicht auch noch ein Schreiber in der Revolte zu werden.

Schließlich hatte ich mich der Wissenschaft verschrieben und nicht dem polemischen Pamphlet!

Meine individuelle Betroffenheit war so groß, dass ich selbst spürte, was andere exponierte Menschen fühlten, und was Freunde meinten, wenn sie von „Dolchstoß“ sprachen.

Es war, wie wenn man den im tosenden Strom treibenden Verunglückten, die sich verzweifelt an ein Floß klammern, Baumstamm für Baumstamm wegnimmt, um sie irgendwann ganz dem Strudel preiszugeben.

Vor mir hatte ich Unliteratur, die verheerend wirkte – vor allem deshalb, weil einige literarische Kreise, die politisch und psychologisch offensichtlich naiv waren, nicht merkten, was sie mit ihren Befürwortungen eben dieser diffamierenden Literatur anrichteten. Sanktionierte Hetze nach Julius Streicher und Goebbels?

Noch traute meinen Augen nicht.

 Doch konnte ich das um die Mitte der achtziger Jahre beurteilen?

Drei bis vier Dutzend Literaten aus ganz Süddeutschlang hatten mich bereits in den Jahren 1982/93, damals noch Lektor beim Kulturverlag in Schorndorf und literarischer Redalter bei nomen, auch als literarischen Kritiker erlebt?

Mein Argumentationsniveau von damals ist aus dem Litera-Team-Kreis in Ludwigsburg gut belegt. Und mein wissenschaftlicher Durchbruch lag bald (1986, fünf Jahre vor dem akademischen Abschluss) fast hinter mir!

 Mehrere Jahre hatte ich bereits Jahre an drei bekannten Hochschulen studiert und einiges veröffentlicht. Nebenbei hatte ich bestimmt ein paar Tausend Bücher gelesen – und hatte mit unterschiedlichen Menschen vieler Nationen über Literatur diskutiert.

Also rezipierte ich nicht einseitig aus einer Ressentiment – Situation heraus, sondern aus der Perspektive eines objektiven Analytikers, dessen persönliche Betroffenheit erst dann einsetzte, als die Materie über die rein Ästhetische und Literarische hinausging, das allgemein Politisch-Gesellschaftliche wie das Existentielle tangierte, aber über die Verzerrung der Fakten die historische Wahrheit – vor allem über die Heimat und später auch über das Dissidenz-Phänomen im der kommunistischen Diktatur – falsch darstellte.

Da ich aber nicht einer Subjektivität ausgeliefert und in einer blinden Voreingenommenheit gefangen sein wollte, legte ich jene mir höchst merkwürdig und sonderbar erscheindende Form von Literatur anderen vor, fast ausschließlich Personen mit akademischer Ausbildung, fragte nach dem Eindruck, der Akzeptanz und einer möglichen Preiswürdigkeit.

Doch ich erntete nur erstauntes Kopfschütteln.

„Solche Literatur will ich mir nicht antun“, kommentierte ein guter Bekannter, dessen Literaturgeschmack auch vom gesunden Menschverstand bestimmt wurde. „Eine Zumutung“, ein anderer. Sehr schnell wurde auf die Notwendigkeit psychologischer und tiefenpsychologischer Deutung hingewiesen.

Wo lag die letzte Instanz?

Bei Marcel Reich-Ranicki, dessen Urteil einige für unfehlbar halten? Er vermied es, glaube ich, sich explizit zu Herta Müllers Kunst zu äußern.

Oder bei einem anderen Kritikern und Journalisten? Vielleicht auch beim „deutschen Professor“, der die Welt – ohne ihre realsozialistische Ausformung – von sicherer Warte aus mit dem Feldstecher beobachtet?

Der gesunde Menschenverstand, auf dem die Struktur der Welt beruht, schien sich im Surrealen zu verabschieden.

Ich las mit Staunen, sehr einfach Synthax mit höchst bescheidener Sprache, oft unsprachgemäß eingesetzt, bestimmt von der Frage, wie solche Art Literatur jene so genanten enthusiastischen Rezensionen hervorrufen konnte und eine Bewunderung für einen „Stil“, der eigentlich keiner war. Da ich die Realität des Banater Dorfes aus eigener Anschauung und Erfahrung kannte und weil ich selbst seit Jahren schrieb, war es mir möglich, scharf zu differenzieren, wo die realistische Beobachtung endete – und wie die Übertreibung, das literarisch legitime Über-die-Grenze Hinausschießen, begann.

Der undifferenzierte Rundumschlag, den bundesdeutsche Literaturkritiker überhaupt nicht bewerten können und ihn deshalb ignorieren, betraf mich noch mehr als andere, da er gerade meinen Weg und Lebens- und Leidensweg auf den Kopf stellte – meinen anderen Weg, der im Literarischen hermeneutisch und komparatistisch war und dessen geistige Ausrichtung sich auf das entgegen gesetzte Prinzip, nämlich auf Versöhnung richtete: nicht auf Hetze und Spaltung!

Wessen Position war nun die richtige, fragte ich mich. Die meine, jene eines existentiell Betroffen, oder jene einer Opportunistin, die irgendwann – als die Situation es erforderte und zuließ – ihren Hals wendete und mit ihm wohl auch ihre früher laut hinausposaunte linke Gesinnung; die nun aber dabei war, mit einer verschleierten Biographie einen Mythos zu inszenieren, eine Odyssee von Verfolgung und Opposition?

 Auf der Suche nach ihrer tatsächlichen Opposition, die in keiner Vita festgehalten ist, bis auf recht vage Hinweise auf Schikanen, auf tatsächliche politische Kritik die über die Szene der Geworfenheit hinaus ging, fand ich im Internet nur den Hinweis auf eine erstaunlich dünne Akte bei der Securitate von nur anderthalb Seiten. Jedes meiner unzähligen Verhöre war ergiebiger. Doch auch ohne den von der Securitate hinterlassenen Spuren zu vertrauen, fand ich keine Hinweise auf regimekritische Tätigkeiten.

Meine direkte Anfrage an die Autorin wurde später ignoriert.

Hatte sie etwas zu verbergen? Oder war sie zu stolz, um zu antworten?

Und gibt es da noch einiges, was ferner verschwiegen werden soll? Die Antwort auf das Cui bono? Oder ist die Wahrheit, die schon im Märchen von der Sonne an den Tag gebracht wird, nicht immer so, wie sie der Mythos gerne wünschte?

Ihr damaliger Lebenspartner Richard Wagner, der Schriftsteller aus Lowrin im Banat, der kein Dissident sein wollte, wird in diesen Punkt auch noch etwas Aufklärung betreiben und Klartext reden müssen, damit endlich erkannt wird, was er unter Regimekritik versteht, wenn er im gleichen Atemzug die Führungsrolle der Kommunisten in Staat anerkennt.

Ich las in dem Bändchen in der in Berlin edierten Fassung – ohne zu wissen, was die rumänische Zensur in der ersten Ausgabe genehmigt und was sie gestrichen hatte. Bisher konnte ich es auch noch nicht herausfinden, da die Autorin mir gegenüber beharrlich schweigt und der Diskussion mit kritischen Lesern aus dem Weg geht, während ihr Image als angebliche Dissidentin weiter aufrecht erhalten und kultiviert wird.

Worin bestand diese Dissidenz? In der Behauptung, der Anwerbung zur Spitzelei für die Securitate widerstanden zu haben?

Jedermann kann so etwas in die Welt setzen. Worin bestand die Opposition konkret?

Und worin die Verfolgung?

Wer gegen die Diktatur in Rumänien ankämpfte, wurde verfolgt, gefoltert, verurteilt und ins Gefängnis geworfen, manchmal – wie in Fall des Dichters Ursu – sogar umgebracht.

Was davon finden wir in der Biographie von Herta Müller?

Nichts!

Dafür erkannte sie die Macht des Großen Satans an, wenn er ihr den Domestiken Mephisto vom Leib hielt. War sie gar selbst in der Partei – wie andere ihrer Kommilitonen, die unbedingt studieren wollten? Noch konnte ich es nicht herausfinden!

Was mir zur Verfügung stand, war ihr literarisches Zeugnis, ihr Angriff auf die eigenen Landsleute, statt auf die kommunistische Partei, mit deren Führungsrolle im Land sie durchaus einverstanden war. Antitotalitäre Grundhaltung nennt man das heute!

Also las ich ihre Geschichten mit kontinuierlichem Staunen; Geschichten, die der Welt eines winzigen Dörfleins entstammten, von dem man selbst im Banat noch nicht viel gehört hatte, das aber dem ähneln musste, in dem ich aufgewachsen war.

Und wieder kam die Erinnerung hoch – ein lieber Kerl aus ihrem Ort hatte mich seinerzeit in Meersburg am Bodensee, stets eng an meiner Seite, fast ein Jahr durchs Leben begleitet! Eine eigene Geschichte auch dies! Und bestimmt lebten die Menschen in Nitzkydorf ihr allzumenschliches Leben nicht anders als sonst wo auf der Welt.

Doch was ich in den Niederungen  las, klang tatsächlich eher nach Sodom und Gomorra als nach der bieder beschaulichen und wohlgeordneten Welt des Banats mit seinen vielen liebenswürdigen und freundlichen Menschen, die ich von den Straßen Temeschburgs, wo gerade die jüngeren von ihnen zusammen strömten, recht gut kannte.

So erfuhr ich vom Mikrokosmos einer Autorin, die ihre bisherige Welt als Alptraum erfahren hatte. Als Kind hatte ich den eigenen Misthaufen erlebt. Aus der Welt auf den Misthaufen blickend und in ihm nach Würmern wühlend, und dann auf dem Misthaufen stehend in die Ferne blickend. Die Perspektive wechselte – und mit der Perspektive wechselten die Wahrheiten.

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s