Aus dem Tagebuch eines Kritikers – von der Freiheit, mit dem Hammer zu dichten

  

Le Grand Macabre als neue Ästhetik des Schrecklichen

(Betrachtungen zur Literatur-Szene in Temeschburg , Banat um 1977)

Und was fand ich sonst noch im Buchhandel vor? Abgesehen von den ideologisch korrekten Produktionen der Günstlinge und jener Schriftsteller, die sich mit dem System arrangiert hatten, die aber niemand lesen wollte?

Weitere Sprachexperimente in meiner Lieblingsform. Andere magere, schnell aufs Papier geworfene Kurzgeschichten! Frei an diesen individuell adaptierten short stories war nur der Aspekt, dass es keine starren Normen und Regeln gab und jeder tun, lassen und machen konnte, was er wollte – literarische Anarchie!

War dies das effiziente Mittel, die tatsächlich gelebte Realität einzufangen und abzubilden? Die Welt zu kommentieren?

Die Kurzgeschichte, in der alles kurz war, auch die zu transportierende Idee! So kurz, dass auch sie sich selbst der Fixierung entzog. Im schnellen Drama, dass die Ausnahme blieb, wo man sich so artikulierte, wie man im Cafe miteinander kommunizierte, wie es einem eben einschoss?

Am Vorbild amerikanischer Autoren orientiert, das, als Paradigma einmal herausgegeben und postuliert, für alle Ewigkeiten akzeptiert wurde, bestanden die meisten Geschichten dieser wirklich kurzen Kleinkunst aus wenigen spärlichen Sätzen, ohne Anfang, ohne Ende. Jede Phrase, jeder Nebensatz, jedes überflüssige, deskriptive Wort war verpönt. Weshalb überhaupt noch Phrasen konstruieren, wenn Subjekt und Prädikat einen vollständigen Satz bilden?

Die Bandwurmsätze eines Immanuel Kant, die Schachtelsätze eines Heinrich von Kleist, eines Thomas Mann, waren überwunden. Sie strapazierten doch nur das Gehirn, das nicht mehr trainiert werden sollte. Wozu noch ein Objekt? Ein Attribut oder eine Metapher? All das war reine Tautologie! Dafür fand ich unselige Wiederholungen, Monologen eines Irren gleich, teils fantasielos, teils langweilig. Weshalb reich, wenn arm möglich ist, weshalb kompliziert, wenn jede Größe einfach ist?

Wer einige dieser Sätze las, erinnerte sich unweigerlich an den Minimalismusstil einer einst großen Fußballnationalmannschaft, die mit einigen wenigen Pässen und ohne Laufarbeit so effizient wie möglich zum Tor gelangen will, wobei die Ästhetik im Feld, die Grazie der Bewegung und die Lust des Zuschauers am Spiel auf der Strecke blieben. Manchmal bemühte ich mich gar, solche Kurzgeschichten zu Ende zu lesen, insofern eines vorgesehen war, kam aber oft nicht weit mit der Lektüre, da mich die abrupt aufeinander folgenden Hacksätze unweigerlich nervös machten. Sie wirkten auf mich wie das disharmonische Hämmern eines Hammers, wenn er mit Wucht und Kraft auf den Amboss trifft; sie erschütterten mein Gehirn, als wenn Schläge eines Geheimdienstschergen auf mein Haupt niedergingen. Einpauken auf der großen Pauke. Deutsche Journalisten haben diesen Gruselstil des Folterns inzwischen übernommen.

Wie konnten andere diese leicht zu praktizierende und leicht zu imitierende Schreibart gut finden, die dogmatisch durchexerziert wurde wie eine mathematische Kurvendiskussion? Wie konnten die Autoren selbst an dieser Unart zu schreiben für alle Zeiten festhalten, in sklavischer Auslieferung und unter Preisgabe einer künftigen literarischen Entwicklung? Wie konnten auch Kritiker in der Bundesrepublik diesem Stil wohlwollend gegenüber stehen, der die Welt der Erzählkunst bis zu Günther Grass und Heinrich Böll aufhob?

Nicht einmal Brecht, der ein Freund der klaren Aussage war, hatte so geschrieben. Das war mir ein Rätsel. Herrschte hier ein Zwang vor, unbedingt modern zu schreiben, der in eine Neurose mündete? In eine fixe Idee, bestimmte Literatur produzieren zu müssen?

Manchmal hatte ich das Gefühl, in einer Anstalt gelandet zu sein, wo Zwangsvorstellungen aller Art den literarischen Stil bestimmten. Doch das Irrenhaus war etwas weiter entfernt, in Jebel, nicht in Temeschburg. Taurescu, der General, der mich in einem Anflug von Großzügigkeit dem Westen überantwortet hatte, soll bald nach meiner Ausreise dort angekommen sein. Vielleicht schrieb er dort Bücher im neuzeitlichen Stil mit Erkenntnissen, die von Tiefenpsychologen der kommenden Generation entschlüsselt werden. Vielleicht wird er einmal sogar berühmt, weil die Gesellschaft manchmal alles Verrückte und vieles, was sie nicht versteht, als genial wertet und honoriert! Genie und Wahnsinn? Lombroso grüßt!

Hatte Freud doch Recht?

War alle Poesie und Literatur nur Sublimierung – Kompensationen unerfüllter Wünsche?

Waren alle Dichter letztendlich wirklich Psychopaten?

 Nietzsche und Lenau?

Und Komponisten wie Mozart, Schumann und Wagner noch dazu?  Vor hundert Jahren entstand aus diesem Ansatz eine unselige Methode der Literaturwissenschaft, die viel Unheil angerichtet hat. War die Wahrheit woanders zu suchen? Außerhalb der Dichtung und der Fiktion? In der Philosophie vielleicht?

Noch schlimmer kam es, wenn die Satzarmut, diese syntaktische Wüste, die ursprünglich nur für tausend Worte konzipiert war, auf Erzählungen, ja auf Romane ausgedehnt wurde.

War dieser Stil eine Antwort auf Schönbergs Zwölftontechnik, eine Auflösung der Harmonie auf dem Hackbrett der Sprache? So wollte ich nicht schreiben – aus Respekt vor dem Leser und aus Respekt vor der historisch gewachsenen Sprache. Weshalb folgten die Romanciers nun auch Henry Miller – und nicht Ezra Pound oder James Joyce? Weshalb orientierten sie sich nicht an Flaubert oder Maupassant, an Tolstoj oder Dostojewski  und an anderen großen Werken der Weltliteratur, von denen keines in einem solchen Stil verfasst worden war?

Und fiel diesen progressiven Köpfen nicht auf, dass sie sich einem stilistischen Gruppenzwang unterwarfen, statt einen Individualstil zu pflegen; dass sie die Freiheit des schaffenden Subjekts opferten und einer generellen Entwicklungslosigkeit verfielen, die durch den sprachlichen Gehalt nicht mehr ausgeglichen werden konnte?

Wer an dem Stil scheiterte, kam nicht mehr dazu, die Botschaft zu vernehmen. Und dabei lobten einige der Kritiker gar nur ihren Stil – weil sie ihre Aussagen am liebsten ignoriert und vergessen hätten. Neben dem modernen Stil, sic, der ebenso abstrakt wie leblos war, störte mich auch die ewig depressive Stimmung und negative Haltung einzelner Autoren – Temperamente, die nicht da waren, aufgelöste Perspektiven voller Konfusion; nur blutleere, sterile Aussagen, in den Raum geworfen wie in einer Collage, ökologisch verschwenderisch – oft nur einige Worte auf einer nahezu leeren Buchseite, in einen fast leeren Buch, an dem nur die Deckel stabil waren, der Inhalt aber geistig labil – fern von den Mitteln großer Literatur in der Gasse der Provinz, die Welt sein wollte; ohne Pathos und ohne Leidenschaft, wie wenn ein Schlafwandler schreibt, eintönig und matt. Wo war die göttliche Ironie? Der Sarkasmus des Augenblicks? Die Vitalität der Sprache? Der Witz?  Die Musikalität der Diktion?

Da gab es nichts zu Lachen, nichts zum Schmunzeln! Dafür wandelte man in kafkaesken Welten beklemmender Alpträume, die Literatur zu Leiden machten, zum Überdruss, zum Ekel. Den Leser zum Mitleidenden – nur nicht für die richtige Idee. Damit waren auch die Grenzen von Rezeption und Wirkung markiert. Ich will mir das nicht antun – sagten viele meiner Freunde, denen ich indirekte und direkte Passagen daraus zitierte, um meine Auffassung zu überprüfen und zu objektivieren. Jahre später las ich dann aus Niederungen vor, um meine Auffassungen von Gehalt und Gestalt zu erläutern, von literarisch und ästhetischen Kategorien und Kriterien künstlerischer Wertung – und ich lies lesen und urteilen. Denn es hätte ja durchaus sein können, dass nur ich falsch lag – und die selbst erklärten Avantgardisten richtig. Einige hätten gerne die Avantgarde repräsentiert. Nur ohne vorher die Literaturgeschichte studiert zu haben, oder nur kurz, zu kurz, viel zu kurz. Und nur in den Niederungen des Banats, an einer Universität, wo es vielleicht nur einen Hörsaal gab, einen Pult und einen Professor. Ich aber lebte jenseits von Sodom … Brecht und Celan, das reichte nicht aus, um die Weltliteratur der Jahrtausende auszuhebeln.

Sie wollten es und trommelten dafür – doch bisher entstand noch kein einziges Werk von Format, das die Zeiten überdauern wird. Vielleicht kommt es noch. Man soll die Hoffnung nie aufgeben!

Vom aufgegebenen Ethos und vom Frust der Unverstandenen

 

Was bei einzelnen Literaten übrig blieb, auch nach ihrem späteren Weiterwirken in der Bundesrepublik, war, vor allem dank der eigenen Verweigerungshaltung, die negativ blieb und abweisend, ein diskrepantes Sein zwischen zwei Stühlen – der nackte Frust. Der Frust der Nichtangekommenen. Auch ich hatte Thomas Bernhard und Peter Handke gelesen. Doch ohne direkte Beeinflussung. Weshalb einen zeitspezifischen Stil kopieren wollen, wenn die gesamte Weltliteratur mit ihren Instrumentarien und literaturwissenschaftlichen Erkenntnissen zur Verfügung stand?

Der Stil einzelner Schriftsteller, die später weltanschaulich zu undefinierbaren Zwittergestalten mutierten, der nur ein missglückter Ausbruchversuch war, ein verkrampfter Anlauf, sich von der Tradition zu lösen, war nicht das Maß aller Dinge, schon gar nicht für mich. Niemand zwang mich, überhaupt zu dichten, schon gar nicht unverifizierbar abstrakt; niemand drängte mich, solche Kurzgeschichten zu schreiben – und als ich sie dann doch schrieb, schrieb ich sie anders.

Wo waren die Grundlagen der angewandten Erzählform? Wer kümmerte sich um Romantheorie, um die Entwicklungsgeschichte des Romans?Sie wurde ignoriert – in einem Anflug von künstlerischer Freiheit!

Und die Essays? Was sie damit bezeichneten war genauso belanglos wie die schnell verfassten Verse. Ein kreativer Sonntagnachmittag – und das Bändchen war fertig. Alles, was sie so zufällig niederschrieben, weit unter dem Niveau eines Presseberichts, nannten sie Essay – mit dem Segen der Lektoren und Verleger: Essay im wahrsten Sinne des französischen oder englischen Wortes. Nur es blieb bei diesen unvollendeten Versuchen, ohne Wissen, ohne Witz und ohne Geist, einfach so, zufällig wie es eben in die Feder floss. Man schrieb so – wie man sprach. Manchmal zotig – wie auf dem Misthaufen. Wenn ich alle Derbheiten aufgeschrieben hätte, alle, vom Jargon des Zigeuners bis zum unverblümt redenden Poeta doctus, der zehn Jahre im Kerker den sermo humilis studieren durfte, dann wäre ein dicker Band daraus geworden.

Der Zufall führte oft Regie. Darüber hinaus zwang mich niemand, selbst in den sermo humilis zu verfallen, und – im Vorhof des Schönen – zu reden wie in der Gosse, wie bei Döblin am Alexanderplatz, oder wie vor unserer Haustür die Zigeuner redeten.

Der Naturalismus war längst passé – und auch die lange Reihe der pornografischen Literatur von Marquis de Sade bis George Bataille! Weshalb jetzt vulgär werden und reden wie jene, die es nicht anders wussten? Weshalb Obszönitäten aussprechen wie in einem billigen Film? Braucht die deutsche Literatur der Neuzeit neue Formen der Sexualsprache, die im Grunde nur schlechte Übersetzungen niederster Milieusprache sind?

Als später der Aufschrei gegen die Niederungen erfolgte und sich der Anonymus des Pamphlets Gegen unsere Erniedrigung Anti-Niederungitis in einer etwas schwerfälligen, schlecht gereimten Apologie der alten Werte zu Wort meldete, um noch etwas von der abhanden gekommenen Ehre des Banats und der Banater zu retten, stießen ihm, neben dem beklagten Fehlen des Ethischen und des Ästhetischen, vor allem die fäkal-pornografischen und sexualistischen Termini des Müllerschen Vokabulars auf. Was Kritiker daran gut finden? Wenn ein Mann so gesprochen hätte, wäre er als flegelhafter Macho abgekanzelt worden. Doch wie reagiert man darauf, wenn sich eine sensible Dame undamenhaft artikuliert? Und wie geht man vor, wenn eine Dame den Fehdehandschuh in den Ring wirft, und man selbst an der Ritterlichkeit festhält?

Und weshalb all dies? Weshalb die wilden Beleidigungen der Unbeteiligten? Nur um modern zu wirken, um zeitgemäß zu sein? Besteht die Quintessenz der modernen Literatur aus Obszönität?

Seit ich hören und verstehen konnte, habe ich solchen Dreck, mit dem heute mit Lust viel Geld verdient wird, während Bücher über das Thema Freiheit nicht mehr konventionell zu verlegen sind, vernommen. Mit viel Dreck im Ohr wuchs ich auf. Er war mir nicht fremd, so derb er auch war. Auch beherrsche ich seinen sprachlichen Duktus wie ein virtuoser Pianist die Tasten seines Klaviers. Doch weigere ich mich beharrlich, das Unschöne und Verletzende öffentlich einzusetzen, gar zu kultivieren, nur um andere zu schockieren; andere, deren Seele noch nicht verdreckt und deren Wesen noch nicht verbogen ist!

Mozart, Michelangelo und Leonardo, Menschheitsgenies, waren auch Meister der Zoten, großer Meiste sogar. Doch sie wahrten die Diskretion, selbst in melancholischer Verstimmung, und beschränkten die immer auch spaßigen Derbheiten auf ihre vertraute Sphäre. Die Gesellschaft verschonten sie aus Rücksicht, aus Menschlichkeit, aus Einfühlung.

Und heute? In der hohen Literatur, im Schöngeistigen, wo ich den üblen Jargon am wenigsten erwartet hatte, und trotzdem immer wieder damit konfrontiert wurde, da schockte er selbst mich.

Gerade aus dem Munde einer Frau! Wen interessieren die Hämorrhoidenleiden aus ihrem Umfeld oder das unappetitliche Geräusch im Nachttopf? Muss der, der unvoreingenommen Literatur lesen will, alles ertragen – oder müssen wir die Belletristik mit Warnhinwesen versehen wie bei Spielfilmen mit Sex und Gewalt, um solche zu verschonen, deren Gefühl noch rein ist? Ist das ein Signum unserer Zeit? Oder doch nur Dekadenz und Werteverfall?

Wo bleiben die Sittenwächter der Republik? Fern von jeder moralischen Entrüstung frage ich mich – was bringt es der Literatur, wenn der Mensch als die Krönung der Schöpfung so spricht wie er es dem Tier unterstellt, das er verachtet? Welche erzieherischen Impulse gehen davon aus? Wo bleiben die positiven, Werte schaffenden Ansätze?

Viel Tamm, viel Trara, viel Lärm um nichts, ganz nach dem Motto: ein vehement trommelnder Pygmäe wird eher gehört als ein stiller Saurier im Busch! Doch während sich die wertkonservativen Geister von Ekel erfüllt abwenden, wird weiterhin mit Müll Geld gemacht. Ein Symptom der Zeit. Auch dies ist eine besondere Charakteristik unserer Tage.

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