Ein forcierter Nobelpreis? – Herta Müller aus moralischer, politischer und ästhetischer Sicht

 

Das Wendehals-Paradigma: Herta Müller und der deutsche Konservativismus

Oder

Vom seltsamen Wandel der Kommunisten zu Antikommunisten

Die deutsche Einheit hat ein altes Phänomen wieder aufleben lassen, das in Deutschland nach 1945 schon von sich reden machte: der Wendehals.

Politische Opportunisten gab es nicht nur in der späteren Bundesrepublik, sondern auch in der DDR. „Der Mensch ist ein Entwicklungswesen“, sagte man sich und wendete den Hals, sanft gedrängt von den nicht immer perfekt umgesetzten Notwendigkeiten der Entnazifizierung im Westen Deutschlands bzw. von dem Anpassungsbestrebungen im stalinistischen Osten. Helden und Widerstandskämpfer traten auf, von deren regimekritischen Haltungen und Taten man im Dritten Reich kaum etwas gehört hatte.

Aus Millionen von NSdAP- Mitläufern wurden über Nacht geläuterte Demokraten.

Katharsis-Erlebnisse vollzogen sich zuhauf, neue Metamorphosen, wie sie noch kein Ovid erlebt hatte und Wandlungen der Farbwechsler und Farbtäuscher in allen Farbtönen des Regenbogens –

eine anthropologische Konstante mit rein existenziellen Wurzeln? Vielleicht!

Der Opportunist überlebt jede Veränderung – und als politischer Überlebenskünstler par excellence stellt er sich auf jede Situation ein, jenseits von Wert und Ehre und oft mit allen Mitteln der Heuchelei, Hauptsache, er erreicht seinen mehr oder weniger profanen Endzweck. Machiavelli lässt grüßen – und dahinter Cesare Borgia!
Aber wozu die Aufregung? Saulus-Paulus-Wandlungen hat es immer schon gegeben, seit biblischen Zeiten.

Aus manchem aufrechten Linken ist über Nacht ein Kritiker des Kommunismus geworden, ja ein notorischer Bekämpfer jener Weltanschauung, die ihm einst Heil bedeutete als Erlösungsrezept der gesamten Menschheit.

Wie kam es zu diesem Wandel? Und vollzog er sich aus Einsicht in das Versagen einer Doktrin oder war es nur billiger Opportunismus, der Vorteile versprach und in manchen Fällen sogar Anerkennung und Ehre?

War es bei Herta Müller und ihrem ehemaligen Gatten Richard Wagner viel anders? Wie kam es, dass aus verwöhnten Hätschelkindern des einst liberal eingefärbten Ceausescu- Kommunismus plötzlich Konservative wurden, linke Charaktere, die sich auf einmal vor der Karren der konservativen Gegnerseite spannen ließen, um willfährig und unkritisch Zielsetzungen zu verfolgen, die ganz anders waren als die geistigen Position des Ausgangs?
Und wie kam es aber auch, dass die deutschen Konservativen aus SPD und CDU “selbst” in ihrem kulturpolitischen Spielchen des Willens zur Macht das systemloyale Verhalten ihrer neuen Protagonisten ignorierten, ja sogar ungeschehen machen wollten, indem sie sie aus der kritischen Debatte verdrängten oder eine kritische Debatte darüber überhaupt unmöglich machten?

Kann das moralische Versagen von gestern als „Jugendsünde“ abgetan werden? Schwamm drüber? Alles Schnee vor gestern? Oder ist es eine Frage der Moral, genauer hinzusehen und hinter die Kulissen zu blicken, wenn eine Nominierung in Stockholm ansteht? Ist das konsequente Dahinterblicken, Recherchieren, Bewerten ausgeblieben?

Fragen über Fragen? Solange ich anderen Dingen nachging, nahm auch ich nur Zwischenergebnisse zur Kenntnis, erstaunt und verblüfft, um dann, bedingt durch die Zwänge des Alltags und der Existenzbestreitung weiter weg sehen zu müssen. Erst bei näherer Betrachtung im Rahmen der historischen Aufarbeitung der Kommunismus- und Securitate- Materie gewahrte ich dann, was hier gespielt wurde. Herta Müller, ein Vehikel der Macht, in einer – auf den ersten Blick vielleicht sonderbar anmutenden – Allianz zwischen CDU und SPD, um eine Politik durchzusetzen, die auf den ersten Blick auch nichts Verwerfliches darstellt, ganz im Gegenteil: namentlich die Vertrieben-Thematik und die Integration Rumäniens in die Europäische Union.
Ein Ärgernis nur: die nicht ganz makellose Galionsfigur Herta Müller. Ein Symbol – ein falsches Symbol?
Und der notorische Querulant dahinter, der unbekannte Philosoph Carl Gibson, der als Zeitkritiker immer wieder den Finger auf die Wunde legt, Kreise stört, schlafende Hunde weckt und das, was der Schnee von gestern längst verdeckte wieder hervorkramt und zur Debatte stellt. Seit zwei Jahren schon – öffentlich!
Weshalb akzeptiert dieser verbohrte und halb fanatisierte Bursche nicht die real politische Tatsache, dass es Gründe der Staatsraison gibt, so zu handeln und nicht anders? Weshalb beharrt er auf einem reinen, integren, intakten Symbol ohne einsehen zu wollen, dass kaum jemand „perfekt“ ist und sein kann in dieser allzu menschlichen und allzu unzulänglichen Welt der „creatio imperfecta“?
Ich habe längst geantwortet, indem ich vielfach und an vielen Stellen öffentlich fragte, ob es „Einsicht“ war, die Herta Müller veranlasste, sich vom Kommunismus zu entfernen! Nur, hat sie sich auch wirklich vom Kommunismus losgesagt und in öffentlicher Erklärung distanziert? Oder hat sie sich nur davongeschlichen im Versuch, auch ihr Ankämpfen gegen die eigene deutsche Gemeinde im Banat vergessen zu machen?
Das Beschimpfen der „Securitate“ in mehr oder weniger bewusster Mischung von „Fiktion“ und „Realität“ reicht da längst nicht aus. Herta Müller und ihr früherer Gatte Richard Wagner hatten seit der Einreise in die Bundesrepublik 1987 ausreichend Zeit und Möglichkeiten, in systematischer Koordination der Aktivitäten ein „neues Profil“ zu gewinnen, indem sie den Hals um 180 Grad wendeten – mit Hilfe der linken Presse sogar.
Die Zeit machte es möglich, die Unwissenheit des hiesigen Umfelds, die Ereignisse der revolutionären Umwälzungen von 1989 bis zum Zusammenbrauch der Sowjetunion und des Kommunismus im osteuropäischen Raum, die manches überdeckten, bis hin zum schlechten Gedächtnis vieler Zeitgenossen, der apolitischen und unkritischen Haltung in vielen Köpfen der meinungsbildenden Kaste.
Als ich im Jahr 2005 wieder politisch wie zeitkritisch zu agieren begann und dann ab 2008 nach der Buchveröffentlichung „Symphonie der Freiheit“ auch in öffentlicher Kampagne unbequeme Frage aufzuwerfen begann, war es schon spät, sehr spät. Der Plan war bereits umgesetzt – und er Zug in Richtung Nobelpreis rollte bereits, nachdem die CDU-SPD-Allianz über den Preis der KAS bereits im Vorfeld die Voraussetzungen geschaffen hatte. Stoppen, zum Schweigen bringen konnte man mich in der immer noch „offenen, freien Gesellschaft“ nicht vollständig. Aber man konnte wenigstens verhindern, dass ich mit meinen Argumentationen breites Gehör finde. Also behinderte man mich und würgte meine bescheidene Meinung dort ab, wo das Machtgefüge funktionierte und wo das Hausrecht galt: Bei der CDU –nahen Konrad Adenauer- Stiftung über Prof. Dr. Günther Ruether und im Magazin DIE ZEIT über Mitherausgeber Michael Naumann von der SPD, der Herta Müller stark gefördert, protegiert und in Stockholm im Namen der BRD nominiert hat.
„Störe unsere Kreise nicht, Querulant“, so die Botschaft der Kulturemissäre der CDU und der SPD im harmonischen Kanon, richtungsgweisend für die Große Koalition in Berlin.
Was will dieser Bursche eigentlich? Weshalb lässt er uns nicht in aller Ruhe unsere Politik machen … mit den Mitteln unserer Wahl? Weshalb spuckt er uns dauernd in die Suppe, indem er unsere Mittel in Frage stellt?
Weshalb schweigt er nicht und bleibt ein Philosoph und Hungerleider?
Weshalb mischt er sich ein?
Weshalb?
Weil er ein Interesse an der ganzen Wahrheit hat – und an der Offenlegung dieser Wahrheit, weil er an die Demokratie glaubt … und weil er von der Überzeugung ausgeht, dass nicht jeder – auch noch so noble Endzweck – die Mittel heiligt.

DIE ZEIT verfuhr selbst machiavellistisch, löschte meinen „Offenen Brief an Herta Müller“ auf ihrer Online-Seite, kürzte meine Kommentare drastisch und beendete nach nur wenigen Tagen die selbst begründete „Securitate“- Diskussion für alle Leser. Bestimmte Ungereimtheiten aus dem Artikel „Die Securitate ist noch im Dinest“ aus der angeblichen Feder von Herta Müller, nachträgliche Retuschierungen und Abänderungen dort durch die Redaktion, sollten nicht bekannt und diskutiert werden. Willkürlich abwürgen – wie bei Ceausescu und Honecker? Was ist aus einem einst liberalen Aufklärungsmagazin geworden? Ein Mittel, um bestimmte politische Zielsetzungen durchzudrücken? Befinden wir uns auf dem Weg in eine Meinungsdiktatur? Und somit in einer Zustand, der die Prinzipien der Demokratie zunichte macht und der eigentlichen Diktatur vorausgeht?

Die „Belletristin“ darf ihre Sicht der Dinge weiter verbreiten – jetzt nach dem Nobelpreis dogmatisch wie das Bibelwort in der Papstpredigt, unfehlbar? Und der Dissident aus der Kommunisten-Zelle, der alles anders erlebt hat damals in der Opposition gegen Ceausescu, der soll bitte schweigen!?

Der Nobelpreis wurde möglich, weil eine Diskussion zur Frage der moralischen und politischen Integrität von Herta Müller nicht geführt bzw. abgewürgt wurde, indem u. a. meine Gegenargumente im „Offenen Brief an Herta Müller“ auf der breit wirkenden Plattform gelöscht worden waren. (Hausrecht bzw. Rersönlichkeitsrechte- Schutz contra öffentliches Interesse.)  

Einer darf auf dem Markt seine Botschaft verkünden, der andere soll aus den tiefen Katakomben schreien! Ist das gerecht und demokratisch? Sonderbar! Dass Machtpolitiker aus SPD und CDU ihre Strategien und Zielsetzungen durchdrücken, überrascht mich nicht.

Verblüffend nur: der stille Schrei der Schriftsteller, der ausgebliebene Aufschrei! Moralische Entrüstung, wenn ein ethisch definierter Idealisten-Preis wie jener von Alfred Nobel an eine Person vergeben wird, deren moralische Integrität nicht gesichert ist? Weit gefehlt! Stille Akzeptanz und Duldung eines ethischen Missstands.

Was war vor 1987?

Wir wissen es nicht, weil Herta Müller keinen ausführlichen, lückenlosen Lebenslauf vorgelegt hat. Sie hat die Welt bisher mit Mythen abgespeist, mit dem Mythos einer doppelten Verfolgung! Die Beweise ist sie schuldig geblieben. Unkritische Establishment-Medien haben das bisher geschluckt, ohne investigativ zu recherchieren. Herta Müller scheut es aber nicht, selbst das öffentliche Fernsehen (ZDF, Report aus Mainz erst jüngst) vor ihren Karren zu spannen, um diese Mythen weiter zu zementieren, statt konsequent aufzuklären.

Wo blieb der Aufschrei der Kritiker?

Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki verweigerte einen Kommentar zur Nobelpreisvergabe an Herta Müller. Doch sein „no comment“ sagt mehr als tausend Worte!

Und die sonst nicht redefaule Elke Heidenreich?

Sie schwieg bisher – wie hundert andere Schriftsteller-Kollegen aus dem deutschen Sprachraum, wie Übergangene und Nichtnominierte vom Format eines Siegfried Lenz oder Martin Walser (beide als Jugendliche in den Reihen der NsdAP ausgemacht, also „mega-out!) oder ein Peter Handke aus Österreich. Als die als „Nestbeschmutzerin“ apostrophierte, stigmatisierte Elfriede Jelinek den Literaturnobelpreis bekam, waren die Reaktionen unüberhörbar – diesmal schweigt die Welt, weshalb? Und wie lange noch?

Der Skandal nährt den Skandal! Herta Müller hat in ihrem Debütband „Niederungen“ ihre deutschen Landsleute aus dem Banat angegriffen und ihnen 1984 im Deutschen Fernsehen unberechtigt latenten Faschismus unterstellt. Weshalb?

1982 befanden sich die Banater Schwaben mit dem Rücken zur Wand, mitten im Exodus, in Agonie, bedrängt von einen fast schon wahnsinnig gewordenen Ceausescu, der über die Systematisierung der Dörfer im Banat und in Siebenbürgen und die anstehende Umsiedlung der deutschen Minderheit in urbane Zentren ihre Auflösung via Assimilation beschlossen hatte. Diese besondere Situation verkennend, sah Herta Müller ihre eigenen Gegner in den Reihen der Banater Schwaben, die, um ihre nationale Identität zu erhalten und die Zukunft ihrer Kinder zu sichern, in die BRD ausreisten, nicht aber im repressiven Ceausescu- Staat oder in der Kommunistischen Partei Ceausescus, der Herta Müllers Gatte, der Dichter Richard Wagner, damals noch angehörte.

Im Jahr 2009 war Herta Müller immer noch dabei, ihre Landsleute zu beschimpfen, u. a. mit dem potenziell volksverhetzenden Ausspruch in dem ZEIT-Artikel von 23. Juli 2009: „Die Verleumdung gehört zum Brauchtum der Banater Schwaben“ und ihren alten und neuen Kritikern eine Securitate- Mitwirkung zu unterstellen oder vorzuwerfen. Ein Angriff auf die Evangelische Kirche der Siebenbürger Sachsen A. B. anlässlich der Preisverleihung ( Franz Werfel-Preis des Bundes der Vertriebenen! – Man staune!) erfolgte auf den Fuß – und zwar vom traditionellen Ort der Freiheit aus, inmitten der Paulskirche.

Aus meiner Sicht: Ein Skandal auch dies!

Die Vertriebenen, denen Herta Müller lange Jahre mehr als skeptisch gegenüber stand, ehren nun gerade ihre Kritikerin – und Herta Müller nutzt die Ehrung, um erneut zu denunzieren, wobei sie – wie so oft, Fiktion und Realität nach eigenem Ermessen mischt und in die Welt sendet. Man glaubt ihr immer noch und nur ihr, weil die Gegenstimmen bisher unterdrückt wurden oder nur marginales Gehör fanden.

Was wird aus der Meinung der Andersdenkenden? Im Land der Buchen und der Linden, wird niemals sich ein Brutus finden, dichtet Heinrich Heine an einer Stelle! Kuschen, ohne aufzumucken? Duckmäusertum an allen Fronten? Das machte die Diktatur möglich – 1933 das Tausendjährige Reich Hitlers und später den Unrechtsstaat DDR. Mit dem Zeitkritiker Heine hat Herta Müller nach eigener Aussage trotzdem nichts am Hut, ebenso wenig wie mit den Gesellschaftskritikern Voltaire, Zola, Nietzsche. Aber sie ließ sich von der Heine-Gesellschaft ehren und nahm die Auszeichnung an – wie den Preis der konservativen Konrad Adenauer- Stiftung (KAS) im Jahr 2004, obwohl sie die Identität und Wertewelt der heute CDU-nahen Deutschen im Banat verhöhnt hatte. Das sind Fakten, die uns zu denken geben sollten. – Spontane Gedanken und Essenzen aus mehreren hundert Kommentaren seit Juli 2008.

Als „Entsprungener“ der Ceausescu- Diktatur habe ich die Pflicht, über die Realitäten in Rumänien vor der Revolution 1989 aufzuklären. Das schulde ich den Opfern am Wegrand.

Das hier wurde geschrieben auch angesichts der Tatsache, dass das muntere Treiben weiter geht, auch nach dem Nobelpreis, in der gleichen Art wie bisher. Ich werde weiter dagegen halten.”  

Frage an alle kritischen Köpfe in diesem Land:

Ist der Kritizismus tot in Deutschland, im Journalismus und in der Forschung?

Hier kann eine neuen Diskussion beginnen.

Erste Gegenstimmen melden sich – doch es müssen noch mehr werden, wenn uns subtile Desinformations- Manipulations-, und Instrumentalisierungsstategien aus den obskuren Schaltzentralen der Macht nicht noch big-brother-mäßig suggerieren sollen, was wir zu denken und zu tun haben. Auch Kulturpolitik ist ein Mittel der profanen Politik.

Wehret den Anfängen!

Carl Gibson, Manuskript- Auszug aus dem Buch „Der forcierte Nobelpreis. Von der Wahrheit der Lüge . Der Fall Herta Müller aus moralischer und politischer Sicht.“

 

 

Die sich anschließende Diskussion mit Gegenargumenten  kann nachgelesen werden unter:

http://www.freitag.de/community/blogs/carl-gibson/der-forcierte-nobelpreis—herta-mueller

Die Materie kommentierte aus literaturhistorischer und moralischer Sicht ich wie folgt:

Carl Gibson schrieb (am 06.02.2010 um 12:37):

– Ja, der Mensch ist ein Entwicklungswesen – und nur Idioten bleiben bei Ihrer Haltung! So etwa argumentieren Leute wie Innenminister a. D. W. Schily, RA Ströbele oder Außenminister a. D. Joschka Fischer.
Man “entwickelt” sich, das ist natürlich, auch wenn man früher RAF-Terroristen verteidigt hat.

Den drei oben genannten politischen Talenten kann man nichts vorwerfen, da ihre Vita transparent ist und ihre Entwicklung von extrem links nach rechtskonservativ bürgerlich vor den Augen der Öffentlichkeit stattfand, demokratisch eben.

Keiner von den Drei hat ein totalitäres System gestützt, als es noch an der Macht war.

Das macht den Unterschied zu Herta Müller aus, die mit den Roten des Diktators Ceausescu paktierte.
In welchem Umfang, danach soll die Öffentlichkeit kritisch fragen. Auch nach der Nobelpreisverleihung. Das ist eine Frage der Moral, oder?

Keiner der Vielen, die ihre Haltung und ihr Bewusstsein seit der APO-Zeit geändert haben, hat einen Nobelpreis bekommen.
Deshalb müssen wir das Handeln der Herta Müller auch vor ihrer Ausreise in die BRD ethisch bewerten.

Vor ihrer Ausreise aus Rumänien war Herta Müller eine privilegierte Westreisende, ebenso wie ihr damaliger Gatte, Altkommunist Richard Wagner.
Sie kamen 1984/ 1985 in die freie Bundesrepublik und kehrten freiwillig in die Ceausescu- Diktatur zurück,
ungezwungen an den Ort, wo sie verfolgt worden sein sollen?

Wo bleibt da die Logik und der gesunde Menschenverstand?
DDR- Oppositionelle aus dem Widerstand gegen die SED-Diktatur haben da auch noch ein Wörtchen mitzureden, oder?
Wollen wir den Opportunismus heilig sprechen und jedes Wendehals-Verhalten hinnehmen, auch wenn es falsche Signale setzt, nur weil es einflussreiche politische Kreise so wollen?

Beste Grüße Carl Gibson

Carl Gibson schrieb am 07.02.2010 um 10:32

@Wolfram: Wenn wir von einer reinen “textimmanenten Interpretation” ausgehen, müssen wir uns fragen, ob Herta Müllers literarisches Werk nobelpreiswürdig ist, unabhängig von der moralischen Wertung.

Welches der Werke Müllers hat Nobelpreisniveau?

 

“Niederungen”? Bestimmt nicht! Das ist ein Debütwerk, das einen Ermutigungspreis erhalten hat, weil man vielleicht eine junge Autorin der “5. deutschen Literatur” im fernen Rumänien ermutigen wollte, um dort im Banat auszuharren und um dort literarisch weiter zu machen, was seinerzeit (1984) so auch von Herta Müller öffentlich verkündet worden war.

Dass sie bald schon – nach der Flucht ihre Mentors Nikolaus Berwanger in die BRD (1984) – zusammen mit ihrem Gatten die Meinung ändern sollte, war noch nicht abzusehen.

In linken bundesdeutschen Kreisen sah man Herta Müller als eine Art “Dissidentin” – und nach 1987, als Herta Müller vom sicheren Hafen Berlin aus anfing, gegen Ceausescu und die Securitate zu agitieren, aber nicht gegen die RKP, wurde dieses unbegründete Dissidenten-Image mit Hilfe des SPIEGEL und der Süddeutschen Zeitung (Olaf Ihlau) weiter etabliert und ausgebaut.

Es folgten Werke wie “Herztier”, in welchem das Securitate- und literarische Oppositions-Sujet rein fiktional thematisiert wird.
Ist “Herztier” nobelpreiswürdig?
Oder beginnt hier bereits die Vermengung von “Dissidenz” und literarisch gestalteter Realität?

Und ist letztendlich “Atemschaukel”, rein textimmanent betrachtet, gut für den Nobelpreis? Wie hoch ist der Anteil Oskar Pastiors ( an Konzeption, ausgearbeiteten Texten, Wortmaterial etc.) an diesem Werk?

Wenn wir auf der “rein textimmanenten Interpretationsebene” bleiben, müssen wir uns fragen, ob Herta Müllers Werk den Vergleich mit dem beachtlichen und viel prämierten Werk eines Siegfried Lenz standhält, eines Martin Walser
oder eines Peter Handke.

Ich habe da meine Zweifel, allein aus literaturhistorisch-ästhetischen Überlegungen heraus.
Die Spanne: “Kitsch” oder “Weltliteratur” sahen auch schon andere. Es gibt die Zustimmung der Fans, die unkritisch ist – bis hin zur Nominierung durch Michael Naumann von der SPD ( seinerzeit Kulturbeauftragter der BRD) – und andererseits die totale Ablehnung als postexpressionistisches Epigonentum.

Das aber ist nur eine Ebene. Als ehemaliger Dissident frage ich aus der Sicht des oppositionellen Zeitzeugen und werfe die Frage auf, ob die Vermengung von “Dissidenz” und literarischer Wertung zulässig ist?
Wir hatten das schon mehrfach, speziell bei GULAG-Aufklärer und Kommunismus-Kritiker Alexander Solschenizyn, der auch den Nobelpreis bekam, obwohl das Sprachlich-Literarisch-Ästhetisch-Literaturhistorische nicht ganz überzeugen konnte.

Nach meiner Auffassung muss ein ethisch definierter Preis auch moralisch und politisch bewertet werden, schon dann wenn die “Nominierung” im Namen der Bundesrepublik erfolgt?

Wurde Herta Müller fern von der Öffentlichkeit, quasi durch die Hintertür von interessierten Kreisen nominiert? Weshalb gerade sie und kein anderer Schriftsteller deutscher Zunge?

Carl Gibson schrieb (am 07.02.2010 um 11:58):

 :
Im kommunistischen Rumänien Ceausescus bildete sich nach der KSZE-Sicherheitskonferenz in Helsinki im Jahr 1975 eine Menschenrechts- und Bürgerprotestbewegung aus, die in vielfacher Form die offizielle Politik der Rumänischen Kommunisten Partei kritisch hinterfragte und gesellschaftliche Veränderungen anstrebte:
der Streik der Bergarbeiter aus den Schiltal und
die Menschrechtsbewegung der Schriftstellers Paul Goma im Jahr 1977 , letztere als Solidarisierungsaktion mit der “Charta ’77”- Bewegung in der Tschechoslowakei unter Pavel Kohout und Vaclav Havel.
Dann folgte die Gründung der “Freien Gewerkschaft rumänischer Werktätiger” SLOMR im Febuar 1979 in Bukarest. Nach deren Niederschlagung organisierte ich die Wiedererrichtung der SLOMR in Temeschburg/Timisoara im Banat, in der zweitgrößten Stadt Rumäniens, wurde verhaftet, verurteilt, ins Gefängnis geworfen. Die Dokumente dazu finden Sie im Internet.(Kurzbericht in:“Horch und Guck“, Zeitschrift zur kritischen Aufarbeitung der SED-Diktatur,Berlin,Sept. 2009)
SLOMR war die erste größere freie Gewerkschaft in Osteuropa, fast zwei Jahre vor “Solidarnosc” in Polen. Das alles ist in meinen von Ihnen oben zitierten Buch beschrieben. Das Buch hat zudem den Untertitel: Widerstand gegen die Ceausescu- Diktatur”.

Diesen konkreten politischen “Widerstand” gab es in vielen Formen in Rumänien.

Herta Müller und ihr RKP- Gatte Richard Wagner gehörten nicht zu diesem Widerstand, ja sie leugneten seine Existenz sogar in dem SPIEGEL-Interview aus dem Jahr 1987, um sich im gleichen Atemzug als “doppelt Verfolgte” darzustellen, verfolgt von den eigenen Landsleuten und von der “Securitate”! ( Weshalb Wagner von 1972 – 1985 Mitglieder der RKP (Auftraggeberin der Securitate) war, sagte er nicht.)

Ich kam bereits 1979 hier an, gab Interviews bei Radio Freies Europa, klärte auf, u. a. auch in der FAZ, und brachte im Jahr 1981 eine UNO-Klage gegen das Ceausescu- Regime als SLOMR- Auslandssprecher auf den Weg – unter Lebensgefahr.
(Terrorist Carlos bombte seinerzeit für 1000000 US- Dollar- Securitate- Lohn im Englischen Garten in München am RFE/ RL- Sitz, als ich gerade als Zeitzeuge in Genf bei der UNO unterwegs war/ Februar 1981)

Während diese UNO-Klage zwischen Genf und Bukarest hin umher geschoben wurde und Ceausescus Regierung damit beschäftigt war, mich zu diskreditieren und zu kriminalisieren,(WCA/ ILO- Dokumentation im Internet in drei Weltsprachen abrufbar!)
nutzte Herta Müller einen ihrer ersten Fernsehauftritte in diesem Land, um in einer Generalverdächtigung allen Banater Schwaben latenten Faschismus zu attestieren.
In diesem Rahmen beleidigte sie auch mich – wo ich, der Mann aus der Zelle, gerade dabei war, Ceausescu vom Westen aus zu bekämpfen! Ein Dolchstoß?)
Wohlgemerkt 1984!

Herta Müller und Richard Wagner standen nicht nur im Jahr 1979 auf der Seite der Kommunisten, sondern auch noch 1984/85, wo sie frei durch dieses Land reisen konnten, während andere freiheitsliebende Landsleute an der grünen Grenze erschlagen wurden.

Haben Sie auch darüber in der “Symphonie der Freiheit” gelesen?
Weshalb sollte ich mit Dreck werfen?
Ich schwieg bis 2005.
Erst als ich den Aufarbeitungsstand der Vergangenheitsbewältigungsdiskussion zur Kenntnis genommen hatte, um festzustellen, dass wichtige Hausaufgaben von der so genannten politologisch-historischen Forschung noch nicht erledigt worden waren, fast 15 Jahre, nach dem Fall des Kommunismus begann mein Überprüfen und mein Aufklären. Die tiefere, differenzierte Debatte aber beginnt erst jetzt.
Die Rolle mancher Akteure von damals wird zu überprüfen sein.

Die Materie Herta Müller ist allerdings nur ein Randkapitel in meinem Buch.
Das moralisch-politische Bewerten der Gesamtdiskussion heute hat eine andere Relevanz.

Aus meiner Sicht stellt Herta Müller das “falsche Symbol” dar, um Brücken nach Europa zu bauen, da sie sich von der “Hass-“Inspiration der “Niederungen” “noch nicht distanziert” hat und weil sie auf die destruktiven Prinzipien von Trennung und Spaltung setzt, statt auf positiven symphonischen Zusammenklang.
Wenn SPD (Naumann) und CDU ( KAS) auf Herta Müller als Integrationsfigur – auch für die Vertriebenen -setzen, entscheiden sie sich nach meiner Auffassung für eine Person, deren moralische Integrität noch nicht gesichert ist. Das aber ist ein “falsches Signal”. Wir können das gemeinsame Haus Europa nicht auf Lügen und Sand-Fundamenten aufbauen.

Selbst der Papst in Rom forderte dazu auf, in die “Symphonie der Freiheit” einzutreten.

Lesen Sie bitte noch etwas mehr in meinem Testimonium authenticum, das keine “Fiktion” ist, sondern nackte Widerstandsrealität aus der Ceausescu- Diktatur.

Carl Gibson schrieb am ( 07.02.2010 um 12:30):

(…) stellt fest und fragt:”Das Wort “forciert” im Titel des Blog gibt mir Rätsel auf. Was ein “forcierter Nobelpreis”?”

Ein Preis, der “politisch” via Lobbyismus, etablierte, in der Regel geheime Machtstrukturen etc. durchgesetzt wird, ist ein “forcierter” Preis.

Ein solch “forcierter” Preis war der Literaturpreis der konservativen, CDU-nahen Konrad-Adenauer Stiftung an Herta Müller im Jahr 2004.

Da er nach meiner Meinung – als politischer Preis – für “Dissidenz” vergeben wurde, habe ich Herta Müller aufgefordert, ihn zurückzugeben, da nach meiner Auffassung eine Verquickung von literarischer “Fiktion” und “realistischem Widerstand” nicht erfolgen darf, weil so die Realität entstellt und verzerrt wird, sprich die historische Wahrheit auf den Hund kommt.

Aus den Reihen der in “Niederungen” (1982) verunglimpften Banater Schwaben ( in der Regel traditionelle CDU-Wähler) gab es seinerzeit einen Aufschrei in vielen Protestbriefen an die KAS.

Ich persönlich habe im Jahr 2008 bei der KAS nachgefragt, ob die Vita von Herta Müller vor 1987 der KAS bekannt ist oder nicht.
Die KAS wollte darauf nicht eingehen und verschanzte sich hinter der Haltung einer “Jury”, die sich mit dem zufrieden gab, was Herta Müller an biographischem Hintergrund vorgelegt hatte.
Damit sollte ich mich begnügen – und nicht weiter nachfragen.
Bei Ceausescu oder Honecker hätte ich das akzeptieren müssen, nicht aber im freien Rechtsstaat, oder?

Meine Auffassung von Moral und Gesellschaft ist vielleicht konservativ – deshalb frage ich auch an dieser Stelle:

Hat das “Wendehals-Prinzip” seine soziale Akzeptanz gefunden – hier in der BRD und überhaupt?

Ist es noch wichtig oder unwichtig, ob jemand für die Staatssicherheit der DDR oder für die Securitate Ceausescus gearbeitet hat oder nicht?

Herta Müller selbst wirft anderen vor, für den rumänischen Geheimdienst tätig gewesen zu sein!
Sie beschuldigt andere zusammen mit ihrem Ex-Gatten Richard Wagner.
Beide weigern sich aber, den gleichen Maßstab an die eigene Vita zu legen und für Transparenz zu sorgen.
Glasnost und Perestroika auch hier?

Wenn die Gesellschaft der Bundesrepublik zur Schlussfolgerung kommt:
Alles Schnee von gestern,
Schwamm drüber, … weshalb noch an der Illusion “Gerechtigkeit” festhalten … dann muss ich dieses potenzielle Mehrheits-Verdikt zur Kenntnis nehmen und mit meiner – vielleicht antiquierten – Moralvorstellung von Integrität und Ethos leben.

Seit zwei Jahren bemühe ich mich darum, diese Frage zu klären – öffentlich.

Es könnte ja sein, dass ich die Zeichen der Zeit verkannt habe und dass die ZEIT richtig liegt?

Sind meine Fragen nun legitim und grundsätzlicher Natur – oder nicht?

Das müsste zu beantworten sein, auch wenn man nicht selbst zu den unmittelbar “Betroffenen” zählt.

Ein KZ-Opfer wird immer anders werten als ein Folterknecht oder gar ein Schreibtischtäter.

Carl Gibson

Carl Gibson schrieb (am 07.02.2010 um 14:48 ):

@Positive Stimmen zu Herta Müller gibt es viele.

Viele Rezensionen lagen schon fertig in den Schubladen wohlwollender Rezensenten, noch bevor “Atemschaukel” auf den Markt kam.

Ein Buch ist ein Produkt, das vermarktet werden soll. Ein Name soll auch vermarktet werden – über den Nobelpreis, über den “Oscar” über alle möglichen PR- und Marketing-Strategien, die viel Geld bedeuten, Umsätze in karger Zeit.
Kunst ist auch Kommerz.

Doch ist es wichtig, ob Siegfried Lenz, Martin Walser und Nobelpreisträger Günter Grass in der NSdAP waren oder nicht?

Lenz und Walser wurden vielleicht deshalb nicht in Stockholm nominiert?
Günter Grass machte einen PR-Gag aus seiner frühen NSdAP- Zugehörigkeit.

Er hatte den Nobelpreis schon – und steigerte nur noch die Auflage seiner Publikationen, indem er in der Diskussion blieb.

Doch was macht die “offene Gesellschaft” mit der Moral?
Alles unter den Teppich, was aneckt und nicht gefällt?

Carl Gibson

Carl Gibson schrieb (am 08.02.2010 um 11:00) :

:
Nur keine Bange, ich kann sehr wohl sehr dezidiert differenzieren und habe noch nie Äpfel mit Birnen verglichen, schon gar nicht in einer so wichtigen Debatte.

Zu Nikolaus Lenau. Da Sie ja so gut informiert sind und auch schon frühere Beiträge aus meiner Feder gelesen haben, wissen Sie, dass ich lange Jahre an mehreren Hochschulen Literatur studiert habe. Mein Werk: Lenau. Leben – Werk – Wirkung, Heidelberg, 1989, erschien nachdem ich mich ca. fünf Jahre intensiv mit der Literatur- und Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts beschäftigt hatte.
Das mag Ihnen verdeutlichen, dass ich auch die “Belletristik” der Spätgeborenen Herta Müller aus meinem schwäbischen Umfeld in Temeschburg im Banat beurteilen kann, methodisch wie geistesgeschichtlich.

In der Lenau-Forschung gab es bereits vor hundert Jahren Bestrebungen des Freud-Schülers Isidor Sadger, das gesamte Oeuvre des Spätromantikers und Vormärzaufklärers Lenau als “pathologisch” determiniert zu deuten –
Kunst, nach Lombroso, eine Emanation von Krankheit?
Ich wehrte mich dagegen, vehement.

Was würden Sie sagen, wenn wir diese einseitige These auf Herta Müllers Literatur anwenden würden?

Wäre da eine exakte Vita hilfreich?
Präzise Angaben zur Genese ihrer Werke?

Moralische Wertung, etc. etc?

Da “Lenau” im Banat geboren wurde, schrieb ich meine weit verbreitete Monographie vor 20 Jahren auch aus der Sicht eines Brückenbauers zwischen den Kulturen bzw. auch als Beitrag des Banats zur europäischen Geistesgeschichte.

Damals schon hätte ich sehr berechtigt gegen Herta Müllers polemische Banater Schwaben-Attacken wettern können. Das habe ich nicht getan. Ich schrieb seinerzeit nur einige Essays zur Thematik, sah aber von einer Veröffentlichung ab.

Erst 2005 kamen in Rahmen der Recherchen zur “Symphonie der Freiheit” die vielen unbeantworteten Fragen auf, die die Forschung in den kommenden Jahren noch aufgreifen wird. Carl Gibson

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, Culture, History, Politics, Literature, Essay, Philosophy and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s