Ein Dolchstoß?

 

Den Namen der Autorin, die durch ihre Debütveröffentlichung so viele unbeteiligte Menschen gekränkt, beleidigt, verletzt und nachhaltig irritiert hat, die in literaturkritischen Kreisen der Bundesrepublik aber immer noch für eine besonders begabte, prämierungswürdige Schriftstellerin gehalten wird, hörte ich zunächst in einem eher kuriosen Zusammenhang.

Um 1982/83, zu einem Zeitpunkt, als die in meinem Namen geführte Klage der UNO gegen das Regime in Bukarest noch nicht ausgestanden und die öffentlich an den Pranger gestellte kommunistische Regierung sich mit allen propagandistischen Mitteln gegen Menschrechtverletzungsvorwürfe zur Wehr setzte, schrieb mir ein Freund aus Temeschburg einen längeren Brief, dessen Kernaussagen ich aus dem Gedächtnis rekonstruiere:

Der Exodus ist nicht mehr aufzuhalten. Bei Euch, in Sackelhausen, geht es am verrücktesten zu. Die meisten sind schon weg. Mit Kopfgeld natürlich – ohne Bakschisch bist wohl  nur Du ausgereist und Deine Familie. Die anderen verschulden sich für alle Ewigkeit  und zahlen Unsummen an die Securitate, nur um weg zu kommen. Sie rennen zum Gärtner, so nennen sie den Burschen, der das Geld kassiert, vermutlich ein Strohmann der Kommunisten, und bedrängen ihn mit dicken Geldbündeln. Er nimmt nur die Mark, die Lei wirft er ungezählt in einen Korb. Es gibt Tage, wo er die Leute auf der Straße warten lässt und gar nichts annimmt. Der Bursche soll sich bereits mehrere teure Appartements in bester Lage angeeignet haben, die er mit Möbel und Kunstgegenständen aller vollgestopft hat. In einigen seiner Wohnungen hängen die Schinken und Bratwürste an der Decke und die Keller sind voll mit Weinkrügen. Die Schwaben befinden sich in einer Massenhysterie, kurz vor einer Panik. Und sie opfern alles, um wegzukommen. Keiner will der letzte sein. Und wehe dem, der keine Geldquellen im Westen erschließen kann. Der geht hier unter. Der Staat scheint alle Deutsche unbedingt aus dem Land treiben zu wollen. Und dabei findet er noch Landsleute, die ihm dabei behilflich sind. Da hat doch eine H. Müller aus Nitzkydorf ein Büchlein veröffentlicht, in dem die Schwaben durch den Kakao gezogen werden. Vielleicht ist es auch nur ein Manöver der Securitate, um Exodus und Assimilationsprozess zu beschleunigen. Der Name sagt mir nichts…”

Mir sagte es eigentlich auch nichts.

Die Propaganda-Abteilung der Partei oder der Auslandsdienst der Securitate hatten bei dem obskuren Autor Michael C. Titus ein Buch in Auftrag gegeben, in welchem wir Dissidenten und SLOMR-Gründer als Abenteurer und Hasardeure dargestellt wurden. Was konnte die gleichen Auftraggeber abhalten, auch gegen die deutsche Minderheit zu hetzen, wenn es sein musste, mit einem weiteren Buch?

Einiges machte mich stutzig, auch der erwähnte Name; denn in der elften Klasse des Abendgymnasiums am Nikolaus-Lenau-Gymnasium in Temeschburg drückte ich mit einer jungen Dame die Schulbank, auf die das H. Müller zutraf und die, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, womöglich aus Nitzkydorf herstammte. Oder spielte mir das Gedächtnis doch einen Streich? Nur war die junge Frau, die ich damals kennen lernte, solide und brav. Kaum hätte sie gegen die Tugenden der Gemeinschaft gehandelt, gar jemanden gekränkt oder beleidigt. Unvorstellbar das Ganze. Also schlug ich die Sachen in den Wind.

Erst Jahre später kam mir alles wieder in den Sinn, als ich ganz zufällig eine andere Dame im deutschen Fernsehen erlebte, die in übel gelaunter Weise recht wüst über meine Heimat, über das Banat, herzog und von der faschistoiden Denkweise der Leute dort zu berichten wusste. Es war eben jene Herta Müller aus Nitzkydorf, jene Herta aus dem Adam-Müller –Guttenbrunn-Kreis, die zur Entgegennahme ihres Preises angereist war – und nicht die ehemalige Schulkollegin. Das Rätsel war gelüftet. Nur wer war diese Person? Erst nachdem einige weitere Stichworte gefallen waren wie Aktionsgruppe, Müller- Guttenbrunn-Kreis, dämmerte es und ließ mich darüber räsonieren, ob sie mir bereits damals in der Temeschburger Literaturszene aufgefallen war, konnte mich aber nicht daran erinnern, sie jemals bewusst erlebt zu haben.

Außerdem kam mir ihre deutsche Aussprache irgendwie merkwürdig vor. Der herbe, recht ungewohnte Akzent machte mich stutzig und ließ mich daran zweifeln, ob die Person auf dem Bildschirm tatsächlich aus dem Banat stammte. Genauer hinsehend gewahrte ich nur eine nervös gestikulierende Dame mit vorwurfsvollem Blick, die bestimmte Sachen „ins rechte Licht“ zu rücken bemüht war. Sie redete in einer überheblichen Art, als ob sie – salopp gesprochen – gerade den Stein der Weisen gefunden und alle Wahrheiten gepachtet hätte. Sie wetterte über die Gegend ihrer Herkunft wie über das Alte Babylon, wie über Sodom und Gomorra, ohne zu bedenken, dass unser Banat anderen ein Garten Eden, ein hoher Wert, eine Heimat war.

Die Geisteshaltung der Menschen dort im Banat reduzierte sie zur Verblüffend des Auditoriums auf einen  Begriff, auf das Wort faschistoid. Ohne dass es ihr groß auffiel, beleidigte sie damit mehr als hunderttausend Menschen aus jenem Raum, ganz so wie sie sie auch in ihren spröden Kurzgeschichten verhöhnt hatte. Wer dachte damals an das Verfassungsgebot gegen Völkerhass und Hetze, wo es doch nur gegen eine kleine deutsche Minderheit ging in einem entlegenen Teil Europas?

Für mich allerdings war der Faschismusvorwurf ein rotes Tuch. Und die Charakterisierung faschistoid  war eine Parole längst verflossener Tage, die ich selbst nur allzu oft hatte ertragen müssen, denn aus der Sicht der Securitate, die nicht müde wurde, ihn zu wiederholen, zugleich aber auch aus dem Blickwinkel der Linksintellektuellen in Temeschburg galt ich seinerzeit selbst als latenter Faschist – nur weil ich vis-á-vis von Marx, Engels, Lenin, Trotzki und Stalin im konservativ liberalen Lager daheim war, patriotisch dachte und an meiner deutschen Identität festhielt.

Nun wunderte ich mich, dass der Rundumschlag der Dame aus Rumänien mit den frivolen Abkanzelungen ihrer Landsleute, die inzwischen mitten im Geschehen konsterniert vor den Apparaten saßen, so viel Zustimmung und Beifall fand ohne große Widerrede oder Kritik. Da redete eine Frau mit merkwürdig antipathischer Diktion über die Verhältnisse in Rumänien, indem sie über das Banat herzog und über die dort lebenden, aus ihrer Sicht rückständigen Landsleute. Indirekt verhöhnte sie auch mich, meine Familie, meine Freunde,  meine Umwelt, meine tieferen Werte, alles, ohne Skrupel, ohne, dass ihr auffiel, was sie bewirkte, auslöste – nur rücksichtslos, schamlos, frivol und fern jeder intellektuellen Redlichkeit und inneren Wahrhaftigkeit. Wenn einige unmittelbar ins Mark getroffene Landsleute später vor ihr ausspuckt sollten, was sie später einmal andeutete, dann konnte ich deren Beweggründe verstehen.

Herta Müller, die noch im Herbst 1984 den Führungsanspruch der Rumänischen Kommunistischen Partei anerkannt und damit das längst erledigte Ceauşescu Regime befürwortet und gestützt hatte, stand da im öffentlichen deutschen Fernsehen, das von öffentlichen Geldern finanziert wurde und beschimpfte mich, den Banater Schwaben aus der mehrjährigen Opposition und andere bekannte und weniger bekannte Widerständler, Dissidenten und Opfer des Kommunismus, frech, frank und frei – und niemand stoppte ihre Tirade. Fast fühlte mich in Orwells Farm der Tiere versetzt. Die gesamte Welt stand Kopf! Was sagte der Spiegel an der Wand? Wer war nun der Mensch und wer war das Schwein?

Noch wollte ich es nicht glauben, was gerade vor meinen Augen ablief. Verkehrte Welt! Diesmal wurde ich nicht in Rumänien als Deutscher beschimpft, sondern im alten Vaterland und Mutterland Deutschland!

Und keinem fiel es auf! Damals, wahrscheinlich im Herbst 1984, hätte ich sogleich aufgeschrien, wenn ich den Beweis ihrer billigenden Parteisubordination bereits in den Händen gehalten hätte. Doch er wurde erst Jahre danach publik, als William Totok – noch vor dem Fall der Diktaturen im Osten Europas – Dokumente und Zeugnisse aus jener Zeit veröffentlichte.

Verkehrte Welt!? Wir, die wir für aktive Dissidenz über Jahre verfolgt, verurteilt und in Gefängnisse geworfen wurden, mussten nun mit anhören wie eine übel gelaunte Unbekannte aus einem Nest bei Temeschburg im Banat, die selbst nichts und gar nichts  gegen das repressive System in Rumänien unternommen, ja es sogar geduldet und gestützt hatte, die Handelnden von gestern beschimpfte. Wir, die wirklichen Opfer der totalitären und repressiven Verhältnis, mussten es ertragen, wenn diese Person, die angeblich bereits davon gehört hatte, dort unten am Leontin-Salajan-Boulevard im Securitate-Keller würde es Arrestzellen geben, nicht nur uns Antikommunisten beschimpfte und kränkte, sondern weite Teile der an sich friedfertigen, höchst unpolitischen und aufrichtigen deutschen Minderheit. Der erstaunte Durchschnitts-Bundesrepublikaner nahm den verdrehten Sachverhalt gutgläubig zur Kenntnis, ohne die Möglichkeit, die faktische Richtigkeit der Aussagen überprüfen zu können.

Kein Wunder! Selbst ich, der gut Informierte aus der Szene, konnte damals nichts überprüfen, weil Rumänien mit allen Beweisen und Hintergrundinformationen abgeschottet war und noch Jahre lang blieb.

Damit wurde eine unselige und ungerechtfertigte Entwicklung in Gang gesetzt, die sich ausweitete und verstärkte und die bis heute noch nicht korrigiert worden ist. Im Bewusstsein der oberflächlich informierten Öffentlichkeit setzte sich eine Gleichsetzung zwischen den Statements der Autorin, dem Banat und Rumänien fest, die ein paar Jahre später sogar noch auf  die Dissidenz- und Oppositionsbewegungen gegen die Diktatur ausgedehnt wurde. Ihr verzerrtes und überspitztes Banat-Bild wurde von weiten Kreisen, die es nicht besser wissen konnten, als das Banat-Bild schlechthin aufgenommen, ja selbst als das Bild vieler Deutscher von den Verhältnissen in Rumänien.

Der Freund aus Temeschburg, der seinerzeit auch im Namen anderer vor Ort schrieb, von denen kein einziger eine sympathische Note an der Verfasserin jener Kurzgeschichten ausmachen konnte, hatte mich schon früh auf jene literarischen Kreationen aufmerksam gemacht; mit Hinweisen auf das schlechte Deutsch und den teilweise schwer verdaulichen Stil und vor allem auf die oft an den Haaren herbeigezogenen Aussagen, die seine Lebenswelt entstellten. Und manche meiner Freunde, das erfuhr ich erst später, die sich täglich mit den tatsächlichen Verhältnissen in einer Diktatur auseinandersetzen mussten, die über die Aufrechterhaltung ihrer nationalen Identität überleben mussten, empfanden die Destruktion eben dieser deutschen Identität aus den eigenen Reihen heraus als einen „Dolchstoß“, als einen hinterhältigen Angriff auf ihre Ehre, Würde und Selbstbehauptung. Hatte die schnell zur „Nestbeschmutzerin“ apostrophierte Autorin bescheidener Kurzgeschichten, die rücksichtslos um sich schlug, aus welchen Gründen auch immer, auch an die anderen Menschen gedacht, die sie mit ihren Parolen empfindlich traf und verletzte?

Damals war ich leider durch zu viele Dinge abgelenkt, Aktivitäten, die mich von einer Auseinandersetzung mit dem schmalen Bändchen kürzester Geschichten im wahrsten Sinne des Wortes abhielten. Die Klage gegen das Regime in Bukarest, tatsächliche Dissidenz vom Westen aus, Studien, Forschungen, der Existenzkampf, Familie und nicht zuletzt der wenig gewinnende, ja abstoßende Eindruck, den ihr Auftreten in den Medien bei mir hinterlassen hatte, waren verantwortlich dafür. Noch ging ich davon aus, dass die Hüter der Moral aus dem konservativen Lager unserer Landsleute schon angemessen reagieren würden, die im Spiegel trivialisierten Repräsentanten der Landsmannschaften, deren Positionen ich bis zum heutigen Tag nicht stützen zu müssen glaubte.

Darüber hinaus war ich auch kein Verfechter kleinbürgerlicher Werte und weit davon entfernt, die Werte einer „Welt von Gestern“, deren historisches Schicksal schon besiegelt war, nostalgisch hochhalten und verteidigen zu wollen. Selbst ich war stets ein „Minderheitler in der Minderheit“ gewesen, nur kein Linker, kein orthodoxer Marxist, sondern einer, der den freiheitlichen Dichtern wie Heine un d Lenau oder gefährlichen Dichterphilosophen wie Nietzsche mehr vetraute, als den Weltverbesserern des Kommunismus.

Sollte ich mich jetzt in der Bundesrepublik als Anwalt der Mehrheit in der Minderheit aufschwingen? Vielleicht hätte ich es damals gleich tun sollen! Denn jede Würdigung, die die Autorin aus unpolitischen Ecken für Verdienste erhält, die vielleicht nach ihrer möglichen weltanschaulichen Läuterung und Umkehr geleistet wurden, ist ein zusätzlicher Schlag ins Gesicht der von ihr in ihrem ersten Machwerk Gekränkten. Mangelnde hellseherische Fähigkeiten, deplazierte Bescheidenheit und das Vertrauen in die ordnende Kraft des Faktischen im historischen wie im Literarischen, veranlassten mich damals dazu, nicht kritisch hervor zu preschen. Nicht ist es dein los, Fliegenwedel zu sein, verkündet Nietzsche von elitärer Warte aus in Zarathustra. Diesem Leitsatz folgte ich damals und zog mich zurück, statt aufzumucken.

Aufbauend auf dem, was mir in der Vergangenheit wirklich war, ging ich den eigenen Weg. Mit „Regionen“, „Provinzen“ und „Provinzialismen“ hatte ich für immer abgeschlossen und dachte globaler, wobei Völker und Nationen die kleinsten ethnischen und nationalen Einheiten bildeten. Trotzdem war ich nie bereit, meine Herkunft und die Werte meines Werdeganges zu verleugnen oder zu diffamieren.

Ferner ging ich davon aus, dass jeder von uns, ungeachtet seiner Herkunft aus dem Banat oder aus Siebenbürgen, hier in Deutschland und in Europa seinen individuellen Weg der Selbstbehauptung gehen muss – ohne „regionalen Bonus oder Malus“! Die neun bis zehn Akademiker aus meinem Jahrgang – von circa vierzig Schülern – haben bewiesen, dass dieser Weg gangbar ist. Ihr Erfolg in der neuen Gesellschaft, in die sie als heran gereifte Jugendliche eintraten, ist der große Gegenbeweis, der von einem Jahrgang des Banater Heidedorfes Sackelhausen erbracht wurde, dass die verzerrten Darstellungen jener Gegend, wie sie aus einer bestimmten Optik erscheinen, objektiv absurd sind. Wo Blinde Rückständigkeit vermuteten war eigentlich Elite.

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