Intellektuelle Redlichkeit oder ideologisch motivierte Hetze?

Intellektuelle Redlichkeit oder ideologisch motivierte Hetze?

 

                                                        Ecrasez l’ infame, Voltaire 

 

Dichter seien die Fühlhörner der Menschheit, verkündet Ezra Pound an einer Stelle. Damit und gibt er dem Leser einen Wink, genau hinzuhören, was ein Dichter spricht, wenn er verdichtete Aussagen formuliert oder schreibt, ob er klar und sinnstrukturiert spricht oder ob er eindeutige Botschaften verschleiert. Die Klarheit eines Descartes gegen verworrenen Mystizismus in Geist und Kunst.

Sommerset Maugham, der distinguierte Engländer hingegen, rät zur Zurückhaltung in moralischen Fragen, gerade wenn es um das Beurteilen und Verurteilen von Menschen und Taten geht. Zwei Charaktere – zwei Haltungen.

Pound, der leidenschaftliche Schöpfer der Cantos, hat selbst gegen sein Prinzip verstoßen und sich, seinem cholerischen Temperament entsprechend, in politischer Naivität zum falschen Zeitpunkt für die falsche Sache eingesetzt, nämlich für die faschistischen Ideen des Duce und gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung seines Heimatstaates Amerika – aus einem charakterlich-moralischen Impetus heraus, doch aus innerster Konsequenz. Auch das ist nicht neu.

Irren ist menschlich. Und selbst Dichter sind Menschen.

Poeten, so sensibel sie auch sein mögen, neigen oft zur Überspitzung und zur Verkürzung. Dienen sie damit der Wahrheit? Wollen sie ihr dienen? Und bedeutet sie ihnen überhaupt etwas? Maugham, um nur eine Stimme zu nennen, die sich nicht festlegen will, belässt vieles in einer natürlichen Ambivalenz, obwohl bestimmte Dinge angesprochen werden müssten. Wo ist da der Mittelweg, der goldene Schnitt? Was muss unbedingt gesagt werden? Und wie darf es gesagt werden, ohne dass aus bester Absicht doch noch Hetze wird? Ein weites Feld auch dies – vor allem dann, wenn ein Dichter, aus welchen Motiven auch immer, die falschen Signale sendet und merkwürdige Botschaften verkündet.

Ich weilte gerade in Genf, damit beschäftigt als Zeitzeuge daran mitzuwirken, die Regierung in Bukarest für ihre massiven Menschenrechtsverletzungen zur völkerrechtlich  zur Verantwortung ziehen zu helfen, als mir solche Gedanken – entzündet an einem schmalen Bändchen mit rumänischen Sujet – durch den Kopf gingen, um dann teils essayistisch, teils aphoristisch abstrakt und essentiell reduziert aufs Papier zu fließen.

Die in der deutschen Öffentlichkeit damals noch völlig unbekannte Autorin Herta Müller aus dem Temeschburger Adam-Müller-Guttenbrunn-Kreis hatte eine Sammlung von Kurzgeschichten unter der Überschrift “Niederungen”  veröffentlicht, in welchen sie ihr heimatliches Milieu, das Banater Dorf mit seine Sitten und Gebräuchen auf die Schippe nahm, teilweise in polemisch Absetzung und Zersetzung wie eine, die sich für alle Zeiten von ihren Wurzeln, ihrer Herkunft, ihren familiären Bindungen und von dem sozialen Umfeld distanzieren und lösen will, indem sie sich im scheinbar moralischen Triumph darüber erhebt. Nicht die totalitäre Partei oder der Unrecht-Staat beschäftigten die junge Dame aus dem Literaturzirkel meiner Geburtsstadt, gegen die ich gerade von Genf aus ankämpfte und gegen welche sie durchaus auch hätte schreiben können, sondern die Rückständigkeit ihrer Landsleute, die aus ihrer Sicht nicht nur provinziell waren und dumm, vielmehr auch noch böse.

Das dünne gegen die eigene Minderheit in der Auflösung und vor dem definitiven Exodus stehende Büchlein war – wohl mit dem Segen der Partei – von dem Bukarester Kriterion Verlag, der sich auf die Herausgabe deutschsprachiger Literatur spezialisiert hatte, bereits im Jahr 1982 herausgebracht worden. Kaum einer in der literarischen Welt nahm damals Notiz von der unscheinbaren Publikation. Erst als das stark überarbeitete Buch zwei Jahre später im Rotbuch-Verlag Berlin neu aufgelegt wurde, fiel es auf. In bestimmten Kreisen der funktionaler Literaturrezeption, wo man den Frivolitäten eines Heine vertraut war und am Auskosten des Ressentiments seinen Spaß hatte, insofern man nicht selbst betroffen war, wurde das Buch interessiert aufgenommen. Man registrierte es nicht nur als abwechslungsreiche Kreation mit gewöhnungsbedürftigen Stil und ungewohnter Sprache. Man erkannte darin auch ein gutes Mittel, es in der innenpolitischen Diskussion einzusetzen, als ein Vehikel und Instrument, den Konservativen eines auszuwischen und für die Sozialisten im Land zu punkten. Also galt es dafür zu sorgen, das das schmale Buch bekannt gemacht und für wichtig erachtet wurde, vor allem deshalb, weil die politische Botschaft des Büchleins, das Desavouieren der konservativen, christlich ausgerichteten Landbevölkerung im Banat,  ihrer landsmannschaftlichen Vertretungen, der Vertriebenen-Verbände und deren Schirmherren, der christlich-sozialen Parteien der Union ein Überraschungshieb in die Magengrube verpasst werden konnte. Das geeignete Mittel dazu: Eine Buchbesprechung, eine Rezension! Nein nicht in den „Horen“, denn die liest niemand! Eher im „Spiegel“!

 Aus der Sicht der Tangierten hingen, und das waren viele Menschen auf unterschiedlichsten Ebenen, sahen die Dinge anders aus.

Deshalb galt das schmale Büchlein im Umfeld der gerade ihrer Heimat beraubten Banater Schwaben von Anfang an als Debakel. Ein Aufschrei ging durch das Land, ein Protest, beginnend in Temeschburg bei den Betroffenen vor Ort, der noch heftiger wurde, als das Buch, das ganz offensichtlich als bewusste Provokation gegen das eigene Nest gedacht war, noch mit einem „Literaturpreis“ ausgezeichnet wurde, der von der Autorin persönlich mit öffentlichem Lärm und einem gewissen Aufsehen (wohl im Jahr 1985) in der Bundesrepublik entgegengenommen werden konnte.

Die Partei, die den Druck genehmigt und auf Staatskosten finanziert hatte, schließlich handelte es sich um das Erstlingswerk einer bereits dekorierten und bewährten „Jung-Kommunisten“, ließ sich nicht lumpen und gewährte der Autorin das Privileg einer „Reise in den Westen“!

Jeder ausreisewillige Osteuropäer, der ein Leben lang auf die Ausreise oder auch nur auf die winzigste Chance zur Flucht in die Freiheit wartete, weiß, was diese Privileg seinerzeit bedeutete.

Die „staatsloyale“ Schriftstellerin Herta Müller durfte noch im Herbst 1984, als die anderen sieben deutschen Schriftsteller aus Temeschburg, darunter drei bis vier RKP- Mitglieder,  ihre Freiheiten in einer Petition an die RKP einforderten, in die Bundesrepublik reisen.

Nichts hielt Herta Müller davon ab, dem Beispiel ihres Mentors und langjährigen KP-Vasallen Nikolaus Berwanger zu folgen, und sich auch im Land der Imperialisten abzusetzen.

Sie kam, nahm die Ehrung entgegen und kehrte in die Ceausescu- Diktatur zurück.

Weshalb, fragte man sich damals – und heute?

Und weshalb prämierten gewisse Kreise in der Bundesrepublik gerade ein in mancher Hinsicht problematisches Werk wie „Niederungen“, dessen literarisch- linguistische Qualitäten jeder angehende Germanistik-Student überprüfen kann? War es schick, die zehntausend Autoren vor der Haustür, die vielleicht auch besseres schreiben, zu ignorieren, um  eine deutsche Autorin aus dem entlegenen und abgeschotteten Rumänien auszuzeichnen?

Das hatte sicher etwas Exotisches, vor allem deshalb, weil gleichzeitig eine Tabubrecherin ausgezeichnet wurde, eine, die ganz fern an Thomas Bernhard und Peter Handke erinnerte, eine, die das rückständige, sprich „nationalistisch-faschistische“ Denken der Landsleute öffentlich an den Pranger stellte?

So etwa sahen einige die Dinge.

Und was kam danach?

1987, nach langem Ausharren und Leiden in einer Diktatur, gegen die sie nie geschrieben hatte, nahm Herta Müller ihren ständigen Wohnsitz doch noch in der Bundesrepublik, in dem Land, dessen Deutschtum sie zutiefst verachtete. Das überraschte mich nicht wirklich – entsprach es doch der Gepflogenheit einiger Linker, die mir begegneten, nicht in die Bundesrepublik einreisen zu wollen – sondern bestenfalls nach Westberlin! So als ob Westberlin nie Teil des freien Westens gewesen wäre, der von den „imperialistischen“ Amerikanern und den anderen westlichen Siegermächten politisch wie strategisch am Leben gehalten wurde. Der von den Alliierten seit Kriegsende geschützte Teil Berlins war für sie zwar der Westen, aber nicht die Bundesrepublik mit all ihren Revisionisten, Kapitalisten und Spätimperialisten. Eine „Berliner Identität“, deutlich gemacht an einem Westberliner Ausweis oder Pass, schien etwas Spezielles zu sein, an dem man unbedingt festhalten wollte, ohne sich mit der gesamten Bundesrepublik, dem Land der Alt-Nazis und Neo-Nazis, identifizieren zu müssen. Mir erschien diese Haltung immer schon hochgradig absurd und mehr schizophren als verständlich oder nachvollziehbar.

Doch keiner aus der Gruppe der Linken wollte in den Arbeiter- und Bauernstaat jenseits der Mauer einreisen! Weshalb wohl?

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