Poetisches Debüt

 

An was glaubten diejenigen unter den Autoren, die zu Berwanger aufblickten, um ihn herumschwänzelten, ihm schmeichelten? Hegten gerade die jungen Dichter vielleicht noch das reine Bewusstsein, ganz im Geiste der frühen Aktionsgruppe die literarische wie weltanschauliche Avantgarde der Region zu sein, ideelle wie politische Erneuerer, die die Gesellschaft, in der sie lebten, nicht nur abbildend beschreiben, sondern sie auch verändern wollten in Anknüpfung an die Zeit nach 1968?

Hatten sie den Anspruch, etwa im Geist des „Prager Frühlings“, dem real existierenden Sozialismus zu einem humaneren Antlitz zu verhelfen?

Wohl kaum.

Mich verwunderte es dann auch sehr, wenn einige der sonst doch so zeitkritischen Köpfe ihre Kritik nicht auch auf Berwanger und seine Kategorien ausdehnten. Eher schien der „vorauseilende Gehorsam ein Paradigma“ zu sein, das aus der servilen Geschichte hochgekrochen war und sich in eine neue Zeit gerettet hatte, was aus einem ursprünglich nonkonformen Künstler schnell einen angepassten machte.

Die Sujets der Publikationen waren in der Regel so gewählt, dass sie der „offiziellen Linie“ entsprachen. Und die Umsetzung war so gestaltet, dass nichts falsch interpretiert werden konnte. Zur Zeit der „Eisernen Lerche“, mitten im Vormärz, sprach man von „Tendenzdichtung“!

Und jetzt? Hundert Jahre danach? Nach der Achtundvierziger Revolution, nach Marxismus, Bolschewismus, Sozialismus und Nationalsozialismus – machte man immer noch das Gleiche? Manchmal fühlte ich mich in die Welt der Brecht-Epigonen zurück versetzt, in die Jüngerschar des Johannes Robert Becher, in die Literaturwelt der Deutschen Demokratischen Republik, vor allem als ich, kurz nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“, in der Temeschburger Lyrik scharfe antiamerikanische Töne heraushörte. Amerika hatte in Vietnam einen Krieg geführt, einen weltanschaulich motivierten Stellvertreterkrieg ohne formale Kriegserklärung, der völkerrechtlich betrachtet nur ein Konflikt war. Doch der war vorbei – Amerika, das Land der Freiheit, hatte diesen „antikommunistischen Kreuzzug“ auf sich genommen und ausgefochten, um die Ausdehnung des Weltkommunismus einzudämmen.

Die USA führte diesen Krieg aber auch „im Namen der Freiheit“. War es nun angesagt, aus der Unfreiheit des Eisernen Vorhangs heraus eben gegen dieses Amerika zu protestieren – nur weil es die APO-Adepten im freien Teil Deutschlands vorexerzierten, gestützt von den Schüssen und Bomben der RAF?

Im „Spiegel“ konnte ich genau nachlesen, was sich im Herbst 1977 ereignet hatte, in jenem blutroten Herbst mit vielen Terror-Toten. Unter den Notizen aus meiner literarischen Vergangenheit fand ich später einen Fetzen Papier, auf dem eine jener Dichterlesungen im Guttenbrunn-Kreis skizziert worden war, als Stilübung, in parodistischer Absetzung vom dort gern gepflegten Stil der minimalistischen „Kurzgeschichte“: „

Es war Abend. Wir saßen zusammen. Um den Chef geschart – Trabanten um ihren Mond. Ein Häufchen junger Leute war da. Ein gutes Dutzend?

Es war im Biergarten in der alten Bastei. Lyrik war angesagt. Im Hintergrund kauerte ich. Beobachtend sah ich zu und harrte des Kommenden.

Neue Dichtung für neue Menschen in einer neu zu errichtenden Gesellschaft erwartete uns. Endlich trat der Dichter auf. Ein Jüngling aus der Heide? Keck, frech, ein Student?

Ein Bauern-Spross vom Land mit hellen Augen und sonorer Stimme? Er las, rezitierte. Wortfetzen drangen an mein Ohr, Metaphern, Bilder, Symbole, Expressionen – ein halbes Jahrhundert nach dem Expressionismus?

Der Antrieb stimmte.

Hinauf wollte er. Die Himmelsleiter hinauf, zum Parnass. Bekannt wollte er bald sein – und berühmt im Kreis der lebenden Dichter des regionalen Parnass.

Es war sein Debüt.

Erste Gedichte, Gedanken, dunkel und abstrakt; und dann doch konkret, überkonkret – Ho ho Ho Chi Minh …. Klassenkämpferisch korrekt –

gegen Amerika, gegen mein geliebtes Amerika?

Wer stand hinter diesem Auftakt?

Der Chef?

Der Mentor unter der Ägide der Allmächtigen? Vermutlich … vielleicht auch nicht, oder? Ging es anders?

Die Augen des Autors strahlten. Er war dankbar. Maecenas war es auch. War das ein Durchbruch, als Poet, als Geist, als höheres Individuum, als Mensch?

War er jetzt offiziell ein Künstler, ein besserer Staatsbürger gar, ein Vorbild?

Aus dem Abseits folgte ich dem Geschehen wie Moses im Unglück! Mit etwas Neid vielleicht – auch ich war ehrgeizig. Auch ich hätte gern äußerlichen Erfolg gehabt.

Aber nicht um diesen Preis!

Dann sah ich seine Freude – die Freunde eines Kindes, das ein lange erwartetes Spielzeug bekommt. Den Erfolg gönnte ich ihm und mir den Verzicht.

Die Lesung nahm ihren Lauf. Er las noch weiter mit Enthusiasmus. „Engagierte“ Lyrik – er las gegen Amerika und für Vietnam. Zustimmung gab es auch. Und wohlwollende Kritik …

Winkte auch bald ein Preis der Jungkommunisten?

Ja, es war eine gelungene Präsentation – nur mich fesselten die vernommenen Verse kaum. War ich subjektiv gefangen? Gar ungerecht? Oder verstand ich sie einfach nicht? Die politischen Gedichte überzeugten weitaus weniger als die apolitischen, da ihre Tendenz viel zu eindeutig hervor trat. Agitation? Proletkultismus? Das war doch nicht so ganz meine Welt.

Die Verse einzelner Lyriker, die ich bei spontanen Lesungen im engsten Zirkel vernahm, umkreisten die Themen der Zeit, speziell den moralisch fragwürdigen, unverhältnismäßigen und ungerechten Krieg in Vietnam. Sie offenbarten eine zeitkritisch antiimperialistische, ja antiamerikanische Gesinnung, wobei – in antizipierter Selbstzensur – eine vergleichende Auseinandersetzung oder eine mögliche Kritik der inneren Verhältnisse in Rumänien ausblieb.

Indem Berwanger das „kritische Potenzial“ der Künstler auf den imperialistischen Westen lenkte, erreichte der Literatursteuerer sein Ziel.

Zudem hatte er, der geschickte Menschenfischer und Seelenfänger, eine geistige Rebellion, die sich bald auch nach innen hätte wenden können, effizient entschärft.

Was sollte ich mit dieser Sorte ideologisch motivierter Dichtung, die mir mehr einseitig erschien als tatsächlich engagiert und innerlich wahrhaftig, und deren poetisch-ästhetische Komponenten ich schwer vermisste, anfangen? Sie widerstrebte mir innerlich – und hielt mich davon ab, vergleichbare Poesie in die Welt zu setzen.

Noch mehr aber irritierte mich die Tatsache, dass sich die fortschrittlich auftretenden Dichter, die weltpolitisch immer kritisch argumentierten, die stets die globalen Missstände vor Augen hatten, im künstlerischen Alltag vor Ort so kurzsichtig waren – sich korrumpieren und vereinnahmen ließen wie billige Hetären, ohne dass ihnen diese literarisch-politische Prostitution aufgefallen wäre.

Die Seele wurde bereits verkauft, noch bevor sie ausgebildet war.

Viele Fragen bleiben offen. Wie konnten Intellektuelle die offizielle marxistische Linie mittragen, dem System nach dem Mund reden, wenn man doch selbst täglich zusehen musste, wie ein zynischer Diktator alle sozialistischen Werte pervertierte und die an sich noble Idee des Sozialismus ad absurdum führte?

Wie konnten angehende Schriftsteller wie Richard Wagner und Herta Müller die Führungsrolle der Rumänischen Kommunistischen Partei noch im Herbst 1984 anerkennen und somit eine totalitäre Kraft gutheißen, die dabei mithalf, dass wirklich kritische Kommilitonen wie William Totok für das Verfassen von wenigen zweideutigen Versen in das Gefängnis geworfen wurden? War das nicht zutiefst inkonsequent? Und durfte der Leser künftig noch ihrem Wort vertrauen? Die Läuterung einzelner kam spät, sehr spät! Doch kam sie aus Einsicht oder nur zynisch nach dem Motto:

Was schert mich mein Geschwätz von gestern,

von dem nicht nur Kanzler Adenauer Gebrauch machte.

Gerade heute – wo das „moralische Werten“ von Taten zumindest bei den ihre Vergangenheit kritisch bewältigenden Rumänen wieder höher im Kurs steht – sollte bei der Aufarbeitung der Materie vermehrt „ethische Kriterien“ angesetzt werden, ohne Rücksicht auf die Person.

Wer Amerika den Spiegel vorhält, darf sich auch nicht verweigern, wenn nach der eigenen „moralischen Integrität“ gefragt wird.

Nach dem tatsächlichen Agieren ist künftig zu fragen – und nach der tatsächlichen „Aktion“. Vor allem deshalb, weil für ein Ethos, das „so“ nicht da war und dem Bereich des Mythos angehört, hohe Preise vergeben werden – in unverantwortlicher Vermengung und Verwechslung von Literatur und Ethos aus der Unwissenheit heraus – bis hin zum Nobelpreis.

Was haben die in deutscher Sprache publizierenden Linken, jene „Minderheit in der Minderheit“, an „konkreter politischer Oppositionstätigkeit“ geleistet, bevor sie alle – noch vor Ceauşescus Sturz heil in der Bundesrepublik landeten und hier auch Aufnahme fanden?

Obwohl überhaupt kein Nachweis einer politischen oder geistigen Opposition erfolgt ist, wird eine Herta Müller seit ihrer Ankunft in der Bundesrepublik im Jahr 1987 verstärkt als „Dissidentin“ wahrgenommen – auf die bloße Behauptung hin, sie hätte Spitzeldienste verweigert.

Ein erstaunliches Phänomen!

Wahre Dissidenten, die für ihr Agieren einen Teil seines Lebens in Gefängniszellen verbringen durften, können da nur die Köpfe schütteln – oder aus dem Schweigen heraus treten und aufklären.

Was setzten die Fühlhörner der Nation, wie Ezra Pound die Minderheit der Schriftsteller bezeichnet, den tatsächlichen Niederungen der Zeit, die zweifellos nicht im Banat am tiefsten waren, entgegen?

Worin bestand ihre Opposition?

In einer Woche U-Haft! „Nur eine Woche“ – fragt Richard Wagner selbstironisch!

Oder im „Ausharren“ in einer menschenverachtenden Diktatur? War auch dieses „Ausharren“, bis es wirklich nicht mehr ging, ihre Form des Widerstands, ihre Dissidenz, ihr Martyrium?

Dann sollte sie dafür bewundert oder geehrt werden, jedoch nicht für aktive politische oder künstlerische Dissidenz!

Eine „Dissidenz“ ist Herta Müller von ein paar schlecht informierten Journalisten nachträglich angedichtet worden. Sie nahm es hin, ohne zu widersprechen, ohne aufzuklären – und sie lebt gut davon. Wen schert schon die Wahrheit, das, was wirklich war?

Tatsächlich verfolgt und gemartert wurden nur wenige Marxisten aus dem Umfeld der beiden Literaturgruppierungen, allen voran William Totok, der einzige aus der früheren Aktionsgruppe mit Sinn für wahrhaftige Dissidenz, der für das Vergehen büßte, inhaltschwere Verse verfasst zu haben, ebenso wie sein Bruder Gunter, der seine Sozialkritik mündlich kundtat, unmittelbar auf der Straße, im Gespräch im Bastion- Café, und dafür mit fünf Jahren Haft entlohnt wurde. Der tatsächliche Aufruhr des freien Gewissens blieb eine seltene Ausnahme, ein Edelweiß der Hoffnung in einem steinernen Garten – während die Schar aus dem „Club der Chamäleons“, deren Farbe von Dunkelbraun über Tiefrot bis ins Giftgrüne wandelte, alles leer zu fressen schien.

Wie hätte ich mich seinerzeit verhalten sollen? Sollte auch ich um die Gunst jenes Maecenas buhlen, das rote Buch beantragen, um dann mit der tatkräftigen Hilfe der Partei um ein rötliches Bändchen herausbringen, nur um mich öffentlich einen Dichter nennen zu dürfen?

Sollte ich jeden Anstand und jede Moral beiseiteschieben, mich in vorauseilendem Gehorsam und geistiger Selbstkastration verbiegen, mir das Rückgrat heraus amputieren lassen, um aalglatt nie wieder anzuecken, wie es die Speichellecker um Ceauşescu als bestellte Hoftroubadoure vorexerzierten?

Galt die „Moral“ überhaupt nichts mehr? Sitte, Anstand und Würde?

Sollte ich ethische Werte auf dem Altar der Kunst opfern, um machiavellisch dem L’art pour L’art-Prinzip zum Durchbruch verhelfen – wie es im Ansatz schon Heine getan hatte und – im theoretischen Bereich – auch Nietzsche?

Mein Bauch rebellierte dagegen – noch stärker als das Gehirn! Was sollte man den Menschen auf der Straße vorwerfen, wenn die Werte auf höchster Ebene, im Bereich von Geist und Kunst, pervertiert wurden! Ewiger Bolero auch hier – und immer die gleichen Fragen! Weshalb durchschauten die Zöglinge Berwangers dies nicht? Weshalb ließen sie sich fördern? Der Vorwurf wird bleiben, da Jugendsünden nicht über Jahre ausgedehnt und dann als solche entschuldigt werden können.

Als ich mit meiner Rebellion begann und die Entscheidung traf, so nicht publizieren zu wollen, war ich siebzehn.

Als Herta Müller – bei Verkennung des wahren Gegners – sich gegen ihre Landsleute stellte und diese verhöhnte, statt die schon schwer verkommene sozialistische Gesellschaft zu bekämpfen, war sie fast dreißig Jahre alt. Sie handelte nicht naiv, sondern sie wusste sehr wohl, was sie tat. Und als „sensible Schriftstellerin“ kannte sie auch die volle Tragweite ihrer Aussagen.

Darauf sollten ihre künftigen Biografen achten, die Interpreten ihrer surrealen und irrealen Texte, die Redenschreiber und die Politiker, die jede Lobhudelei unverifiziert nachmurmeln. Berwanger stand im Jahr 1982, als ihr Hohnbändchen in Rumänien erschien, mit Sicherheit irgendwie dahinter. Und mit ihm die Partei und ihr Bluthund, die „Securitate“.

Wer dort gelebt hat, bewusst gelebt hat, bis in die Marterstuben und Gefängniszellen hinein, weiß, dass es so gewesen sein muss. Bald hakte ich den literarischen Zirkel, der einem Schlüsselerlebnis gleichkam, gänzlich ab im Bewusstsein, in diesem Umfeld doch nie geistig aufgehoben zu sein. In einer Welt eines sich anbiedernden Opportunismus konnte ich keine Heimat finden, doch mehr aus weltanschaulichen Gründen als aus ästhetisch-literarischen.

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