Die falsche Metapher – Siebenbürger Autoren auf dem Weg zum Schafott

 

Zehn Jahre vor der Revolution und dem anschließenden Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa stand ich mit meiner Haltung nicht allein. Das vermutete ich, ohne zu wissen, wo meine geistigen Alliierten waren. Es gab sie. Nur waren sie fern und mir unbekannt.

1959, zu einem Zeitpunkt, als ich noch in den Windeln lag, den unreflektierten Blick zum freien blauen Himmel gerichtet, waren in Kronstadt, das damals für kurze Zeit in „Stalinstadt“ umbenannt worden war, fünf siebenbürgische Schriftsteller, deren literarisch- künstlerische Produktionen ich erst viel später bewusst begegnen sollte, für das Verfassen von Gedichten, Dramen, Erzählungen und Romanen zu absurd hohen Haftstrafen verurteilt worden. Die Dichter und Literaten Birkner, Scherg, Bergel, von Aichelburg und Siegmund wurden in einem breit aufgerollten Schauprozess stalinistischer Prägung, dessen konstruierte Unterlagen heute unter dem Titel „Gefahr und Gefährdung“ als Zeitdokument gedruckt vorliegen, als Abschreckung und warnendes Beispiel für andere freie Geister abgeurteilt und für insgesamt 95 Jahre in Haft geschickt – für das Vergehen, Symbole gebraucht, Allegorien eingesetzt, Metaphern konstruiert, Prosa formuliert und Verse geschmiedet zu haben.

Ihr Oeuvre lag – im schroffen Gegensatz zum Werk linksorientierter Dichter der jüngeren Generation, – dafür weitgehend auf meiner Linie. Sie alle waren, aus literaturhistorischer Sicht betrachtet, Traditionalisten. Ihre Literatur war durchaus auf der Höhe der Zeit, nur war sie weniger experimentell und forciert avantgardistisch. Damals kannte ich leider so gut wie nichts aus jenen Werken bis auf einige Übersetzungen aus dem Rumänischen. Dieses Aneinander-vorbei-Leben hatte einen tragischen Zug, ebenso wie die Tatsache, dass mir das Opponieren vieler Zeitgenossen, die teilweise mit Hilfsarbeitertätigkeiten überleben mussten, genau so verborgen blieb, obwohl es sich neben mir vollzog – alles einsame Stimmen, die aneinander vorbei klangen, und nichts voneinander wussten – um doch von Ferne im harmonischen Zusammenklang eines Chors wahrgenommen zu werden.

Meine intuitive Nähe zu den Siebenbürgern, von denen wir landsmännisch durch eine über sechshundert Jahre gewachsene Geistestradition getrennt wurden, und zusätzlich noch durch ein paar plumpe Vorurteile und eine landsmannschaftliche Rivalität, galt selbst für die Art Denken und Fühlen literarisch zu vermitteln, für den gesamten ästhetischen Komplex und für die weltanschauliche Basis der Werke – vor allem aber für die innere Wahrhaftigkeit und die konsequente Haltung durch die Jahre. Vieles von dem, was Hans Bergel, Wolf von Aichelburg, Georg Scherg und Andreas Birkner vor mir gedanklich antizipierten, sah ich, auf der Grundlage vergleichbarer Erfahrungen und einer verwandten Auseinandersetzung mit der Weltliteratur in ähnlicher Anschauung, vielleicht auch deshalb, weil wir uns alle mit einem großen destruktiven Phänomen auseinandersetzten – mit dem Stalinismus.

Bei Wolf von Aichelburg, der auch komponierte, schätzte ich den in zahlreichen Gedichtübertragungen geschulten lyrischen Sinn und das besondere Verhältnis zu Musikalität und zur Musik; mit Scherg verbanden mich die ebenso leidenschaftlich nacherlebten Themen Ovid und Bruno, verbunden mit vielen geistigen Essenzen, während Hans Bergel, der streitbarste und direkteste von allen, den essayistisch pointierten Direktstil pflegte, in den ich schon früh hineingewachsen war. Damit stand er mir formalästhetisch und substanziell am nächsten.

Mit allen aber verband mich die Arbeit an dem weiten Menschheitsthema Freiheit. Dieses Sujet von existenzieller Relevanz, das wir als ehemalige politische Häftlinge doch anders werteten als mancher linke Theoretiker außerhalb der Zellen und das wir etwas tiefer erfühlten als mancher philosophische Interpret der Freiheit im Elfenbeinturm, verband uns in der zwischenmenschlichen Solidarität der Verfolgten, die nur jener kennt, der Vergleichbares erlitten hat.

Jeder von uns – und dabei war ich noch der Geringste – hatte in seinem individuellen Kampf für die Freiheit mehr ertragen müssen als den „Schock eines Anwerbeversuchs“ der „Securitate“, während dessen eine Blumenvase an der Wand zerschmettert worden sein soll. Herta Müller hatte den Augenblick der Konfrontation mit dem gläsernen Wurfgeschoss sicher ebenso mutig ertragen wie mein guter Freund Ewald beim Militär, dem, wenn er vom „Securitate-“ Beauftragten zum Bericht einbestellt worden war, ein stinkender Aschenbecher entgegenflog. Die Ausübung von Terror hatte viele Gesichter. Doch ein einziger Tag in Jilava, wie ihn Hans Bergel geschildert hat, wiegt so manche Scherben auf.

 Als ich beim späteren Durchblättern einzelner Werke der fünf Verfolgten, die heute in einem Sammelband mit zahlreichen Dokumenten aus jener Zeit vorliegen, über ihre Ansätze und Beweggründe nachdachte, fiel mir eine gewichtige Konstante auf, die für alle Geltung hat. Jeder dieser fünf Literaturschaffenden aus Siebenbürgen hielt zeit seines Lebens an seiner „deutschen Identität“ fest – und keiner von ihnen hätte sie je aufgegeben. Denn sie war für uns in der kleinen und in der großen Zelle die „Selbstachtung“, von der Solschenizyn spricht, ohne die ein Überleben im Gulag überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Und auch außerhalb des Gulags ebenso wenig. 

Nachdem ich erkannt hatte, dass der Weg des Kompromisses nie der meine werden wird, distanzierte ich mich von den linken Literaten in Temeschburg und dem AMG- „Kreis“, in welchem es sicher, auch interessante, viel versprechende Menschen gegeben hatte. Zu früh vielleicht. Doch meine Verachtung war stärker. Damals schwieg ich vorerst literarisch, um auf meine Weise aktiv zu handeln. Im Schriftstellerischen bevorzugte ich weiterhin meine Samisdatproduktion im stillen Kämmerlein und schrieb „nur noch für die Schublade“, ohne zu wissen, ob jemals etwas davon ediert werden konnte. Dabei distanzierte ich mich eindeutig von Berwanger, mit dem ich auch entfernt nichts zu schaffen haben wollte, aber auch mehr und mehr von seinem marxistischen Umfeld und den begünstigten Nutznießern, deren Ideale mir immer verlogener vorkamen – ohne die geistig- künstlerische Heimat zu finden, nach der ich gesucht hatte.

Ein Rückzug in die „Camera obscura“ stand an, den ich vollzog – wie schon Generationen von Künstlern vieler Nationen vor mir; wie jene deutschen Schriftsteller, die, zurückgezogen in eine „innere Emigration“, sich vom totalitären Ungeist des Nationalsozialismus freimachten und wie unzählige andere geistig Tätige im Land, deren Gedankenwelt nicht auf Linie war. Idole und Leitbilder gab es viele, auch im „anständigen“ Rückzug! Doch nicht in bloße Verweigerung, Untätigkeit oder Schweigen, sondern ins Schaffen aus dem Verborgenen heraus. Dimitri Schostakowitsch, der seine vollendete Symphonie, die nicht dem Geist der Zeit entsprach, in der Schublade vergrub und sieben Jahre abwartete bis Väterchen Stalin endlich verstorben war, erschein mir in diesem „Selbstbeschränkungsprozess“ als markantes Vorbild. Wenn „große Musik“ warten konnte, dann konnte ich es auch.

Alles hat seine Zeit im Leben, auch die Wahrheit, die irgendwann von der guten Sonne an den Tag gebracht wird. „Ora et labora“, hieß die Devise und: Eile mit Weile. Die großen Entwürfe fehlten mir sowieso. Darüber hinaus neigte mein etwas gelähmter Schaffenstrieb damals wieder eindeutiger zur sachlichen Wissenschaft als zur unverifizierbaren Kunst mit der Bestrebung, das rein Subjektive zu überwinden und künftig das allgemeingültig Objektive zu favorisieren. Zwei Begriffe rückten wieder in den Vordergrund: die „historische Wahrheit“ und die überlebenswichtige „nationale Identität“.

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s