Nikolaus Berwanger – Biedermann oder „geistiger Brandstifter“ und „aktiver Kollaborateur“?

 

Als im Jahr 1959, im Jahr meiner Geburt, die fünf siebenbürgischen Schriftsteller Birkel, Bergel, Scherg, Siegmund und von Aichelburg vor Gericht gezerrt und für das Verfassen von Literatur zu absurd hohen Haftstrafen verurteilt wurden, waren es genau die gleichen Gefolgsleute des Systems, die Chefs der Tageszeitung, des Deutschen Staatstheaters Temeschburg, leitende Verlagsleute und Akademiker, die als „ideologische Gutachter“ gegen ihre kreativen Kollegen auftreten und aussagen mussten. Der Preis für ihre Position war eben die „aktive Kollaboration“.

Das ist heute bekannt – doch erst heute. Eine aktive Kollaboration mit den Mächtigen aus der Partei konnte – wie Richard Wagner es in dem Gedicht „Curriculum“ zugibt – ganz sachte und schleichend beginnen, um dann über immer tiefere Verstrickungen zum kompromittierenden Selbstläufer zu werden:

Nicht erschlagen, fertiggemacht

Belogen, bis ich selber log.“

Aus anfangs gut gemeinter Mitwirkung wurden schnell eine Instrumentalisierung und daraus bald ein Opfer. Wagner hatte einige Zeit an der Seite Berwangers verbracht – er müsste es wissen, ob Berwanger und andere „freiwillig“ mit den roten Teufeln paktierten oder ob sie dazu verführt worden waren, etwa so, wie Berwanger andere junge Literaten vereinnahmen sollte!?

War der Ruf erst einmal ruiniert, machte das ungenierte Leben erst richtig Spaß, auch im Sozialismus. Diesen Typus des bewussten „System-Kollaborateurs“ verkörperte bis zu seiner Flucht im Jahr 1984 – nicht nur in meinen Augen – jener Leiter des Guttenbrunn-Kreises, jener Chefredakteur, jener Förderer, Minderheit- Sprecher und Vertreter Nikolaus Berwanger. Ob der Vorwurf berechtigt ist oder nicht – darauf wird die historische Forschung noch Antworten geben – und, wenn die Fakten es zulassen, den viel Gescholtenen vielleicht sogar noch rehabilitieren! Doch noch steht eine „allgemeine Verlogenheit“ der Aufklärung im Weg.

Nikolaus Berwanger, zweifellos eine schillernde Figur seiner Zeit, wurde 1935 in Freidorf geboren. In jenem Freidorf, von wo aus mein Vater in die Sowjetunion deportiert worden war. Berwangers Vater soll das gleiche Schicksal erfahren haben. Vielleicht war es sogar der gleiche Transport … In Freidorf verlebte er in den Höfen der dortigen Zuckerfabrik eine proletarische Kindheit, sympathisierte früh mit „Antifaschismus“ und „Kommunismus“ und wurde dann – vom Ungeist der Zeit und von der kommunistischen Woge getragen – ein „Sprachrohr der neuen Weltanschauung“. Indem er das sagte, was die Akteure des real existierenden Sozialismus, namentlich seine „Genossen“ aus der Rumänischen Kommunistischen Partei, von ihm erwarteten, machte er als „Journalist“ schnell Karriere. Dank der Gnade der Partei und in Erwartung besonderer Leistungen rückte er in eine Position auf, die ihn zum mächtigsten Repräsentanten der deutschen Minderheit im Banat machte.

Nikolaus Berwanger paktierte öffentlich mit der Macht, gab „Wahrheit“ wie Freiheit auf und transportierte kritiklos das Vorgegebene hinein in seine Minderheit. Der Preis des Paktes war das eigene Heil, vielleicht ein „diskrepantes Gewissen“ und die Tatsache, dass er von den Kompromisslosen der deutschen Gemeinschaft und der Gesamtgesellschaft, wie ich damals einer zu sein glaubte, als „Chamäleon“ wahrgenommen wurde, als willige Marionette in der Hand eines allmächtigen Puppenspielers, die das Fähnlein nach dem Wind dreht. Aus offizieller Sicht hatte er eine „ideologisch gefestigte“, „sozialistische Biografie“, die ihn zu Höherem befähigte. „Genosse Berwanger“ war ein „direkter Ansprechpartner der Partei“ und ein uneingeschränkt serviler Diener des Diktators über Jahrzehnte. Er hatte das Bewusstsein eines „Genossen“ – und wer ihn näher kannte, weiß, wie gern er sich mit anderen „Genossen“ umgab, ganz besonders dann, wenn diese auch noch dichteten oder schrieben. Wenn seine Parteifreunde, die Kommunisten, die rumänische Sozialdemokratie nicht nach 1945 aufgelöst und ihre Führer in Gefängnissen wie Sighet oder Jilava umgebracht hätten, dann wäre aus Berwanger vielleicht ein sogar ein „Sozialdemokrat“ geworden, ein „Sozialist mit menschlichem Antlitz“ und kein „Kommunist.

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