Ein „Klub der Chamäleons“? – Einblick in den „Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis“

Kunst” im „faulem Kompromiss“

 

 

Was bewog ultralinke Marxisten, die sich vom faschistoid empfundenen Weltbild ihrer Eltern mit aller Radikalität absetzen wollten, einem Literaturkreis anzugehören, der nach einem erzkonservativen Repräsentanten der so genannten „Blut und Boden“-Ideologie benannt worden war? Das fragte ich mich damals. Inkonsequenz auch an dieser Stelle?

Adam Müller, in dem Banater Ort Guttenbrunn geboren, war ein in Österreich bekannt gewordener Schriftsteller, der unter verschiedenen Decknamen veröffentlichte, unter Pseudonamen zu einem Zeitpunkt, als man sich in der Doppelmonarchie Franz Josefs als Autor nicht mehr verstecken musste wie noch zu Zeiten Metternichs und des Edlen von Strehlenau. In seinem Lebenswerk setzte er sich aus einem idealistischen Antrieb heraus, den ihm vielleicht gerade die Beschäftigung mit Lenau vermittelt hatte, für die Erhaltung des Deutschtums im Banat ein, denn Lenau, der Freigeist, war im Banat geboren. Es war gewissermaßen eine direkte Reaktion auf die ausdrücklich im Banat forcierte Magyarisierung, einer chauvinistischen Strömung mit assimilatorischer Tendenz. Adam Müller fühlte deutschnational und hatte einige monumentalistische Werke verfasst, im Stil Wilhelm Raabes, Werke, in welchen die drei großen Schwabenzüge verherrlicht und die traditionellen Werte der deutschen Siedler hochgehalten werden. Ferner schrieb er eine verklärende Lenau-Trilogie, die, fern der exakten Forschung, den auch heute noch viel verehrten Dichter in ein etwas „ätherisches Licht“ rückt.

Wie passte nun dieses konservative Vorbild des “Erzschwaben” zu einem Dichter- und Schriftstellerkreis, der weltanschaulich zum Fortschrittlichen hin tendierte, der nicht nur aufgeklärt sein wollte, sondern sogar revolutionär?

Das fragte ich mich immer wieder, nachdem meine Aufmerksamkeit mehrfach auf die Aktivitäten des Zirkels gelenkt geworden war, nicht nur durch Gerhard Ortinau, der mich dann und wann mit höchst unterschiedlichen Mitgliedern zusammen brachte. Hatte ich es hier mit einem offensichtlichen Anachronismus zu tun oder mit einer verkehrten, konfusen Welt auch im Literarischen?

Wer war da eigentlich deplatziert? Adam Müller Guttenbrunn, der bourgeoise Theaterdirektor aus Wien als Namensgeber – oder der Begründer und Mentor des Kreises, der stramme Antifaschist und Parteisoldat Nikolaus Berwanger mit seinen nicht ganz konsequenten Schützlingen aus der linken Ecke?

War dies alles nur Heuchelei? Wer betrog hier wen. Wer täuschte wen? Hatte Adam Müller, das Ur-Chamäleon mit den vielen Decknamen, auch die Werte des Kreises vorgegeben: Tarnung und Anpassung?

Allmählich und angesichts der vielen Alias-Identitäten im Verein bildete sich in meinem Freundeskreis ein neuer Terminus heraus – die genaue Bezeichnung vermeidend, sprach man nur noch von „Klub der Chamäleons“; man witzelte darüber und machte seine Späße, ohne große Lust, die literarischen Produktionen aus jenem Umfeld ernst nehmen zu wollen.

Hatte die deutsch verbrämt klingende Bezeichnung eine Alibifunktion auch für „linke Literatur“ – oder wollte man der breiten Minderheit vorgaukeln, dass ihr Erbe gut gepflegt wurde, während man nach eigener Fasson vorging und dabei „ideologisch korrekt“ agierte? War es vielleicht sogar ein doppelter Opportunismus?

Bevor ich mir eine Meinung bilden und darauf antworten konnte, musste zunächst eine Biopsie entnommen und der Befund nach eventuellen Metastasen untersucht werden. Also trat ich dem ominösen Kreis etwas näher und sah dem Treiben zu, doch nur als stiller Betrachter aus der Ecke. Das „Paradies“ vor mir, aus dem ich mich selbst aussperrte, war zu verlockend nicht. Vielleicht war die so unterschiedlich zusammengewürfelte Gemeinschaft mit ein paar tolerierten Konservativen, in der die Linken immerhin eine starke Splittergruppe bildeten, später einmal auch ein Modell für mich? Zaghaft näherte ich mich und schnupperte, ohne zu probieren – nicht gleich dem Fuchs, der gierig um den heißen Brei schleicht und schon ahnt, dass er nicht an ihn herankommen wird, sondern wie einer, der die Schlangensuppe wittert, der den vergifteten Braten riecht.

Dieser Zirkel, in den Gerhard mich für kurze Zeit mittelbar einführte, gab manchen Künstlern eine Heimat. Er war auch ein Auffangbecken für alte Herren der Dichtkunst und der Lobhudelei, die schon während des aufkommenden Nationalsozialismus dem Ungeist jener Zeit gehuldigt hatten; ebenso für servile Journalisten auf dem Schleudersitz, die von der Gnade Berwangers abhängig waren, für Mundartdichter, Dramaturgen deutscher Zunge, Schöngeister aller Art, vor allem aber für jene weite Schar junger Poeten, die nach dem Verbot der „elitären“ Aktionsgruppe literarisch heimatlos geworden und nach einer „schützenden Ägide“ suchten.

Berwanger gewährte allen generös Asyl – vielleicht, weil er ein guter Mensch war, vielleicht, weil er etwas für die „deutsche Kultur im Banat“ tun wollte, vielleicht aber auch, weil ihn die eigene Partei direkt oder über die „Securitate“ aufgefordert hatte, „vagabundierendes Geistes-Kapital und Potenzial“ zu bündeln und zu binden, damit es dem Staat, da „unkontrolliert“, nicht noch gefährlich wurde?

Gemessen an dem deutlich radikaleren Vorgängerkreis „Aktionsgruppe Banat“ stellte der Guttenbrunn-Kreis als eine Art „Integrationsmodell des Kompromisses“ einen Rückschritt dar. Im früheren Freundeskreis, wo unterschiedlichste Charaktere – zusammengehalten von weltanschaulich politischen und literarisch-ästhetischen Geisteslinien – individuell Kunst produzierten, stand – neben der Befruchtung der Gesellschaft mit neuen Denkansätzen – vor allem die zwischenmenschliche und künstlerische Solidarität im Vordergrund. Die Verbindung war Sprachrohr und Interessengemeinschaft mit einem Gesicht nach außen.

Solange es die sogenannte Aktionsgruppe gab, etwa drei Jahre, wurde sie von Richard Wagner als ihrem programmatischer Kopf zusammengehalten. Nach ihrer indirekten Auflösung durch die „Securitate“ fand er mit anderen aus der Gruppe Zuflucht im Guttenbrunn-Kreis, wohl wissend, dass ein solcher Schritt mit „erheblichen Konzessionen“ verbunden war und zahlreiche bis dahin aufrecht erhaltene Prinzipien auf der Strecke bleiben würden. Denn im Guttenbrunn-Kreis, der in meinen Augen mehr und mehr zum tatsächlichen „Klub der Chamäleons“ verkam, agierten selbst konservative Kräfte wie Franz Liebhard, der eigentlich Robert Reiter hieß und Stefan Heinz, ein Volksschauspieler, den die Donauschwaben als „Vetter Matz von Hopsenitz“ und bürgerlich als Hans Kehrer verehrten. Dem Metternich-Regime trotzend, hatte sich Nikolaus Lenau für eine kurze Weile hinter einem Decknamen versteckt, hinter einem an sich transparenten Kürzel. Seine Landsleute machten es ihm nach – und sie übertrieben es dabei. Ein bunter Haufen.

Was veranlasste damals orthodoxe Marxisten wie Richard Wagner, von 1972 bis 1985 in der Rumänischen Kommunistischen Partei, zu einem solchen Schritt?

Zuflucht? Selbsterhaltung? Politisch- schriftstellerisches Überleben?

Folgte er mit dem Eintritt in den neuen Zirkel einer Notwendigkeit, um als Schriftsteller im Sozialismus überhaupt überwintern zu können? War dies nur ein notwendiges Diktat der Zeit? War es nur einer der vielen Tode, die es damals zu sterben galt?

Seinerzeit sah ich die Dinge auch nicht klar. Ausschließlich von Intuitionen geleitet, fehlten mir Erfahrung und Durchblick, um zu präziseren Schlüssen zu gelangen. Mir fielen nur die Merkwürdigkeiten auf. Einem literarischen Kreis, der nominell nach rechts tendiert, aber einen opportunistischen Kopf und einen nicht unerheblichen marxistischen Kern aufweist, wollte ich jedoch nicht unbedingt als Mitglied angehören.

Was ich damals nicht so genau sah, vermutlich, weil ich viel zu selten kam, mich zu früh abwandte und bald anders orientierte, war die offensichtliche Ambivalenz, ja Polyvalenz des Kreises, hinter dem der aufrichtige Versuch einzelner Mitglieder stand, in einem Balanceakt zwischen national konservativen und linksprogressiven Kräften einen Ausgleich finden zu wollen, einen Kompromiss, mit dem alle leben konnten; einen „faulen Kompromiss“, der typisch war für die Welt, in der man sich und mit der man sich „arrangieren“ musste.

Nur: Wahre Kunst verträgt keinen mittelmäßigen Ausgleich. Künstlerisches Schaffen ist kompromisslos, weil es von innerer Wahrhaftigkeit getragen wird.

Eine volle Identifikation mit dem Namen und der Kreisstruktur fehlte. Besonders die links orientierten Literaten vermieden die Nennung des Namenspatrons Guttenbrunn bereits damals; und sie meiden den Namen auch heute noch in ihrer „retuschierten Vita“, wenn sie von einem „Literarischen Kreis“ reden, dem sie angehört haben wollen. Welcher Kreis ist gemeint? Es gab der Kreise viele!

Im gleichen Atemzug vergessen einige aus dem Kreis ihre „proletkultistischen“ Ergüsse und systemkonformen Gedichtlein von gestern und tun auch diese großzügig als poetische „Jugendsünden“ ab, wobei gerne vergessen wird, dass hinter der weltanschaulichen Position von einst – zumindest bei anderen – eine konsequent durchgehaltene existenzielle Haltung stand.

In Temeschburg existierten um 1977, zu einem Zeitpunkt als für mich wie für Gerhard Ortinau die Entscheidung zur Ausreise in den Westen schon gefallen war, immerhin fünf literarische Kreise in gegenseitiger Rivalität, deren Mitglieder in deutscher Sprache schrieben.

Aus dem Umfeld der Aktionsgruppe, die nach außen einen greifbaren Begriff, eine Art Marke darstellte, sowie des Guttenbrunn-Kreises, dem sie angehörte, ging die nach 1984 auch im bundesdeutschen Sprachraum bekannt gewordene, kontrovers diskutierte und teilweise scharf angefeindete Schriftstellerin Herta Müller hervor, die inzwischen, für welche Meriten auch immer den „Nobelpreis für Literatur“ erhalten hat.

Während meiner literarischen Schnupperphase in den Jahren 1977 und 1978 war von ihr überhaupt noch nichts bekannt, weder als Kreative, noch als „Andersdenkende“.

Andere Lyriker und Prosaisten des Kreises, die sich später auch zu Romanciers entwickelten wie Richard Wagner oder primär journalistisch tätig blieben, wie William Totok, konnten, ungeachtet ihres teilweise kreativen Fortwirkens, nicht ihren Bekanntheitsgrad erreichen. Weshalb?

Weil Herta Müller von gewissen Kreisen als Ikone aufgebaut wurde, als Galionsfigur einer politische Richtung und als sakrosankte Literatin, der man auch die abwegigsten Geschichten und Behauptungen unkritisch abnimmt.

Werner Söllner, ( er hat sich inzwischen als IM der Securiate geoutet), der dem Kreis eher aus der Ferne verbunden war, ohne mit ihm stärker in Berührung zu kommen, blieb der Lyrik treu wie Rolf Bossert, der wohl talentierteste unter den dortigen Poeten, dessen tragischer Tod auch die deutsche Öffentlichkeit aufschreckte.

Selbst Gerhard Ortinau, der sich später von der Kurzgeschichte löste und als Dramatiker agierte, ging auf Distanz und eigene Wege.

Inzwischen schreiben die CNSAS-Akten einzelner Protagonisten aus der Literaturszene neue Geschichten, zum Teil tragischer Natur.

Werner Söllner, begnadeter Übersetzer von Mircea Dinescu, der ironischerweise gerade im Führungsgremium der rumänischen Gauck-Behörde CNSAS mitwirkt, steht inzwischen als „Securitate-“ Zuträger fest. Er hat sich selbst offenbart. Sein Image hat schwer gelitten, was aber das „Werk“ aus rein textimmanenter Sicht nicht schmälert.

Und auch Gerhard weiß inzwischen, wer unter den dortigen Literaten ihn in Temeschburg ausspioniert hat. Vieles aber ist noch verworrener als vorher; nicht nur deshalb, weil Herta Müller – zum Nachteil der Rumänen – viel „Unglaubwürdiges“ und „Unrealistisches“ in die Welt gesetzt hat, sondern auch deshalb, weil keiner mit Gewissheit sagen kann, welche „Akten“ in der Tat „echt“ sind und welche „gefälscht“ – beziehungsweise welche echten oder falschen Akten wen belasten oder entlasten.

Innerhalb der beiden Jahre nach dem Erscheinen meiner „Symphonie der Freiheit“, wo ich das kritische Nachfragen aufnahm, habe ich selbst in Hunderten Kommentaren zur Materie Stellung bezogen, Presseberichte hinterfragt, Details aufgeklärt – Stoff für mehrere Bücher!

Wen interessiert das alles noch über den Kreis der unmittelbar Betroffenen hinaus? Alle diejenigen, die an der „vollen Wahrheit“ ein aufrichtiges Interesse haben.

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