Geistige Brandstifter der Kommunistischen Partei – oder: Das Scheinen der Scheinwelt in inszenierten Dichterlügen

 

Der systemkonforme Literaturfunktionär Nikolaus Berwanger repräsentierte jedoch nicht den Gipfel der geistig-literarischen Prostitution. Er war nur eine Miniaturausgabe, ein Provinzphänomen – der deutsche Ausdruck des Phänomens der inszenierten Lüge, die auf Landesmaßstab noch unerreichte Höhen erreichen sollte.

Es gab noch eine gewaltigere Steigerung auf nationaler Ebene in der Person des Haus- und Hofdichters Adrian Păunescu. Dieser einst hoffnungsvoll als Poet gestartete Karrierist führte die panegyrische Kunstfertigkeit auf einen in Europa noch nie da gewesenen Höhepunkt der Geschmacklosigkeit, der jede bis dahin gekannte Form der Lobhudelei sprengte. Während allen anderen sogenannten „anständigen Intellektuellen“ die Aufgabe zukam, den Weg der Partei geistig zu sanktionieren und zu festigen, bestand seine Zuständigkeit darin, das Diktatorenehepaar zu verklären und in den Himmel zu heben. Dabei hatte er freie Hand und konnte im Rahmen seines „Cenaclul Flacăra“ einen „Personenkult“ inszenieren, der an Realitätsfremdheit und Blamage selbst die makabren Inszenierungen der Nationalsozialisten und Stalinisten übertraf, ja verblassen ließ. Als Regisseur eines abstrusen Personenkults und einer massiven Verfälschung der Alltagsrealität im sozialistischen Rumänien ist Păunescu als einer der großen „geistigen Brandstifter“ anzusehen, dessen politische Verantwortungslosigkeit sogar noch über das Versagen des senilen Diktators hinausgeht. Heute sitzt diese groteske Gestalt, die in maßloser Selbstüberschätzung sogar zum Präsidentenamt gegriffen hat, dieser hundertfünfzigprozentige Wendehals und Parteikarrierist, als Senator im rumänischen Parlament! Das ist nicht viel anders, als wenn die Propagandachefs der Nationalsozialisten Joseph Goebbels, Rudolf Hess – und mit weitem Abstand Leni Riefenstahl – dem ersten Deutschen Bundestag angehört hätten. Die Tatsache, dass offensichtliche Antidemokraten wie Păunescu und sein Rivale Corneliu Vadim Tudor, der, um erster Hofdichter Ceauşescus zu werden, eng mir der „Securitate“ zusammenarbeitete und etablierte Dichter, wie Ion Caraion ans Messer lieferte, auch heute noch die politische Aktualität Rumäniens maßgebend mitbestimmen, ist ein scharfer Hinweis darauf, dass Rumänien seine kommunistische Vergangenheit noch längst nicht bewältigt hat und von dem inzwischen sanktionierten und vollzogenen EU-Beitritt, der ihm aus historischer Verantwortung heraus zusteht, auf moralischer Ebene noch weit entfernt ist. Tudor, der der rechtsradikalen „Großrumänien-Partei“ vorsteht, einer Partei, die Millionen Wähler anzusprechen weiß, ist ein Rassist, der aus diskriminierten Minderheiten Seife kochen will und trotzdem von Europa toleriert wird wie Le Pen.

Păunescu repräsentiert zusammen mit dem Antisemiten Tudors den Typus des hundertfünfzigprozentigen Wendehalses. Beide Akteure, die selbst nach dem EU-Beitritt Rumäniens noch Einfluss ausüben, sind perfekte Demagogen, deren hervorstechendste Eigenschaften die Ungeniertheit und Unverfrorenheit sind. Während Păunescu sich nach dem Zusammenbruch der Diktatur in acht nehmen musste, um nicht von den aufgebrachten Massen auf den Straßen von Bukarest gelyncht zu werden und noch schnell in die Botschaft des verunglimpften Klassenfeinds Amerika flüchtete, um das schäbige Leben zu retten, brachte er es danach fertig, an eine jener begehrten Urkunden heranzukommen, die den Mitwirkenden an der Revolution und am Sturz Ceauşescus Privilegien sicherten. Kaum einer nahm Anstoß daran. Ebenso wenig wie an den Hetzreden des anderen Ceauşescu-Lobhudlers Tudor, der ungestraft weite Teile der Bevölkerung beschimpfen und für antidemokratische und totalitäre Strukturen eintreten konnte. Wen wundert es noch, wenn ehemalige Dissidenten und Wissenschaftler wie Vladimir Tismăneanu, der Koordinator der Untersuchung zur Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur in Rumänien, von Tudor aufs Korn genommen und auf übelste Art verunglimpft werden.

Aus heutiger Sicht betrachtet ist Păunescu, auf dessen Fernsehauftritt ich in meiner Jugend nur mit Ekel und Abscheu reagierte, noch das geringere Übel. Obwohl im Bericht zur Analyse der Diktatur als propagandistischer Träger der kommunistischen Ideologie im Land ausgemacht, scheut er sich nicht, a posteriori einen eigenen Widerstandmythos zu inszenieren, in welchem er, der servile Vasall des Diktators, sich zum Fürsprecher des freien Wortes und einer freien Kunst stilisiert.

Verkehrte Welt? Kein Wunder, das für ihn der „Report zur Verurteilung des Kommunismus“ nicht mehr ist als ein „öffentliches Klosett“. Merkwürdigerweise tolerieren die Rumänen von heute dieses Gehabe immer noch, wohl verwirrt von der Auffassung, dass in einer Demokratie jeder alles behaupten kann. Der Demagogie sind dabei Tür und Tor geöffnet – auch hier in Deutschland mit ähnlichen Akteuren! Der lebende Beweis dafür in Rumänien ist Vadim Tudor, ein poetischer Stümper von vorgestern, der es trotz mentaler Verrenkungen übelster Art nicht einmal schaffte, die Gunst des verehrten Diktators zu erringen. Als Chef einer Rechtsaußenpartei, in der große Teile der Neuen Rechten im Land zusammenströmen, ist er heute weit gefährlicher als Păunescu, eben weil er parteipolitischen Einfluss hat und mit seinen demagogischen Hetzparolen primitive Ressentiments mobilisiert. Er ist ein Rattenfänger der Neuzeit, der im Lager der schlichten, ungebildeten Landsleute Gehör findet, unter Bürgern, die scheinbar vergessen haben oder nichts davon wissen, dass Tudor – als ein Chamäleon besonderer Art – vom früheren „Securitate-“ Propagandisten zum rechten Populisten mutierte.

Ein Kommilitone aus der früheren DDR, mit dem ich in kameradschaftlicher Verbundenheit einige Semester Politikwissenschaft studierte, hatte eine ähnliche „Wende“ vollzogen: vom ultralinken Kommunisten jenseits der SED zum aktiven NPD-Mitglied, wobei die als dekadent erachtete demokratische Mitte einfach übersprungen wurde. Beide Entwicklungen verwiesen auf ein Phänomen:

Nicht die linke Ideologie war maßgebend, noch rechtskonservative Überzeugungen, sondern lediglich der „totalitäre“ Grundcharakter beider Ideologien war ausschlaggebend.

Und das demokratische System, das zuließ, dass ein Markus Wolf, von dem während des Kalten Kriegs nicht einmal ein anständiges Foto zu bestaunen war, nach der Wende als „freier Schriftsteller“ durch die Bundesrepublik trödelte, duldete und duldet solche Entwicklungen, auch im Rumänien der Jetztzeit.

Die Rolle der „Dichter“ beschränkte sich nicht nur auf das Produzieren von Versen. Sie wurden zu den geistlosen Stützen des Systems, zu den Pervertierern des Denkens und zu verwerflichen Brandstiftern, aus deren Saat nur Hetze und Hass hervorgingen.

 

P.S. Dieses Kapitel erschien bereits vor einigen Monaten als Vorabveröffentlichung auf

www.banatblog.eu

ohne zu besonderen Reaktionen zu führen.

Am 11. 11. veröffentlichte ich den gleichen Beitrag noch einmal auf dem Forum der Siebenbürger Sachsen unter:

http://www.siebenbuerger.de/forum/allgemein/1337-geistige-brandstifter-paunescu/

bzw. unter der Überschrift:

Geistige Brandstifter? – Paunescu, Tudor und ihre deutschzüngigen Helfershelfer aus der KP

– die Reaktion war eine andere.

Mein Kapitel über Adrian Paunescu und Corneliu Cadim Tudor wurde in 727 Beiträgen kommentiert bei ca. 28 369 Klicks.

Was war geschenen? Präsident und KP-Chef Ceausescus Hofpoet Adrian Paunescu war gerade verstorben – und einige seiner Anhänger aus Rumänien und aus dem Westen griffen als Verteidiger seiner Poesie und Propaganda in die Debatte ein.

Unter anderem wurde mir dabei unterstellt, ich hätte – wie Vladimir Tismaneanu und andere Kritiker des Kommunismus – einen unwürdigen Nachruf auf Paunescu verfasst.

Das ist abwegig.

 Richtig ist: Mein Beitrag oben ist vor mehr als zwei Jahren verfasst worden.

Er wurde, wie auf Banatblog nachzulesen, vor dem Tod Paunescus veröffentlicht. Änderungen der Aussagen habe ich nachträglich nicht mehr vorgenommen. 

 

 

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