Arbeit am Mythos – „Regimekritiker“, „Dissidenten“ und Heroen des Widerstands post festum

 

 

Inzwischen gibt es sogar singuläre Bestrebungen, selbst ihn, den obersten KP-Funktionär aus den Reihen der Banater Schwaben, zum innerparteilichen „Dissidenten“ und gar zum antikommunistischen „Widerstandskämpfer“ zu stilisieren! Angeblich soll Berwanger der First Lady, der Gattin des Diktators, die von einigen humorveranlagten Rumänen AIDA genannt wurde, bei einem Empfang den Handkuss verweigert haben, nachdem er ihr über Jahrzehnte treu gedient hatte.

Welch eine Kühnheit! Der klügsten und elegantesten aller Damen den Handkuss zu verweigern! Kam dies, wenn es denn überhaupt so war, nicht „nackter Rebellion“ gleich?

Das Analphabetentum der Präsidentenfrau war kein Geheimnis. Der satirische Kosename ging auf die Initialen ihrer „akademischen Grade“, Titel und Ehrungen zurück, die sie nach ihrer an sich sehr dürftigen Schulausbildung angeblich hatte sammeln können: Akademiemitglied, Ingenieur, Doktor – Analphabet! Selbst Ion Caraion witzelte darüber.

Doch Berwanger ein „Dissident“? Das würde den Begriff, wenn man ihn nicht im strengen Sinn als „Parteiabweichler“ auffasst, sondern ihn in seiner geläufigen Bedeutung als „Bürgerrechtler“ und „Regimekritiker“ versteht, glatt ad absurdum führen. Berwanger ein „Bürgerrechtler“? Wurde da nicht im Nachhinein aus wohlgemeinter, doch politisch naiver Sicht der „Bock zum Gärtner“ gemacht und der Wolf zum Schaf?

Ein Hohn auf die Geschichte ist das! Berwanger war nicht einmal ein „Parteiabweichler“ oder Sektierer innerhalb der KP – Er war ein treuer Vasall seines Herren Ceauşescu  und dem roten System so lange gefügig bis zu dem Tag, als er eine jener privilegierten Westreisen nutzte, um sich aus dem Arbeiterparadies abzusetzen, feige davon laufend, während seine deutschen Landsleute an der Grünen Grenze totgeschlagen wurden. Erst ab dem „Seitenwechsel“ änderte sich „seine Sicht der Dinge“, nachdem es allerdings schon um 1982, als Herta Müllers „Niederungen“ erschien, Dissens, Misstrauen, Verdächtigungen im Literaturzirkel und wohl auch in der Partei gegeben hatte.

Nikolaus Berwanger war – objektiv betrachtet – ebenso wenig ein „Regimekritiker“ wie es Herta Müller oder Richard Wagner waren. Keiner von ihnen hat die „Autorität der Partei“ angetastet, weder direkt, noch indirekt. Keiner hat den Löwen bekämpft, solange er quicklebendig war und zubeißen konnte.

Kritik „post festum“ kam erst vom „sicheren Hafen Berlin“ aus, nach der Ausreise 1987. Immerhin waren Berwanger und Wagner „Teil der Partei“ und somit für alle Vergehen mit verantwortlich, zumindest „moralisch“.

Echte Bürgerrechtler, Regimekritiker, Opponenten und „Dissidenten“ landeten schnell vor Gericht und im Gefängnis. Dort war keiner von ihnen; auch wenn Wagner so tut, als ob er dort gewesen wäre. Auch hat keiner von ihnen sich je der Partei widersetzt: ganz im Gegenteil:

Noch im Jahr 1984, als Rumänien schon in Scherben lag und in Sackelhausen nach einem forcierten Exodus in nur wenigen Jahren kaum noch Deutsche anzutreffen waren, standen Richard Wagner, Herta Müller und noch ein paar dichtende Kommunisten aus Leidenschaft zumindest formal zur Kommunistischen Partei und bejahten, vielleicht aus einem existenzbedingten Opportunismus heraus, die politische Mission der Kommunisten, möglicherweise in der vagen Hoffnung, „ihre Partei innerhalb des Systems und aus diesem heraus noch reformieren zu können“, mit einer „Metapher“ vielleicht!

Ein Irrglaube, eine Illusion!

Weder Berwanger noch die von ihm geschützten Herta Müller und Richard Wagner haben je die Legitimität der KP angezweifelt oder gegen die Ceauşescus Diktatur opponiert.

Als Letztere 1987 hier in der BRD ankamen, leugneten sie in einem SPIEGEL-Interview jede Opposition in Rumänien, auch unser Ankämpfen bei SLOMR, auch meine, aus Ignoranz oder aus Kalkül, um sich selbst als „Verfolgte“ ins rechte Licht zu setzen. Der „eigene“ Widerstand musste – nach dem Strategiewechsel, dem neuen Image und der neuen Identität – erst noch „erfunden“ werden, neben anderer „erfundener Wahrnehmung“ und absurden Geschichten aller Art zur Selbstinszenierung und Volksverdummung gedacht.

Aus der Sicht der echten Widerstandskämpfer aus den kommunistischen Haftzellen erscheint das alles nur noch grotesk!

Oder war das doch nicht so ernst gemeint?

Die „Konzilianten von heute“, die sich damals schon mit dem System zu arrangieren wussten, weil sie, die Zeichen der Zeit verkennend, auf das „Bleiben“ gesetzt hatten, haben nun für alles Verständnis, für Schwäche, für Feigheit, selbst für Opportunismus, Mitläufertum, für Heuchelei und Verrat an der eigenen Herkunft. Und auch wir anderen entschuldigen in einem Anflug von Sühne persönliches Duckmäusertum. Schwäche und jedes moralische Versagen gern, weil solche Eigenschaften menschlich sind  – und uns Sündern nichts Menschliches fremd ist.

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