Symbole ostdeutschen Widerstands: Wolf Biermann und Robert Havemann

 

Gerhard hatte um 1978 ein Studiensemester in Ostberlin verlebt und Nachrichten aus der „weiten Welt“ mitgebracht. Berlin, „Hauptstadt der DDR“ – ein Privileg für Leute mit dem „roten Büchlein“?

Einige durften den einbalsamierten „Lenin“ in Moskau „schauen“, von Angesicht zu Angesicht. Andere durften im verwandten Bruderstaat studieren. Mir war zufällig beides versagt, vielleicht weil ich keine Meriten aufzuweisen hatte, weder für die Kommunisten-Partei, noch für den angehenden „Staat des Lichts“ in der „Epoche des Goldes“ unter der weisen Führung der „einen Partei“ und ihres genialen Lenkers des „Titanen der Titanen“  Ceauşescu , Schuster aus „Scorniceşti“ .

Mit anderen aus der Aktionsgruppe und dem Guttenbrunn-Kreis schwärmte Gerhard geradezu für den jüngst erst ausgebürgerten Barden Wolf Biermann, dessen Protestlieder er mir auf einem der damals aufkommenden Kassettenrekorder vorspielte. Deutschland hatte in Biermann einen modernen François Villon gefunden, einen Sänger, der klar dachte, seine Welt real erfasste und ihre Missstände anprangerte, im Osten Deutschlands ebenso wie im Westen, einen, der Klartext redete und unzensiert sang! Mein späterer Freund aus Paris, der Künstler und Lenauforscher Jean-Pierre Hammer, war seinerzeit bemüht, Wolf Biermanns Chansons auch ins Französische zu übertragen.

Ferner erzählte mir Gerhard von den regimekritischen Aktivitäten des Chemikers Robert Havemann, einer schillernden Figur aus dem Widerstandskreis der „Roten Kapelle“, der als „früher deutscher Sacharow“, wie ostblockweit üblich, abgeschottet von der Öffentlichkeit, in Ostberlin unter Hausarrest leben musste. Havemann, der angeblich auch für die Staatssicherheit und den KGB gearbeitet haben soll, war seinerzeit nur ein Name – doch einer mit anklagender Symbolkraft wie später der verbannte Regimekritiker Andrej Sacharow in der für Ausländer gesperrten Stadt Gorki.

Querulant Havemann hatte sich seinerzeit mit dem gerade ausgebürgerten Biermann solidarisiert, das wusste ich aus dem Spiegel. In Wirklichkeit jedoch soll er ein doppeltes Spiel gespielt und – wie möglicherweise auch der Dichter Ion Caraion in Rumänien – systemkritische Geister ans Messer geliefert haben.

Gerhard jedenfalls schilderte mir in Biermann und Havemann zwei „linke“ Andersdenkende, die sich gegen den DDR-Staat aufgelehnt hatten. Die Botschaft dahinter vernahm ich gerne: Also war Opposition im Ostblock möglich, auch nach Solschenizyns Ausbürgerung. Darüber hinaus berichtete mir der Weltreisende von den zarten Regungen ostdeutscher Opposition, die sich langsam, doch zielstrebig „unterm Kreuz“ zusammen scharten und eine Bewegung bildeten, die von nonkonformen Schriftstellern und Künstlern getragen wurde.

„Schwerter zu Pflugscharen“? Etwas regte sich. Die Unterdrückten nahmen nicht alles hin? Dabei wurde ich noch hellhöriger. War so etwas auch in Rumänien denkbar, etwa hier in Temeschburg?

Ein Biermann unter uns? Ein Havemann?

Eine geordnete und systematische Dissidentenbewegung, vielleicht mit religiöser Unterstützung, aus der bald eine politische Opposition erwachsen konnte wie bald die „Charta 77“ in der Tschechoslowakei? Kaum vorstellbar in der anbrechenden Ceauşescu -Diktatur? Oder doch?

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