Mitläufer, Systemprofiteure und Opportunisten zwischen Schönfärberei und Kritik

 

Der tatsächliche Feind, das mussten sie alle viel später zähneknirschend anerkennen, selbst Genosse Richard Wagner und Herta Müller, lauerte nicht in den deutschen Gassen des Banater Dorfes, nicht in den Hütten der Entrechteten und Stigmatisierten, sondern in den morbiden Palästen der Kommunisten in der Großstadt.

„Krieg den Palästen – Friede den Hütten“?

Weit gefehlt! Georg Büchner und die Französische Revolution waren in den Köpfen der Aktionsgruppenmitglieder noch längst nicht angekommen!

Sie hatten die Utopie eines funktionierenden sozialistischen Systems noch nicht endgültig zu den Akten gelegt. Viele „Genossen“ glaubten noch lange an das Eiapopeia aus dem Bolschewikenhimmel und sie hofften noch lange darauf, obwohl die Wüste wuchs – mit Gulag und KZ vor der Haustür. Ganz nach ihrem oft indirekt ausgesprochen Leitsatz, wer modern war, musste automatisch auch ein „Linker“ sein – in radikaler Absetzung vom reaktionären Denken überhaupt.

Manch einer hatte das Bewusstsein, so schien es mir, ein wahrer Sozialist sein zu wollen und hing einem etwas naiven, utopisch eingefärbtem Marxismus nach, dessen Nähe zu Che Guevara und Fidel Castro offensichtlich war; einem idealistischen Weltverbesserertum globaler Art, das über die Konfrontation der Blöcke hinaus reichte und bereits von Staatsutopisten wie Campanella in die Welt gesetzt worden war. Denker der Frankfurter Schule um Marcuse und Horkheimer hielten an dieser Linie fest – und mit ihnen auch zahlreiche Schriftsteller in der Bundesrepublik, die sich der von Frankreich herüberschwappenden Mode, „links zu sein“, nicht entziehen konnten, bis hin zu Heinrich Böll, Günther Grass in der Literatur und Willy Brandt und François Mitterrand in der Politik.

Damals schon aufziehenden Gerüchten, Gerhard sei im Besitz des „Roten Büchleins“ und längst der Kommunistischen Partei beigetreten, schenkte ich seinerzeit keine Beachtung. Schließlich hatte er dieses doppelt merkwürdige Detail, für das ich überhaupt kein Verständnis entwickelt hätte, mir gegenüber nie erwähnt, wohl wissend, wie sehr ich die offizielle Doktrin missbilligte. Für mich war und blieb die „Kommunistische Partei Rumäniens“ unter der Führung von Präsident Ceauşescu von Anfang an ein „rotes Tuch“, weil sie ein totalitäres Machtinstrument war. Trotzdem wurde die RKP noch im Herbst 1984, als das bitter verarmte Land vor dem ökonomischen Exitus stand, von der angehenden Schriftstellerin Herta Müller, von ihrem damaligen Gatten Richard Wagner und anderen aus der ehemaligen Aktionsgruppe als legitime „Führungskraft im Staat“ anerkannt.

Offenbar vertrugen sich die Linken untereinander besser, als ich es vermutet hatte. Das wird heute unter den Tisch gekehrt. Und wer es hervor holt, dem droht man mit Anwälten und Gericht oder rückt ihn in die Nähe von „Securitate-“ Machenschaften, obwohl bekannt ist, dass andere mit dem Einsatz ihres Lebens den Unrechtstaat bekämpften und im Gefängnis litten, statt privilegiert in den Westen zu reisen wie Müller und Wagner, sogar dann noch, 1985, als ihr großer Mentor und KP-Mann sich „abgesetzt“ hatte.

Erst später, als Gerhard nach den Erfahrungen mit der realsozialistischen Zensur aus der einzigen Partei im Land demonstrativ und im Protest austrat, bestätigte sich seine Mitgliedschaft, die sicher mehr aus idealistischen Antrieben als aus opportunistischen Überlegungen zustande gekommen war. Gerhard Ortinau zog als erster aus dem harten Kern der Aktionsgruppe Banat die Konsequenzen. Er verabschiedete sich aus dem Clan der Kommunistischen Partei und bald auch aus dem realsozialistischen System in Rumänien, indem er kurz entschlossen nach Westberlin ausreiste, um dort noch eine Weile als Schriftsteller weiter zu machen, bevor er lange Jahre schwieg; vielleicht seinem literarischen Idol Paul Schuster nacheifernd, der schon um 1972 in Berlin angekommen war.

Schuster, ein linker Querkopf zwischen allen Stühlen, doch literarisch ein Ausnahmetalent, sollte es nicht besser ergehen. Jener frühe, 1976 vollzogene Bruch mit der Partei entging mir damals – und der Lösungsprozess wurde selbst später, als wir im Jahr 1980 für einige Tage an der Berliner Mauer zusammen kamen, nicht thematisiert.

Weshalb Paul Schuster und Gerhard Ortinau das Schweigen dem Reden so lange vorzogen, blieb mir ein Rätsel – bis heute. Weshalb schwiegen einige, während andere aus den linken Reihen in eine „neue Identität“ schlüpften und sogar noch Karriere als „Widerständler“ machten? Waren sie späte Opfer des Systems und der „Securitate“, was aus mancher „Akte“ deutlich wird? Oder war eine gewisse „Illoyalität eines Kreises“ mit verantwortlich für ein Oeuvre, das nie geschaffen wurde?

Im Gegensatz zu Gerhard blieben andere überzeugte Marxisten aus der Aktionsgruppe Banat und dem „Adam- Müller- Guttenbrunn- Kreis“ der Rumänischen Kommunistischen Partei treu, fast bis in den Abgrund hinein, unter ihnen Genosse Richard Wagner, Poet, ideologischer Vordenker und Literatur-Manager, ferner Dramaturg Johann Lippet sowie Kulturredakteur und AMG-Kreis-Sekretär Horst Samson.

Noch im Jahr 1984, nach der Flucht von Übervater und Mentor Nikolaus Berwangers in die Bundesrepublik, standen sie zur Partei – in „loyaler Kritik“ zwar, was immer das sein mag, doch ohne sie als solche, sprich als autoritäre, ja totalitäre Machtstruktur infrage zu stellen. Zusammen mit Herta Müller hatten sie der RK Partei schließlich einiges zu verdanken:

Ihr Werdegang als Dichter war von den Kommunisten gutgeheißen und gefördert worden. Wagner, Müller und Samson hatten jeweils den Förderpreis der Jungkommunisten (UTC) erhalten; darüber hinaus auch noch den Debütpreis des kommunistisch ausgerichteten, linientreuen Rumänischen Schriftstellerverbandes, den weder Wagner noch Müller verschmähten. Herta Müller wurde von den Kommunisten gerade für „Niederungen“ ausgezeichnet, also für ihre Totenrede auf die Wertewelt des deutschen Banats. Die stark stilisierten Lebensläufe von heute – gerade die unvollständige Vita von Herta Müller – verschweigen gerne jenes Mitläufertum von vorgestern.

„Die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei!

Das war doch nicht so schlimm!“

So argumentieren die Akteure heute – und einige blauäugige Literaturwissenschaftler, darunter auch Karrieristen mit dem Segen der Partei, pflichten ihnen noch bei. Unbequemes und Unpassendes wird einfach ignoriert, wegretuschiert oder unter den Teppich gekehrt, nicht viel anders als zur Zeit schleifender Pharaonen und Cäsaren oder in Phasen glättender Geschichtsschreibung. Wer spricht schon gern von fernen „Jugendsünden“, von falschen Wegen und vom moralischen Versagen, wo doch auch der erhebende „Widerstand“ betont werden kann – vor allem mit der unendlich oft gehörten, abgedroschenen und nichtssagenden Floskel Herta Müllers, die „Zusammenarbeit mit dem rumänischen Geheimdienst „Securitate“ verweigert“ zu haben.

Selbst mancher deutschstämmige Dozent, der die inneren Verhältnisse einer Diktatur gut kennt, der aber unter den Kommunisten am Sessel klebte und aus Angst vor der „Securitate“ nicht gerade auf den vordersten Barrikaden kämpfte, entwickelt heute viel Verständnis für gesellschaftliches Duckmäusertum und politische Feigheit, ohne in den so zahlreich geführten Interviews entlarvende Fragen zu stellen, gerade jene heiklen Fragen, die an „moralische Integrität“ appellieren und innere Wahrhaftigkeit, die intellektuelle Redlichkeit und historische Wahrheit abverlangen – und ohne zu bedenken, dass jeder, der die Schuldigen deckt, mitschuldig wird.

Politische Bücher über die Zeit der Diktatur in Rumänien, sollten womöglich ohne „weltanschaulichen Ballast“ geschrieben werden, weil es stört, dass die Pseudowiderstandskämpfer von gestern über ein Jahrzehnt hinweg „mit den roten Wölfen heulten“.

Der Begriff Aktionsgruppe Banat ist auch heute noch ein missverständlicher Begriff – und wer einen aus dieser Gruppe literarisch oder weltanschaulich angreift, der greift immer noch alle an. Ein Automatismus? Es ist wie bei den „Drei Musketieren“ von Dumas, alle für einen – und einer für alle, vor allem wenn es ums Vertuschen geht. Dann ist der Dissens zwischen den ehemaligen Mitgliedern der Gruppe vergessen – und der Angreifende riskiert – wie selbst erlebt, manchmal gar Angriffe der unflätigsten Art.

 

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