Literarische Gespräche in der Wohnküche am Sparherd

 

Nachdem wir uns Jahre später – ich war inzwischen siebzehn und Gerhard dreiundzwanzig Jahre alt – über unser Anderssein und das Aus-der-Reihe-Tanzen doch noch irgendwie angenähert hatten, wohl in vergleichbarer Distanzierung und leicht verächtlicher Absetzung von dem Lebensgefühl der Masse, vielleicht auch getragen von literarisch-ästhetischen Impulsen und von dem Gedanken, dass wir uns eigentlich mit einem gemeinsamen allmächtigen wie geistfeindlichen Gegner herumschlugen, nämlich mit der „Securitate“, saß ich mit Gerhard oft bis tief in die Nacht in unserer Wohnküche zusammen, manchmal bei einem Gläschen Wein oder einem Schluck „Cognac“ albanischer Herkunft, bei stimulierenden Mitteln, die zum freien Fluss der Gedanken beitrugen.

Wenn wir uns dann stundenlang über Literatur unterhielten, stiegen wir automatisch auf Hochdeutsch um, auf diese Weise die determinierend begrenzende Wirkung des Dialekts aufzuheben. Das war eine natürliche und zugleich auch eine unnatürliche Vorgehensweise; denn die Vertrautheit unter Donauschwaben aus demselben Ort verlangte nach heimischem Dialekt, während der „differenzierte Ausdruck“ eine entwickelte Hochsprache forderte mit dem gesamten Instrumentarium des geistigen Disputs. Der Landwein half uns manchmal dabei, die hemmenden Schranken im Kopf zu überspringen wie das leicht befremdliche Gefühl zu verdrängen. Verbindend war dabei der Aspekt, dass wir beide der Endlichkeit des Dorfes und seiner engen, manchmal derb unkultivierten Sprache entfliehen wollten. Eigentlich waren wir bereits mental in der nahen Stadt angekommen, wo oft nur ein Hochdeutsch mit zartem Wiener Akzent gesprochen wurde.

In der Küche am Herd unterhielten uns über vielerlei, über alles und nichts; über weltanschauliche Fragen, über literarisch-linguistische Themen, aber auch über Geschichtsbezogenheit, über soziologische Fragen und über profane Tagespolitik. Wir sprachen über Schillers Kantstudien, über dessen Auseinandersetzung mit der „Kritik der reinen Vernunft“ und über den Aspekt, ob das Studium der Philosophie in Schiller – einem Adepten der Gedanken- und Geisteslyrik – den Dichter zerstört habe; über die Auswirkungen philosophischer Überlegungen bei Kleist, über dessen Konsequenzen, die letzte Form der Freiheit in die Tat umzusetzen – und wir sprachen außerdem noch über die philosophische Schmalbrüstigkeit der neuzeitlichen Germanisten, die bestimmte Werkinterpretationen vermeiden, weil ihnen die geistigen Durchdringungsvoraussetzungen fehlen. Heine, Brecht und Biermann wurden angesprochen, auch die Gruppe 47, Böll und Grass, dem Gerhard näher stand als aufkommenden Namen wie Thomas Bernhard und Peter Handke. Unter den deutschen Schriftstellern Rumäniens verehrte er Paul Schuster am meisten, jenen Exzentriker und Querkopf zwischen allen Stühlen, den er später auch in Berlin treffen sollte.

Ferner berichtete mir Gerhard Ortinau mehrfach von der 1972 gegründeten und inzwischen, im Jahr 1976 schon aufgelösten „Aktionsgruppe Banat“, der er als sogenanntes Gründungsmitglied angehört hatte und verwies mit Stolz darauf, die großen Frankfurter Zeitungen hätten seinerzeit über die literarischen Aktivitäten der Gruppe berichtet. Ja, in der Tat! Als die lose Gruppierung verboten und eines ihrer aktivsten Mitglieder, namentlich William Totok, ohne Anklage und Prozess ins Gefängnis geworfen worden war, hatte der inzwischen im westlichen Exil lebende Siebenbürger Dichter und Schriftsteller Dieter Schlesak in einem Anflug von poetischer Solidarität einen Essay über die „Aktionsgruppe“ verfasst, ein vielsagendes und auch heute noch lesenswertes Dokument, das gleichzeitig ein Appell an die Weltöffentlichkeit war, um den zu Unrecht eingekerkerten William Totok freizubekommen. Schlesaks Aufsatz erschien als Bericht in der Frankfurter Rundschau vom 10. Juli 1976 unter der Überschrift: „Kulturpolitik mit Polizeieinsatz. Marxistische Rumäniendeutsche stören die revolutionäre Ruhe ihres „sozialistischen“ Staates.“ Dieter Schlesaks Aktionsgruppe-Portrait ist wohl das erste Zeitdokument, welches den lockeren Freundeskreis international bekannt machte, nicht zuletzt auch durch die französische Fassung des Textes, abgedruckt in Le Monde, die eine baldige Freilassung der Totok-Brüder zur Folge hatte. „Aktionsgruppe“? Das klang höchst verlockend, besonders in meinen Ohren! Denn eine Gruppierung, die agierte, die nicht nur „literarisch“ tätig war, sondern auch „politisch“ handelte, um eine noch vielfach unzulängliche Gesellschaft des real existierenden Sozialismus zu verändern, das war doch genau das, wonach ich seit einiger Zeit Ausschau gehalten hatte auf der Suche nach geistigen Allianzen und einer weltanschaulichen Heimat. Also interessierte mich dieser Freundeskreis brennend! Ob ich bald dazustoßen durfte und Aufnahme finden würde – als intellektueller Grünschnabel und vor allem als Nicht-Marxist?

Neugierig geworden, wollte ich mehr wissen. Welches geistige und politische Programm kennzeichnete diesen inzwischen formal nicht mehr existierenden Zusammenschluss progressiver Kräfte? Wer waren ihre tatsächlichen Mitglieder? Wer stand ihr nahe? Gab es eine Satzung, existierte ein Kodex? War diese Aktionsgruppe ein Verein oder eine Vereinigung? Oder war es doch nur ein offener Freundeskreis ohne feste Statuten und Regeln?

Worin aber bestand die postulierte „Aktion“ konkret? Hatte ich es da mit „Andersdenkenden“ zu tun, mit Abweichlern von der orthodoxen Lehre des Marxismus, mit reformfreudigen „Dissidenten“ von links, die „das System des real existierenden Sozialismus“ und der noch zu errichtenden kommunistischen Gesellschaft „von links aus erneuern wollten“, aus der Partei und dem System heraus? Waren die Studenten gar mutige „Bürgerrechtler“, bereit, die Respektierung der verfassungsrechtlich garantierten Bürger- und Menschenrechte öffentlich einzufordern? Oder war diese Aktionsgruppe doch nur ein politisch-gesellschaftlich aktionsloser Debattierklub wie andere mehr, mit Akteuren, die dann doch feige kniffen, wenn es existenziell riskant und brenzlig wurde?  

Das waren Fragen, mit denen Gerhard am Herd mehrfach konfrontiert wurde, Fragen, die mich damals beschäftigten, weil ich intensiv und wahrhaftig nach einer geistigen wie politischen Heimat suchte, nach einem Forum, wo ich denkerisch und künstlerisch aufzugehen gedachte, aber auch politisch. Auch ich war damals bereits im Begriff, mich von herkömmlichen Strukturen des Dorflebens zu lösen und den Weg einer sozialen Befreiung und intellektuellen Emanzipation zu gehen, nur „ohne krasse Zäsur“ oder mit lautem Paukenschlag. Die Weg-Entwicklung von der „deutschen Dorfgemeinschaft“, die nie ihre Karabiner auf mich angelegt oder abgefeuert hatte, war ein natürlicher Prozess, der sich still vollzog, ohne Sturmgetöse mit Blitz und Donnerknall. Gerhard klärte mich umfassend auf, schilderte die Anfänge und die Aufbruchstimmung des Anfangs über mutige, frivole Poesie, verbunden mit der Lust, die real existierende Gesellschaft mit zu beeinflussen und zu verändern. „Am Anfang war das Gespräch“ … schrieb einer der Protagonisten viel später im Versuch, die Gruppe a posteriori als andersdenkende Kraft zu glorifizieren. Doch was kam dann später … und nach der Zerschlagung des Kreises? Das große Schweigen? Die Resignation und Anpassung? Das Fügen in das System?

Faktisch war der Name des Freundeskreises eigentlich von außen an den losen Bund herangetragen worden, um eine bestimmte geistige Tendenz zu formulieren, einzufangen und diese auf den Punkt zu bringen. Die auch heute von externen Interpreten nur schwer durchschaubare und deshalb kaum greifbare Bezeichnung „Aktionsgruppe Banat“ war somit keine exakte Umschreibung, sondern vielmehr nur ein „hermeneutischer“ Überbegriff, der das Agieren höchst unterschiedlicher Schriftsteller- und Dichterpersönlichkeiten zusammenfasste – alles Einzelcharaktere, die einige Jahre eher freundschaftlich als programmatisch verbunden waren, die dann aber, speziell nach der Zerschlagung des Kreises durch die „Securitate“ , alle eigene Wege gingen, teilweise in bitterer Rivalität und Dissens. Da ich von unterschiedlichen Quellen, doch aus erster Hand informiert nachträglich wurde, weiß ich davon. Letzteres aber ist ein gut gehütetes Geheimnis, gar Tabu, an dem nicht gerüttelt wird, um den Nimbus nicht zu beschädigen, von dessen Glanz alle damals Aktiven noch zehren, – zum Nachteil einer umfassenden Wahrheitsfindung über die Bedingungen von kultureller Opposition und Dissidenz in einer sozialistischen Diktatur. Seit der Literaturnobelpreisvergabe an Herta Müller hat das Harmoniebestreben sogar noch zugenommen, in unkritischer Selbstverklärung, betonte doch die hoch Geehrte, sie verdanke ihren literarischen Werdegang nur der Aktionsgruppe. Die Akteure von einst gehen heute – sich gegenseitig stützend – nach außen alle in eine Richtung, während ihre vereinzelten, weniger etablierten, ja namenlosen Kritiker mit ihren „Wahrheiten“ weitgehend allein dastehen. Wozu „Wahrheit“, wenn der Mythos besser in die Zeit passt?

Als ich dann 1976/77 erstmals in die literarische Szene Temeschburgs eintauchte, war der Freundeskreis Aktionsgruppe, unter ihnen so unterschiedliche Dichter wie Richard Wagner, William Totok, Gerhard Ortinau, Johann Lippet, Anton Sterbling, Werner Kremm und Rolf Bossert, bereits zerschlagen und fast schon Geschichte. Einige aus ihrer Mitte sah ich dann gelegentlich wieder, oft im Umfeld von Gerhard in den Straßen von Temeschburg, manchmal spontan und zufällig auch im Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis, ohne tiefere Bindungen einzugehen. Alter und Reifegrad verhinderten mehr. Der geistige Dialog mit Gerhard aber währte fort und vollzog sich in der Abgeschiedenheit meines Elternhauses in Sackelhausen fern von den Ohren der Welt und den Lauschern des Geheimdienstes.

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s