Gerhard, der Poet um die Ecke – „Die Verteidigung des Kugelblitzes“

 

Im Jahr 1976, wenige Jahre nach dem Auftritt im Deutschunterricht, brachte Gerhard ein schmales Bändchen heraus, in dem er es mit großer Mühe geschafft hatte, die Klippen der – bald darauf offiziell nicht mehr existierenden – „Zensur“ zu umschiffen: „Die Verteidigung des Kugelblitzes.“ Ihn erwischte der Mann mit der großen Schere noch, der Zensor, der Lektor und Liktor zugleich war, mit seinem „Deleatur“: Was nicht sein darf, musste gestrichen werden, ganz egal, ob ein Literaten- und Menschenschicksal am Buch hängt, ein Künstler nachhaltig gelähmt und ein Mensch vernichtet wird. Allein die Überschrift reichte aus, um zu provozieren. Wir redeten über das Werk. Gerhard, der sich freute, endlich etwas Gedrucktes zwischen zwei Buchdeckeln in den Fingern zu halten, erklärte mir dann explizit, was ein Kugelblitz sei, wie er sich als Bild manifestiere – und weshalb er gerade die Apologie dieser Lichtoffenbarung als Überschrift seiner Kurzgeschichten gewählt hatte. Staunend stumm folgte ich dem Referat. Noch hellhöriger wurde ich dann, als der kaum zweihundert Meter ortseinwärts wohnende Nachbar auf die kürzlich erst erfolgten Hausdurchsuchungen der „Securitate“ zu sprechen kam, die dabei seinen Schreibtisch und seine Bibliothek durchwühlt hatten. Aktionsgruppen-Mitstreiter William Totok nahm die Begebenheit zum Anlass, ein Gedicht daraus zu zimmern, genauer, freie, vielsagende Verse: „Bei mir geht es zu wie im Taubenschlag/Sagt Gerhard!“ Wer kam, wer ging – in Sackelhausen und in der Wohnung des Poeten in Temeschburg? Freunde aus der sogenannten „Aktionsgruppe Banat“ und ihrem Umfeld – aber auch, wie man heute weiß, Zuträger und Denunzianten, die alle Projekte ausschnüffelten und ihr Wissen zur „Securitate“ weiter trugen, bis hin zu Interpretationen und Spekulationen über Gesinnung und künftige Pläne der Kreativen. Manches war wohl schon zu gescheit für „Securitate-“ Deutungen.

Einige Manuskripte Gerhards waren beschlagnahmt worden, Entwürfe, Notizen, Briefe, Tonträger – und ganz unscheinbare Schriften wie die „Geschichte der Gemeinde Sackelhausen“ aus der Feder des Lokalschriftstellers und Dichters Egidius Haupt aus dem Jahr 1925. Auch war die „Securitate“ aus Temeschburg für die Verstümmelung von Gerhards Erstling mitverantwortlich. „Die Verteidigung des Kugelblitzes“ konnte nur in stark beschnittenem Zustand erscheinen, nachdem ein ominöser Oberzensor – mit dem sinnreichen Namen „Millitz“ – es durchgesetzt hatte, angeblich 65 von 75 Texten so abzurändern, dass die eigentliche Botschaft des Autors auf der Strecke blieb. Weshalb sollte es einem schreibenden Angehörigen der mitwohnenden Nationalitäten in Sachen „Zensur“ besser ergehen als den genuinen Rumänen aus der gleichen Zunft? So gestaltete sich eben das kreativ-literarische Schaffen im Sozialismus – ein Faktum, das mir seinerzeit noch nicht voll bewusst war. Damals kannte ich nur das gedruckte Endprodukt und versuchte, Teile dieser Literatur zu rezipieren – mit bescheidenem Erfolg.

Gerhard gehörte, so schien es mir damals, zu den Privilegierten der sozialistischen Gesellschaft; denn er genoss neben dem elitären Image des Dichters bereits das mir damals noch relativ frei erscheinende Studentenleben an der Temeschburger Universität, eine Art akademische Freiheit im Sozialismus. Beides war für mich erstrebenswert – die relative Freiheit der Hörsäle ebenso wie der etwas abgehobene, akademische Status, unterhalb dessen ich mir meine künftige Existenz nicht vorstellen konnte. Letztendlich strebte auch ich nach einem geistigen Niveau nach innen wie nach außen, das von einer natürlichen Wahrhaftigkeit bestimmt sein sollte. Vorbilder, zu denen man intuitiv aufblickte, waren da nicht unwichtig. Und unser Dichter war mir ein Vorbild. Darüber hinaus setzte sich Gerhards intellektuelle Haltung doch recht deutlich von dem konventionellen, sonst brav spießigen Umfeld unserer Heimatgemeinde Sackelhausen ab, in der nach wie vor das Materielle im Vordergrund stand und alles rein Geistige und Künstlerische suspekt war. Das war ein entscheidender Aspekt, der mich nicht ganz unbeeindruckt ließ.

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