Bert Brecht – ein „Dissident“ und Vorbild?

 

Da mein weltgewandter Nachbar ganze sechs Jahre älter war als ich, was damals schon einem kleinen Quantensprung in der Persönlichkeitsentwicklung gleichkam und somit in meinen Augen eine tatsächliche Autorität repräsentierte, die mit souveränem Gehabe auftrat, pflegte er in unseren etwas einseitigen Diskussionen in der Regel zu referieren wie ein Dozent; immer mit dem belehrenden Unterton versehen, der den Pädagogen kennzeichnet, wenn er zum unmündigen Schüler spricht. Oft fühlte ich mich wie ein Jünger im „George-Kreis“, der zur leuchtenden Sonne aufblickt und froh ist, dass diese auch ihm etwas Licht spendet. Während der einsame Meister vortrug und rezitierte, saß ich, der wissbegierige wie gelehrige Schüler staunend da und lauschte ehrfurchtsvoll den hehren Worten eines Weisen.

Nur manchmal, wenn der überzeugte Linke durchschlug, wenn er allzu penetrant der ideologischen Argumentation verfiel, wenn er nicht nur Böll und Grass, sondern auch Brecht und Johannes Robert Becher zitierte, dann antwortete ich mit bissigem Sarkasmus und scharfer Polemik. Bert Brecht, dem die Sonne Kaliforniens nicht behagt und der sich dann nach den Drangsalierungen durch das FBI gegen die Vereinigten Staaten, gegen die Bundesrepublik, Österreich und die Schweiz, aber für den „deutschen Arbeiter- und Bauernstaat“ entschieden hatte, war mir „ideologisch suspekt“. Und dies, obwohl der an der Temeschburger Universität hoch gepriesene Dichter fast die ganze Zeit seines Lebens ein „Dissident“ war.

Die meisten Mitglieder der Aktionsgruppe Banat und ihres Folgekreises orientierten sich geistig wie literarisch an der Gruppe 47, politisch und gesellschaftlich an den Leitlinien der APO-Generation, an der Gefühlswelt der protestfreudigen Achtundsechziger. Ihr geistiger Übervater war und blieb der in der DDR angesiedelte und dort hochgeehrte Antiimperialist Bert Brecht – ein Dichter aus Bayern mit Amerika-Erfahrung – zu dem ich eben aufgrund weltanschaulicher Animositäten persönlich nie ein richtiges Verhältnis entwickeln konnte.

Bei Bert Brecht, in dem viele Kritiker den größten deutschen Dramatiker des letzten Jahrhunderts erkannten und zudem noch einen „großen Lyriker“, imponierten mir zwar der „Geist seiner Revolte“, auch sein pointierter Intellekt, sein moralisches Engagement und seine aufrechte Haltung. Stets stand er auf der Seite des Kleinen Mannes und gegen die bürgerliche Gesellschaft, der er entstammte. Und er vertrat ein Ethos, das in die Zukunft gerichtet war und an einem Humanum festhielt. Er glaubte an das Licht und an bessere Tage der Menschheit.

Aber er glaubte auch so sehr an den Weg des Kommunismus, dass er, der sich doch vielfach mit dem totalitären System des Nationalsozialismus künstlerisch wie politisch auseinandergesetzt hatte, den Blick von den Schrecken des Stalinismus abwandte und noch 1955, lange nach dem Tod des Georgiers, nach Moskau eilte, um den Stalin-Preis entgegen zu nehmen. Diese unkritische Haltung dem Kommunismus gegenüber und die Billigung der Verbrechen, die im Namen dieser Ideologie begangen wurden, bestärkte meine Ablehnung Brecht, weil ich von jedem Schriftsteller „moralische Integrität“ einforderte, ohne das Messen mit zweierlei Maß zu dulden.

Hatte Brecht etwa die „Moskauer Säuberungen“ vergessen, die millionenfachen Verbrechen Stalins am eigenen Volk und die Verbrechen des Gulag, die Eingeweihten schon vor Solschenyzins Offenbarungen bekannt waren?

Wohl kaum! Denn Brecht hatte zeitweise in Moskau gelebt, nicht auf einer Insel, sondern inmitten des Geschehens; und er hatte dort mit Lion Feuchtwanger und Johannes Robert Becher geistig und politisch agiert. Konnte er da von Geschichte und Gesellschaft wegsehen?

Unkritisch wegsehen auch von den Verbrechen der Marxisten wie einige der Linken in meinem Umfeld von unserer sozialistischen Realität wegsahen, ohne Stellung zu beziehen? Bedeutete systematisches Wegsehen nicht automatische Billigung der undemokratischen Verhältnisse im Land und indirekte Unterstützung der Machthaber?

War das konsequent? Kein Wunder, wenn die Linken aus dem Umfeld der Aktionsgruppe die Linie Brechts fortsetzten und die große Verlogenheit des Kommunismus weiterführten.

In den „Kommunisten“ im Land sah ich meine Gegner – konnte da ihr ausgewiesener Propagandist, der spät instrumentalisierte Brecht, mein Vorbild sein? Brecht hatte lange als „Zeitzeuge“ die stalinistischen Säuberungen „geduldet“, wenn auch nicht gebilligt – und er hatte den Stalin-Preis nicht verschmäht!

Das alles ließ mich auf Distanz gehen! Zu Jessenin, zu Gorki und zu Brecht! Wie sollte ich einen Dichter gut finden, der eigentlich moralisch versagt hatte, indem er wegsah?

Bei Heine, der auf der Suche nach einem Gegenstand der Verspottung über manchen Unschuldigen herzog, der machen sensiblen Geist kränkte, nur um anderen etwas Witziges zum Lachen vorzusetzen, hatte ich schon moralische Skrupel, obwohl ich mitlachte. Doch bei Brecht blieb ich konsequent in der Ablehnung.

Als dann noch die starke Vereinnahmung Brechts durch die Literaturwissenschaft der DDR hinzukam, fiel mit dem Parteigänger und Kommunisten dann auch der Dichter. Die lange aufrecht erhaltene, apriorischen Zurückweisung Brechts war ein Signal und ein verkürzter Hinweis darauf, nichts tolerieren zu wollen, was den real existierenden Sozialismus, den wir täglich am eigenen Leib studieren konnten, idealisierte. Damals war ich noch mehr deutscher Patriot als Kosmopolit, noch mehr Kreuzritter als Saladin. Lessings Toleranzplädoyer war mir zwar bekannt, nur hatte es mich noch nicht erreicht. Und was nutzte die Botschaft, wenn der Glaube daran fehlte. Eher wertliberal konservativ ausgerichtet hatte ich für die in der DDR offiziell hoch gehaltenen Ideologen und Vorzeigedichter des Kommunismus wenig Sympathie. Brecht hatte schließlich Amerika kennengelernt, wo er – wie auch Thomas Mann – von Kommunistenjägern verfolgt, bespitzelt und drangsaliert worden war.

Dann hatte er die „freie Welt“ verlassen und war, wie mir schien, „nicht ganz unfreiwillig in den demokratischen Teil Deutschlands“ eingereist und dort auch, während Thomas Mann in die neutrale Schweiz zog. Brechts Wahl hatte man uns bereits im Deutschunterricht eingetrichtert! Österreich, dessen Staatsbürgerschaft Brecht annahm, hätte ihn vielleicht auch aufgenommen wie auch die Schweizer oder seine früheren Gastgeber die Schweden.

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