Auf Tuchfühlung mit den Marxisten – im Umfeld der „Aktionsgruppe Banat“

 

Obwohl auch ich die Enge meines dörflichen Umfelds missbilligte, ging ich jedoch nie soweit, jene kleinbürgerliche Welt, die in ihrer oft unpolitischen, bisweilen fatalistisch-naiven Haltung dem Geist der Biedermeierzeit sehr nahe kam, als „faschistoid“ zu bezeichnen, wie einige radikalisierte Achtundsechziger-Imitatoren aus Gerhards studentischem Umfeld es taten.

Herta Müller hat aus dieser “Parole”, mit der ich später immer wieder im „Securitate-“ Verhör konfrontiert wurde, ein munter hinaus posauntes Schimpfwort gemacht, ein Attribut, das sich hauptsächlich, undifferenziert „über einen Kamm scherend“ gegen die eigenen Landleute richtete, speziell gegen die angeblich „schuldig gewordene Generation der Väter“.

Faktisch aber traf die unbedacht in die Welt geschleuderte, trotzdem verantwortungslose Stigmatisierung auch zahlreiche Unschuldige, beleidigte sie und grenzte sie, besonders diejenigen, die sich argumentativ nicht wehren konnten.

Mir wäre ein radikaler Bruch mit meiner Herkunft, in der ich emotional noch sehr verwurzelt war, damals nie in den Sinn gekommen. Das Verhältnis zur eigenen Familie, in der es weit und breit keine historischen Verstrickungen und Schuld gab, war ebenso unbelastet wie die Einbettung in die „deutsche Gemeinschaft“ um mich herum, die Gestrandete eher auffing, als das Gewehr auf sie zu richten, sie abzuschießen oder sie gleichgültig und teilnahmslos dem endgültigen Scheitern preiszugeben.

Außerdem gab es zu viele Ausnahmen in meinem Dorf-Umfeld, die nicht dem Kleinkarierten und Engstirnigen entsprachen: kritische und zugleich zutiefst humane Menschen.

Von denselben Linksintellektuellen, die mir nebenbei andeuteten, es sei durchaus üblich, Bücher einer Ausstellung einfach so mitgehen zu lassen, nicht anders, als wenn man beim Vorbeigehen am Apfelbaum des Nachbars nach einer Frucht schnappte, hörte ich auch immer wieder die gleiche Floskel:

Intellektuelle seien immer links“ – a priori!

Wer nicht links denke, könne nie ein Intellektueller sein. Aus ultralinker Sicht, eingebettet zwischen Marx und Lenin, war ich also nur ein Liberaler, bürgerlich verfälscht und dekadent, vor allem aber noch viel zu weit entfernt von der selig machenden Idee des Weltkommunismus. Einige aus dem Spektrum verehrten Trotzki, andere sogar den Massenmörder Stalin, ja sie bewunderten Mao, einen weiteren Diktator und Menschenschlächter, der nie die Zähne putzte, weil es der wilde Tiger auch nicht tat.

Diktatoren bewundern und totalitären Systemen zustimmen, nur weil eine Utopie dahinter aufrechterhalten werden sollte?

Zu dieser Schizophrenie hätte ich mich nie durchringen können. Stalin war ein Menschheitsverbrecher von Anfang an, nicht besser als Hitler – und ich war eines seiner Spätopfer. Die Linken aber waren zum Teil Mitglieder der „Rumänischen Kommunisten Partei“, einer Monopolpartei, die Verbrechen anordnete und vor der repressiven Exekutive ausführen ließ, von der „Securitate“ und von der regulären Miliz.

Sie tolerierten die Verhältnisse im Unrechtsstaat und ignorierten die blutgetränkte Geschichte des Kommunismus – weltweit.

Andere Germanistik-Studenten an der Temeschburger Universität, unter ihnen auch Angehörige des offenen Freundeskreises „Aktionsgruppe Banat“ sowie des „Adam- Müller- Guttenbrunn- Literaturkreises“, die zum Teil auch heute noch konsequent an ihrem marxistischen Weltbild festhalten, hatten einiges aus dem umfangreichen Schrifttum vom Marx, Engels, Lenin, ja selbst von Stalin und Mao gelesen und sich erst sehr spät zumindest von Stalin distanziert im Glauben an den Endsieg des Weltkommunismus.

Aus extrem linker Sicht erschien ich, der ich doch nur ein „gesunder Patriot“ sein wollte, als konservativer „Deutschnationaler“. Gerade Gerhard tadelte meine weltanschaulichen Überzeugungen mit dem Hinweis, ich sei „unheimlich rechts“.

Aus extremlinker Perspektive war ich es wirklich, obwohl ich im Herzen ein Humanist und somit auch ein wahrer Sozialist war. Nur der Kommunismus, zu dem man mich gerne bekehrt hätte, ging mir zu weit, auch in seiner edelsten Form – in der Theorie.

Die Linken definierten sich ausschließlich über marxistische Poeten und lebten in einer Idealwelt von Bert Brecht bis Biermann, während ich vorerst bei Hegel und Feuerbach innehielt. Das welthistorische Denken des einen in Verbindung mit dem anthropozentrischen des anderen reichte mir, bevor ich mich ganz Nietzsche anvertraute – also, wie es von anderer Warte aus hieß, einem zutiefst „reaktionären Denker“ – im Zweifel daran, dass aus der Konfrontation der These mit der Antithese eine Synthese resultiere, die „Wahrheit“ heißt.

Meine geistige Linie, die literarisch auf den beiden Klassikern aus Weimar fußte und von den vorrevolutionär denkenden Dichtern Heine und Lenau bestimmt wurde, führte zu gefährlichen, doch geistig unendlich freieren Geistern wie Nietzsche und seinen Nachfahren Jaspers und Camus, die allesamt in meinem damaligen Umfeld verpönt und sogar verboten waren.

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