Am Scheideweg – Kampf oder Kompromiss?

 Auf der Suche nach einer geistigen Heimat

 

                          Die Muße ist die Schwester der Freiheit. Aristoteles

Idealisten blieben die Ausnahme – aber es gab sie doch, in vielen Farben, Nuancen und Schattierungen von blutrot bis pechschwarz. Einige aus dem „progressiven Spektrum“ begegneten mir im literarischen Umfeld meines Nachbarn Gerhard, der damals an der Temeschburger Universität Germanistik studierte. Sechs Jahre älter als ich, war er mir damals in vielen Dingen weit voraus, einige Jahre noch, bevor ich aufholte. Obwohl er sein Bändchen mit Kurzgeschichten noch nicht veröffentlicht hatte, moderne Prosa im Gefolge der amerikanischen Short-Story, von unkonventionellem Denken und sprachlicher Experimentierfreudigkeit kündend, genoss er im Dorf bereits den Ruf eines Dichters.

Als solcher wurde er uns Schülern im Jahr 1973 im Rahmen einer Deutschstunde vorgestellt. Er sollte antreten und lesen, um uns Zwölf- bis Dreizehnjährigen vermitteln, was an neuzeitlicher Literaturproduktion gerade möglich war. Vielleicht wollte uns die Deutschlehrerin Ingrid Weber, eine einfühlsame Dame von Welt, auch nur auf das Anderssein dieses Aufstrebenden hinweisen, der recht unkonventionell mitten unter uns sein Freisein lebte. Als eine der wenigen Erziehungsautoritäten in der Dorfschule hatte sie einen ausgeprägten Sinn für gute Literatur. Sprache und Dichtung schienen ihr Leben zu sein, während wir die Lektüre klassischer Texte teilweise noch als lästige Pflichtübung ansahen, weit davon entfernt, ihren tieferen Sinn und den Wert der deutschen Sprache zu erfassen. Mit besonderem Geschick wusste Frau Weber, diejenigen aus unseren Reihen heraus zu filtern, die literarische Affinitäten aufwiesen. Dass selbst ich zu jenem erlauchten Kreis gehörte, merkte ich erst später, als mir die eine oder andere Bühnenhauptrolle anvertraut wurde. Eine Dichterlesung, die eine unmittelbare Auseinandersetzung mit Gegenwartsliteratur geradezu provozierte, erschien ihr wohl als ein geeignetes Mittel dazu.

Nur noch schemenhaft erinnere ich mich heute an das außergewöhnliche Ereignis, an den Tag, als Gerhard seine Aufwartung machte, um etwas aus seinem noch schmalen Oeuvre vorzutragen. Die Details des Auftritts verblassten mit der Zeit. Doch wesenhafte Eindrücke blieben im Gedächtnis haften. Schließlich war es meine erste Dichterlesung und somit eine nicht alltägliche Begebenheit. Ja, es war ein richtungweisendes Novum, das sich nicht in der Kulturstadt Temeschburg ereignete, sondern unmittelbar vor der Haustür in ländlicher Provinz und – symptomatisch für andere kulturelle Veranstaltungen – in dem durchaus nicht rückständigen „Nest“ Sackelhausen. Für andere galt das nur unweit entfernte Nitzkydorf als „Arsch der Welt“ – wir aber waren stolz auf unseren Ort, der sogar „einen kleinen König“ hervorgebracht hatte, fern auf Timor, aber immerhin einen „König“! Und gerade eben … auch einen Dichter!

Gerhard, den man sonst nur kurz sah, wenn er mit einer zusammengerollten Zeitung in der Hand zum Bus schlenderte, lässig davon eilend, so als ob er die kleine Welt um ihn herum schon überwunden hätte, kam und trat souverän auf wie ein kleiner Cäsar. Ein paar lose Blätter hatte er dabei, unfertige Manuskripte, Entwürfe … Selbstbewusst sah er sich um, grinste verschmitzt – und dann las er … Während wir lauschten, fast so andächtig und ehrfurchtsvoll wie in der Kirche vis-à-vis. Es war ein poetisches Heimspiel, ein siegreiches, bei dem leicht triumphiert werden konnte. Der Poet, der kein Heimatdichter war und auch keiner sein wollte, wirkte überzeugend und humoresk zugleich, als er einige Kostproben aus der noch jungfräulichen, unzensierten und weitgehend unveröffentlichten Lyrik vortrug; speziell neuzeitliche Verse vernahmen wir, Dichtung mit parodistischem Einschlag, von welcher mir nur noch der auffällige Endreim im Gedächtnis haften blieb: „Wie schröcklich, wie schröcklich!“ Diese gelinde Provokation, bei späteren Gelegenheiten manchmal spöttisch zitiert, brachte mich seinerzeit auf das literarische Genre der Parodie und Travestie, Formen, mit denen ich mich gleich intensiv auseinanderzusetzen begann, ohne jedoch nachhaltig beeindruckt zu sein. Die Verhunzung großer Literaturvorlagen fand doch nicht so ganz meine Zustimmung. Denn da war viel Imitation und billige Effekthascherei bei mangelnder eigener Kreativität oder Originalität. Zeitgemäße Parodien mit Botschaften, die zum tieferen Nachdenken verleiteten wie: „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen? – mit dem Verweis auf das „Land der Richter und der Henker“, statt der „Dichter und Denker“ hörte man selten – wie literarische Impulse von außen, die kritisches Denken oder Kreativität hätten anregen können. Wenn ich mich noch richtig entsinne, bestand eines der abstrakteren Gedichte jener Zeit nur aus der knappen Sentenz: „Ich kann meine Tage am Lattenzaun ablesen“. Basta!

Eine individuelle Aussage verschrobener Art – fertig! War das schon ein Gedicht, nur weil es als solches deklariert oder definiert wurde? Wo war der Kunstfaktor? Und konnte ich das auch? War das die neuzeitliche Dichtung nach der deutschen Klassik und Romantik, nach Impressionismus und Expressionismus? Solch „sibyllinische Aussagen“, die der freien Interpretation Tür und Tor öffneten, beschäftigte unser Knabengehirn noch lange nach der Lesung. Im engen Freundeskreis rätselten wir darüber, wenn Tendenzen moderner Lyrik erörtert wurden. Dabei kamen wir immer wieder auf den Poeten um die Ecke, auf „unseren Dichter“ und auf seine avantgardistischen Experimente. So war das damals, jenseits von Sodom! Mit Dichterlesungen vergeudeten wir unsere Zeit und mit Interpretationen von moderner Lyrik, während andere begabte junge Leute anderswo noch Kühe hüteten, um später erst berühmt zu werden. Haltung und Auftreten des Künstlers imponierten mir ebenso wie die frei sich entfaltende Persönlichkeit. Sein Gestus, gerade so zu sein und nicht anders wurde als unkonventioneller Akt aufgefasst, der zu ähnlichem Vorgehen herausforderte. Es war eine kleine Manifestation individueller Freiheit und zugleich ein selbstbewusst vorexerziertes Modell, wie jedermann sich aus der spießigen Begrenztheit einer kleinkarierten Welt befreien kann – sogar auf einen Schlag.

Mit ausgelöst von solchen Entwicklungen, intensivierte ich damals die eigenen schriftstellerischen Gehversuche und Lyrismen, indem ich damit begann, tiefgründiger über ästhetische und poetologische Fragen nachzudenken. Romantizismen flossen aufs Papieremotional, kitschig und kaum originell. Unbestimmte Sehnsucht suchte sich eine Form; ebenso das Heer von dunklen Gefühlen. Was innig gefühlt war, sollte als Dichtung zum Ausdruck kommen. Doch wo endete die Reimerei – und wo begann die wahre Poesie? War das schon „Kunst“, was ich fabrizierte, fragte ich mich bald selbstkritisch, noch bevor die literarische Produktion ausuferte. Schreiben konnten wir alle nach zwei, drei Schulklassen, aber wie? Fragen über Fragen? Darüber und über noch mehr philosophierten wir manchmal so ganz nebenbei in mehr oder weniger kunstsinnigen Gesprächen im Freundeskreis. Nur was war heilig, was profan? Was war überhaupt „poetisch“, „lyrisch“, was nur „epigonenhaft“ alltäglich? Was entsprach großer Lyrik, philosophischer Dichtung, Gedankenlyrik? Und wie musste ein trefflich treffender Aphorismus beschaffen sein, damit er wirkte und nachwirkte in Gedanken, einer, der locker aufheiterte, ohne trocken zu belehren? Was war letztendlich tiefgründig, wesenhaft und essenziell – und was war nur hochstaplerisch vorgegaukelt, traumtänzerisch oder unnachvollziehbar absurd? Wonach beurteilten wir naiven Jünglinge damals Poesie? Nach hoher, virtuos beherrschter Sprache, nach Rhythmus, Klang, Musikalität!? Bestimmt nicht – vielmehr nach nachvollziehbaren Kriterien des gesunden Menschenverstandes, den wir Heranwachsende, an Goethe und Schillers Versen klassisch geschult, in der neuesten Poesie manchmal bitter vermissten. Zuviel von Goethe und Schiller? Konnte es das geben? Nicht für mich! Während Goethes Lebensweisheit noch an meiner Jugend abprallte und Faust noch unverstanden im Regal verstaubte, trugen mich die lyrischen Dichtungen durch die aufblühende Zeit, die Lieder und Balladen der Dichterfreunde aus Weimar, vieles beflügelt und erhöht von beethovenscher und schubertscher Musik. Ein individueller Geschmack, Originalität, davon waren wir alle noch weit entfernt. Aber wir unterhielten uns immerhin mehr über Poesie und Literatur als über Fußball – so wie wir auch über Astronomie und moderne Technik sprachen, über Innovationen und weltgeschichtliche Ereignisse, stets hypothetisch, spekulativ, unverifiziert, doch im scharfen Gegensatz zur allpräsenten Welt ablenkender Spiele und des westlichen Konsums, deren Faszination fast schon überwunden war. Es war eine Zeit der Annäherung an Geist und Kunst und der bewussten Auseinandersetzung mit ästhetischen und bald auch ethischen Kategorien noch vor der ideologischen und politischen Zuspitzung.

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