„Verfolgung“? Totalitäre KP gegen marxistische Weltverbesserer und linke Idealisten

 

Gerhard schilderte mir seinerzeit den vielschichtigen Zusammenprall einzelner Gruppenmitglieder mit der „Securitate“, die für einzelne von ihnen zu einer wahren Odyssee auswuchs und ihren späteren Lebensweg mit bestimmte. Über die selbst erlebten Schikanen bei der Hausdurchsuchung hinaus, berichtete er mir von der Verhaftung jener vier Autoren während ihrer Fahrt nach Komlosch, wo die Totok-Brüder zuhause waren und der anschließenden einwöchigen Haft der Literaten in den Arrest-Zellen des „Securitate-“ Baus in Temeschburg. Eine Woche Haft!? Welch ein Martyrium!

Obwohl ich damals selbst schon ein paar Tage Haft mit Tortur durchgestanden hatte, war ich beeindruckt. Leiden für eine Idee, für eine Überzeugung?

War das nicht der Stoff, aus welchem Heldensagen gemacht wurden? Und manchmal auch richtige Helden! Andächtig nahm ich seinerzeit die heroischen Berichte zur Kenntnis, konnte sie aber nicht richtig einordnen und deuten, weil ich weder die Antriebe, noch genauere Einzelheiten der Abläufe und Hintergründe kannte. Mir war damals noch nicht ganz bewusst, dass man in einem totalitären Staat auch schon mit weitgehend „apolitischer“ Literatur auffallen und anecken konnte.

In unseren nächtlichen Dialogen, die manchmal zum Monologus longus eines Einzelnen ausarteten, wurden auch historische Themen gestreift. Die uns unmittelbar betreffenden und existenziell determinierenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs drängten sich auf mit der Problematisierung von Aspekten der Vergangenheitsaufarbeitung und der Bewältigung von Schuld, wo sich unsere Geister schieden. Gerhards Familie war, wie ich in den langen Diskussionen erfuhr, von kommunistischen Politoffizieren als begütert eingestuft und deshalb als sogenannte Angehörige der Ausbeuterklasse während der Phase des Stalinismus im Rahmen einer großen Vergeltungsaktion gegen die deutsche Minderheit in der Grenzregion des Banats für die Zeit von fünf Jahren in das unwirtliche Landesinnere zwangsdeportiert worden; in jenes berüchtigte Bărăgan- Gebiet, wo die Ankömmlinge mit ihren gebrechlichen Alten, Kranken und Kleinkindern auf freiem Feld sich zunächst in Erdlöchern hatten eingraben mussten, um Wind und Regen zu überstehen. Gerhard verschwieg mir damals das vielsagende Detail, Anno Domini 1953 in jener entlegenen Wüste zur Welt gekommen zu sein, wie er mir auch seinen – vielleicht in einem Anflug von Enthusiasmus und Zuversicht vollzogenen Eintritt in die Rumänische Kommunistische Partei verschwiegen hatte.

Aktionsgruppen-Initiator und Studienkollege Richard Wagner hatte es ihm im Jahr 1972 vorgemacht, als er, der Volksdeutsche aus Perjamosch im Banat, in das Lager der Kommunisten wechselte und damit ein „unseliges Paradigma“ in die Welt setzte. Es war „ein falsches Signal“ an die Mitstudierenden – und ein noch falscheres an die Adresse der deutschen Landsleute im Banat, die „unter keinen Umständen auch nur etwas mit der Kommunisten-Partei zu tun haben“ wollten.

Es war eine Frage des Anstands und der Ehre, als Deutscher bei den Roten „nicht mitzumachen“, schon gar nicht um eines Vorteils willen, für Privilegien oder sonst was.

Was sich der junge Student Richard Wagner wohl dabei dachte, damals in die Kommunistische Partei einzutreten? Geschah es aus der schon verhallenden politischen Aufbruchstimmung heraus, die bereits nach der Asien-Reise Ceauşescus abebbte? Oder war es nur bloßer Opportunismus, beseelt und getragen von egomanischen Antrieben und dem Ehrgeiz, an der Universität Temeschburg studieren zu dürfen?

Jeder „anständige“ Banater Schwabe lehnte einen Pakt mit den kommunistischen Machthabern im Land ab, allein schon aus historischen Gründen. Schließlich hatten die Kommunisten den Bauern nach 1945 das Feld weggenommen und den Unternehmern die Betriebe wie Fabriken.

Sollten nun auch die Deutschen im Land „mit den Wölfen heulen“ und sich der Neuen Ordnung anschließen, nur um in den Genuss weniger Vorteile zu kommen?

Bis auf wenige Ausnahmen, die es immer und überall gibt, lehnten nahezu alle Donauschwaben den schnöden Kompromiss eines Mitwirkens innerhalb der KP ab und zogen es vor, lieber ärmlich und bescheiden zu überleben, als wohlhabend, privilegiert aber auch kompromittiert.

Darüber hinaus war das Jahr 1972 der falscheste Zeitpunkt überhaupt, um die Reihen der Kommunisten im Karpatenbogen zu verstärken. Seit dem Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei und der Niederschlagung des Prager Frühlings waren kaum vier Jahre verstrichen. Staatschef Ceauşescu, der bis 1971 noch einen gewissen Liberalismus ermöglicht und freiheitliche Hoffnungen geschürt hatte, ruderte nach seinem China-, Mongolei- und Nordkorea-Besuch wieder scharf zurück, um Maos und Kims Visionen auch in Rumänien umzusetzen. Blieb das den jungen Kommunisten deutscher Zunge im Banat ganz verborgen? Was merkten die blutjungen „Genossen“ aus der sogenannten Aktionsgruppe von den makropolitischen Ereignissen und deren innenpolitischen Auswirkungen? Nicht viel! Naiv vertrauten die Zwanzigjährigen der Kommunistischen Partei Rumäniens und ignorierten dabei neben der nicht gerade erhebenden Tagesrealität auch einige gewichtige Tatsachen historischer Art, nämlich die „verbrecherische Herkunft der stalinistischen Kaderorganisation KP“, die sich über zahlreiche Polit-Morde an die Macht geputscht hatte. Stalins millionenfache Morde waren seit Chruschtschows Enthüllungen selbst in der Sowjetunion kein Geheimnis mehr. Ließ sich mit dieser Verbrechertradition politisch leben, wo man doch die gleichen Verbrechen und Schandtaten der Nationalsozialisten und Faschisten überall gerne anprangerte, selbst im in Vietnam Krieg führenden Amerika?

Entschuldigte sie das zarte Alter? Wohl kaum!

Im gleichen Alter saß ich als Repräsentant der „anderen Seite“ und einer „anderen Sache“ in einer Gefängniszelle, ohne Zukunft, aber auch ohne unkritisch Beifall zu klatschen – oder gar getragen von der Ambition, die Staats-Kommunisten „links überholen“ zu wollen.

Wer damals in die KP eintrat und ein halbes Leben in der „einen“ Partei blieb, ohne sie zu hinterfragen, auch als die Verbrechen des Unrechtsstaates zunahmen, der sollte sich vor Scham verkriechen und nicht noch das eigene Versagen als „Widerstandsaktion“ auslegen, als kulturelle Opposition mit der Metapher unter einer Tarnkappe versteckt.

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