„Mea culpa“? – Kollektivschuld und kollektive Sühne

 

Sogar das eigene Schicksal, das Selbst, Individualität und nationale Identität wurden in der Gruppe verdrängt oder den Gruppeninteressen bewusst geopfert. Man fühlte sich nicht als Team, als kreative Gemeinschaft, hinter der Idee des neuen Menschen in einer besseren Gesellschaft, sondern vielmehr ideologisch verbrämt als „Kollektiv“, wo Disziplin angesagt war wie in der Einheitspartei.

Nur war ausgerechnet Gerhard – symptomatisch für viele Willküropfer der Stalin-Zeit – in der Wüste geboren. Recht so meinte er. Vielleicht sah er darin eine Art Sühneakt für eine übergroße Schuld, die andere „im deutschen Namen“ begangen hatten. Kollektive Bestrafung in der Zeit der Kollektivwirtschaft, fand er – in Absetzung von seiner konservativen Familie und seinem ebenso konservativen Dorfumfeld – war richtig und gerecht!

Dass er, das Opfer, die Dinge gerade so sah, vergleichbar mit Herta Müllers Haltung in „Niederungen“ zur gleichen Thematik und nicht anders, fand ich später in einer knappen Erzählung bestätigt, die Horst Fassel und Josef Schmidt in dem „Banater Lesebuch“ „An Donau und Theiß“ im Jahr 1986 veröffentlichten. Unter der Überschrift „Kleine Geschichte“ beschreibt Gerhard Ortinau die Situation seiner Geburt in der Verbannung:

„Den Erzählungen meiner Eltern ist zu entnehmen, dass ich am späten Abend in einer Art schilfgedeckten Erdhütte geboren wurde. Im Zimmer befand sich das Wichtigste. Draußen hatten die Leute tagsüber Tunnels in den mannshohen Schnee geschaufelt, mittlerweile hatte sie aber der Sturm schon wieder zusammengewirbelt. (…) Ich erblickte am 17. März des Jahres 1953 in dem Weiler Movila Gildaului das Licht des Bărăgans. Alles andere erfuhr ich aus Büchern und aus Zeitungen: die Fehler, die Zufälle. Ich habe vieles begriffen, nicht aber meine Eltern. Sie, die sie ihre Erinnerungen haben, fragen immer noch: warum? Erklärt ihr es ihnen, sie könnten ansonsten noch einen Irrtum mit ins Grab nehmen. (Es wäre der einzige nicht, aber es wäre einer mehr.)“

Soweit Gerhard in der Rückschau, in einer Betrachtung, die er wohl nach unserem Zusammentreffen im Jahr 1980 in Berlin verfasste? Denn damals besaß er wohl noch keine Schreibmaschine, ein – im Text oben mit erwähntes –„Luxusgerät“, das im kommunistischen Rumänien während der Ceauşescu -Diktatur zu den verbotenen Dingen gehörte – wie Waffen, eben weil es eine Waffe war. Im Gegensatz zu seinen Eltern, die nicht aufhören wollten zu fragen, warum, kannte Gerhard, der aufgeklärte Dichter, die richtige Antwort. Dieses „Darum“ und ein „Deshalb“ markierten den Unterschied zwischen uns.

Eine Gesamtverantwortung für eine deutsche Gesamtschuld lehnte ich aus meiner damaligen Erfahrungswelt heraus ab. Eigenverantwortlich sah ich nur mein Tun und die Taten meiner Vorväter aus meiner Familie, die rein waren und nichts Verwerfliches an sich hatten. Was konnte ich mehr verantworten als das eigene Handeln?

Mit den Verbrechen des braunen Diktators hatte ich genau so wenig zu tun wie die kommunistischen Utopisten meines Umfelds mit den Gräueln des roten aus dem Kreml. Statt meine Energien „gegen die eigene Identität“ einzusetzen, konzentrierte ich mich auf die Bekämpfung der kommunistischen Ideologie und Gesellschaft, die mir in ihrem Wesen heuchlerisch und vielfach verlogen erschien.

Horst Samson, ein weiterer Dichter aus dem Guttenbrunn-Kreis, war, wie ich erst später erfuhr, ebenfalls in der unwirtlichen Steppe geboren als Kind Deportierter, die zufällig auf den falschen Landstrich wohnten, auf jenem 25 Kilometer breiten Streifen im Banat hin zur jugoslawischen Grenze. Als ich zusammen mit Gerhard und in Anwesenheit von Nikolaus Berwangers im Jahr 1978 Samsons Erstling „Der blaue Wasserjunge“ mit aus der Taufe hob, hörte ich zwar einiges Kritische an die Adresse amerikanischer Imperialisten in Ho-chi-minh-Lyrik-Stil. Seine „Bărăgan- Reflexion“, im Internet auf de Homepage des Lyrikers abrufbar, aber entstand sicher später in der Bundesrepublik. Auch Horst stand lange Jahre zur einzigen Partei im Land – wie Gerhard, wie Richard Wagner und wie der Linke William Totok, der trotzdem ins Gefängnis geworfen wurde. Sie alle vertrauten den Kommunisten eine gewisse Zeit, bis die Aufklärung auch jene Sphären tangierte.

„Verschleppt geboren“ – das war in meiner Heimkehrer-Urkunde später in der Bundesrepublik so festgehalten worden. Die beiden Literaten aus meinem Temeschburger Umfeld waren es gleich zweifach. Trotzdem hatten sich weder Gerhard noch Horst zu direkten Kritikern der kommunistisch-atheistischen Weltanschauung entwickelt, wie ich es damals im Ansatz schon war, sondern sie verstanden sich – für mich nicht ganz nachvollziehbar – als modern abstrakte, avantgardischer Lyriker mit eindeutig linker Gesinnung, als „Marxisten“, geistig den rebellierenden Achtundsechzigern in der Bundesrepublik verbunden.

Das 68ger-Modell mit „Macht kaputt, was euch kaputtmacht“, wurde von jener kleinen „Elite“ auch im Banat nachvollzogen, nur in Absetzung von der konservativen Mehrheit der Donauschwaben und in eklatanter Verkennung des wahren Feindes.

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