„Kulturelle Opposition“ und „innere Emigration – „Wer groß denkt, kann groß irren“

 

Doch wer saß im anderen Teil Deutschlands? Die Revanchisten? Die Kapitalisten? Die Ausbeuter? Die alten Nazis? „Du denkst ja reaktionär“, entfuhr es meinen Kritikern gelegentlich, wenn sie mit meinen provozierenden, ihnen revisionistisch und rückwärtsgewandt erscheinenden Thesen und Statements konfrontiert wurden. Die mir zugedachte weltanschauliche Einordnung ertrug ich mit Humor und lässiger Fügung, überzeugt davon, dass nicht viel dazugehöre, rechter als ganz links zu stehen. Mir war allerdings sehr bewusst, wo ich zu stehen hatte. Während die innere Sicherheit der Bundesrepublik von den Terroristen der „Roten Armee Fraktion“ bedroht wurde, während die Regierung unter Kanzler Helmut Schmidt Härte zeigte, einen „Radikalen-Erlass“ verabschiedete und sich gleichzeitig darum bemühte, unsere Ausreise in die Bundesrepublik zu ermöglichen, hatte ich für linkes Gefasel, wie ich es auch aus den – sonst gern gelesenen – Politmagazinen aus Hamburg mitbekam, überhaupt kein Verständnis.

Die Linken wollten allesamt „bleiben“ – mit „ihrer Partei“ leben und – relativ unkritisch – mit dem „System des Unrechtsstaates“, der so war, wie er war.

Ihre gesamte Existenz war auf ein Fortbestehen der deutschen Kultur in Rumänien ausgerichtet. Sie hatten sich arrangiert. Ich aber wollte „gehen“, nicht mit den „roten Teufeln“ paktieren, weil ich nicht an eine echte Verbesserung der Menschenrechtssituation im Land glaubte, ganz im Gegenteil.

So sehr ich einzelne Künstler als Menschen und als Andersdenkende schätzte, so deutlich lehnte ich ihre „marxistische Gesinnung“ ab. Historische Gründe bewogen mich dazu. Die Lehren aus der Französischen Revolution, die sich später in der Oktoberrevolution wiederholte, reichten mir, um zu verstehen, wohin „radikalisierter Kommunismus“ führt: zur Schlachtbank! Daraus entstand eine ideologische Barriere, die mich weiter davon abhielt, in jenem Umfeld, wo ich hätte intellektuell aufgehen können, jene geistige Heimat zu finden, nach der ich suchte. Auf jeden Fall wollte ich vor mir konsequent bleiben, innerlich wahrhaftig und intellektuell redlich – und immer auf die Stimme des Gewissens hören, die keine Anbiederung und keine Heuchelei ertrug. Auch mein Gefühl sprach dagegen – ich fühlte einfach nicht links. Mich prägte vielmehr die reelle Außenwelt auf der Straße, die ich täglich beobachtete rational analysierte. Die Zeit der Parolen und Slogans war längst vorbei. Weltweit. Für die ganz Roten gab es nur noch Dunkelbraune und Schwarze. Also erschien ich von jenem Winkel aus betrachtet als „latenter Faschist“, obwohl ich von jedem totalitären Denken weit entfernt war – vielleicht nur, weil ich den positiven Begriff „Heimat“ und das Festhalten an der „deutschen Identität“ im Sinne eines „gesunden Patriotismus“ nicht preisgeben wollte. Die Pervertierung dieser Werte durch kulturlose Machtzyniker reichte mir nicht aus. Darüber hinaus erschienen mir die schablonenhaften Zuordnungsversuche, oft gekoppelt mit pauschalen Verdammungen ganzer Volksgruppen, sowieso antiquiert, viel zu undifferenziert und einem wahren Freigeistertum, das ich ja leben wollte, unwürdig. Im Gegensatz zu mir, glaubten Idealisten wie Gerhard, William Totok und Richard Wagner offensichtlich noch daran, die Gesellschaft, in der sie lebten, durch originelle Literatur verändern zu können; und somit an einen Gedanken, den die meisten rumänischen Schriftsteller, in eine „innere Emigration“ geflüchtet, auch schon längst aufgegeben hatten, nachdem die – 1978 sogar offiziell abgeschaffte – „Zensur“, die es eigentlich gar nicht gab, immer wieder zweideutige, kritische Passagen aus ihren Werken entfernt hatte.

 „Kultureller Widerstand“ war eine Chimäre, eine Alibi-Opposition, die nur die Köpfe der „Securitate-“ Analytiker erreichte.

Dagegen setzte ich primär auf „aktive Dissidenz“ und auf „konkrete politische Aktionen“.

Letztendlich, nach weniger positiven Erfahrungen mit dem tatsächlich existierenden Sozialismus selbst im liberalen Temeschburg, muss Gerhard sich dann doch den von mir vertretenen politischen Überzeugungen weiter angenähert haben – um später einmal in einem Gespräch resignativ zu konstatieren:

„Irgendwann werde auch ich im Westen landen, vermutlich in Westberlin!“

Die Würfel waren also gefallen – auch für ihn.

Die Prognose zeugte von Weitsichtigkeit; und sie sollte schneller wahr werden als vorerst abzusehen. Schon bald nach meiner Ausreise, etwa 1980, war es so weit. Gerhard reiste als zweiter aus dem harten Kern der einstigen Aktionsgruppe in den freien Teil Deutschlands ein. Und es zog ihn, wies sollte es anders sein, nach Westberlin, wo Ernest Wichner, ein anderer Dichter aus dem Freundeskreis, bereits seit 1975 einen ruhigen Hafen gefunden hatte. Also hat er sich – anders als Bert Brecht – doch nicht für das „bessere Deutschland“ entschieden, nicht für den „demokratischen“ Staat der „Arbeiter – und Bauern“, nicht für die SED-Diktatur eines Erich Honecker, Mielke und Markus Wolf, sondern für den „Hort der Faschisten“ BRD.

Der zufällig in dem Ort Guttenbrunn geborene Dichter und Übersetzer aus dem Rumänischen Wichner lebt und wirkt auch heute noch an der Spree, wo er das dortige Literaturhaus leitet.

Die anderen Mitglieder des literarischen Zirkels um Berwanger, darunter Herta Müller und Richard Wagner aber harrten noch Jahre in der Diktatur Ceauşescus aus, ohne zu erkennen, dass der eigentliche Feind der „Auftraggeber des Geheimdienstes“ war, ihre eigene „Kommunistische Partei“, der sie als Mitglied mehrheitlich noch angehörten.

William Totok, Horst Samson, Richard Wagner, Herta Müller sowie die ihnen nahe stehenden Literaten Rolf Bossert, Johann Lippet und Helmut Frauendorfer entschlossen sich erst zwischen 1985 und 1987 zur Ausreise in den Westen, nachdem sie einen Strategiewechsel vollzogen und die Auseinandersetzungen mit der dem rumänischen Sicherheitsdienst „Securitate“ bisweilen lebensbedrohliche Dimensionen angenommen hatten. Für einige aus der Gruppe wurde es vielleicht eine „Zeit der Umkehr“, doch auch der Reue? Wie man sich einst vom Vorbild Stalin distanzierte, nachdem alle Welt erkannte, was der Menschheitsverbrecher in der Weltgeschichte angerichtet hatte, so distanzierten sich die Marxisten aus Leidenschaft und Überzeugung mehr und mehr auch von der Utopie des Kommunismus als Weltbild, das weder im Osten Europas noch sonst wo auf der Welt eine adäquate Umsetzung gefunden hatte.

Selbst Herta Müller, die noch 1984 der Führungskraft der Kommunisten vertraut hatte, wendete Hals und Kopf, wohl einsehend, dass der Mensch irren kann.

Wer groß denkt, kann groß irren,

meinte Heidegger. Vielleicht hatte Herta Müller auch groß gedacht, als sie gewollt oder ungewollt die Monopolisten stützte, die alles andere waren, als „antitotalitäre“ Gesellen.

Bedenklich ist, dass die Akteure von damals nicht zu ihrem Irrtum stehen, der bei Gott keine „Jugendsünde“ war und dass sie, statt eines Ganges nach Canossa, alle „Verfehlungen kleinreden wollen“ und die Spiegelvorhalter noch dazu. Schwamm drüber? Ist doch alles Schnee von gestern? So ist das nicht!

Der Pakt mit einem totalitären System, mit Handlangern einer Diktatur ist kein Kinderspiel und darf nie unter den Teppich gekehrt werden; schon gar nicht von Leuten, die als geistige Autoritäten ihrer Zeit gelten wollen und eine moralische Integrität für sich beanspruchen, ja diese von anderen öffentlich einfordern

Noch bevor die staatlich gesteuerte, Devisen bringende Ausreisewelle einsetzte, die den endgültigen Niedergang des Deutschtums im Banat einleitete, sah ich Gerhard wieder – natürlich in Berlin, wo sonst? Im westlichen Teil, im Herzen Europas, in der geteilten Stadt mit der hässlichen Mauer; gerade zu einem Zeitpunkt, als in Kreuzberg schwere Krawalle tobten. In der „Symphonie der Freiheit“ schrieb ich auch darüber, ausführlich.

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