Vor dem Ausbruch in die Freiheit

 

Deshalb ließ ich mich von einem weitläufig bekannten Rumänen, der aus einem kleinen Fischerdorf an der Donau herstammte, „an den Strom“ geleiten, ohne zu ahnen, dass sich der unscheinbare Junge bereits als halbprofessioneller Schlepper und Schleußer betätigt hatte. Die Flucht der Freunde über die Donau ging auf sein Konto. Wie ich später erst erfuhr, hatte er die Aktion nicht nur „vermittelt“, sondern selbst geplant und gesteuert. Das hohe Fluchtgeld, das angeblich dem Bootsinhaber zufließen sollte, hatte er selbst eingestrichen – und dann auch naiv auffällig in Umlauf gebracht.

Mein potenzieller Ausbruch war als harmloser Besuch geplant. Wenn es sein sollte, dann wollte ich mich auf der Rückreise absetzen, ohne fremde Hilfe. Zusammen reisten wir an einem kalten Januartag des Jahres 1979 unbemerkt in die Donauregion nahe Orschowa mit der Absicht, „über den Strom“ zu setzen, wenn die Bedingungen es denn erlaubten. Wir reisten zunächst mit der Bahn und fuhren dann den letzten Teil der Strecke – unauffällig in einem mit Einheimischen vollgestopften Bus – in eine kleine Ortschaft. Den Weg zum angeblich unbewachten Donauufer hinab erläuterte mir der Begleiter aus der Ferne, ohne mir allerdings Details über die Uferbeschaffenheit mitzuteilen. Bis die sehnsüchtig erwartete Abenddämmerung aufkam, verbrachten wir noch einige Zeit bei einigen Gläsern Rotwein. Dann verabschiedete ich mich, um die Rückreise anzutreten. Innerlich war ich aber entschlossen, über den Strom zu setzen, sollten die Bedingungen es gut sein. Doch die Bedingungen waren äußerst schlecht. Der Schlepper, der bei diesem Bravourstück zwar kein Geld verdiente, sondern wohl eher aus einer falsch verstandenen Kameradschaft heraus handelte, überließ mich dann meinem Schicksal. Über einen Rückreiseplan oder Alternativen hatten wir uns keine Gedanken gemacht. Sein zwiespältiges Grinsen bei der Verabschiedung sehe ich heute noch. Was ihm durch den Kopf ging, blieb mir schleierhaft, waren wir doch beide mehr als angeheitert. Handelte er fahrlässig, als er mich ins Ungewisse ziehen ließ? Schwer zu sagen! Ließ er mich in ein Messer laufen? Gar in den Tod? Ob er mit meinem Scheitern rechnete? Nie konnte ich es erfahren. Zwar ermutigte er mich nicht ausdrücklich, den tollkühnen Versuch zu wagen; aber er unternahm auch nichts, um mich von dem unsicheren, ja lebensgefährlichen Wagnis abzuhalten. Aus welchen Gründen auch immer! Immerhin lieferte er mich nicht gleich der Grenzwache aus, wie das andere Opfer erlebt hatten, die mir später im Gefängnis begegnen sollten. Der „Kumpel“ ruderte mich auch nicht skrupellos in die tosenden Fluten hinaus – wie es rücksichtlose Schlepper heute noch tun, an den Armutsgrenzen der Welt, ja selbst vor dem rettenden Hafen der Festung Europa und die Verzweifelten dann dem sicheren Tod überlassen. Das tat der nicht. Doch überließ mich auf eine andere Art der Todesgefahr, indem er nichts tat, um mir das unrealistische Vorhaben auszureden. Da er andere Fluchten „eingefädelt“ und Boote „organisiert“ hatte, da er mehr als nur ein Vermittler war, hätte er wissen müssen, was möglich war. Es war sicher keine böse Absicht oder Zynismus, mich im Halbrausch losgehen zu lassen. Es geschah eher aus Unreife und aus der Unfähigkeit heraus, die Tragweite bestimmter Vorgänge zu beurteilen. Vielleicht war auch nur der viele, schwere Rotwein an unserem Geistesnebel schuld, den wir gemeinsam vor meinem Losschreiten getrunken hatten.

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