In Sippenhaft der Securitate

 

Am Sitz des Geheimdienstes folgten dann weitere Verhöre, die teils von dem politischen Untersuchungsrichter und Karrieristen Pele, vom Schlangenkönig höchstpersönlich, teils von seinem älteren Kollegen, Oberst Istrate genannt, durchgeführt wurden, von der alten, schlauen Ratte. Neu an dem Verhör, das genau so unerquicklich war, wie alle bisher erlebten, war die Tatsache, dass die Untersuchungen und Befragungen auf meinen gesamten Bekanntenkreis ausgedehnt worden waren. Zwar hatte nur ich gehandelt; doch auch die nahen Freunde mussten darunter leiden – In meinem Falle traf es vor allen anderen den nächsten und loyalsten der Freunde, Erwin Ludwig. Auch das Wissen um diese Dinge konnte schon manchen abhalten, um überhaupt aktiv zu werden. Die Repressalien richteten sich – wie im Nationalsozialismus und im Stalinismus üblich – gegen das unmittelbare Umfeld, gegen die Familie, gegen Freunde, ja selbst gegen entfernte Bekannte, die keine Ahnung hatten, weshalb sie vorgeladen und befragt wurden.

Erwin war bereits unmittelbar nach dem Bekanntwerden meines Fluchtversuchs verhaftet und einem besonders brutalen Verhör am Sitz in der Geheimdienstzentrale unterzogen worden. Die Fluchthilfeaktion meines Bekannten aus der Grenzregion war inzwischen aufgeflogen. Er saß in Untersuchungshaft. Wie aus einigen indirekten Verhörinformationen zu erschließen und aus einem späteren Gespräch in der Bundesrepublik mit einem der Entsprungenen zu erfahren war, hatte die Miliz Befragungen unter den Businsassen durchgeführt und herausbekommen, mit wessen Hilfe ich in die Grenzregion gelangt war. Bei einer anschließenden Hausdurchsuchung wurde das viele Geld entdeckt. Ein Zusammenhang mit einem unlängst gestohlenen Boot drängte sich auf. Die sozialistischen Methoden der peinlichen Befragung erbrachten wohl dann auch das Geständnis dieses Schleppers, der die Flucht meiner Freunde also nicht nur – wie abgesprochen – vermittelt hatte. Ohne uns davon in Kenntnis zu setzen, hatte er alles eigenständig geplant und ausgeführt. Um dann nicht als habgieriger Schurke dazustehen, hatte er uns, mir und Erwin, den „Coup“ verschwiegen. Das hohe Fluchtgeld – etwas ein Jahreseinkommen – hatte er selbst eingestrichen. Um ihm den Prozess zu machen, wurde nach belastenden Indizien gesucht. Da ich seinerzeit über diese Details der erfolgreichen Bootsflucht unserer drei Freunde nicht informiert war, konnte ich während meiner Untersuchungshaft dazu auch nichts aussagen. Weder Erwin noch ich hatten erfahren, wie die Flucht abgelaufen war.

Also wütete die „Securitate“ weiter in unserem Freundeskreis auf der Suche nach Mitwissern. Wahllos wurden sogar weitläufige Bekannte aus Sackelhausen vorgeladen und befragt. Sie waren ahnungslos. Später in Deutschland berichteten sie mir davon. Bei Erwin, der mir seinerzeit schon am nächsten stand und wohl am besten über alle Aktivitäten informiert schien, bissen die „Securitate-“ Leute allerdings auf Granit. Er gab nichts von den Vorbereitungen preis. Nachdem eine Postkarte uns die geglückte Flucht der drei Bekannten bestätigt hatte, waren wir seinerzeit aufs Land gefahren, um die Angehörigen zu informieren. Doch auch davon erfuhr die „Securitate“ nichts.

Wie Erwin mir später mehrfach ausführlich berichtete, schlugen beim Verhör gleich mehrere Geheimpolizisten auf ihn ein, um belastende Aussagen zu erpressen. Sie überhäuften ihn mit Beleidigungen, die die Ehre seiner Eltern kränkten. Am ärgsten trieb es ein gewisser Florescu, ein noch junger Offizier, der sich vom einfachen Fabrikarbeiter in die Etage der Folterknechte hochgedient hatte – einer, der sich scheinbar für künftige Aufgaben empfehlen wollte – über Brutalität. Erwin blieb standhaft:

„Wenn Sie weiterhin an diesen inhumanen und zynischen Verhörmethoden festhalten und auch weiterhin „systematischen Machtmissbrauch“ betreiben, idem sie auf mich einprügeln, werde ich überhaupt nichts mehr sagen! Vor allem: Lasst meine Eltern in Frieden! Sie haben mit dieser Angelegenheit nichts zu tun! Am wenigsten meine Mutter, die mir den Hintern gewischt und mich großgezogen hat“

schrie ihnen der Freund entgegen. In späteren Jahren schilderte er mir immer wieder Details aus seinen Verhören und der Haftzeit, wertvolle Zeugnisse der Anklage gegen den Kommunismus, die ich in meinem „Testimonium authenticum“ festgehalten habe, in dem bereits vor zwei Jahren erschienenen Buch „Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceauşescu -Diktatur“ zur Geschichte der ersten freien Gewerkschaft in Osteuropa.

Die Prügel, die physischen und psychischen Martern beeindruckten Erwin nicht. Je heftiger die vier Männer zuschlugen, desto verstockter reagierte er. Erwin wusste sich zu wehren. Beim Militär hatte er mehrfach ähnliche Situationen erlebt bis zuletzt, als man ihn kurz vor der Entlassung noch einmal kahl scheren wollte, um ihn zu demütigen und zu ärgern. Als die Unverschämtheiten und nackten Aggressionen der Geheimdienstler kulminierten, sprang Erwin vom Stuhl, parierte als geübter Karate-Kämpfer den Schlag jenes Florescu, hielt die auf ihn niedersausenden Pranken des Geheimpolizisten fest und drehte sie so kräftig wie in einem Schraubstock, bis jener aufschrie, befürchtend, die Ärmchen könnten brechen. Das unliterarisch prosaische Quartett der Geheimdienstler in weißen Hemden und mit bestückten Pistolenhalftern – wie im Spielfilm – hatten große Mühe, ihn wieder zu besänftigen. Letztendlich sahen sie sich gezwungen, das Maß der Brutalität zurückzuschrauben. Dem Schlepper, der später sogar Morddrohungen gegen mich ausgestoßen haben soll, wohl in der Annahme, Indizien aus meinem Verhör hätte die Polizei auf seine Fährte gelenkt, wurde der Prozess gemacht und er kam wohl ins Gefängnis. Näheres erfuhr ich damals nicht mehr. Die SLOMR-Gründung in Temeschburg kam dazwischen, meine Haftzeit, die Ausreise und dann weitere zehn Jahre des Abgeschottetseins vom kommunistischen Rumänien.

Bis zur Revolution im Dezember 1989 und dem Sturz des Tyrannen durfte keiner der SLOMR-Gründer oder Sympathisanten nach Rumänien einreisen. Alle, die es versuchten, wurden an der Grenze zurückgewiesen. Da die Bestien auch in meinem Verhör nichts strafrechtlich Relevantes ausmachen konnten, bis auf die Tatsache, dass ich mich unerlaubt in einer Grenzregion aufhielt, sollten nach alten stalinistischen Geflogenheiten vor allem andere Belastungszeugen zusätzliches Material beisteuern, um eine mögliche Anklage gegen mich erheben zu können. Mein Verhör zog sich über mehrere Tage hin, ohne dass ich in meiner Isolation alle Entwicklungen hätte durchschauen können. Auf die zentrale Frage „Weshalb“ antwortete ich mit einem radikal trotzigen „Deshalb“ und verwies auf die nicht nachvollziehbare Haltung der Bukarester Kommission in der Calea Rahovei, die den Ausreiseprozess meiner Familie nach wie vor grundlos blockierte. Mein wichtigstes Argument bestand in dem auch für die „Securitate“ nicht zu ignorierenden Hinweis, dass ich mich seit mehr als einem Jahr als „ein de facto Ausgereister“ betrachtete. Weshalb verzögerte sich unsere legale Ausreise entgegen der sonst üblichen Praxis seit mehr als einem Jahr? Keiner aus den Reihen der „Securitate“ konnte das begründen – und die KP vor Ort auch nicht. Die Bestien höherer Ordnung in Bukarest machten eben, was sie wollten.

Die höchst unangenehmen Verhöre, die mit viel Psychoterror einhergingen, zogen sich tagelang hin, verliefen aber letztendlich doch im Sande. Der Basilisk, Untersuchungsrichter Pele, verzichtete darauf, eine „Anklage wegen Republikflucht“ vorzubereiten. Aus eigenem Antrieb oder gedrängt von einer obskuren Instanz aus Bukarest? Das war zunächst etwas merkwürdig und auch für mich sehr rätselhaft, denn anderen Oppositionellen hatte die „Securitate“ „früher“ das gleiche Delikt sogar „unterstellen wollen, um sie verurteilen und mundtot machen zu können. Mich hatte man zwar nicht „in flagranti“ ertappt, aber doch immerhin an der Grenze des Stromes und mit eindeutiger Absicht. Nach einer Woche Untersuchungshaft in den Arrestzellen im Bau der „Securitate-“ Zentrale am Leontin-Salajan-Boulevard wurde ich wieder auf freien Fuß gesetzt, mit den üblichen einschüchternden Drohungen befrachtet und mit der Auflage, mich regelmäßig beim Geheimdienst zu melden: wöchentlich – im Büro der alten Ratte.

Beim Verhör war mir bei zufälligen Blicken in die Akte auf dem Tisch eine Reihe von Briefen aus dem Westen aufgefallen, die vom Sicherheitsdienst abgefangen worden waren. Darunter vermutlich auch einige von Menschenrechtsorganisationen, die ich vorausschauend kontaktiert hatte. Das hatte vielleicht geholfen. Scheinbar hatten die zahlreichen Absicherungsstrategien ihre Wirkung nicht verfehlt. Und anscheinend war ich inzwischen doch schon zu prominent, um aus meinem neuesten Aufbegehren einen Fall zu machen, der wieder zum Aufwallen der Wogen führen konnte.

Den eigentlichen Grund, weshalb die „Securitate“ von einem Republikflucht-Verfahren gegen mich absah, erfuhr ich erst später. Er ist recht profaner Natur, denn das Nichtahnden war – über meinen de facto schon Ausgereisten-Status hinaus – auf eine formale „Neuregelung der Straftat“ zurückzuführen. Ab jenem Zeitpunkt, das bestätigten mir nachträglich auch andere Fälle und Zeitzeugenberichte – wurden die häufiger werdenden Fluchtversuche nicht mehr mit Gefängnishaft bestraft.

Die Inaktivität der sonst rücksichtslosen Behörde beruhigte mich etwas. Nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft kehrte ich in den Kreis der Freunde zurück und lebte einige Wochen in abwartender Haltung und in fatalistischer Getragenheit nicht viel anders als bisher, nur etwas ruhiger und weniger verzweifelt, bestimmt von der Erkenntnis, der mächtige Leviathan, dem wir gegenüberstanden, sei doch nicht ganz unverletzlich. Doch wo war die Achillesferse, das Lindenblatt im Panzer?

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