Rettung, Folter und Strafe

 

 

Während die Luftmatratze davon trieb, hinaus in die Freiheit vielleicht oder hinunter ins Schwarze Meer, um dort von einem gescheiterten Ausbruchversuch zu künden, wandte ich mich, fest zum Überleben entschlossen, dem rettenden Ufer zu. Mit letzter Kraft bäumte ich mich auf und stolperte dem nahen Fischerdorf entgegen, wo ich intuitiv helfende Hände vermutete. „Wo Menschen leben, muss Rettung möglich sein“, sagte ich mir, um mir Mut zu machen. Also vollzog sich mein – von anderen noch unentdecktes – Scheitern teils an den widrigen natürlichen Umständen im Schnee und Eis des Winters, teils an der eigenen Unvernunft.

Ermattet erreichte ich irgendwann das kleine Dorf. Wie lange ich unterwegs war, weiß ich nicht mehr. Die Zeit war keine Kategorie. Es ging nur noch ums nackte Überleben. Kurz vor dem endgültigen körperlichen Versagen schleppte ich mich in einem letzten Aufbäumen an eine Hütte, an die Tür armer Leute und klopfte mit schon erstarrter Hand dagegen. Es war schon spät in der Nacht, aber es brannte noch Licht. Als die Tür sich endlich auftat, bat ich erschöpft um Aufnahme. „Helft mir“, stammelte es aus mir hervor „Bin ein Reisender … und habe mich verirrt!“ Mehr als ein paar karge Worte brachte ich nicht hervor. Das Domizil des Bekannten, von wo aus ich mich vor Stunden auf den Weg gemacht hatte, war im aufkommenden Schneetreiben und bei Nacht und in meiner verwirrten Lage nicht mehr auffindbar gewesen. Ob ich Spuren hinterlassen hatte? Spuren ans Ufer hinab, die am Tag darauf noch zu erkennen waren und zurückverfolgt werden konnten? Mit möglichen Konsequenzen für den selbstlosen Fluchthelfer? Daran dachte ich erst später, in der U-Haft in Turnu- Severin und Temeschburg, als ich erfuhr, dass die „Securitate“ den Schlepper aufgespürt hatte. Hatten meine Spuren im Schnee ihn vielleicht verraten? Waren wir beobachtet worden? Vorerst zählte nur das eigene Überleben. Das Asyl wurde mir nicht verweigert. Die Leute öffneten mir bereitwillig ihre Tür und sahen mich mit erstaunten Augen an. Halbohnmächtig suchte ich Halt. Mein Zustand erklärte alles. Noch wollte ich mich mit einigen Worten erklären. Doch es kam nicht mehr dazu. Intuitiv zur Wärme strebend, sah ich mich zum lodernden Steinofen taumeln. Dort ließ ich mich ermattet fallen. Was sein wird, wird sein! War ich gerettet? Wärme – sie bedeutete Leben.

 Die nächsten Augenblicke, Minuten, Stunden verliefen wie in Trance. Während ich mit mir selbst beschäftigt war, im Versuch, die letzten Kräfte zu binden und durchzuhalten, verständigten die Hausbewohner, aus reiner Pflichterfüllung handelnd, die Grenzpatrouille, der ich dann auch überantwortet wurde. Sie hatten wohl erkannt, welche Art nächtlicher Wanderer da eingetroffen war. Zunächst kam ein Feldwebel in grüner Uniform. Ein Berufssoldat? Der Bursche, groß und stämmig, mit stumpfsinnigem Blick, musterte mich kurz. Ohne viel zu fragen, forderte er mich barsch auf, die schmutzigen Kleider abzulegen und die Schuhe auszuziehen. Eingeschüchtert bemühte ich mich, zu gehorchen, hatte aber kaum noch ein Gefühl in den Händen. Die halb erfrorenen Finger brannten. Darauf hin sollte ich mich auf den Rücken legen und die Beine nach oben strecken, damit er seiner Pflicht nachkommen konnte.

Schließlich tat es das, was man ihm in seiner Ausbildung beigebracht hatte: Bis zum Eintreffen der Polizei, der Miliz, schlug dieser Feldwebel des Grenzkommandos mit einem Gummiknüppel auf mich ein, mitleidlos und mit aller Kraft, besonders auf die nackten, halb erfrorenen Fußsohlen, so, wie es seine Anweisungen vorsahen. Die Adern werden platzen, die zarten Knochen zerspringen, fürchtete ich, war aber vor Schmerz nicht in der Lage, die Folgen der Folter einzuschätzen. Erst im Arrest, als alles schmerzte, erkannte ich die Auswirkungen der Bestrafungsaktion.

Nicht selten wurden ins Netz gegangene Flüchtlinge so erschlagen und dann anschließend in die Donau geworfen, um die Spuren der Folter zu verwischen. Die armen Leute, die für ihre Denunziation vielleicht eine kleine Prämie erhielten, wenn sie nicht gar aus „Patriotismus“ handelten, standen teilnahmslos daneben und sahen zu, wie „ein Vaterlandsverräter seiner gerechten Strafe zugeführt“ wurde. Es war eine stalinistische Folterart, die er anwandte, der „peinlichen Befragung“ der Inquisition im Mittelalter nicht unähnlich. Etwas von dem Schrecken und der Pein früher Hexen- und Ketzerverfolgungen erlebte ich jetzt, nach der Erfahrung des Totalitarismus in Europa in einem Land, das „sozialistisch“, ja „kommunistisch“ sein wollte. Vermutlich waren solche Praktiken Teil der Grenzsoldaten-Ausbildung. Der Unteroffizier schlug zu, gefühllos, ohne mit der Wimper zu zucken. Schließlich „bestrafte er einen Feind des Vaterlandes“, einen Verräter, womöglich einen imperialistischen Spion und – was offensichtlich war – einen Nichtrumänen, einen aus der Reihe antirumänischer Minderheiten, einen Deutschen, einen Ungarn, einen Serben, der eben noch auf der Flucht war. Die höllischen Schmerzen der ersten Gummiknüppelschläge auf die nackten Fußsohlen mussten ertragen werden. Und ich ertrug diese Folter mit Fatalismus, Schlag für Schlag, bis ich irgendwann in Ohnmacht fiel. Doch diesmal wurde nicht gefoltert wie bei der „Securitate“, um Aussagen zu erpressen. Diese Tortur war reine Strafe.

Während ich hilflos, erschöpft und ausgeliefert da lag, verrichtete der Scherge sein Folterwerk mit der Präzision eines Henkers, der sein Beil schwingt, innerlich unbeteiligt wie eine Maschine, wie ein Roboter, der nach der Logik von Schaltplänen funktioniert, ohne mit Gefühlssensoren ausgestattet zu sein. Es gehörte zum guten Stil der Grenzsoldaten, an der Grenze aufgegriffene Personen auf die übelste Art zu quälen. Der Tortur konnte ich mich nicht entziehen; doch habe ich sie – im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtlingen, die einfach totgeschlagen wurden wie tollwütige Hunde – überlebt. Schon deshalb darf ich nichts davon verschweigen. Nicht gesühntes Unrecht kommt wieder, noch unheilvoller als zuvor. Andere die Freiheit Suchende hatten weniger Glück. Erwin verlor am gleichen Donauufer seinen Jugendfreund Horst Philip aus Nero, der zusammen mit seiner schwangeren Ehefrau Ildiko erschossen aufgefunden wurde. Die näheren Umstände des Todes dieser jungen Menschen, die ich selbst noch bei den vorbereitenden Schwimmtrainings im Continental-Schwimmingpool erlebte, ohne zu ahnen, weshalb sie so ausdauernd ihre Bahnen schwammen, sind nie aufgeklärt worden.

Auch erlebte Erwin Ludwig einen dieser Schergen, der selbst straffällig geworden war, später – nach der Gründung der ersten „Freien Gewerkschaft rumänischer Werktätiger“ SLOMR zunächst in Bukarest, kurz darauf durch uns in Temeschburg – in der Popa- Şapca- Gefängniszelle. Der ehemalige Grenzsoldat prahlte dort damit, die Kinder von aufgegriffenen Flüchtlingen vor den Augen ihrer Eltern gefoltert zu haben, indem er den wehrlosen Unmündigen den Gewehrkolben in den Bauch schlug. Das waren die wahren Heldentaten des Sozialismus, die von keinem rumänischen Chronisten gepriesen und von keinen „systemkonformen Poeten“ deutscher Zunge aus den Reihen der RKP verherrlicht wurden.

Auch heute, nachdem der „Report zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien“ viele eklatante Gesetzesbrüche und offensichtliche Verbrechen offen gelegt hat, fehlt das eindeutige „Unrechtsbewusstsein“ für diese Taten:

So war es damals“,

heißt es lapidar, wenn man die Verantwortlichen darauf anspricht.

Was damals Recht war, kann heut nicht unrecht sein“ – sic!

Die Notwendigkeit einer Bewältigung dieser Verbrechen seitens des Staates ist nie eingesehen worden.

Grenzsoldaten, die zum „Foltern der Flüchtlinge“ abkommandiert wurden, entstammten meistens ärmlichen Familien aus dem Landesinneren und waren oft Analphabeten ohne tiefere Anschauungen von Menschen und Welt. In ihrer Ausbildung war ihnen eingehämmert worden, illegale Grenzgänger seien Vaterlandsverräter, Verbrecher, Spione, also Individuen, die mit aller Härte behandelt werden sollten, da sie schließlich für ihren Landesverrat den Tod verdient hätten. Die einfachen Soldaten, das war in der DDR nicht anders, führten ihre Befehle aus, folterten und töteten, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen, während die Erich Mielkes und Markus Wolfs, die selbst im späteren Rechtsstaat weitgehend ungeschoren davon kamen, die mörderischen Befehle am Schreibtisch ausheckten und ausgaben. Ein tieferes Nachdenken über die verbrecherischen Taten war nicht vorgesehen. Schließlich saßen die „tatsächlichen Verbrecher“ am Grünen Tisch, arbeiteten menschenverachtende Gesetze aus und wiesen andere an, sie umzusetzen. So konnten früher Konzentrationslager funktionieren, im Nationalsozialismus wie im Gulag des Stalinismus und noch lange danach, nur unter anderen Namen in allen Diktaturen und totalitären Systemen.

Wieder einmal war das Glück auf meiner Seite. Von den himmlischen Heerscharen meiner Kindheit beschützt, überlebte ich die unüberlegte, hochgradig irrationale Tat, diese Verzweiflungstat. Die Verzweiflung selbst entspricht einer extremen Grenzsituation der menschlichen Existenz, in der alle normalen Denkfunktionen außer Kraft gesetzt sind. Das Individuum steuert seine Handlungen nicht mehr; es wird gesteuert von Mächten, die es nicht kennt und von denen es nichts weiß. Lenau versetzte seinen Faust eben in diese Situation. Mir erschlossen sich die irrationalen Abläufe erst später, zu einem Zeitpunkt, als die Situation, der ich selbst ausgesetzt war, endgültig überwunden schien. Erst in der Nachreflexion des Geschehenen wurde mir deutlich, an der Grenze eine vielfache „Grenzsituation“ erlebt zu haben, eine Katharsissituation, die danach ein „bewussteres Leben“ ermöglicht – aber auch zur „Aufklärung des Erfahrenen“ verpflichtet. Die Zukunft sollte jedoch zeigen, wie schwer es ist, diese Erkenntnis existenziell umzusetzen.

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